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Godolphin oder der Schwur

Edward Bulwer-Lytton: Godolphin oder der Schwur - Kapitel 9
Quellenangabe
typefiction
booktitleGodolphin oder der Schwur
authorEdward Bulwer-Lytton
year1834
publisherVerlag Jakob Anton Mayer
translatorLouis Lax
addressAachen und Leipzig
titleGodolphin oder der Schwur
submitted20050620
senderniki_nikotini@hotmail.com
created20051104
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Sechstes Kapitel.

Percy als Gast bei Saville. – Er tritt in die Garde und kommt in Mode.

– Und so, sagte Saville lachend, bist Du ihnen wirklich durchgegangen. Das ist herrlich! Aber weißt Du, daß ich Dich um Dein Abentheuer mit dem Schauspieler-Volk beneide. Bei Gott, wäre ich nur einige Jahre jünger, ich würde selbst zu ihnen gehen, und den Sir Pertinax Macsycophant wundervoll geben: ich habe Anlage für das Theater. Aber sag' mir, was denkst Du nun zu thun? Bei mir zu bleiben? Ja?

– Nun, ich denke, das wäre das Beste, und jedenfalls die angenehmste Weise, mein Leben zu verbringen. Aber –

– Aber was?

– Aber ich könnte nicht zufrieden seyn: wenn ich mich von Ihrer Gunst abhängig wüßte. Ich werde deshalb meinem Vater schreiben, den ich übrigens bereits den ersten Tag meiner Ankunft in *** mit Achtung und Herzlichkeit von meinen Verhältnissen in Kenntnis gesetzt habe. Ich hatte ihn damals gebeten, seine Briefe unter Ihrer Adresse abzusenden, aber ich bedaure, daß der Anschlagzettel, der mich so in Schrecken versetzt hat, die einzige Notiz zu seyn scheint, welche er von meiner Anzeige genommen hat. Ich werde ihm daher nochmals schreiben und ihn bitten, mich in die Armee eintreten zu lassen. Es ist zwar eben kein Stand, den ich besonders lieb habe, aber es bleibt mir nichts Anderes übrig, und ich werde doch mein eigener Herr.

– Sehr gut, antwortete Saville, und hier hoffe ich Dir von Nutzen seyn zu können. Will Dein Vater die gesetzmäßige Summe für ein Patent in der Garde zahlen, so glaube ich es bewirken zu können, daß Du für dies Geld allein eine Stelle erhälst, was keine kleine Begünstigung ist.

Godolphin war entzückt über den Vorschlag, schrieb auf der Stelle an seinen Vater, stellte ihm die Sache dringend vor, und veranlaßte Saville, in einem besonderen Briefe seinen Antrag zu unterstützen. »Sie sehen, mein theurer Sir, schrieb der Letztere, daß Ihr Sohn ein wilder, entschlossener Tollkopf ist. Mit Zwang und Schulen richten Sie nichts aus, bringen Sie ihn deshalb unter die Disziplin des Königlichen Dienstes, und zwingen Sie ihn, von seinem Solde zu leben. Es ist überdies eine wohlfeile Manier, für einen Taugenichts zu sorgen, und da er das Glück haben wird, so frühzeitig in die Armee einzutreten, so kann er in seinem dreißigsten Jahre Oberst mit voller Besoldung seyn. Im Ernst, es ist das Beste, was Sie für ihn thun können, wenn Sie nicht sonst eine Pfründe in Ihrer Familie haben.«

Der alte Vater war über diesen Brief und seines Sohnes frühere Entweichung nichts weniger als erfreut, konnte sich jedoch nicht verhehlen, daß wenn er sich den Wünschen seines Sohnes widersetzte, er noch mehr Unruhe davon haben würde. Verlegenheiten und Schwierigkeiten würden sich anhäufen, und ihm nur Kummer machen und Geld kosten. Das jetzige Anerbieten verschaffte ihm dagegen einen schönen Vorwand, sich eine Zeitlang jeder Sorge für seinen Sohn entschlagen zu können, und da er sich täglich mehr in seine engherzige Gewohnheit des einsamen Zusammenscharrens einspann, so freute er sich, daß sich eine Gelegenheit fand, die ihn vor jeder künftigen Unterbrechung schützte, und es ihm möglich machte, sich mit ganzer Seele seiner Lieblingsbeschäftigung hingeben zu können.

Nach einer vierzehntägigen Überlegung schrieb er endlich mit kurzen Worten an Saville und an seinen Sohn, machte dem Letztern viele Vorwürfe, und sagte endlich, daß, wenn die Stelle wirklich für die angegebene Summe erlangt werden könne, er ein Opfer bringen und sie sich abdarben wollte. Dies rührte den Sohn, aber Saville lachte ihn aus, und bald darauf stand Percy Godolphin in den Zeitungen als Fähnrich in dem *** Garde-Regiment.

