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Godolphin oder der Schwur

Edward Bulwer-Lytton: Godolphin oder der Schwur - Kapitel 72
Quellenangabe
typefiction
booktitleGodolphin oder der Schwur
authorEdward Bulwer-Lytton
year1834
publisherVerlag Jakob Anton Mayer
translatorLouis Lax
addressAachen und Leipzig
titleGodolphin oder der Schwur
submitted20050620
senderniki_nikotini@hotmail.com
created20051104
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Letztes Kapitel.

Das Wiedersehen. – Der Sturm. – Die Katastrophe.

Auf dem ärmlichen Lager des Wirthshauses ruhte der aufgeriebene Körper der sterbenden Tochter des Astrologen. Der Dorfarzt saß neben ihr und schien, so abgehärtet und entsetzt durch die wilden Reden und den gräßlichen Schrei, der zuweilen aus dem Munde der Kranken hervorbrach. Die Worte wurden allerdings in einer dem Doktor fremden Sprache gesprochen, in einer Sprache, die nicht geschaffen ist, Schrecken einzuflößen, die nur Liebe, Musik und Poesie athmet, in der Sprache des milden Südens, aber mit dieser Stimme hervorgestoßen, in welcher die Leidenschaften der Seele noch mit der zunehmenden Schwäche rangen, klangen selbst die sanften Laute rauh und furchtbar; und die wild flatternden Locken der Leidenden, das irre Feuer der hohlen Augen, die verrenkten Bewegungen der magern, abgezehrten Arme gaben den unverständlichen Worten einen schweren Nachdruck und verriethen die finstre Gewalt des Wahnsinns, welcher in ihnen wüthete.

Ein einziges Licht, das auf einem plumpen Tische dem Bett gegenüber stand, erhellte nur spärlich die finstere Stube, und durch das Fenster sah man bereits die ersten Blitze des nahenden Gewitters hinzucken. An der andern Seite des Lagers stand stumm, gespannt, thränenlos die kleine Mohrin, welche Lucilla's einzige Dienerin war – ihre Augen hafteten an der Dulderin mit treuer, unwandelbarer Liebe, ihre Ohren lauschten mit der ihrem Stamme eigenthümlichen Schärfe, ob sie nicht trotz dem wachsenden Getöse des Sturmes, dem Lärm im Hause, den Schall eines heraufsprengenden Pferdes vernehmen könnte, der ihr Godolphins Ankunft verkünden sollte.

Plötzlich schwieg Lucillas Stimme, wie erschöpft durch den Paroxismus; und sie lag so still, so regungslos, daß es, hätte nicht der Arzt jetzt ihre Hand ergreifen können, und den schwachen, unregelmäßigen Puls gefühlt, fast schien, als sey der gequälte Geist bereits aus seinen Banden erlöst. Diese Erstarrung dauerte jedoch nur wenige Minuten, dann plötzlich richtete sie sich auf, eine leichte Röthe flog über ihre hohlen Wangen, sie legt sinnend den Finger an die Lippen, lächelte und sagte mit leiser, aber klarer Stimme: Horch, er kommt!

Die Mohrin schlich sich aus dem Zimmer, öffnete die Thüre und lauschte. Sie aber hörte noch nichts; erst nach einigen Augenblicken tönte der Hufschlag in ihr Ohr; es sprengte näher, hielt vor dem Thor des Wirthshauses, stürzte die Treppe hinauf – Godolphin war im Zimmer – war am Bette – die arme Kranke lag in seinen Armen; ergriffen, besänftigt und überwältigt gab sich Lucilla seinen Liebkosungen hin, sie schwelgte in dem Schluchzen seiner Thränen erstickten Stimme, sie fühlte wie in glücklicheren Tagen den Zauber seiner Küsse ihr Herz durchglühen. Ein Augenblick der Jugend, der Liebe und der Hoffnung brach wie ein Strahl in diese schreckensvolle, finstere Stunde; heiße Thränen strömten ihr unbewußt aus den brennenden Augen und spülten die drückende Last von ihrem Herzen.

Die Mohrin schritt durch das Zimmer, legte eine Hand auf die Schulter des Arztes und zeigte auf die Thüre. Lucilla und Godolphin blieben allein.

