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Godolphin oder der Schwur

Edward Bulwer-Lytton: Godolphin oder der Schwur - Kapitel 8
Quellenangabe
typefiction
booktitleGodolphin oder der Schwur
authorEdward Bulwer-Lytton
year1834
publisherVerlag Jakob Anton Mayer
translatorLouis Lax
addressAachen und Leipzig
titleGodolphin oder der Schwur
submitted20050620
senderniki_nikotini@hotmail.com
created20051104
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Fünftes Kapitel.

Die Komödianten. – Godolphin verliebt. – Wirkung des Spiels der Fanny Millinger auf ihn. – Die beiden Anerbietungen. – Godolphin verläßt die Schauspieler.

Unsere Reisenden hielten an dem ersten Wirthshause der Vorstadt an. Man wies ihnen dort ein großes Zimmer zur ebenen Erde an, das mit Sand bestreut war, und in dessen Mitte ein langer Tisch stand, wobei Percy Muße genug hatte, die Leute zu besehen, denen er sich angeschlossen hatte.

Da war erstens ein alter Herr, der seine drei und sechzig Jahre hatte, eine Stutzperücke trug, ziemlich beleibt war und die Liebhaber spielte. Er war eben so vortrefflich als sinniger Romeo, wie als der lebhafte Rapid. Er hatte eine böse Manier, außer der Bühne zu sprechen, was zum Theil daher rührte, daß er alle seine Vorderzähne verloren hatte, weshalb er auch gewöhnlich den Rollen auswich, in denen er viel zu lachen hatte. Dann war da ein kleines Mädchen von ungefähr vierzehn Jahren, das die Engel und die Feen spielte, aber in der Noth als altes Weib einen recht guten Effekt machte. Drittens befand sich darunter ein ziemlich ungebundener Passagier, der wegen seiner starken Stimme und kräftigen Gestalt gewöhnlich die Tyrannen verarbeitete. Er war groß als Macbeth, größer als Bombastes Furioso. Viertens seine Frau, ein artiges, etwas schlumpiges, stark geschminktes Weib. Sie spielte die zweiten Liebhaberinnen, Vertrauten und Kammermädchen, die Emilie der Desdemona. Die Fünfte war Percy's neue Geliebte, ein etwa ein und zwanzig Jahre altes Mädchen mit einer Stumpfnase, schönem braunen Haar, das immer etwas verstört aussah; Mund, Zähne, Grübchen wunderhübsch; mit natürlicher Farbe und einiger Hinneigung zur Fülle, welche den sinnlichen Männern lieber ist, als den poetischen. Fanny Millinger war ein so offenherziges, fröhliches, lebendiges Wesen, daß sie der Abgott der ganzen Gesellschaft geworden war, und selbst ihre Überlegenheit im Spiel keine Eifersucht erregte. Schauspielern steht es frei, dies zu glauben, oder nicht.

– Und ist das die ganze Gesellschaft? fragte Percy.

– Nein, antwortete Fanny, indem sie ihre Haube abnahm und mit Hülfe eines trüben Spiegels sich die Locken aufwickelte, der Rest ist in ***, wird aber noch in dieser Nacht zu uns stoßen. Wollt Ihr Euch nicht für die Bühne entschließen? Ich wollte, Ihr thätet es. Ihr würdet einen ganz anständigen – Pagen abgehen.

– Wahrhaftig? sagte Percy tief beleidigt.

– Nun, wird's bald! rief die Schauspielerin, in die Hände schlagend, ohne sich um seinen Ärger zu kümmern, warum nehmt Ihr mir nicht meinen Mantel ab? Warum bringt Ihr mir nicht einen Stuhl herbei? Warum stellt Ihr mir nicht diesen großen Koffer aus dem Wege? Warum – Gott stehe mir bei! – dabei stampfte sie ganz im Ernst mit ihrem kleinen Fuß auf den Boden – das ist mir ein sauberer Liebhaber.

– Ah! So bin ich also doch ein Liebhaber?

– Dummheit! Setzt Euch beim Essen neben mich.

Der junge Godolphin war bezaubert von der muntern Schauspielerin, und begab sich den folgenden Abend mit nicht geringer Spannung in die Theaterloge der kleinen Bühne zu ***, um seine Fanny spielen zu sehen. Man gab den Sieg der Persönlichkeit. Das Lustspiel von Goldsmith. Die früher erwähnte Rolle des Rapid ist aus dem Mittel für Herzweh von Morton, so wie die später angeführte des Sir Pertinax Macsycophant aus dem Weltmann von Maclin. Die nämlichen Rollen wurden im Ganzen erträglich gespielt, obgleich Percy etwas erstaunte, als er einen Mann, der erst heute bei der Gesellschaft erschienen war, und sich der edelsten Zügen von der Welt, einer schönen Römischen Nase und der Stirn eines Weisen zu erfreuen hatte, jetzt in enger Nankinhose und kurzer Jacke als Tony Lumpkin die Gallerie zum immerwährenden Lachen bringen sah. In die Rolle der Heldin legte dagegen Fanny Millinger eine Grazie, eine Zartheit, einen einfachen, und doch so würdigen Karakter wahrer Liebe, daß sie das ganze Publikum überraschte und entzückte. Der Beifall war unendlich, und Percy war ganz stolz, daß er zuerst eine Person bewundert habe, die jetzt jeder bewundern zu wollen schien.

