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Clemens Brentano: Godwi - Kapitel 15
Quellenangabe
typefiction
booktitleGodwi
authorClemens Brentano
year1995
publisherPhilipp Reclam jun.
addressStuttgart
isbn3-15-009394-5
titleGodwi
pages3-15
created19990905
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1801
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Ich hatte alles vergessen, Sie und mich – der Kuß, den er mir raubte, hatte den ganzen stolzen Tempel meiner Weisheit zusammengestürzt. Der Kontrast war so groß, daß er mich stärkte. Ich nahm alle meine Gewalt zusammen, und bat ihn, gleich den andern Tag wegzureisen. Er kniete vor mir, und bat auch; nun mußte ich befehlen, und er reiste.

Ich weiß nicht, wie ich es anfieng, daß er mich nicht verstand. O er hätte ohne vielen Scharfsinn bemerken können, daß mir mein Befehl so viel Mühe kostete, als einem jungen Fürsten sein erstes Todesurtheil. Ich bemerkte sehr deutlich an seinem stummen Erstaunen, daß er von mir so etwas gar nicht erwartet hätte. Er konnte mich nicht begreifen, und meine Kälte an diesem Abende noch weniger zu seiner größern Kühnheit passen. Mit einem rührenden Ernste fragte er mich: »Habe ich Ihre Liebe verscherzt?« und ich antwortete ihm mit einer Lebhaftigkeit, die mich zur Lügnerinn und Heldinn machte: »Nein, ich habe sie Ihnen genommen.« Er verließ die Stube.

– Er wohnte in meinem Hause, das hätte ich früher schreiben sollen, und warum ich es so spät als möglich sagte, ist, weil ich die Falten auf Ihrer Stirne fürchtete. Ich will mich nicht entschuldigen, er ist bey Ihnen, Sie werden den Reiz und die Empfänglichkeit, die Mäßigkeit und die Entsagung gerecht zusammen stellen.

Er war nach seiner Stube gegangen, es war zehn Uhr, und ich bemerkte, daß ich zu lange ohne Licht mit ihm zusammen gewesen war. Und war dies nicht noch mein Glück? Hätte ich ihn gesehen, hätte ich gesehen, wie alles an ihm Bitte, mächtiges Bitten gewesen, o ich hätte ihm nicht widerstanden.

Wer ist der große Mensch? der auftreten kann und sagen, ich habe eine Handlung mit meiner Kraft vollendet, die mir Mühe und Ueberwindung kostete. Ich habe alle meine Leidenschaften bekämpft, und habe mir den süßesten Genuß geraubt, der sich mir aufdrang, kein Zufall hat mich begünstigt, der Zufall, die Umstände waren meine Gegner, und doch habe ich gesiegt. Hier seht mein Auge, ich habe es ausgerissen, um nicht zu sehen, was vor mir stand.

O du großer Mensch, ich bin nicht im äußersten Grade mit dir verwandt. Und du magst wohl einsam und allein ohne deines gleichen in der Welt stehn, denn du kannst alle entbehren und alle benutzen. Du bist kein Glied des Ganzen, und unnütz. Unglücklich kannst du nicht seyn; was soll dir denn deine Macht. Aber groß kannst du allein seyn. Wenn du Gutes thust, so thust du es frei und unabhängig, selbst gegen deinen Genuß – Wo ist denn nun hier wieder das Verdienst; ist es dir nicht leicht, nicht schmeichelhaft, so zu handeln, o wo ist irgend ein Verdienst? Keine Größe ohne Selbstüberwindung – auch du kannst nicht fortdaurend groß seyn, du bist es nur bis zur That, und diese tödtet deinen ganzen Ruhm – Wo soll ich sie denn finden, die Größe? sie ist ja nie da.

Ich saß so verlassen, so trostlos auf meiner Stube, ich wollte ihn bitten lassen, wieder zu kommen. Ich greife im Finstern nach der Klingel, die vor mir auf dem Tische stand, und ergreife das Päcktchen Briefe. Ihre Aufschrift brannte mir unter den Fingern, und ich hätte fast einen Schrey gethan, wie der Geizhals, dem ein Schalk im Gewande eines Geistes statt des versprochenen Heckethalers eine glühende Münze in die Hand drückt. Ich klingelte, man brachte Licht, und ich setzte mich nieder, an meinen unglücklichen Liebhaber zu schreiben.

