Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Startseite    Genres    Neue Texte    Alle Autoren    Alle Werke    Lesetips    Shop    Information    Impressum
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Clemens Brentano: Godwi - Kapitel 10
Quellenangabe
typefiction
booktitleGodwi
authorClemens Brentano
year1995
publisherPhilipp Reclam jun.
addressStuttgart
isbn3-15-009394-5
titleGodwi
pages3-15
created19990905
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1801
Schließen

Navigation:

Der ganze Schwarm mit seiner Stimmung war mir unerklärbar; so ist der Pöbel über die Krone auf dem Haupte und die Krone auf dem Castrum doloris gleich verwundert; so ißt man Bretzeln beym Leichen- und beym Hochzeitsschmaus; so lacht und tanzt der Dummkopf mit dem lustigen Bruder und dem Patienten an der Chorea sancti Viti; so geht der Marseillaner Marsch vor den Schaaren der bekannten Halsabschneider her, und ist in Deutschen gesellschaftlichen Zirkeln ein sehr beliebtes Gesellschaftslied. – Ich sitze in der Caprise, und kann nicht mit lächeln mit dem Lächeln des Schlafenden, dem ein Vampir Kühlung und Ruhe zufächelt, während er ihm das Blut aussaugt. Viel hübsche Gesichter hab' ich gesehen, aber fast alle Gehaltlos, am Gehaltlosesten waren immer die, die im fürstlichen Gehalt standen, und am ausgezeichnetsten und schärfsten waren die gezeichnet, die Pfennigweise ihren Unterhalt bettelten, und sie hatten doch ein Eigenthum, das ihnen der Staat nicht nehmen konnte oder wollte, ihre Armuth. Ueberhaupt ist jeder Sonntag und jeder Tag der Freude eine wahre Seelen-Masquerade; mit dem Sonntagsrocke zieht der Bürger auch seinen Sonntags-Charakter an, und nur der Arme wird nicht oder wenig verändert, weil er entweder kein Sonntagswamms oder einen zerrissenen hat, so daß sein Werkeltags-Charakter entweder ganz erscheint oder durchsieht. Ich glaube, daß der Fürst daher eben so wenig vom Glück des Volks aus seinem Jubeln auf Tanzböden, und eine vernünftige Hostie, die im Hochamt emporgehalten wird, eben so wenig von der Andacht der Christen überzeugt werden kann, als das Volk von der Huld und Güte seines Fürsten aus seinem Grüßen im Schauspiel-Haus, und seinem huldreichen Lächeln bey der offnen Tafel, und die betende Kirche von der Höhe und Heiligkeit ihres Gottes aus der Länge und Kürze der Arme des emporhebenden Priesters. Auf den Tanzböden wird durch Gläsergeklirre und Geigengequike der Verdruß, der sich nur in der Ruhe über den Niveau unsers Inhalts verbreitet, niedergeschlagen, so wie in der Kirche die reine Thätigkeit, die nur in der Ruhe aus unsrer Tiefe emporwallet, exaltirt wird, so wie der Fürst, wie der Götzendienst nie bei einer öffentlichen Ausstellung beurtheilt werden können, wo alle Sedative der Sklaven- und Herrscherkunst in voller Arbeit sind.