Als das Stück zu Ende war, ging er hinter die Coulissen, und fühlte zum erstenmal die Rangstufe, welche geistiges Vermögen verleiht. Das unbedeutende Mädchen, mit dem er noch eben so vertraut gewesen war, und das ihm, dem Knaben, nur für Koketterie, Scherzen und Tändeln geschaffen schien, hatte sich jetzt zu einer solchen Höhe erhoben, daß sie ihn betreten machte und demüthigte. Er blieb scheu und linkisch in einiger Entfernung stehen, warf einen verstohlenen Blick auf sie, hatte aber den Muth nicht, sich zu nähern und ihr ein Kompliment zu machen.

Das scharfe Auge der Schauspielerin hatte die Wirkung errathen, die sie gemacht hatte. Sie fühlte sich natürlich geschmeichelt, trat auf Godolphin zu, faßte ihn bei der Schulter, und sagte ihm mit einem Lächeln, das durch die auch nicht abgewischte Schminke nur gehoben wurde: Was ist das für ein unbeholfener Schäfer! Wie, keine Schmeichelei für mich? Geht, geht, Ihr taugt nicht für mich; sucht Euch eine andere Herzenskönigin.

– Ihr habt mir Ehrfurcht für Euch angezaubert, sagte Godolphin.

Es lag eine Zartheit in dem Ausdruck, die für den Geist des Knaben, obgleich er noch nicht entwickelt war, karakteristisch genug seyn dürfte, und die niedliche Schauspielerin war für einen Augenblick ganz gerührt davon, obgleich sie, trotz ihres sinnigen Spiels, nie zu flüchtig war, als daß sie es für sehr anziehend gehalten hätte, auf die Länge nichts als Ehrfurcht einzuflößen. Da sie im zweiten Stück nichts zu thun hatte, so führte Godolphin sie nach dem Wirthshause zurück.

So lange seine zehn Guineen dauerten – und der Leser kann sich denken, daß das eben nicht lange war – blieb Godolphin bei der fröhlichen Truppe als der willkommene und glückliche Liebhaber ihres Hauptmitglieds. Ihr vertraute er seinen Namen und seine Geschichte an, und über die letztere lachte sie herzlich, denn sie war ein ächtes Kind der Venus, und voll Lust an jeder ausgelassenen Tollheit. Aber, sagte sie, ihm liebevoll die Wangen streichelnd, was hindert Euch denn nun, für eine Weile zu uns überzugehen? Ich will Euch in drei Stunden zum Schauspieler bilden. Kommt her und gebt Acht. Die ganze Kunst, die Ihr so bewundert, besteht nur aus einer Reihe von Kunststückchen.

Godolphin gerieth in Verlegenheit. Es lag ein versteckter Stolz in ihm, der nicht duldete, daß er sich dem Tadel Anderer unterwerfen sollte. Er hatte keine Neigung zur Nachahmung und bedeutende Angst vor dem Lächerlichen. Diese frühzeitig entwickelten Züge, welche im späteren Leben ihn stets hinderten, einen geeigneten Wirkungskreis für seine natürlichen Kräfte zu finden; welche ihn zu stolz machten, sich viel für seinen Zweck zu tummeln, und zu philosophisch, etwas für den Schein zu thun, waren ihm bei dieser Gelegenheit von Nutzen, und schützten ihn vor der Gefahr, die ihm drohte. Er ließ sich nicht zum Auftreten bereden, und die schöne Fanny gab den Gedanken daran hoffnungslos auf. Aber, sagte sie zärtlich, bei uns könnt Ihr doch wenigstens bleiben und meinen kleinen Verdienst theilen.

Godolphin fuhr zurück, und so wunderbar sind die Widersprüche des stolzen menschlichen Herzens, daß dieses edelmüthige Anerbieten der armen Schauspielerin ihm eine solche Unlust und Abneigung einflößte, daß er sich beinah mit dem Gedanken, von ihr zu scheiden, versöhnte. Der Vorschlag schien ihm mit Einem Male die zweideutige Lebensweise, die er begonnen hatte, zu entschleiern. Nein, Fanny, sagte er nach einer Pause, ich bin hier, weil ich mich entschlossen habe, unabhängig zu seyn, und kann also kein abhängiges Loos wählen.

– Miss Millinger soll sogleich zur Probe kommen, sagte, den Kopf in das Zimmer steckend, das kleine Mädchen, das die Feen und alten Frauen spielte.

– Mein Gott! rief Fanny aufspringend, ist es schon so spät? Ich muß gehen, Adieu! Wir sehen uns noch.

Godolphin trat düster und gedankenvoll auf die Straße, und das Erste, was ihm in die Augen fiel, war ein Anschlagzettel an der Mauer, auf welchem seine Person beschrieben und für seine Festnehmung eine Belohnung von zwanzig Guineen zugesichert wurde. »Er kehre zurück zu seinem bekümmerten Vater, hieß es am Schlusse der Aufforderung, und alles soll vergeben seyn.«

Godolphin schlich sich nach seinem Zimmer zurück, schrieb einen langen, zärtlichen Brief an Fanny, fügte seine Uhr, als das einzige Andenken, das er im Vermögen habe, bei, gab ihr seine Adresse bei Saville, wartete noch etwas, bis es dunkel wurde, ging dann wieder hinaus, und nahm einen Platz auf der Londoner Postkutsche. Er hatte zwar kein Reisegeld, aber der Kondukteur traute seinem anständigen Aussehen, und am nächsten Morgen war er unter dem Dache Saville's.

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