– Oh – sagte er, als er endlich seiner Sprache wieder Herr werden konnte – müssen wir so uns wiederfinden? Sage nicht, Lucilla, daß Du sterben mußt. Hab Erbarmen, habe Mitleid mit Deinem Verführer. Du darfst nicht sterben.

Er konnte nicht weiter reden; er sank auf ihr Bett, bedeckte das Gesicht mit beiden Händen und weinte bitterlich.

Der lichte Augenblick Lucillas war schon wieder vorübergegangen; sie gerieth wieder in ihre Verzückungen, obgleich diese jetzt eine mildere, feierlichere Gestalt annahmen.

– Klage nicht Dich an – rief sie – die gemeinsamen Sterne allein tragen die Schuld. Aber konnte ich, da sie damals so glänzend und lieblich schienen, während sie mir das Band zwischen Dir und mir enthüllten, konnte ich träumen, daß ihre stumme, leuchtende Sprache je düstere Wahrheiten verkünden konnte. Oh Percy, seit wir geschieden sind, ist mir die Erde nicht wie die Erde erschienen; mein Leben hat seine Natürlichkeit verloren; ein wüster, irrer Geist ist in meine Brust eingezogen und hat mein Gehirn erfüllt und meine Gedanken beherrscht, und jede Triebfeder meines Daseyns bewegt: die Sonne, und die Luft, das grüne Gras, die Frische und Herrlichkeit der Welt hat sich mir mit einem Nebel bedeckt, aus welchem nur trübe, gräßliche Schatten hervorschimmerten. Aber Du, Geliebter, an dessen Brust ich so selige Träume geträumt, hast keine Schuld. Nein, wir können die Macht nicht anklagen, die uns niederschmettert: die Himmel sind außer dem Bereiche unserer Vorwürfe; sie lächeln zu unserem Todesringen, und lassen unbewegt und theilnahmslos, die Zeit über unsere gebrochenen Herzen wegrollen. Und was ist seit Deinem letzten Kusse auf diese sterbenden Lippen mein Loos gewesen? Godolphin – Lucilla zog sich zurück von ihm und schauderte wie vor einer schmerzlichen Erinnerung – Godolphin, diese Lippen haben andere Küsse geduldet, diese Ohren sind durch die Stimme der Gemeinheit entweiht worden, und in wüstem Schwelgen und noch wüsterer Leidenschaft habe ich über das Grab meiner Seele gelacht. Aber ich bin ein armes Wesen, arm, sehr arm, verrückt. – Percy, sie sagen, ich sey verrückt. – Plötzlich, wie dies in der Art ihrer Krankheit lag, davon abspringend, fuhr sie fort: Ich habe Deine Braut gesehen, Percy, als Du sie von Rom fortführtest, und die Räder Deines Wagens streiften mich, denn ich warf mich ihnen entgegen, aber sie tödten mich nicht, da die Geister droben es anders gefügt hatten, und ich wanderte über die Welt; aber – setzte sie mit einem schrecklichen, leichtsinnigen Lachen hinzu – Du sollst nicht erfahren, wohin und mit wem, denn, Du weißt, Schatz, man darf nicht Alles ausplaudern, und ich suchte Dich zu vergessen, und über der Anstrengung bekam mein Gehirn einen Stoß. Ich fühlte, wie mein Körper hinwelkte, und man sagte mir, mein Schicksal sey entschieden, und da entschloß ich mich, nach England zu gehen, und meine erste Liebe noch einmal wiederzusehen, und so kam ich, und sah Dich, Godolphin, und ich sah aus den Furchen Deiner Stirne, und aus dem sinnenden Blicke Deiner Augen, daß Dein glänzendes Loos Dich nicht zufrieden gemacht habe. Und dann kam ein stattliches Wesen zu mir und ich erkannte sie, um deretwillen Du mich verlassen hast; sie sagte mir, was Du mir sagst, ich sollte leben und die Vergangenheit vergessen. Unsinn, Unsinn! Aber mein Herz ist stolz, wie ihres, und ich wollte nicht auf die Freundlichkeit einer siegreichen Nebenbuhlerin hören, und ich floh, gleichviel, wohin. Aber höre mich, Percy, höre mich: mein Unglück hat mich weise in der Wissenschaft gemacht, welche nicht von dieser Welt ist und ich wußte, daß einst wir uns wiedersehen würden, und daß es in dieser Stunde geschehen mußte, und ich zählte Minute für Minute mit ausgelassener Freude die Tage, welche mich diesem Zusammentreffen und dem Tode näher brachten. Hüte Dich! – rief sie darauf, ihre Stimme bis zu einem wilden Schrei erhebend – hüte Dich, Percy! das Tosen des Wassers dringt in mein Ohr – es thut sich auf – es rauscht zusammen! Hüte Dich! Auch Dein Ende ist vor der Thür!