Ich schrieb, und las nachher meinen Brief, der mir ein Meisterstück von Ueberwindung schien. Ich entdeckte ihm versteckt unsre Verwandtschaft, rechtfertigte mein Betragen, bat ihn wegen meiner Liebe um Verzeihung, schilderte ihm meine Gründe nochmals so dringend, als ich konnte, und sah am Ende des Briefs wohl ein, daß ich ihn ihm nicht geben konnte, weil er unsern Plan, meine Geschichte verborgen zu halten, augenblicklich zunichte gemacht haben würde. Aber der schöne durchdachte Brief voll Selbstüberwindung sollte umsonst geschrieben seyn? – Nein – ich oder vielmehr meine Eitelkeit, (wenn man uns trennen kann!) machten die Sache noch viel reizender.

Die Liebe sagte mir: »Giebst du ihm den Brief, so mußt du ihn nochmals sehen, und dann ist dies keine Schwachheit, dann ist es Nothwendigkeit«; aber die kalte Vernunft drohte mit Ihrem Unwillen, lieber Werdo! – ich wollte einen andern schreiben, da schlug es 3 Uhr des Morgens, um 6 Uhr reist er ab, es ist zu spät – ich sann, und eine alte etwas vernachlässigte Freundinn benutzte meine Verwirrung, sich wieder ihrer Rechte zu bemeistern, die Abentheuerlichkeit mischte sich ins Spiel, sie entschied. Ich entschloß mich, in seine Stube zu schleichen und den Brief in seine Brieftasche zu stecken. Die Adresse wurde abgeändert in: »Ich bitte meinen lieben Freund, diesen Brief nicht eher zu eröffnen, bis ich es ihm melde.« Molly.

Ihn nochmals zu sehen, und das Heimliche bey der Sache spannte meine Neugierde bis zur Angst. Es war Alles so stille, ich hörte mein Herz doppelt schneller pochen, als das Pendul der Uhr. Die Zeit eilte in mir, und außer mir wollte es gar nicht 4 Uhr werden.

Ich schlich so leise, so bange mit meinem Briefe über den Hof nach dem Gartenhause, wie Emma mit ihrem Eginhard durch den Schnee; wenn meine Diener mich bemerkten – wie die Hähne schon krähen – die Rosse stampfen – es ist früh und duftig – der Hofhund, o wenn er nur keine unzeitigen Anstalten zur Wachsamkeit macht – so, nun bin ich vorüber. Seine Vorhänge sind noch vorgezogen. Ich wurde von meiner Bangigkeit gleichsam schwebend die Treppe hinaufgetragen, Alles war mir so leicht und schwer, so nachgebend und widerstrebend, so dumpf elastisch, wie die Handlungen im Traum. Ich trat vor die Thüre der Stube, zitterte, wankte hinein, und wollte, ohne mich nach ihm umzusehen, wieder wegschleichen, wenn ich den Brief in die Brieftasche gesteckt hätte, aber dabey blieb es nicht. Ich stand vor dem Schlafenden, und schämte mich vor ihm, ich war hingewurzelt, er seufzte, meine Thräne fiel auf seine Wange, und mein leiser Kuß schwebte über den sanft geöffneten Lippen. Es war die schwächste Minute meines Lebens, und nichts wollte mir den letzten kleinen Stoß geben, daß ich hinab in die tollkühnste und süßeste Umarmung gesunken wäre. O ich hätte weinen können vor Unwillen, daß die Schwäche so schwach ist, daß sie mich nicht in seine Arme werfen konnte, und nicht zurück von der Stelle bewegen. Wie ein Schwindelnder am Rande der Tiefe, der nimmer fällt und nimmer zurückweicht, stand ich da. Nun krachte ein Stuhl, ich sehe um mich, der Bediente saß auf dem Stuhle, er erwachte, rieb sich die Augen, öffnete sie etwas unmäßig, und grüßte mich etwas überlaut. Ich gab ihm Geld, und bat ihn zu schweigen, wenigstens bis sein Herr weg sey. Ich weiß nicht, was ich nachher dachte und that, als ich wieder glücklich unten war; um 10 Uhr fand ich mich in meinem Wagen, es regnete stark, und mein Kutscher bat mich, wieder nach Hause zu fahren.

