Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Startseite    Genres    Neue Texte    Alle Autoren    Alle Werke    Lesetips    Shop    Information    Impressum
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Clemens Brentano: Godwi - Kapitel 14
Quellenangabe
typefiction
booktitleGodwi
authorClemens Brentano
year1995
publisherPhilipp Reclam jun.
addressStuttgart
isbn3-15-009394-5
titleGodwi
pages3-15
created19990905
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1801
Schließen

Navigation:

Lady Hodefield an Werdo Senne.

Friede und Ruhe mit Ihnen, treuer, einziger Freund. Ihr Brief hat mich in einer der wichtigeren Minuten meines Lebens sanft überrascht, er ist, wie ein sanfter Schlaf, lösend über meinen Rausch, wie ein winkender bedeutender Traum über den Zweifel meiner Handlung herabgesunken. Ich habe zweimahl der eisernen Nothwendigkeit den süßesten Genuß geopfert. Die Versuchung, der Zeit einen Possen zu spielen, und selbst mit unendlicher Wollust aufzudecken, was sie in ihrer stillen, folgenden Gesetzlichkeit entwicklen wird, war für ein tollkühnes Weib, wie ich, nicht klein; so nannten Sie mich einst, aber ich darf es ja nicht mehr seyn. Nur die Blüthe darf üppig wagen, darf der Frucht, wie ein jauchzender Bote voraus gehen, und ich darf nichts, gar nichts mehr, das ist alles vorbei, die Zeit bereitet mir nun meine Freuden, damit ich hübsch genügsam sey. Ich habe sonst zu viel genossen, nun ist die Zeit da, daß ich den Genuß andrer genug ehre, um ihn nicht zu stören. Und diese Macht danke ich Ihnen allein; Sie lehrten mich, daß die meisten Unfälle Folgen unserer Voreiligkeit sind, mit der wir der Zeit in ihrer Konsequenz vorgreifen. Ich war in dem Kampfe gegen meine schimmerndsten Gelüsten ermüdet, auf meinem Sopha hingestreckt, blickte ich nicht ohne Neid nach dem Besiegten. Das Bild der Freude, die ich von mir in die Ferne gewiesen hatte, stand flehend und drohend vor mir, ich war so allein, so empfänglich, die Freude so reizend in ihrem Schmerz und Unwillen; »ich komme nicht wieder,« sprach sie, und schien mich zu dem zudringlichsten Besuch der verwegensten Reue zubereiten zu wollen, falscher Stolz, falsche Schaam, waren ihre Vorwürfe. Doppelt einsam, indem ich die Gesellschaft des einzigen, der außer Ihnen Ansprüche auf meine Liebe hat, von mir gewiesen hatte, war ich, als ich Ihren Brief erhielt. Sie sind ganz gegenwärtig in ihm für mich, obschon Sie schon leise dem Leben drinne entschweben, denn ich kann Ihnen nachsehen. Alle meine Leidenschaften, alle meine Wünsche haben Sie nun wieder zu jenem anspruchslosen Frieden gebracht, in den Sie sich Ihren Gram, und so freundlich mir meine Schuld zu verschleiern wissen. –

Ich habe Karln gesehen – ich wußte nicht, daß er es war, und doch bewies die Natur ihre geheime Macht, unwiderstehlich zogen mich ihre Bande zu ihm hin, obgleich Zeit und Ferne sie versteckt hatten. Ich fühlte, daß er mir angehört, der geistvolle schöne Sohn, auch er war im Innersten seines Herzens gerührt, und neigte sich gewaltsam zu mir hin, ohne es erklären zu können. Ich erkannte ihn durch die Erzählung seines Aufenthalts bey Godwi, und seines Geschäfts. Ich erkannte ihn in der Trennung, und es war die höchste Wonne und der bitterste Schmerz in die nehmliche Minute gelegt. Nur die Ueberraschung und die Menge der Menschen um uns machten mir es möglich, den sanft von meinen Blicken zurückzuweisen, den ich in meinem Herzen trage, und den ich um so fester in meine Arme schließen mochte, da ich ihn als einen edlen ausgebildeten Menschen wiedersah. Ach ich war nicht standhaft, die Entdeckung zu verhindern, es war bloßer Zufall, daß ich mich und Sie nicht verrieth!