Ich war angekommen und lief durch die Menge durch, und es ward mir nicht schwer, mich allein zu denken; denn wir sind nie mehr allein, als bey einer Menge von Umständen, die ganz und gar verschieden von uns sind. In den Eindrücken der Anlagen liegt Pracht, Reiz, Rührung und Beruhigung abwechselnd, und der Fehler nach meiner Meynung liegt in der zu großen Aehnlichkeit dieser Eindrücke mit dem Augenblicke und seinen Freuden, die nur einen Augenblick brauchen, es nicht mehr zu seyn. Jedes Einzelne ist nur Einzelnes, indem es das vergangene Einzelne verschluckt. Man kann hier nichts als dem Tode der Vergangenheit nachweinen, durch die Geburt der Gegenwart überrascht werden, und kommt man zu sich selbst, so ist ihr Leben höchstens noch das Nachundnach des Verschwindens. So ist auch hier durch die Zusammenstellung aller dieser Verschiedenheiten keine Gegenwart, man sieht nicht, man sieht nur nach und entgegen. Den schweigenden Geist der Musik, den mir ein marmorner Faun, der in der größten Vollkommenheit auf einem hohen Felsen zwischen Gebüschen ausgehauen ist, zu ahnden giebt, zerstört der Körper der Musik, der mir aus den Glöckchen am chinesischen Hause sinnlich entgegengaukelt. Der Reiz einer mediceischen Venus, dessen Zauberlicht durch die Schatten kosender Zweige hervorbricht, erfüllt mich mit den Schauern der Kunst und der Natur. Die Lüge der Kunst ist so unausstehlich wahrscheinlich, daß die reizendste, seltenste Möglichkeit durch die Verführung der Unmöglichkeit mich in Begierden durchzittert, ich möchte mich in diese steinerne Fluth stürzen, daß die Wogen des Genusses über mir zusammenschlügen, und kann doch nichts fühlen, nichts sehen, als den Satyr meiner getäuschten Sinnlichkeit, der allmächtig meine Vernunft wie eine weinende zarte Nymphe davon schleppt. Lüstern folgen meine Blicke meiner Begierde, die trunken über die Wellenlinie der Grazie hintaumelt und an der gefährlichsten Stelle hinter dem Aste einer Zypresse entweicht: so hängt die Angst der Nachwehen um die Schläfe des Genusses – O warum muß der Trank der Freude ein heller Trank seyn, daß man bey dem kleinen Maaße, das uns gereicht ist, immer den Boden sieht? Sollte man nicht, wie Diogenes, den Becher wegwerfen, und lieber aus seiner Hand trinken, die selbst vom Rausche zittert; nicht lieber den Rausch aus dem Becher trinken, der selbst berauscht ist, da wir nicht schwimmen können, um uns in der allgemeinen Masse zu erfreuen, deren Tiefe uns keinen Boden sehn läßt? Weg mit dir, Freudenstörer! schrie ich den Zypressenast an, und dieß ist wahrlich das Zweckmäßigste, was ich in meinem Leben gesagt habe, so wie das Zweckmäßigste, wo nicht das Mäßigste, was ich in meinem Leben gelesen habe, die Worte sind: Weg mit dem dummen Halstuch, was soll das dumme Halstuch! Weg mit dir, Freudenstörer! Wer über dem Zählen der Falten auf der Stirne der Zukunft die Küsse der Gegenwart unzählig zu machen vergißt, der wird alt und blind, ehe er die Fülle seiner Jugend erblickte. Wer nicht nehmen will, weil er befürchtet, eine Lücke zu machen, der wird auch nie hingeben, um eine Wunde auszufüllen. Wohl dem, der in dem Leben durch seinen Genuß eine so tiefe Spur zurückläßt, als die Lücke ist, die er im Grabe ausfüllen muß. Der Zweig ist weg, eine Hütte steht vor mir, ich schreite träumend zu, trete hinein, und stehe unter einem halben Dutzend alter Männer, die sich sehr ernsthaft ansehen; ich entschuldige mich, ziehe den Hut ab, sie sperren die Mäuler auf und sprechen nicht – Husch fliegt dem einen ein Vogel aus dem Munde, ich schaue auf und finde mich unter einem halben Dutzend hölzerner Philosophen der Vorzeit, die zur Dauer mit Oelfarbe angestrichen sind. Platon, der den Männern mit Baßstimmen die Gefühle der lebendigen Orgelpfeifen in Rom unterschieben wollte, hatte sich ein Sperling mit allen Freuden seines Ehebetts in den offnen Mund einquartirt. Nie habe ich einen stummern Lehrer gesehen, nie ist einem Lehrer Stoff der Selbstverleugnung und die Wahrheit