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Clemens Brentano: Godwi - Kapitel 12
Quellenangabe
typefiction
booktitleGodwi
authorClemens Brentano
year1995
publisherPhilipp Reclam jun.
addressStuttgart
isbn3-15-009394-5
titleGodwi
pages3-15
created19990905
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1801
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Werdo Senne an Lady Hodefield.

Madam! ich schreibe Ihnen im Namen Eusebio's, der krank geworden ist und mit Sehnsucht nach Ihnen verlangt. Er sitzt auf seinem Stühlchen, das er sich aus Weiden selbst geflochten hat, und weint sehr heftig; er bat mich, Ihnen zu schreiben, und an das Ende des Briefs will er einige Zeilen von sich anhängen, die er mir in die Feder sagen will. Jetzt ist er ruhig und denkt nach, was er Ihnen alles zu sagen hat. Ich bin froh, daß dieß ein Mittel ist, ihn etwas zu zerstreuen; ich werde es noch oft anwenden, er lernt dadurch seine Gedanken ordnen, und tröstet sich, wenn es anders möglich ist, daß bey der Schnelligkeit des Wechsels in allen seinen Freuden und Beschäftigungen dieß ihm lange unterhaltend seyn könnte. Ich kann ihm wenig Hülfe geben. Meine Ottilie allein hat durch Erzählung von Mährchen, die sich in ihrer zarten Phantasie entwickeln, und durch ihre Lieder das Mittel gefunden, seine mit ausserordentlicher Wärme auflebende Einbildungskraft zu beschäftigen. Der Arme dauert mich sehr, er scheint ein mächtiger Beweis für die Gluth der Empfindung der Unseligen zu werden, die ihr Daseyn der Gluth der Empfindung ihrer Eltern verdanken.

Überhaupt, Madam! haben Sie mir keinen Dank für die Bildung Ihres Lieblings. Nur meiner Ottilie gehört er. Und sollte ich ein Verdienst um ihn haben, so ist es mittelbar, so ist es dadurch, daß Ottilie so gut durch mich und die Natur ist. Ich liebe dieses Mädchen unendlich, sie ist eine holde Blume, die sich aus den Trümmern meines Lebens empor windet. Sie ist eine liebliche Sprache der Versöhnung, die aus meinem Grabe zu den Menschen, die mich erdrückt haben, spricht: ich verzeihe und liebe euch. O! ich freue mich dieses freundlichen Nachhalls meines Lebens. Ich habe zu viel gelitten, und hänge noch viel zu innig an meinen Thränen, den einzigen, die mir treu blieben, als daß ich mehr als selten zum Bildner taugte. Unter meinen Händen können sich nur in jammervollen Zügen die still und traurig wandelnden Gestalten meines Lebens entfalten. Ich wage nichts mehr. – Einen einzigen Weg habe ich Eusebio'n geführt, den Weg meines Trostes und meiner Dankbarkeit, den Weg zur Natur und zu Ihnen, edles Weib. Ich habe ihn schweigend beten gelehrt, aber sein Dank ist laut, wie der meinige schweigend, weil für das Gefühl meines Dankes die Worte eines Greises zu leise sind. – Eusebio ist gut und wird thätig werden, ich habe manche Stunde seiner horchenden Seele meine Wahrheiten hingereicht, die nur, welche ihm so nahe lagen, wie die Natur den Greis an das Kind gestellt hat. Einigemal sprang er heftig auf, stürzte in meine Arme und weinte zitternd. Ottilie fragte ihn neulich bey einem ähnlichen Falle, was ihn so bewege. Er erwiederte: bey euch kann ich nicht bleiben, du Vater bist gut, und du Ottilie, ach wie gut bist du! bringst du den Armen das Brod nicht entgegen, und batst du nicht für meinen Freund das Reh, als es der böse Jost todt schießen wollte? Euch beyden kann ich nichts helfen, ich will zu den andern armen Menschen, von denen der Vater mir sagt, daß sie nicht gut seyen, die will ich lieben, so lieben, so freundlich mit ihnen sprechen, daß sie alle werden müssen, wir ihr seyd. Ach! und meine Mutter, meine Mutter, die große freundliche Frau, will ich sehen – wie sie meiner denken wird, und wenn sie mich sieht, dann wird sie erst meiner gedenken.