Alles was Sie mir überhaupt von Eusebio und insbesondere von seiner Krankheit schrieben, scheint mir eben so richtig, als Ihre Bescheidenheit falsch. Sie wollen gar nichts von dem Wenigen, womit ich Ihnen Ihre Existenz erleichtere, verdient haben, und ich soll Ihre ewige Schuldnerin bleiben.

Die Trauer Eusebios ist mir sehr verständlich. Wäre er unter dem glücklichen Himmel seines Vaterlandes, wo sein Herz und der Himmel in einem Gleichgewichte der Gluth ständen, so würde er froh seyn. Er erwacht vor der Zeit, weil seine Umgebung auf seine Anlage einen zu großen Reiz ausübt. Obschon er keinen Druck und keine Geschichte zu bedenken hat, so kann er dennoch nicht mehr Kind seyn. Das Mißverhältniß seines Temperaments zu seinem Leben, und zum Lande, in dem er lebt, zwingt ihn zu reflektiren, da er nun keinen bestimmten Gegenstand haben kann, so entsteht aus seiner Reflexion über das bloße Bedürfniß die Sehnsucht in ihm. Er schmerzt mich; wehe dem, der kein Kind seyn konnte, er kann nicht Jüngling, nicht Mann werden, die Jahreszeiten fließen ihm in eines zusammen in seinem Verlangen, und bedarf in jedem Genusse jeden andern. Eusebio hätte noch lange Knospe seyn müssen, an der der Thautropfen und die Thräne hinabrollt, nun hat sich sein Busen erschlossen, und die Thräne liegt still in seiner Kindheit, ein Bote innerer Trauer für sein ganzes Leben. Die Außenwelt hat ihn nicht auf der Stufe, die er einnimmt, gefesselt, es spielte kein Kind mit ihm, und so treibt ihn seine innere Gluth aufwärts, die ihn hätte ausbreiten sollen. Ich fühle deutlich seine Zukunft, er wird nie die Formen kennen lernen, in denen er lebt, nur in den zusammengesetztern, reichern länger verweilen, jedem halben Tone wird er entgehen, und leicht viele Stufen des Lebens übereilen. Das Verlangen ist früher und begehrender in ihm ausgebildet, als er sich die Welt gewürdiget hat, er öffnet die Arme mit Sehnsucht, und nimmer kann er mehr umarmen als sich selbst, so entsteht bey immer neuen Versuchen, und einem steten Zurückkehren ohne Erfolg diese entsagende Trauer in ihm.

Sein heftiges Begehren nach mir erklärt sich leicht hieraus. Wenn er mit seiner mächtigen frühreifen Phantasie den kleinen spärlichen Kreis seiner Erfahrungen durchläuft, so ist ihm sein Aufenthalt bey mir der reichhaltigste Punkt. Das Einfache reizt ihn nicht mehr, weil es zu innig und zu schmerzlich mit ihm verwebt ist. Schmerzlich sage ich, weil er an ihm ermüdet ist. Je einfacher das Leben eines phantastischen Gemüths ist, je drückender wird ihm seine Umgebung, seine Anlage zu erfinden wird vielfältiger gereizt, und weil die Sache, an der er bildet, ihm nie entgegen kömmt, sondern er ewig an seinem Zusatze zusetzen muß, um weiter zu kommen, ermüdet er eher. Um eine grade Linie können mehrere Wellenlinien gezogen werden, als um die Wellenlinie. Eusebio hat sich sein Daseyn schon so sehr mit den Gewinden seiner Phantasie umschlungen, daß er die einfache Linie nicht mehr kennt, und gleichsam in den selbstgesponnenen Netzen seiner Einbildungskraft gefangen liegt.

Ich würde schon zu Ihnen, und dem kleinen Insassen meines Herzens gekommen seyn, wenn ich Godwi, Ihren Gast, nicht vermeiden müßte, denn wir sind uns beide gleich gefährlich.