Unmittelbar nach diesen Worten verfiel Lucilla wieder in ihre frühern Rasereien. Ein Schrei folgte dem andern; sie erkannte Niemanden, selbst Godolphin nicht. Mit Qualen und Kämpfen schien sich die Seele von dem Körper loszureißen. Stunden gingen vorüber – es wurde Mitternacht – hell und deutlich drangen die Schläge einer Uhr in das Zimmer.

– Still! – reif Lucilla auffahrend – still! – In demselben Augenblicke theilten sich vor dem Fenster gegenüber die schweren Wolken, und hoch und fern brach ein einzelner Stern durch sie hervor.

– Es ist Deiner, Godolphin, Deiner – nach dem einsamen Sterne zeigend – er ruft Dich. Lebe wohl, aber nicht auf lange!


Die Mohrin stürzte mit einem lauten Schrei näher; sie legte ihre Hand auf Lucillas Brust; das Herz stand still, der Athem war entflohen, das Feuer war in der Asche erstickt – der wunderbare Geist war vielleicht bei den Sternen, nach deren Geheimnissen er sich so fruchtlos gesehnt hatte.

Finster goß der Regen herab; von den fernen Bergen her konnte man das Rauschen der angeschwollenen Ströme hören, wie sie in die Thäler hinabstürzten. Die dunkle, feste Wolkenmasse war gebrochen, und die Dünste trieben schnell am Himmel hin und ließen hier und da einen Stern durchschimmern, bis er wieder von der Nacht verschlungen wurde. Am Rande des Horizontes zuckten noch einzelne Blitze hin; die Bäume krachten und stöhnten unter der Gewalt des Regens und des Sturmes, aber gesenkten Hauptes jagte ein Reiter durch das Wetter und fühlte nicht dessen Wüthen in dem Sturme seiner eigenen Gefühle.

Neben einem Strome, der auch schon von dem Regen angeschwollen war, hatten Zigeuner ihr Lager aufgeschlagen, und einige dieser braunen Wanderer, die vielleicht noch auf die Rückkehr eines Theils der Bande warteten, der auf Beute ausgezogen war, hatten sich in ihrem Zelte um ein flackerndes Feuer gelagert. Sie sahen den Reiter dem Strome zueilen.

– Sieh den blanken Schatz – sagte einer von der Bande; es ist derselbe, den wir am Abend oben durch die Furth haben waten sehen. Er hat den kürzern Weg eingeschlagen, der Dummkopf, und wird wieder herum bis zur Furth reiten müssen: ein hübsch Wetter, sich so herumzutreiben.

– Pah – sagte eine alte Hexe – mir machts Spaß, wenn ich die stolzen Herren auch einmal in Sturm und Wetter sehe, das uns immer trifft. Es ist nur eine Meile bis zur Furth. Ich wollte, es wären ihrer zwanzig.

– Hallo! – rief der erste – der Narr reitet ins Wasser. Er wird ersaufen; die Ufer sind zu hoch und zu steil, als daß Mann oder Roß hinauf könnten! Hallo! – Der Zigeuner lief mit der Theilnahme, welche selbst der verhärteste Mensch fühlt, wenn er Jemand anders unmittelbar vor seinen Augen in einer drohenden Gefahr sieht, hinaus in den tobenden Sturm und schrie dem Reiter zu, er solle still halten. Einen Augenblick schauderte Godolphins Pferd vor dem rauschenden Strome zurück: tiefes Dunkel lag auf dem Wasser und der Reiter sah die Höhe des jenseitigen Ufers nicht. Der Ruf des Zigeuners schallte in sein Ohr wie der Ruf der Todten, die er eben verlassen hatte, er stieß dem widerspenstigen Tiere die Fersen in die Seite und jagte in den Strom hinab.

