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Clemens Brentano: Godwi - Kapitel 1
Quellenangabe
typefiction
booktitleGodwi
authorClemens Brentano
year1995
publisherPhilipp Reclam jun.
addressStuttgart
isbn3-15-009394-5
titleGodwi
pages3-15
created19990905
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1801
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Clemens Brentano

Godwi

oder

Das steinerne Bild der Mutter

Ein verwilderter Roman

Erster Teil

Den schönen Launen

der lieblichen Minna,

dem

guten Geiste Juliens

und

dem stillen heitern Sinne

Henriettens

weihe ich dies Buch ohne Tendenz.

Ihr schönsten Launen, du guter Geist, und du heiterer Sinn, ihr seyd mein ganzes Publikum, oder wenigstens, was es bedarf, aus mir einst einen leidlichen Dichter zu machen. Neckerei, freundliche Strenge, und Duldung, können mich von allen moralischen und künstlerischen Fehlern heilen. Enthusiasmus ist in mir, ihr kennt und liebt seine schöne Quelle. Ich sagte euch ohnlängst, daß ich euch dies Buch geweiht, die Dedikazion aber vernichtet hätte, weil ich fühlte, wie sehr wenig mein Buch es verdiene. Aber seit ich einen schönen Abend in einer schönen Umgebung zubrachte, fühle ich, daß ihr alles hören dürft, was ich weiß und wußte, ja daß es mir sehr heilsam wäre, wenn ihr alles hörtet, denn ich würde mir dann Mühe geben, alles so gut zu sagen, als ich kann. Du holde Dreieinigkeit stehst also nicht hier, meinem nachlässigen Buche einen schönen Vorredner zu geben, auch steht mein Buch eben so wenig wie eine üble Nachrede hinter deinem guten und lieben Namen, noch weniger soll mit den wenigen guten Gedanken darinn dir eine spärliche Ehre erwiesen werden. Nein, wie drei gute Feen stelle ich euch hierher an die Wiege meiner jüngsten Thorheiten (denn das Buch ist schon ein Jahr alt), damit ich in eurer Miene das Schicksal meines Buchs in der schönsten Welt ergründen möge. Am meisten aber verführte mich meine große Sehnsucht dazu, eine von euch dreien Du zu nennen, was ich öffentlich nur unter dem Verluste meiner ewigen Freiheit erlangen könnte, und hier in meiner poetischen Freiheit mit Recht nach Herzenslust darf. Welche es ist, die kann es sicher fühlen, doch wird keine je errathen können, ob es die andre ist.

So wende ich mich denn zu dir, liebliche Minna, und rede deine schönsten Launen, nicht ohne einige Begeisterung, folgendermaßen an:

»Ihr Leichtbeflügelten, die ihr ihr schönes Bild im ewig neuen Wechsel von tausend glühenden Farbenschimmern in dem bunten Staub eurer Psychen Flügel zerstreut, sammelt euch freundlich in ihrem Herzen, wenn sie mein Buch in die Hand nimmt.«

Warum ich sie alle gern in dein Herz herein hätte, will ich dir gleich sagen. Es ist, weil ich sie dann förmlich drinne belagern mögte, denn ich empfinde, daß sie im freien Felde nicht zu bezwingen sind, und mir manche bange Stunde machen. Etwas würde ich in jedem Falle gewinnen, entweder würden deine Launen sich ergeben, und du würdest mich in dein Herz hereinlassen, auf das ich so unendlich begierig bin, oder sie würden siegreich sterben, und dann brauchte ich nicht mehr herein, denn dein Herz würde sich deutlich auf deiner Oberfläche aussprechen. Du kannst nicht begreifen, wie ich es wage, gar nicht von der Gewalt deiner schönen Augen zu sprechen, die deine Lieblinge, wie du meinst, wohl bald entsetzen würden. So will ich denn von ihnen sprechen. Deine Augen! auf die verlasse dich nimmer. Du hast keine Macht, als deine Launen, deine Augen sind gerade, was den Feind zu dir hinziehen wird. Es liegt für mich eine dunkle Tiefe darinn, wie in den Augen der Ossianschen Mädchen, in die man leise hinabgezogen wird. Auch schlägst du sie selbst zu oft nieder, und sind sie zu weiblich schön, als daß sie je streitbar werden sollten.

Du selbst weißt nicht, was du mit diesem Buche anfangen sollst; das ist ja eben die Klage, daß du nicht weißt, was du mit mir anfangen sollst. Du sollst es lesen und auf den zweiten Theil hoffen, der mehr für dich allein seyn wird. Aber wirst du das je können, wenn deine Launen nicht eingesperrt sind, die dich zwingen werden, in meinem Buche hin und her zu blättern, bald den Anfang, bald das Ende vorzunehmen, Druck- und Schreibfehler drinne zu zeigen, und es wieder von dir zu werfen, was zwar dies Buch, ich aber nie verdiene.

So nimm sie dann zusammen in dein Herz, die launigten Kinder, nimm ihnen das gefährliche Spielzeug, deine Waffen, aus den Händen, und laß sie lieber mit sich selbsten, als mit deinem Besten spielen. Sei nicht unwillig, daß ich wie ein Pädagoge auf die wilde Natur deiner Lieblinge schmähle, die in holder Verwirrung über dir herumirren, und sich in deine einzelnen Reize muthwillig vermummt haben. Sieh, es thut mir nur Leid, daß du dir selbst zur Beute wirst, es ist mir oft, als wäre dein Schmuck nicht an seiner rechten Stelle, wenn Kinder mit ihm spielen, auch mögte ich dich einmahl selbst sehen. Aber du fragst: Was sollen meine muthwilligen Launen in meinem Herzen anfangen, sie werden mein ruhiges Herz auslachen? Wenn du mich je hinein lassen wolltest, so wäre dem geholfen, ich würde ihnen Mährchen erzählen, bis sie einschliefen.