Sie haben mich gelehrt, meine Handlungen nach allgemeinen Gesetzen um der Ruhe und Gesetze willen zu beschränken, ohne deswegen meine Art zu fühlen, welche die Eigenthümlichkeit meines Zusammenhangs mit der Natur bestimmt, zu erdrücken – und auch ohnedieß ist es mir nie möglich gewesen, mich wie eine Bürgerinn in die freye Welt hinein zu heucheln, das Gepräge meiner Seele ist zu tief, es konnte nicht erlöschen, und ich bin schon in so weit vor der Verfolgung der Bürgertugend geschützt, als man von mir, als einer reichen Engländerinn, sonderbare Streiche prätendirt. Doch dieß hat mich nicht bestimmt, Godwin zu lieben, nicht, ihn von mir zu weisen. Ich habe das Erste gemußt und das Zweite gewollt. Er ist einer der wenigen, die bey großer Macht in sich, dennoch nichts von ihrer Kraft entbehren können, weil ihnen ein eben so großes Leben entgegen liegt. Das Leben liegt vor solchen Menschen, wie ein erzhaltiges Gebirg, sie müssen hindurch, und alles gewinnen, aber die Kunst des Bergmanns und des Scheidekünstlers ist ihnen versagt, sie müssen die Strahlen des Lebens in dem Brennpunkte ihres Herzens vereinigen, um eine einzige Glut vor sich herwerfend, sich eine Bahn durch die Goldadern zu glühen, wo andre mit tausend Hammerschlägen sich kaum den Schacht eines Grabes erarbeiten zwischen emporgeworfenem Schutte, der Pyramide ihrer Endlichkeit. Hier im Lande klettern die Kinder an diesem Denkmale des Vaters in die Höhe, um sich in der Kunst des Sturmlaufens im Dienste des Vaterlandes zu üben.

Ich habe ihn von mir gedrängt aus Liebe zu ihm. Er ist zu sehr für das Ganze, und mit zu viel Kraft ausgerüstet, als daß ich ihn hätte unterstützen dürfen, sich im Einzelnsten, in mir zu verlieren. Er ist nicht für mich gewesen, wo hätte ihn sein Engel besser hinführen können, als in Ihre Arme, wo alle meine Unruhen entschlummert sind.

Lieben Sie Ihren Gast, wie Abraham den Engel liebte, der ihm verkündigte, daß ihm ein Sohn auf der Schwelle des Lebens stehe.

O ich bin sehr stark geworden, ich werde der Zeit nicht vorgreifen, auch nicht für Sie. Es wäre zu viel, wenn ich vor Ihnen entwickelte, was ich ahnde, beinah versichert bin. Die lose entwurzelte Eiche würde mit allen den einsamen Reben, die sich innig an ihr hinauf schlingen, hinabstürzen über den Berg Getsemane ihres Lebens, und von neuem in den Gräbern ihrer Freude wurzeln. Ich glaube fast ganz, daß die Ahndungen Ihrer Freuden eintreffen werden, aber dann werden Sie nicht vor Freuden sterben, Sie werden leben und Jahre mit unendlich tiefen Stunden.