Ich habe gesiegt, und daß ich so unwillig auf diesen Sieg bin, ist mir sein Werth, es ist das Gefühl der Größe meines Kampfs. Er ist weg, nicht ohne Thränen, ich bin zurückgeblieben mit dem Bedürfnisse nach einem Menschen wie er. Der Abschied war in der Dämmerung, und das ist mir Stärke gewesen. Hätte ich lesen können, was in seinen Zügen geschrieben stand, ich hätte nicht widersprechen können. Seine Gestalt zerrann in der Scheidestunde aller Gestalten, er schied in der Dämmrung des Abends, und so ist ihm ein Übergang gewesen von meinem deutlichen Besitze zum Vermissen. Ich schied in der Dämmerung des Morgens, und nun scheint mir der leere Tag in die Augen. Ich bin nicht mehr zu bewegen, so erregt bin ich, ich träume auf meinem Sopha, das ich so spröde Abends verlassen hatte, und das sich mit allen Erinnerungen bitter an mir rächt. Auf das eine Kissen hat er mit Stecknadeln meinen und seinen Namen verschlungen gesteckt. Ich mag mich gar nicht mehr ankleiden. Es verbreitet sich eine allgemeine Nachlässigkeit über mich, und meine Umstände scheinen mir wie Gränzen, die ihren Inhalt suchen, und sich ewig selbst durchkreuzen. Immer will sich noch kein Genuß aus mir heraus über diese Welt verbreiten, das gewöhnliche Leben ist mir wie ein ewiges Halbdunkel, es reizt zur Handlung und zerstört den Raum dazu. Nacht! Nacht! du undurchdringliche, ewige, du liebende Geliebte, du Gipfel der unendlichen Tiefe, du Ruhe der Vollendung. –

Meine Liebe zu diesem Menschen war kunstlos, und mehr als die Kunst, denn die Kunst kann mich nicht trösten. Allgemeine Träumereyen über die Kunst sind mir am zulänglichsten, ich bringe dann mit, was ihr fehlt zum Leben, die Liebe, aber sie endigen sich leider meistens mit Sehnsucht nach ihm, und sind der Weg meiner Pflicht zu meiner Sünde. Wer mit einer solchen Thätigkeit in dem Herzen der Natur liegen kann wie ich, dem genügen ihre einzelnen Sinne nicht, die in das Leben wie winkende Denkmale hingestellt sind. Und was ist das Herz der Natur anders, als die Minute, wo sich die Arme umschlingen, und alle Trennung ein einziges wird, und was ist die Umarmung der Liebe anders, als der geistigste und körperlichste Gedanke des Lebens, wo alles nur die Kraft wird, zu bilden, ohne zu reflektiren, das Objektivste ohne Bewußtseyn, das Kunstwerk der Genialität? Wenn wir die Kunst nur kennen, so werden wir auch Künstler werden können –! Ja es giebt auch gesunde Kinder der Ehe, aber die Kinder der Liebe sind genialischer, und schöner, und fähiger.

Ich will umarmt seyn, indem ich mich selbst umarme. Ewig kehre ich an den Aehnlichkeiten der sogenannten Kunst im Einzelnen zu jener Sehnsucht eines Umgangs mit einem Höheren, wie an dem Anblick schöner Zerstörung in verfloßne Zeit der Jugend und Fülle des Werks zurück. Dort scheint mir der Sinn des Wortes zu liegen, das nur noch Silbenweise um mich tönt, als wäre nur noch eine Silbe der Zeit da, die es ausspricht. Das Element ist in dem ganzen Raume verbreitet, aber tief unter den Bergen rauscht die kristallene Woge, in einsamen Klüften dringt sie noch im Quelle rein aus dem Grabe der Jahrtausende. O ihr werdet sie nimmer zwingen, in den häuslichen Brunnen zu dringen, ihr werdet sie nicht durch die Fontainen eures Marktes künstlich dem Himmel entgegen treiben, höchstens zum Schauspiele könntet ihr sie gebrauchen, wenn ihr sie leiten könntet, denn das Geschlecht ist wahrlich zu krank, um das Reine zu ertragen.

