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Clemens Brentano: Godwi - Kapitel 11
Quellenangabe
typefiction
booktitleGodwi
authorClemens Brentano
year1995
publisherPhilipp Reclam jun.
addressStuttgart
isbn3-15-009394-5
titleGodwi
pages3-15
created19990905
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1801
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Die Abendlieder der Nachtigall verhallten mehr und mehr unter dem sich nähernden Geräusch der Menschen, und das freundliche Mondlicht ermattete bey dem Glanze des erleuchteten Schlosses und der mit Fackeln um die Wagen herlaufenden Bedienten; das Rufen der Kutscher, das Rollen der Wagen, das Pfeifen und Singen und Plappern der Menge weckte mich unsanft aus meinem Himmel. Umgekehrt, wie ich oft nach dem Geräusche eines Balls in meiner einsamen Stube weinte, ergriff mich hier ein Unmuth, dessen ich mich jetzt freylich schäme. Alle die Leute, die fröhlich und munter durcheinander strömten, hielt ich für gefühllose und thierische Menschen, und ich wäre gewiß aus mitleidiger Neugierde keine Salzsäule geworden, wenn Sodoms Feuerregen über sie herabgefallen wäre. Die Dame wurde von einem jungen Sansfaçon empfangen, der sie nach ihrem Wagen bringen wollte. Sie drückte mir die Hand und bat mich, wenn ich noch einige Tage in B. bliebe, sie doch zu besuchen. Ich betheuerte es, und stieg in meinen Wagen. Er war durch die herumgezogenen Vorhänge verdunkelt, ich setzte mich in die Ecke und fühlte nichts als den Händedruck der Dame, sehr beschäftigt, auch die kleinste ihrer Handlungen zu meinem Vortheil auszulegen, kam ich mehr todt als lebend in die Nähe von B. Das Trommeln in der Stadt erweckte mich, und eine Stimme erschallte in meinem Wagen: Madam, lassen Sie mich doch bey meiner Mutter aussteigen. Ich wurde wie vom Donner gerührt. Wer sind Sie? Herr Jesus! ein Mann! ein Mann! schrie die andere Stimme; Kutscher halt! Die Kutsche hielt, und die Sache kam zur Auflösung. Vor allen bat ich Mademoisell zu schweigen, damit der Lerm nicht eine Menge Menschen herbeylockte, und mir dann zu sagen, wie ich zu der sonderbaren Ehre ihrer Gesellschaft käme. Aber sie fing nur desto stärker an zu lermen: was? wie ich hierherkomme? Wie kömmt Er hierher? Wo ist die Lady, wo ist sie? Dieb! Räuber! So schweigen Sie doch! sagte ich, ich kenne keine Lady und wie ich in meinen Wagen komme, brauche ich keinem Menschen zu sagen. Aber, mein Herr, das ist ja Ihr Wagen nicht, erwiederte sie, als sie bey dem Anblick meiner Person, beym Schein einer vorübergetragenen Fackel, etwas höflicher wurde, es ist der Wagen der Lady Hodefield, die so gut war, mich in die Stadt mitnehmen zu wollen. Meinen eignen Wagen muß ich besser kennen, als Sie der Lady ihren. Lermen Sie nur nicht so, ich will Sie eben so gern nach Hause bringen, als die Lady. Es kann ja wohl seyn, daß unsere Wagen einander sehr ähnlich sehen; damit Sie sich überzeugen, so lassen Sie uns den Kutscher fragen. Der Kutscher war eben derselbe, der mich herausgebracht hatte, und bestätigte meine Behauptung. Meine Gesellschafterin aber war nicht zu beruhigen und stieg aus, weil sie mir nicht zu trauen schien. Sie weinte. Das arme Mädchen dauerte mich recht herzlich, ich bot ihr an, sie zu Fuße zu begleiten; sie sagte nein, mein Herr! gute Nacht, und weinte immer dabey, das geht auch nicht, denn ich bin mehr, als Sie von mir zu denken scheinen, ich bin ein ehrliches Mädchen, und verlor sich unter der Menge. Ich mochte nicht mehr einsteigen, und da wir nicht mehr weit von einem Gasthofe in der Vorstadt waren, hielt ich still, um ein kleines Abendbrod zu mir zu nehmen. Ich ließ meinen Wagen beleuchten, um mich völlig zu überzeugen, daß ich meinem Gaste nicht unrecht gethan. Aber Himmel, das ist ja die Caprise nicht, auf der Thür steht ja kein M. H. sonst ganz dieselbe Gestalt. Der Wirth sagte mir, dieß sey der Wagen der Lady Hodefield, die gleich hier in der Gegend ein Gartenhaus bewohne. Ich entschloß mich also, zu Fuße nach Hause zu gehen, und befahl dem Kutscher, nach dem Gartenhause hinzufahren und meinen Wagen wieder zurück zu bringen.