Groß und reichlich ist der Tisch des Herrn, und jeglicher hat seinen freudigen Wein neben sich stehen, und wie er trinkt, so genießt er. Später, früher, und zu früh ergreifen die Gäste den Becher. Viele nippen sparsam vom Rande, und wahrlich ihre Höflichkeit ist dem Wirthe und seinem Reichthum ein Schimpf, scheinen sie doch aus der Provinz, aus irgend einer Marktflecken-Welt des Universums hier zu Tische, und wollen fast genöthigt seyn. Dies sind die determinirtesten Herren, in jedem Augenblicke bereit und geschickt, nach einer kurzen kräftigen Rede für die Tugend auf der Henkerbühne zu sterben, und träfe jeden seine Geschichte nach seiner Anlage, so wären diese Leutchen ein ausgesuchtes Chor von Revolutionsopfern, und an ihnen allein würden alle Exempel statuirt. Sie treten mit beiden Füßen auf dem Laster herum, und tragen auch die haltbarste Moral so ab, daß man die Fäden zählen kann. Ohne allen Begriff für eine edle Natur kämpfen sie sich an der Tugend zu Tode. Ihre Herzensgüte sieht ihnen zu den Augen heraus, wie ein fauler Hausherr, der immer in der Schlafmütze am Fenster liegt. Andere Gäste fassen zu derb zu, sie leeren den Kelch zu schnell, und trinken sich krank in Gesundheiten, übersättigt sitzen sie am Mahle wie ein nüchternes Uebelbefinden nach einem tollkühnen Rausche; es sind genialische Renommisten, Sklaven der Freigeisterei, und meistens Parvenus im Leben. Sie wollten das Mahl begeistern, und fressen die Begeisterung, und viele unter ihnen, die sich Philosophen nennen, haben keinen andern Wunsch, als ihren eignen Magen zu verschlingen; sie gehen stolz in so weiten Schuhen, daß sie in den Schuhen gehen, mit denen sie gehen; zu gar nichts können sie gelangen, weil sie alles sind, ohne irgend etwas zu haben, und sollten nur sich selbst umarmen lernen. Viele sitzen noch mit zu Tische, auch wohl welche, die den Spargel verkehrt essen, oder witzige Devisen zum Munde führen, und so alle Arten. Doch unten am Tische, wer hat die stillen Kinder vergessen, die Lieblinge des Wirthes, die ruhig harren, und mit dem Vorwurfe des Unrechts das Mahl nicht stören wollen, und seine Freude? Man gebe ihnen den wohlschmeckenden Kuchen, und den süßen freundlichen Wein des Nachtisches, daß sie fröhlich von dannen gehen. Die Gäste verlassen den Tisch, sie gehen nach Hause, oder werden nach Hause geführt, so wie jeglicher getrunken hat. Wenige und auch Sie, freundlicher Greis, stehen am Ausgange, sie haben das ihrige nicht genossen, und theilen es fröhlich dem Uebermäßigen und Unmäßigen mit, daß jener nicht hungernd von dannen gehe, und dieser nicht leer. – O! Ihre Freuden, Werdo, haben Sie sich selbst gepflanzt, wie die Reben um Ihre Hütte. Sie haben sie auf einen Boden gepflanzt, den Sie selbst erst urbar machten, Sie haben sie erzogen. Dankbar werden sie sich um Ihre wankenden Kniee schmiegen, sie werden Ihre zitternden Schritte nicht mehr fühlen, wenn Sie durch diesen Frühling wandeln. Grüne blühende Lorbeern schlingen sich durch die silbernen Locken des größten Helden des Friedens, sanft umschatten sie Ihren nackten Scheitel, und leise sinkt dann die Abendsonne Ihres Lebens in das stille ruhige Meer befriedigter Hoffnung hinab.

Doch wieder auf Ihren Gast zu kommen: wie gefällt er Ihnen, hat er Sie nicht erheitert? Sprechen Sie mit ihm über mich; doch nicht eher, als Sie merken, daß sein Umgang mit Tilien bedeutender wird, denn ich bin versichert, daß er sie schon liebt, oder doch lieben wird. Sie werden ihn dann sehr überraschen, und gewiß eine Seite ganz an ihm kennen lernen. Es ist schwer, diesen jungen Menschen ganz zu beurtheilen, denn sein ganzes Wesen wird durch Eindrücke beherrscht, und der, welcher vor ihm steht, muß nur zu oft falsch über ihn denken, wenn er ihn und nicht sich zu sehen glaubt. Nur das reinste und einfachste Wesen, nur ein Weib ohne Thräne und ohne Flitter wird ihn begreifen, und lieben. Er ist der Spiegel der trübbarsten und beweglichsten Fluth, und nichts als ein Spiegel. Wie die Welt vor ihm liegt, so sieht sie ihm aus den Augen, das grüne Blatt, das auf ihm schwimmt, ruht auf seinem eigenen Abbilde, und der unendlich hohe Himmel, der auf ihn hernieder blickt, sinkt seinem Bilde entgegen, das aus seiner Tiefe herauf schwebt. Stehen Sie ruhig vor ihm, und Sie werden sich selbst verschönert sehen, und fällt eine Thräne in den Spiegel, so werden Sie Ihr Bild in den Kreisen der Fläche zerrissen sehen. Er kann nur durch Liebe, die heftigste, ruhigste Liebe, in der ihm die schönste Menschlichkeit göttlich dünkt, ruhig und unendlich viel werden. –

Ich bin während vierzehn Tagen mit ihm zusammen gewesen, und habe nicht mehr gethan, als ihn geliebt, und mich von ihm lieben lassen. Seine Schmeicheleien habe ich sanft zurückgewiesen, seine Offenherzigkeit in schwachen Stunden ohne Neugierde freundlich angehört, und mich mit den Schwingen seiner Hoffnungen gefächelt, wenn die Gluth seiner bilderreichen Phantasie mich erhitzte. –

Vierzehn Tage habe ich ihm gestohlen, und meine weibliche Eitelkeit glaubte ihm noch ein großes Geschenk gemacht zu haben.