so in den Mund gelegt worden. Meine verfolgte Begierde war mit dem Sperling davon geflogen, und ich nahm mir vor, mich hier keiner Laune mehr zu überlassen, weil das Ganze für Menschen erschaffen ist, die weder froh noch traurig, sondern amüsirt und zerstreut werden sollen. Ich setzte mich auf eine Bank an einer Einsideley, und sah die ungeheure Menge von Menschen um mich her wandeln, die mich in die ödeste Einsamkeit versetzten, weil sie mich alle nichts angingen. Plötzlich geschahen einige Schüsse. Es lebe der Fürst! es lebe Casimir, der Fürst! hallte die ganze Wüste wieder, und strömte dem andern Ende des Gartens zu. Es war mir wie einem ehrlichen Muselmann zu Muthe, der die Wüste Arabiens hinter sich hat, und der Moschee des großen Propheten schon entgegen sieht. Ich ging ruhig den Pfad gegen die Moschee hinauf. Chinesische Brücken trugen mich über tosende Katarakte. Das ewige Stürzen, Wogen und Schäumen flieht und kömmt, wie die unendliche Zeit. Ich hänge mitten darin, auf das schwache Geländer der Treppe gestützt, Tropfen spritzen mir in das Gesicht, und erwecken mich aus meinem dumpfen Dahinbrüten, ach! nur so wenige Tropfen, nur Tropfen mir! – Ich weiß nicht, was ich gefühlt habe, bis mich eine Gestalt, die durch die Säulengänge der prächtigen Moschee, wie die süße Trunkenheit der Andacht und der allmächtige Zauber des Traums einer Religion, hinwallte, mich durch ihre fast handgreifliche Wahrscheinlichkeit aus meinen sonderbaren Reflexionen über die schreckliche Zeit erweckte. Ich war bis unter die langen Arkaden gekommen, da ein leiser Fußtritt an dem gegenüberstehenden Gange neben mir vorüber hallte. Nie habe ich so viel Stolz aus Selbstgefühl, so viel Demuth aus Mitgefühl, in der gebildetsten Hoheit eines weiblichen Umrisses in der heiligsten Tiefe einer weiblichen Fülle vereint gesehen. Die Moschee, der Turban der Dame, ihr Schleier versetzten mich in die Feerey des Auslands, schüchtern eilte ich ihr durch alle die zierlichen Irrgänge nach, oft sah ich eine reizende Falte ihres wallenden Gewandes um eine Säule herumschweben. Mitleidig bedauerte ich jede Falte ihres Gewandes, die an den Säulen des Tempels der Religion anstreifte, um einer Schwester Platz zu machen, die nun innig die Säulen des Tempels der Liebe umschloß. Ich scheute mich, meine Schritte zu verdoppeln, und sie schien mich zu vermeiden. Ich ging einen entgegengesetzten Weg, trat in die Moschee, und die Gottheit stand mitten in dem erhabenen einfachen Betehaus. Nie war ich verwirrter, ich habe nie mitten im Gebet eine Gottheit vor mir niederschweben sehen. Eine junge Nonne, deren heilige Jungfräulichkeit sich mit ihrer menschlichen Jungfräulichkeit verwirrt hat, die die Pfeile im Busen des heiligen Sebastians nicht mehr von denen der Liebe trennen kann, kann nicht verlegner seyn – ich dachte an dich und wünschte mir deine Kühnheit; hätte ich diese nicht entbehrt, so würde ich gar nicht an dich gedacht haben.

Ich grüßte das Weib aus sittlicher Lüge, und sah sie nicht an aus dem menschlichen Gefühl des Wagstücks der innigsten, natürlichsten Vertraulichkeit mit ihr. Ich glühte und war frey, hingestoßen, mich in ihre Arme zu werfen, ich zitterte und war gefesselt, mit Gewalt zurückgehalten, an ihren Hals zu fallen. Wir drehten uns den Rücken. Ich sah an die Decke des Gewölbes, weil ich gen Himmel blickte, und las unter vielen Sprüchen, die mit goldnen Buchstaben an die Wände geschrieben waren: Hier sey keine Furcht als die Furcht des Herrn. Dieß erfüllte mich mit einem unerwarteten Muth, ich drehte mich um, um die Dame anzureden, aber sie kam mir zuvor und bat mich mit vieler Anmuth um mein Augenglas, um eine weiter entfernte Sentenz zu lesen. Ich gab es ihr zitternd, indem ich die äußerst gemeine Bemerkung machte, »so schöne Augen und ein Augenglas«. Sie sah mich lächelnd an und sprach mit einer wehmüthigen Stimme »die Thränen«. Ich schämte mich und hörte sie die Worte laut lesen: »Lege hier nicht dein Leiden, lege dein Handeln in die Wagschaale.