– Die Fackeln! Zündet die Fackeln an! – rief der Zigeuner, und in wenigen Augenblicken war das Ufer von Holzscheiten, die man aus dem Feuer gerissen hatte, erleuchtet, aber der Regen löschte sie beinah augenblicklich aus. Doch konnte man eben sehen, daß das edle Thier die Wellen durchschnitt, und daß Godolphin seinen Irrthum bemerkt und den Kopf des Pferdes nach der Furth zu gelenkt hatte. Aber das war auch Alles, was die Zigeuner bemerken konnten, und sie riefen Godolphin nur zu, er solle nach der Stelle zurückkehren, wo er hereingeritten sey, und einige Augenblicke darauf hörten sie wirklich, mehre Schritte weiter hinauf, das Pferd das dort steil und schroff sich erhebende Ufer hinanklimmen und sich durch das Buschwerk brechen, welches sich längs desselben hinzog. Sie glaubten zu gleicher Zeit einen Schall vernehmen, als ob etwas Schweres in das Wasser stürzte, aber sie hielten es für ein losgerissenes Stück Erde oder Fels, und kehrten nach ihrem Zelte zurück, überzeugt, daß der verwegene Reiter der Gefahr, in die er sich so tollkühn begeben habe, glücklich entronnen sey. – In derselben Nacht kam das Pferd Godolphins mit leerem Sattel an dem Thore der Priorei an, wo Konstanze in Todesangst, bleich, dem Sturme ausgesetzt stand und auf die Rückkehr Godolphins oder der nach ihm ausgeschickten Boten wartete.

Beim Anbruch des Tages wurde seine Leiche an einer seichten Stelle der Furth gefunden; eine Verletzung an der Schläfe, wie von einem Schlage, machte es wahrscheinlich, daß er beim Ersteigen des Ufers von einem der herüberhängenden Zweige einen Stoß bekommen und dadurch in das Wasser zurückgeschleudert worden war.

Schreiben Konstanzens, Gräfin von Erpingham, an ***

August 1832.

Ich habe das Werk gelesen, welches Sie so gütig gewesen sind mit Hülfe der genauen Kenntnis, welche Sie selbst von den darin erwähnten Personen besitzen, aus den Ihnen mitgetheilten Papieren zusammen zu setzen. Sie haben in vielen Punkten meine Wünsche übertroffen. Es lag mir eines Theils daran, daß die Welt eine Geschichte erhielte, aus welcher tief eindringende, und wie ich fest glaube, allgemein heilsame Lehren geschöpft werden können; auf der andern Seite war mir aber auch darum zu thun, das Ganze in ein solches Gewand gehüllt zu sehen, daß die Namen der wahren Karaktere dieses Dramas ein ewiges Geheimnis blieben. Beide Zwecke haben Sie erreicht. Ich halte es für unmöglich, daß Jemand dies Werk, welches jetzt dem Publikum übergeben werden soll, lesen könne, ohne die Wahrheit der aus demselben hervorgehenden Moral zu fühlen und ohne aus tausend untrüglichen Zeichen zu erkennen, daß dessen allgemeine Anlage nicht auf Dichtung, sondern auf Wirklichkeit beruhe. Sie haben sich nur einige leichte Änderungen und Zusätze erlaubt, um, was man nicht weniger dem Lebenden, als dem Andenken der Todten schuldig ist, die Namen der Personen dem Leser desto sichrer zu entrücken.