Mir steht die Musik, die Malerey und Bildnerey und die Poesie itzt da, wie eine Reliquie des Ganzen, das die Liebe ist, und das mir auch die meinige immer war. Ich habe das alles umfaßt in Einem, der das alles im Einzelnen nicht war.

Der Tempel ist über mir zusammen gestürzt, und mein Gebet, das so frey und unwillkührlich aus dem Gewölbe der Kuppel sich in Worte ründete, durch die Räume der erhabenen Säulenordnung in Takte zerklang, und in ihren Kronen liebliche Tonspiele umarmte, ist mit dem Echo zertrümmert. Am freyen Himmel hallt es nicht wieder, und mein Dienst trauert wortlos und ewig in sich selbst zurücke sinnend an den schönen Trümmern, die alle zu Altären geworden sind. Soll ich Opfer bringen? Ein Opfer ist keine Liebe, es müßte sich sonst selbst entzünden. O dieses Nachsehen, und dieses Nachhallen!

Wenn ich Musik mache, so ist mir jeder einzelne Theil so traurig wie ein Brief an eine ferne vertraute Welt, die mich mißversteht, weil sie den Takt meines Herzens, meinen Blick, das Bild des Vorgetragenen in meiner Phantasie, die Schwäche der Maschiene und die Tyranney des Hebels nicht sieht, den mein Körper so ungeschickt zwischen mich und meine Aeußerung hinlegt; und doch ist dieses Stammeln, dieser Kampf zwischen Wollen und Können ein Muß, dem der Vorzug einzelner Töne vor einer weiten stillen Oede wenig Reiz giebt, denn der Starke ist lieber todt, als er tändelt.

Doch spiele ich, ich spielte Anfangs fremde Erfindung. Das dauerte nicht lange, es war mir, als schriebe ich an die ferne Welt, um an der Unzulänglichkeit schuldlos zu seyn, aus einem Briefbuche ab, und schämte mich. Als mich mein Freund begleitete, fand ich in dem Einstimmen seiner Flöte in meine Akkorde wenigstens das scheinbare freye Schaffen der Liebe zu ähnlichen Gegengenüssen, wie das Schachspiel ein geistreiches Gespräch scheinen kann. Wer seine Flötenuhr akkompagnirt, oder mit sich selbst Schach spielen mag, der muß mehr Kraft als Stoff haben, und das habe ich nicht. – Ich phantasierte, und sprach mich ganz aus, aber bald hemmte mich die sonderbare Empfindung, ich würde selbst ein wildes gestaltloses Lied, das ewig aus sich selbst ringt, und nie wieder in sich zurückkehrt: dies war mir schrecklich, ich erschien mir, wie eine kalte Bildsäule, die in der fortstrebendsten Leidenschaft ewig ruht, ohne Ruhe zu seyn, und auch dies war fürchterlich. – Habe ich denn nichts, wenn man mir nichts giebt, und bin ich denn nichts, wenn ich nicht durch die Augen eines andern gesehen werde? Kein Genuß ohne Auswechselung; ich hatte gesungen, und niemand hatte mich gehört. Der Ton, der nicht gehört wird, ist nicht da, ich hörte mich nicht mehr, denn ich sang mich.