Verdrüßlich, den Tag, an dem ich so transparent war, an dem ich zum erstenmal, da ich in meinen Busen schaute, so fremde und warme Bilder sich bewegen sah, auf eine so prosaische Weise zu endigen, entschloß ich mich, in ein Concert zu gehen, um zu sehen, ob die Harmonie meine süßen Schwärmereyen wieder ins Leben rufen könnte. Dieß Concert, mein Lieber! war der Anfang meines Traums und des schlafenden Theils meiner Reise. Es sollte meine durch die Scene in dem Wagen erstarrten Gefühle wieder erwecken, und machte sie so wach, daß ich der Anstrengung unterlag, und nun wirklich geistig matt einschlief.

Ich eröffne die Thüre, st! st! st! lispelte man mir entgegen, ich schleiche mich durch die Menge durch, allein ich konnte die Sängerin nicht sehen, die den Saal und die schlechte Begleitung der Instrumente mit dem Himmel ihrer Stimme durchgoß. Ich steckte mich in eine Ecke und tröstete mich mit dem Unglück der katholischen Kinder, die vor der Taufe sterben, und die Last der Erbsünde noch nicht abgewaschen haben, sie müssen daher linker Hand neben der Vorhölle eine kleine Kinderstube beziehen, wo sie die Freuden der getauften Kinder zwar hören, aber nicht mit ansehen und genießen können. Ich hatte so ziemlich meinen Endzweck erreicht, meine Gefühle kamen wieder, so zart als sie uns an der Hand der Erinnerung zugeführt werden; sie haben dann das Ueberraschende, das Ungestüme nicht, das uns immer ihre ersten Küsse raubt, man kämpft nicht mit ihnen, sie kommen uns sanft und schüchtern entgegen, wie die Umarmungen eines züchtigen Mädchens, die uns die bürgerliche Ehe ihren von den Sitten aufgedrungenen Zierereyen entrissen hat.

Die volle gediegene Stimme des Weibes entlief durch unendliche Wendungen meinem geizenden Ohre, wie meinem suchenden Blicke die hohe Gestalt der Türkin durch die Irrgänge der Moschee, dann tönte plötzlich ihre Stimme ernst und doch voll liebender Wärme durch den Saal; alles schwieg; auf der heitern Stirne manchen Greises las ich die Weisheit und in manchem nassen Blicke eines sanften Mädchens die warme tröstende Wahrheit der Sprüche im Tempel. Die Göttin stand in ihrem Werke, in ihrem Lied noch einmal vor mir. Hagestolze und Witzlinge fühlten ein Herz und konnten es nicht finden, hier fand ich beschämt mich wieder. Mein Augenglas ist hundertfach in den Händen der umher gaffenden Stutzer, sie drehen es verwirrt zwischen den Fingern und flüstern mit halboffnem Munde quelle volubilité de gosier, und ich machte in der Moschee die schlechte Bemerkung: so schöne Augen und ein Augenglas.

Ihre Stimme eilte noch einige Minuten mit leichtem Wechsel durch wehmüthig belebte und sanft ersterbende Akkorde, und verschwand dann in dem allgemeinen Einstürmen einer unerträglichen Menge Instrumente; ich hörte noch einmal das Kutschengerassel, eine leichtfertige Pleyelsche Sinfonie beschloß das Concert, ich sah in ihr den jungen Sansfaçon noch einmal, wir wurden noch einmal geschieden.