« Hier gab sie mir das Augenglas zurück, sah tiefgerührt zur Erde, und schien ganz von dem hohen Sinn der Wahrheit getroffen zu seyn. Die Hände nachlässig zur Erde herabsenkend sah sie nieder, als suche sie ihre Handlungen und fände verlohrne Freuden. Ach! ich wäre gern vor ihr niedergesunken, hätte ich nur die mindeste Hoffnung gehabt, zu ihren verlornen Freuden zu gehören. Ich seufzte etwas laut, das hohle Gewölbe ertönte und weckte sie auf. Sie scheinen ein Fremder zu seyn, mein Herr! redete mich die Dame an. Ich bejahte die Frage. Nun so können wir, fuhr sie fort, mit einander nach der Stelle gehen, wo die Wagen die Spatziergänger erwarten, ohne daß der eine in Gefahr ist morgen zu hören, was der andere Böses von ihm gesprochen hat. Ich konnte sie nicht begreifen und ihr nicht antworten; ich bot ihr meinen Arm, und wir verließen die Moschee schweigend. Ich wagte es, sie zu fragen, wie sie zu so einsamen Spatziergängen verführt würde; auch hierauf erhielt ich eine eigne sonderbare Antwort: ich habe diese Frage schon so oft beantworten müssen, erwiederte sie lächelnd, daß es mir schwer wird, zu antworten, ohne mir den Vorwurf machen zu müssen, ich hätte die Antwort auswendig gelernt. Doch ich will es versuchen, mich mit der Vielseitigkeit meiner Sprachgewalt selbst zu übertreffen, es ist, weil ich nichts an der Welt zu fodern und ihr nichts zu geben habe. Man hat mir so viel genommen, daß man bey der Harmonie meines Daseyns das zerstümmelt hat, was mir noch zugehört; mehr kann ich nicht sagen, und Sie werden so gütig seyn, Ihre Neugierde zu unterdrücken und mir die Freude zu lassen, Ihre Frage befriedigend beantwortet und dennoch mich Ihnen nicht anvertraut zu haben. Madam! erwiederte ich, ein Mann, der an Ihrer Seite geht, müßte der undankbarste Mensch seyn, wenn er noch einen andern Wunsch in seinem Busen hegen könnte, als den, zu wissen, ob er Ihnen nicht mißfällt. Lassen Sie das, mein Herr! erwiederte sie, das sind Zierereyen, die Sie nicht hierher bringen müssen, wohin ich den Zierereyen des bürgerlichen Lebens entfloh. Wundern Sie sich nicht über alles, was ich von Ihnen fodern will; wenn Sie können, so freuen Sie sich darüber. Wir werden uns wohl nicht mehr sehen, lassen Sie uns das Stückchen Weg, das wir mit einander zu gehen haben, einstens zu den wenigen Minuten zählen können, die wir Menschen waren. Wie heißt du? Karl; und du? Molly. Unsere Arme verschlangen sich. Wo bist du her? Aus B. Aus B., sagte sie mit gedämpfter Stimme und ließ ihren Arm aus dem Meinigen sinken. Der Ton ihres letzten Worts und das ganz sonderbare allein dastehende Impromtu in meinem Leben benahm mir den Muth, weiter zu sprechen. Schweigend, wie auf den Wink eines Geistes, der mich Schätze zu heben führt, ging ich mit ihr. Der Mond hatte sein Licht über die Gegend gegossen. Ich glaubte den Schritten Glyzerens auf den Pfaden des Lohns ins Elysium zu folgen. Fern hörte ich das Geräusch des Volks vor den Thoren der Unterwelt. Bald huschte wie ein Geist der Schatten eines wankenden Wipfels durch die milde Verklärung der Gestalten, bald sahen kalt und weiß Marmorbilder durch den regellosen zitternden Umriß der Bäume, kleine Vögel schwirrten wie der Flügelschlag meines ahndenden Genius um mich her. Anspruchslos wankte die kleine Gondel im Spiegel des Teichs, und das Glöckchen der Eremitage ertönte wehmütig in dem Wehen des Abendwindes, als wolle es meiner scheidenden Freyheit Lebewohl sagen. Neben mir schwebte stumm die Zauberin mit leisen Tritten, ihre Locken wallten glänzend und zügellos durch die himmlischen Lichter. Hieroglyphisch sprachen flatternd die Wellen ihres Graziengewandes zu meiner Seele, Sie schwebte in den Schatten und Lichtern der Mondnacht, als habe jemand die Allmacht der Liebe unter die Sternbilder versetzt – und ich, ich war im Zustand eines hungrigen Dichters, der der Phantasie eines Genie's nachläuft.

 << Kapitel 9  Kapitel 11 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.