Madam, ich hoffe Sie bald zu sehen, denn ich werde nicht lange mehr hier wandeln; was soll ein Todter hier im Leben? Meine Augen können das Licht der Sonne nicht mehr ertragen. Der West erstarret meine Glieder, und das Lied meiner Harfe hallt nicht mehr so laut aus den Gewölben meiner Wohnung, und ich leide zu viel, um Ottilien mit leiden zu sehen. Meine Hülle vermag die Glut meines Herzens nicht mehr zu umfassen, ich werde bald ein Aschenhaufen in mich selbst zusammensinken.

Weste säuseln; silbern wallen
Locken um den Scheitel mir.
Meiner Harfe Töne hallen
Sanfter durch die Felsen hier.
Aus der ew'gen Ferne winken
Tröstend mir die Sterne zu.
Meine müden Augen sinken
Hin zur Erde, suchen Ruh.

Bald ach bald wird beßres Leben
Dieses müde Herz erfreun,
Und der Seele banges Streben
Ewig dann gestillet seyn.
Schwarzer Grabesschatten dringet
Um den Thränenblick empor,
Aus des Todes Asche ringet
Schön're Hoffnung sich hervor.

Meines Kindes Klage lallet
Durchs Gewölbe dumpf und hohl,
Idolmios Zunge lallet
Jammernd mir das Lebewohl
Zu der lang' ersehnten Reise.
Senkt mich in der Todten Reih'n.
Klaget nicht, denn sanft und leise
Wird des Müden Schlummer seyn.

Und du Gute nimmst die Beiden
Mütterlich in deinen Arm,
Linderst meiner Tochter Leiden,
Lächelst weg des Knaben Harm.
Aus des Aethers Lichter Ferne
Blickt dann Trost der Geist euch zu.
Es umarmen sich zwei Sterne
Und ihr Kuß giebt allen Ruh'.

Schwermuth glänzt des Mondes Helle
In mein thränenloses Aug',
Schatten schweben durch die Zelle,
Seufzer lispeln, Geisterhauch
Rauschet bang' durch meine Saiten,
Horchend heb' ich nun die Hand,
Und es pochen, Trost im Leiden,
Todtenuhren in der Wand.

Sie werden meine Tochter lieben, und werden bald ein glückliches Weib seyn. Es ahndet mir eine große, große Freude. Dürfte ich ihn wählen, den süßen Tropfen, in dessen Rausch ich das große Maaß meines Kummers vergessen möchte, so wäre es das Bild der Versöhnung durch Reue, und der Erkenntniß gegenseitigen Werths, so wäre es meine Seeligkeit, das Kind meiner Marie in einem edlen Manne zu sehen. Der ist kein edler Mensch, der sich nicht freut der Liebe im Arme seines Nebenbuhlers, und der ist ein niedriger Mensch, der sich nicht freut des Werths der Kinder, deren Vater er hätte seyn können. Wir beyde waren die Betrognen, wir beyde werden verzeihen können, und ich werde fröhlich sterben, vor Freude werde ich sterben; der einzige Plan meines Lebens, der mir gelingen sollte, sollte der meines Todes seyn. Sonderbar steht dieser ungeheure Gedanke vor mir. Ach! alle meine Thränen sind geweint. Wo soll ich Thränen der Freude hernehmen? Ich werde in die Nacht meines Grabes sinken über dem Tage, der an seinem Rande aufgehen wird.

Sonderbar ist das Gewebe meines Lebens gewesen, ein Geheimniß liegt über ihm, keine Staaten-Verhältnisse, keine sogenannten Wichtigkeiten, Menschenliebe und Duldung haben ihm das Siegel eiserner Verschwiegenheit aufgedrückt. Und das alles wird sich um uns drehen, diese Freudensphäre wird auf meinem Grabe stehen wie der Fuß des Regenbogens, unter dem in meinem Vaterlande ein freundlicher Aberglaube Schätze wähnt. Trösten Sie sich, edles Weib, Sie werden hier und ich dort belohnt seyn. Ich breche ab, ein Fremder tritt herein, es ist mir leid um die Zeilen, die Eusebio Ihnen schreiben wollte.

Werdo Senne.

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