Meine Erwartung, die Sängerin zu sehen, war äußerst gespannt, ich dachte mir eine Gestalt wie die Türkin, als ich plötzlich den nehmlichen Windbeutel neben mich hintreten sah, der die Dame in W. in den Wagen gehoben hatte. Ich hätte ihn gerne gefragt, wer die Sängerin sey, wenn ich diese Klasse Menschen nicht eben so sehr haßte, als ich erschrecke, wenn ich eine Grazie schnell und viel essen, sich jucken oder kratzen sehe. Madame vient, flüsterte ihm ein anderer seines gleichen zu, und er empfing ein Weib aus der Menge, die keine andere als meine Türkin war. Sie sah blaß und zerstört aus, und da sie an mir vorbey ging, durchfuhr sie wie ein Blitz jenes Nichtbemerken, das bey Weibern in Augenblicken, wenn sie sich ganz mit sich selbst schon beschäftigen, und dieses Zurücktreten in sich selbst dennoch sehr merklich wird, eben so sehr der Beweis des schärfsten Bemerkens, als eine doppelte Verneinung eine Bejahung wird. Ich beneidete den jungen Herrn, der mit ihr sprach gar nicht, denn er erhielt auf seine Bitte, sie begleiten zu dürfen, die einfachste Verneinung, ein kaltes Nein. Ich konnte nicht mehr bleiben, und das Ausrufungszeichen, das der Stutzer an seinen verzweifelnden Abschied aus der Orthographie seines Tanzmeisters mit seinen Füßen sehr kühn anhängte, konnte mich nicht aufhalten, obschon es sich in meine Schritte, die, so wie die langen Gedankenstriche in den Ruinen des Schwarzwaldes den guten Einfällen des Verfassers und seiner Tendenz nachlaufen, die Dame verfolgten, verwickelt hatte. Auf der Treppe erreichte ich sie und ihren Namen. Sie sagte mir ihn freundlich, damit ich sie besuchen könne, und hätte sie mir einen andern als Hodefield genannt, so würde ich ihn gewiß verhört haben, denn ihr Vortrag war so lieblich, daß er auf den Genuß des Inhalts gar nicht gierig machte. Madam! so sind Sie wohl die Dame, deren Wagen ich aus Versehen genommen habe? Ich muß Sie wegen einer großen Aehnlichkeit um Vergebung bitten. – Sie sind aus B., der Wagen, in dem ich fuhr, ist der Ihrige? fragte sie bestürzt. Nein, es ist der Wagen des Banquier Godwi, in dessen Geschäfte ich reise. – Es stieg ihr eine Röthe in die Wangen, sie wurde verlegen und drückte mir die Hand. O daß ich dieß gestern nicht wußte! sagte sie; Sie können mich nicht sehen, bemühen Sie mich nicht umsonst, und wenn Sie einige Achtung für mich haben, so entfernen Sie sich, und trösten Sie sich mit dem Schwur, daß ich Ihnen ein großes Opfer gebracht habe, ein Opfer, das die Natur nur selten ohne Unnatur bringt. Sie beschleunigte ihre Schritte, ich stand, auf die Treppe hingebannt, bis mich der Schwall der Menschen herunter trug. Da ich auf die Straße kam, sah ich ihren Wagen wegrollen, in dem ich kurz vorher noch so ruhig saß, und mich erkühnte, ihren Eindruck auf mich aus ihrer Coquetterie herzuleiten. Ich streckte die Arme in die Luft dem Wagen nach; ach! welchem sind alle seine Grundsätze auf vier Rädern so weggerollt. So streckt der Alchymist seine Arme dem Vermögen nach, das ihm durch den Rauchfang entwischt, und dennoch sieht er nach seinem Stein der Weisen zurück, und hofft, aber auch dieser ist zum Caput mortuum geworden. Ich rannte durch die Straßen und glaubte mich in einer Wüste, denn Lady Hodefield schien mir die ganze menschliche Gesellschaft. Ich spatzierte durch die große Promenade, störte manche höchste Verindividualisirung, schaute nicht auf bey dem Aufgeschaut! der Sänftenträger, um die Unsanftheit ihrer Rippenstöße zu fühlen, die der Etymologie des Namens dieser Affenkasten gar nicht parallel liefen, rannte, wie der Jalousieladen, erweckte die Eifersucht, störte manches lang erwartete stille Rendezvous in der Abendstunde und kam so nach Haus, wie ich dir geschrieben habe. Ich kann nicht mehr bleiben, die wollenen Scenen aus Gesners Idyllen schienen mir unausstehlich langweilige Tapeten, ich nahm Abschied von ihnen wie der zärtlichste, durch die Langeweile der Liebe unglücklichste Schäfer. Man bringt mir ein Billet, es enthält folgende Zeilen: »Wenn Sie an den jungen Godwi schreiben, so melden Sie ihm folgende Worte: Seine Standhaftigkeit würde bald durch die Erlaubniß den bewußten Brief zu erbrechen belohnt werden.«   Molly.

Nun – du hast gesiegt, deine Molly und meine Engländerin, sind sie nicht beyde, wie Phöbe und Proserpina, Hekate? Hier hast du das Billet, mich brennt es zwischen den Fingern und dir ist es ein Kleinod. Ich stieg in meinen Wagen und war also auch ein Träumer in B. geworden. Verbrenne meinen ersten Brief, ohne den dieser nicht eine Sünde gegen meinen so sehr angepriesenen Charakter wäre. Ich kann die Handlung nicht aufheben, um jene Predigt zu erretten, und könnte ich es, so würde ich es doch nicht thun, denn die Sünde, durch die ich zur Selbsterkenntniß gekommen bin, ist mir lieb.

Dieser ganze Brief besteht aus einzelnen Bruchstücken, die ich nach und während der Geschichte in B. für dich niedergeschrieben habe. Die liebliche Stimme, die mich aus dem Traume weckte, die mich wie ein Syrenengesang aus meinem trüben Leben in mir selbst in das fremde Element des hiesigen leichten Lebens rief, ist die Stimme der geistreichen, witzigen Mademoiselle Budlar. Ich hänge mich an die bunte Reihe ihrer Anbeter, wie oft ein kleines beinernes Todtenköpfchen das Ende der Ave's und Paternoster im Rosenkranze macht.   Ave und Vale.

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