Ich sang dann in öffentlichen Konzerten und berauschte mich in der allgemeinen Stille. Es war keine Eitelkeit, es war das Gefühl, als breite ich mich über alle aus, mit weiten tausendfachen Armen, indem ich mich aus mir selbst in eine große Höhe verfolgte, und wenn ich mich in diesem Zustande in einem Bilde aussprechen sollte, so war ich der Strahl eines Springbrunnens, der aus der Mitte eines Bassins emporsteigt, sich in den Sonnenstrahlen spiegelt, und wieder zurückfällt. Es freute mich, daß ich Reize genug besitze, mir selbst alles geben zu wollen, und doch noch die Menge zu rühren. Da aber ihr Beifall im Händeklatschen über mich herfiel, war der schöne Traum geweckt. Sie schienen mit Gewalt aus sich herauspochen zu wollen, was ich in sie hineingesungen hatte. Die Männer hatten allein geklatscht, ich verachte die Galanterie wie gemachte Blumen, und will keinem mehr gefallen. Der scheinbare Umriß der Musik, sein ewiger Wechsel, und dabey doch die Sklaverey gewisser Verwandtschaften, Fesseln, denen man nie entgeht, und die, wegen ihres Spielraums, doch solchen Reiz der Freiheit hinbieten, ihre bildlose Fülle, die ich zu tausend Bildern schaffen kann, diese unerschöpfliche Menge, die nie das erreichen kann, dessen Theil sie nur ist, alle Liebe und die meine, die ich doch so ganz umfaßte, ängstigte mich zuletzt, als hätte ich ein Spiel in Händen, das sich kühn über den Meister erhebt, und mit ihm selbst spielt, oder zu dem ich selbst würde.

Ich bestehe selbst, und so im Kampfe, mit dem Ganzen eins zu seyn, daß mir nur das schnelle Umfassen des Ganzen mit einem Blicke ein Genuß werden kann. In seinem Blicke sprach sich mir alles Licht, alle Farbe, alle Malerey meiner Welt deutlich aus. Wenn er an meinem Arme im Garten auf und ab gieng, waren mir die Töne der Natur nicht mehr roher und ungebildeter als die Töne der Kunst. Er war mir der Mittler, indem ich mich mit ihm verbunden fühlte, war in ihm alle Kunst, ohne die Härte des Alleinstehens, leise aus der Natur weggeleitet, und so leise, daß keine Verwunderung, keine Unerklärbarkeit mehr zwischen ihr und mir lag. Ich war zum Selbstbewußtseyn gekommen, daß ich vom Aeußern, und das Aeußere von mir unzertrennlich sey, und daß wir in einer freundlichen lebendigen Abhängigkeit von einander leben.

Es ist mir nur immer, als hätten die Menschen, da die Liebe die Erde verließ, und mit dem süßesten, thätigsten Nichtsthun, mit dem Bestehen durch aus sich selbst würkende unendliche Kraft, die schreckliche Mühe und die Maschinerie ohne Perpetuum mobile abwechselte, als hätten damals die Menschen in schneller Eile das Deutlichste und Reinste aus dem herrlichen Haushalte der Welt stückweise errettet, und in künstlichen Kisten und Kasten verschlossen. Das sind nun die einzelnen Künste, deren Zusammenhang sie ängstlich zusammensuchen, und sie mit den Resten des allmächtigen Verstandes zusammenkleben und beschreiben wollen. Mir stehen sie itzt nur da, wie ich Ihnen schon sagte, wie traurige Denksäulen verlorner Göttlichkeit, die uns ewig winken, wir sollen hin zu jener Welt, die vor uns geflohen ist, und die wir mit unendlicher Sehnsucht erwarten.

Wir liegen halb aufgerichtet vor diesen göttlichen Aposteln, die in alle Welt versandt sind, und werden von den göttlichen Trümmern eines Ganzen gerührt, das wir selbst mitbildeten. Wir knieen vor der Reine unserer eignen Schönheit in weinender Rührung – und die beste Theorie der Kunst scheint mir immer antiquarisch und unzuverlässig. Obschon es ein schönes Beginnen ist, die göttlichen Trümmer mit Mühe zu ergänzen und zu erläutern, so bleibt mir doch der Gedanke traurig, daß wir uns dann selbst mit zerlegen und zusammensetzen müssen, um in unserm Einzelnen die wenigen Stralen, die das Verlorne zurückgelassen hat, aufzufinden, und so aus uns verderbten und verkehrten Wesen die entarteten Gliedmaßen herzustellen, die den Torso ergänzen sollen.

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