Als ich einstens, unruhig über sein langes Außenbleiben, Abends nach Tische mich an meinen Schreibtisch setzte, und in meinen älteren Papieren herum suchte, fand ich mich wieder in jenen Zauberstrudel von Eitelkeit und Thorheit zurückgezogen, aus dem Sie mich in England wie ein guter Geist herausführten. Sie hatten damals alle meine Papiere in Päcktchen zusammen gebunden, und ich die Ueberschrift gemacht. Ich habe heute aber erst bemerkt, daß auch Sie die Päcktchen damals überschrieben haben. Nun fing ich an meine und Ihre Ueberschrift zu lesen:

»Briefe voll wahrer Liebe, voll Uneigennützigkeit des Lords Wallmuth, der meine Gesinnungen und mein Herz schätzte.« Ihre Ueberschrift – »dessen Bekanntschaft also itzt von Ihnen erst gesucht werden sollte, weil Sie itzt erst den Entschluß fassen, ein Herz und Gesinnungen zu haben.«

Ich schämte mich, und las weiter:

»Bemerkungen über einzelne Tage in meinem Umgange mit Lord Derby und Chevalier Rosier, Beweise meiner innigen Freude über die untadelhafte Reinheit und den Geschmack meines Umgangs mit diesen beiden reizenden Männern.« – »Freude eines phantastischen Kindes über Schneeflocken, Seifenblasen und Tagthierchen, denen man keine Minute stehlen darf, weil es ihre Jahrzehnde sind.« Wehe mir, mein Freund bleibt lange aus! »Süße Stunden des Trostes in meiner mühsamen Arbeit, keine eitle Thörinn mehr zu seyn, Resultate meines Umgangs mit Karl von Felsen.« – »Sonnenfleckchen, Minutenlichter, die ich mit dem Spiegel meiner Toilette, einer Sonne und der Welt, die sie erwärmen sollte, gestohlen habe, um sie durch die langweilige Nacht meiner Moralität hüpfen zu lassen.« –

O! das war zu viel, lieber Werdo, müssen Sie mich noch einmal mit Ihrem kalten Ernste beschämen – so tief hat die Thorheit in mir gewurzelt, daß ihre Narbe noch zeichnen muß. Karl von Felsen und Godwi steht ihr nach Jahren noch in der Parallele? Ich erwachte aus meinem Traum, tief rührte mich die Entheiligung Ihres Angedenkens, ganze vierzehn Tage hatte ich Sie und Ihre Lehren vergessen. – Ich konnte ihn nun kaum mehr erwarten, den Armen, den ich betrogen hatte, und so sehr beschämend mir es war, ihn mit solcher Sehnsucht erwartet zu haben, so süß war mir es jetzt, die Minuten zu zählen, bis ich seinen leisen Tritt vernehmen würde.

Es ist eine sonderbare Empfindung, in der nehmlichen Handlung rückwärts Reue und vorwärts Freude zu empfinden.

Ich gab mir alle Mühe, mich bey meinem guten Vorsatze fest zu erhalten, ich verließ meine Stube, die nur zu viele Bequemlichkeiten zur Liebe hat, seufzend blickte ich nach dem wunderheimlichen Sopha, der Wiege so mancher süßen Annäherung, trat in die Bibliothek, verhüllte meinen Busen, damit mein Herz nicht zu Tage liege, setzte mich auf einen unbequemen Stuhl, und legte das letzte Päcktchen Briefe vor mich auf den kalten Marmortisch. Es war Nacht geworden, ich sah auf die Bildsäule der Pallas, der ernste spröde Umriß der Hohen stach schwarz von der letzten Dämmrung des Tages ab, und ich hatte mich schon so ziemlich mit der Idee beruhigt, daß ich auch so eine Pallas wäre. Der leise Schritt meines Freundes gleitete durch den Hof, er trillerte ein italienisches Liedchen, und ich erwachte aus meiner Metamorphose. Einen großen Sprung mußten meine Gedanken machen, wie Sie wohl meinen, um ihn zu erreichen? – O der Schwachheit! nein, nicht einen Schritt, ich hatte die ganze Zeit an seine liebenswürdige Gestalt, sein süßes Geschwätze gedacht, und recht mitleidig überlegt, ob ich dem armen Jungen denn gar nichts erlauben sollte.

 << Kapitel 13  Kapitel 15 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.