In so weit sage ich Ihnen meinen herzlichsten Dank; dagegen haben Sie in einem Punkte sich desto mehr zu schulden kommen lassen. Sie haben dem edlen Karakter, den Sie unter dem Namen Godolphin darzustellen glauben, durchaus seine Gerechtigkeit nicht widerfahren lassen; Sie haben seine Züge mit einem harten, unfreundlichen Pinsel entworfen und die wenigen Schwächen, welche er besessen haben mag, so hervorgehoben, daß sie im Vordergrunde des Bildes stehen, während sein hohes Ehrgefühl, sein glänzender Verstand, die reichen Schätze seines Geistes, sein warmer Edelmuth im Schatten bleiben. O Gott! Mußte solch ein Geschick ein Wesen seiner Art treffen! Und noch dazu in der Glorie des Lebens, als eben sein Geist zu dem Bewußtseyn seiner Kraft und seines rechten Strebens erwacht war! Welch unseliges System, das bis zu seinem sieben und dreißigsten Jahre durch das nichtige Treiben des aristokratischen Lebens einen solchen Genius, ein so zartes, gefühlvolles Herz irre leiten konnte. Der Leser wird, wenn er zu diesem Satze kommt, mich gegen den Vorwurf einer Ungerechtigkeit gegen Godolphin's Karakter rechtfertigen; er spricht grade das aus, was meine wahrheitstreue Darstellung offen legen soll – nämlich den Eindruck unserer wirklichen Welt auf den idealischen, phantasiereichen Menschen. Aber ich kann, ich kann nicht davon sprechen. Ich muß die Feder niederlegen; morgen will ich mich zwingen, meine Behauptung wieder aufzunehmen. –

Ich habe gestern gesagt, Sie hätten ihm Unrecht gethan. Ich bitte Sie, diesen Karakter umzuformen und dem Andenken eines Mannes Genüge zu leisten, den Niemand ohne Bewunderung sah, den Niemand kannte, ohne ihn zu lieben.

Wie sehr haben Sie auf der andern Seite mir geschmeichelt, die doch so eitel, stolz und unweiblich, nichts als bittern Gedanken, trüben Plänen nachgehangen hat. Diese Schmeichelei verbirgt mich am sichersten, und darum allein will ich Sie nicht bitten, die traurige, reizlose Wahrheit an ihre Stelle zu setzen. Aber während ich es mit Qual und Schaam fühle, wie richtig Sie die scheinbare Vernachlässigung des Dahingeschiedenen schildern, welche nur aus dem Stolze entsprang, der sich vernachlässigt glaubte, so haben Sie doch nicht genug, nein nicht im entferntesten genug von der wirklichen Liebe gesagt, welche ich stets für ihn hegte, obgleich in ihr doch der einzige sanfte, versöhnende Theil meiner Natur liegt. Aber wer kann wissen, wer beschreiben, was ein Anderer fühlt? Selbst ich wußte nicht, wie stark ich fühlte, als bis der Tod es mich lehrte.

Seit ich das Buch ganz durchgelesen habe, verfolgt mich Ein Gedanke: wie wunderbar es ist, daß ich einen Verlust überleben konnte, daß die spröden Saiten meines Herzens nicht schon längst gerissen sind, daß ich lebe und dazu mitten unter der Welt lebe! Ja, aber nicht mit der Welt; und in diesem Bewußtseyn schreite ich noch auf der kahlen, öden Lebensbahn dahin. Von nun an und für immer von den zarteren Gefühlen ausgeschlossen, welche das Erbtheil meines Geschlechtes sind, ohne Mutter, Gatte, Kind, oder Freund, ungeliebt und ohne Liebe, stütze ich mich auf den Glauben, daß ich, so viel dies Frauen frei steht, dazu beigetragen habe, die große Veränderung zu fördern, welche der Welt bevorsteht und ich tröste mich mit der festen Überzeugung, daß früher oder später eine Zeit kommen wird, wo die ungebührlichen Ungleichheiten in der Vertheilung des Lebens – welche nicht bloß mir, sondern allen, die ich bewundert und geliebt habe, unheilvoll gewesen sind, welche die Großen herzlos, und die Niedrigen knechtisch, welche das Genie entweder zum Feinde der Menschheit oder zum Opfer seiner eigenen Größe machen, welche das energische Streben entwürdigen, jede adelige Gesinnung zersplittern, welche das Herzerkälten, die Talente fesseln und nur die allgemeine Entwicklung des Mittelmäßigen und Launen begünstigen – wo diese, wenn auch nicht ganz beseitigt, doch zu natürlichern, freiern Elementen der Gesellschaft umgeschmolzen werden dürften.

Ach, einsam zu Hause müssen wir von außen den einzigen Trost, die einzige Beschäftigung unsers Lebens erwarten.

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