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Godolphin oder der Schwur

Edward Bulwer-Lytton: Godolphin oder der Schwur - Kapitel 71
Quellenangabe
typefiction
booktitleGodolphin oder der Schwur
authorEdward Bulwer-Lytton
year1834
publisherVerlag Jakob Anton Mayer
translatorLouis Lax
addressAachen und Leipzig
titleGodolphin oder der Schwur
submitted20050620
senderniki_nikotini@hotmail.com
created20051104
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Sechs und zwanzigstes Kapitel.

Letzte Unterredung zwischen Godolphin und Konstanze. – Der Brief.

Sie waren für keinen der vielen Besuchenden, welche über die Priorei herfielen, zu sprechen gewesen, hatten es jedoch für nöthig empfunden, die Höflichkeit der Nachbarn dadurch zu erwidern, daß sie sie alle auf einmal zu einer großen Gesellschaft einluden. Der Tag für das große Fest war bereits bestimmt; es sollte unmittelbar nach dem Schluß der Wahlen Statt finden und gewissermaßen zu ihrer Ehre seyn. Unmuthig gingen Godolphin und Konstanze daran, sich zu ihrer Gesellschaft – es war gerade an dem folgenden Tage nach dem eben beschriebenen Abend – vorzubereiten und sie lachten – aber das Lachen kam ihnen nicht aus dem Herzen – über die Unruhe, welche ihnen zum erstenmale ein Ball machte, nachdem sie Jahre lang mit fast nichts anderm sich abgegeben hatten.

Der Tag war gewöhnlich still und trüb gewesen; die Sonne war nicht ein einzigesmal zum Vorschein gekommen, und als der Abend herankam, zeigten sich immer deutlicher die Spuren eines herannahenden Ungewitters.

– Ich fürchte – sagte Godolphin – wir werden kein günstiges Wetter für unsere Gesellschaft haben. Zum Glück sind nach einer allgemeinen Wahl die Nerven der Leute ziemlich abgehärtet, denn was sind die matten, kurzen Tumulte der Natur gegen die heftigen, ewig dauernden Leidenschaften des Menschen?

– Eine tiefe Bemerkung auf einen feuchten Abend, lieber Percy – antwortete Konstanze lächelnd.

– Du weißt – entgegnete er eben so – ich kann über das Anziehen eines Handschuhes philosophieren. – Die Zeit flog ihnen schnell mit Sprechen dahin, als Konstanze plötzlich aufsprang und sich erinnerte, daß es spät genug sey, an ihre Toilette zu denken.

– Trage dies heute, Theuerste – sagte Godolphin, indem er eine Rose von einem Stocke brach, der neben dem Fenster stand, trage dies zum Andenken an jenen Ball im Wendover-Schloß, der, obwohl er für mich traurig genug ausfiel, doch so glückliche Rückerinnerungen hinterlassen hat. – Konstanze steckte die Rose vor ihre Brust; die Blätter waren frisch und glänzend – so auch ihre Hoffnungen für die Zukunft. Er küßte sie auf die Stirn, als sie sich trennten – Sie sahen sich nie wieder.

Godolphin blieb zurück und wendete sich nach dem Fenster, welches auf den grünen Platz hinausging, der ihn hinablockte zu den Blumen, die sich längs desselben bis zu den dunkeln, starren Bäumen hinzogen, welche den Rasen einschlossen. Die Ruhe der Natur, welche dem Sturme vorangeht, hatte immer einen besonderen Reiz für seinen Geist gehabt. Beinahe instinktmäßig verließ er das Haus, und ging träumend weiter, bis er sich an dem klaren See befand. Dort stand er still und starrte auf die düstern Schatten, welche die Bogen der Priorei und die hohen Bäume umherwarfen. Nicht die leichteste Bewegung zeigte sich auf der Spiegelglätte des Wassers; die Vögel waren zur Ruhe, man hörte keinen Laut, außer dem Rauschen des fernen Baches, welcher in den See strömte. Alles war stumm, nur dieser lebensvolle Fluß ließ, als er über sein steiniges Bett rieselte, seine klagende Stimme nie ausgehen. Das Wogen eines Stromes ist wie die Seele einer Landschaft: er kennt keine Ruhe, keinen Schlaf, er arbeitet immer und belebt alles umher. Der schwere Körper der Natur mag ruhen, aber der Geist des Wassers rastet keinen Augenblick.