Das Leben der Soldaten im Frieden ist die Indolenz selbst. Percy fand Geschmack an den neuen Uniformen und den neuen Pferden, die sämmtlich auf Kredit gekauft waren. Er fand Geschmack an seinen neuen Kameraden; an Bällen, am Hofiren; er verschmähte auch nicht Hydepark von vier bis sechs Uhr, und langweilte sich nicht zu sehr beim Exerziren und bei der Parade. Es that seiner Stellung in der Welt großen Vorschub, daß er der Schützling eines Mannes war, welcher wegen Spiel und Ausschweifung so hoch stand, wie August Saville, und daß er unter solchen Auspizien mit einem Male mitten in die Fluth der »guten Gesellschaft« geworfen wurde, die nur darum die gute heißt, weil alles Gute sorgfältig aus ihrem Kreise verbannt ist.

Jung, romanenhaft, kühnen Geistes, mit den klassischen Zügen eines Antinous, und einem artigen Geschick, Schönheiten zu sagen und Verse zu machen – wurde Percy Godolphin, obgleich er seinen Jahren nach eher in die Kinderstube, als in die Welt gepaßt hätte, sehr bald »der lockige Liebling« jener großen Klasse vornehmer Frauen, die nichts zu thun haben, als sich den Hof machen zu lassen, und die, selbst nichts als Kunst, die Liebe am süßesten finden, die aus der natürlichsten Quelle entspringt. Sie lieben das Knabenalter, wenn es nicht blöde ist; und von unserm fünfzehnten bis zu unserm zwanzigsten Jahre ist es nur unsere eigene Schuld, wenn wir nicht allesamt den Juan spielen können.

Aber Liebe war nicht die schlimmste Gefahr, welche dem berauschten Knaben drohte. Saville, der verführerischste aller Vormünder, Saville, der durch seinen Witz, seinen guten Ton, seinem Einfluß auf die große Welt allen weniger Hochstehenden und Hochstrebenden ein Gott schien, Saville war Godolphin's beständiger Gesellschafter; und Saville war schlimmer, als ausschweifend, er war ein Spieler! Man sollte denken, daß Spielen das letzte Laster wäre, das die Jugend verstricken könnte, und daß dessen Geiz und Habsucht, seine scheußliche Selbstsucht, seine kalte, berechnende Gemeinheit alles von sich stoßen müßte, was noch andern und süßern Pflichten nachzugehen hat. Aber der Fehler der Jugend ist, daß sie selten widerstehen kann. Das Spiel ist in allen Ländern das Laster der Aristokratie. Die jungen Leute finden es in den besten Zirkeln vor, werden durch Gewohnheit Anderer hingerissen, und zu Grunde gerichtet, sobald sie dieselbe Gewohnheit angenommen haben.

– Du siehst so fieberhaft aus, Percy, klagte Saville, als er seinem Zögling im Park begegnete. Aber es ist kein Wunder bei dem höllischen Verlust, den Du gestern Abend gehabt hast.

– Es war mehr, als ich bezahlen konnte, antwortete Percy mit zuckendem Munde.

– Oh, Du sollst es morgen abzahlen, denn Du sollst heute Abend meinen Gewinn theilen. Siehst du nicht, fügte Saville mit leiserer Stimme hinzu, daß ich nie verliere?

– Wie, niemals?

– Nie, außer mit Fleiß. Ich spiele kein Spiel, wo es nur auf Zufall ankommt. Whist ist mein Lieblingsspiel. Es ist leider nicht sehr im Gange, und ich muß es daher auch mit anderen Spielen aufnehmen, aber selbst beim Rouge et noir halte ich mich an die Whistregeln. Ich berechne – ich behalte im Kopfe –

– Aber Hazard?

– Das spiele ich nie, entgegnete Saville feierlich, das ist ein Teufelsspiel und spottet jeder Kunst. Gib das Hazard auf und lerne Ecarté. Es kommt in Mode.

Saville nahm sich viel Mühe mit Godolphin, und dieser, der von Natur mehr überlegten, als übereilten Sinnes war, war kein oberflächlicher Schüler. Er wurde bald ein geschickter, glücklicher Spieler, und ergänzte so den Sold des Subalternen.

Das war die erste schwere, moralische Verschlechterung in Percy's Karakter, einem Karakter, der ein ganz anderes Wesen, als er wurde, aus ihm hätte machen sollen, aber den weder Laster, noch böses Beispiel zu verderben vermochten.

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