Willst du aber das alles nie zugeben, so verzeihe mir wenigstens, wenn ich mich unter deine Launen mische, blinde Kuh mit ihnen spiele, und wenn ich gehascht werde, nicht etwa die Binde mit ihnen wechsle; nein, ich will mich betragen, als wäre ich Meister geworden, will der Laune etwas muthwilliges ins Ohr flüstern, und wohl auch ein solches Kind in der Eile küssen. »Oder gar wie der Popanz in den Italienischen Kindermährchen eine solche Königstochter aufessen, mein Herr«, sagst du – Fliehet nicht, fliehet nicht ihr Leichtbeflügelten, bin ich denn der schreckliche, vor dem die Spiele des üppigsten Frühlings, die Blumen sterben?

Du guter Geist! mein guter Geist hat mich mehr verlassen, da ich dies Buch schrieb, als da ich es dir weihte, nicht als verdiene es vor dir zu erscheinen, nein, es ist fast lauter Eigennutz. Es war weniges in dem Buche, was ich leiden mogte, aber seitdem dein Name davor steht, habe ich selbst Freude an ihm, so wie ich manche Freude an mir habe, seitdem ich öfter, doch oft sehr unerkannt, vor dir stehe. Das einzige, was dir bei dieser Dedikazion, du guter Geist, gehört, ist, daß ich dir mit diesem Buche wie mit meiner Bekanntschaft die Freude mache, deine Lieblingsbeschäftigung zu üben, dein Herz auf Unkosten deines Geistes sprechen zu lassen; denn dein Geist hat die Oberhand, dein Herz aber die Vorhand.

Ich hätte euch alle drei zugleich angeredet, wenn du guter Geist nicht so allein stehen müßtest, denn du bist sehr schön, wenn du allein stehst, sonst wärst du nie schön. Denn nach meiner Meinung stehst du in der Welt mutterseeligallein, und kannst es, weil, könntest du je aus dir heraustreten, und dich selbst betrachten, wärst du weniger untheilbar, und konsequent, du vor Selbstliebe verschwinden, du so zu dir selbst hingerissen werden würdest, daß du nach Außen alle Thätigkeit verlieren, und verschwinden müßtest. Du würdest nach dir selbst streben, du würdest sehen, daß du den Umriß und das Colorit, das Vorzutragende und den Vortrag der Weiblichkeit erschöpft hast. Du hast mir oft meine bisarre Aeußerung vorgeworfen, denn du warst zu bescheiden, um zu gestehen, daß ich meistens so vor dir stehe, wie ich sage, daß du selbst vor dir stehen würdest, in dich selbst verloren. Meine Erscheinung ist vor dir zertrümmert, unharmonisch, und halb von dir aufgehoben, denn ich bin eins von den Wesen, die nur bei einer scharf gezogenen kalten Trennungslinie, oder in der schönsten Auswechslung rein thätig erscheinen, und dies ist, Gott sei Dank und leider! hier nicht der Fall.

Sei meinem Buche freundlich, doch lasse an ihm alles aus, was du mir verzeihst, denn dies Buch hat wenige meiner Tugenden, und alle meine Fehler. Da ich es schrieb, kannte ich dich noch nicht. Es hat dir daher so wenig, als ich vieles, zu danken, wovon du guter Geist wohl gar keine Ahndung hast, und was, sagte ich es hier, du nicht verstehen würdest. So lebe wohl, und denke, daß mein Buch diesen Zeilen, wie ich dir, gegenüber stehe. –

Was habe ich dir endlich zu sagen, mit dem stillen heitern Sinne, und warum stehst du hier? Ich bedarf das unbefangenste Urtheil, und das ist das Deinige, denn du bist unbefangen, duldend und gerecht. Wenn ich es recht betrachte, so müßtest du eigentlich im Buche selbst stehen, oder in mir, damit das Buch oder ich dir nur einen Augenblick gefallen könne, denn beiden fehlt stiller heitrer Sinn, Duldung, Gerechtigkeit und Fröhlichkeit. Glaube nicht, ich wolle den Lesern verrathen, wer du bist, damit sie dich anhören und ansehen können, um ihnen zu ersetzen, was mein Buch vermißt, denn wenige werden vermissen, was darin fehlt, und diese wenigen sind die Vorzüglichern, denen du so ähnlich bist, und denen ich hier vor dir als einem Repräsentanten des ruhigen, gesunden Verstandes und der Lesefähigkeit in der Vorrede ein Selbstbekenntniß ablege. Fahre fort, mit mir freundlich zu seyn, damit ich lerne, das Tiefste auf die Oberfläche zu führen, und mich bestreben einstens wie die Natur selbst das dem Menschen zum frohen erlaubten Genusse hinzugeben, wovor das Vorurtheil, wie man sagt, zurückbebt. Aber man sagt nur so, der Innhalt der ganzen Welt ist immer der schönste, heiligste, oder freudigsten nur der Vortrag, die Unbeholfenheit des Vortrags, ist verboten.

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