Langsam und mit übereinander geschlagenen Armen ging Godolphin endlich weiter. Vor seinen Augen lagen die wohlbekannten Tummelplätze seiner Kindheit. Die Gedanken seiner Jugend tauchten wieder vor ihm auf und mahnten ihn an unbefriedigte Träume, an getäuschte Hoffnungen. – Aber endlich – rief er laut – endlich bin ich doch glücklich. Ich habe die Brücke des Lebens überschritten, welche uns von den Thorheiten der Jugend trennt und bessere Aussichten und edlere Wünsche breiten sich vor mir aus. Welche Welt von Weisheit liegt in dem Einen Ausspruche Radclyffe's »Wohlthun ist das beste Heilmittel gegen Idealismus.« Wenn wir für Andre leben, verlangen wir keine Wunder mehr für uns selbst. Welche Pflichten habe ich bis jetzt schon erfüllt? Ich entsagte dem Ehrgeize, weil er unweise sey, und damit entsagte ich der Weisheit selbst. Ich lebte den Vergnügungen, ich lebte ein Leben der Täuschung. Ohne eine lasterhafte Anlage bin ich in hundert Laster verfallen; ich habe nie egoistisch gehandelt, und bin doch immer ein Egoist gewesen. Ich nährte hohe Gedanken – aber zu welchem Zweck? Ich war ein Dichter im Herzen, ein Lüstling im Leben. Wenn mein Interesse in eine offene Reibung mit dem eines andern gekommen wäre, so hätte ich das meinige geopfert, aber ich habe nie daran gedacht, ob nicht meine eigene Existenz in einem ewigen Kriege mit dem allgemeinen Interesse lebte. Zu tiefsinnig, um ohne ein leitendes Prinzip zu leben, war doch das Eine Prinzip, das ich wählte, ein Mißgriff. Ich habe alles genossen: Jugend, Gesundheit, Freiheit, Liebe, Vergnügen, Die Frauen waren meine erste Leidenschaft; – um welche Frau habe ich mich vergebens beworben? Ich habe mir eingebildet, daß meine Zukunft von Konstanzens Lächeln abhinge – Konstanze liebte mich und wies mich zurück. Ich schrieb meine Verirrungen dieser Abweisung zu, Konstanze wurde mein – wie habe ich sie gut gemacht? Dunkle, uneingestandene Gewissensbisse haben mich wegen Lucilla's verfolgt. Aber warum habe ich das an ihr verübte Unrecht nicht durch Wohltaten gegen Andere ausgeglichen? Ist nicht Reue, die nicht in That übergeht, ein moralischer Trug? Wenn eine Sünde gegen Einen unwiderbringlich ist, kann sie durch tugendhafte Handlungen gegen Andere gesühnt werden. Aber war mein Benehmen gegen Lucilla so tadelnswerth? Warum martert mich das Gewissen deswegen? Habe ich sie nicht geflohen? Zwang sie nicht selbst mich zu unserer Verbindung? Hatte ich nicht mehr Geduld mit ihr, als später mit Konstanzen? Entschloß ich mich nicht, Konstanzen, so sehr ich sie liebte, um Lucilla's Willen zu entsagen? Wer verhinderte dies Opfer, wer verließ mich, wer bewirkte die Trennung? Lucilla. Nein, so weit ist meine Sünde nur leicht. Aber hätte ich nicht Alles verlassen, ihr folgen, sie entdecken, und ihr die Mittel aufzwingen müssen, die sie gegen Mangel, ja vielleicht ein Verbrechen schützten? Ja, darin liegt meine Sünde, die Sünde meiner Natur, die Sünde aller Weltkinder, die passive Sünde. Ich konnte mein Glück, aber nicht meine Indolenz opfern: ich war nicht ungroßmüthig, ich war träge. Aber ist es denn zu spät? Kann ich sie nicht noch aufsuchen und meinen Geist von der ängstlichen Bürde befreien, welche die Erinnerung an sie mir auflegt? Ach, Ein Gewissensbiß um eines Wesens willen, das uns geliebt hat, ist unerträglicher, als das schwärzeste Verbrechen!

Godolphin war mit diesen Gedanken immer weiter gegangen, bis die sinkende Nacht ihn an andere Pflichten mahnte. Er kehrte nach Hause zurück und trat in sein Zimmer. Schon waren mehrere Gäste angelangt, Godolphin war auch mit seinem Anzuge beschäftigt, als ein Diener an die Thür klopfte und ihm ein Billet überbrachte.

– Lege es auf den Tisch – sagte er – es ist vermutlich die Entschuldigung eines Gastes, der nicht zum Balle kommen kann.

– Ein Bursche – antwortete der Diener – hat es von S– (einem etwa vier Meilen entfernten Dorfe) gebracht und wartet auf Antwort. Er hatte Befehl, so schnell er konnte, herzureiten.

Godolphin nahm nicht ohne Unmuth das Billet an, aber kaum sah er die Handschrift, so entsank es auch seinen Händen; seine Wangen, seine Lippen wurden todtenbleich; das Herz schien ihm zu stocken; es war, als ob das Leben wie durch ein furchtbares Gift plötzlich erstarrt sey. Er raffte sich endlich gewaltsam auf, riß das Siegel ab, und las Folgendes:

»Percy Godolphin, die Stunde ist gekommen – noch einmal müssen wir uns wiedersehen. Ich lade Dich, Geliebter, zu dieser Zusammenkunft – zum Sterbebette! Komm!

Lucilla Volktmann.«

– Macht der Gräfin keine Unruhe – sagte Godolphin mit leiser, ruhiger Stimme zum Diener – führt ein Pferd nach der Hinterthür und schickt mir den Überbringer dieses Billets herauf.

Der Bote erschien – es war ein Dorfbursche von achtzehn bis zwanzig Jahren.

– Ihr habt diesen Brief gebracht?

– Ja, Euer Gnaden.

– Von wem?

– O, von einer fremden Frau, die im »Schachbrett« liegt, und es nicht lange mehr machen wird. Sie ist todtkrank, Herr, und es geht schnell zu Ende.

Godolphin rang krampfhaft die Hände.

– Und wie lang ist sie schon dort?

– Sie ist vor zwei Stunden angekommen. Sie kam in einer Kalesche und war so schlecht, daß wir gleich nach dem Doktor schickten. Er sagt, sie könne die Nacht nicht überstehen.

Godolphin ging einige Minuten auf und ab und getraute sich nicht zu sprechen. Der Bursche stand an der Thür, zupfte an seinem Hute und sah sich einfältig um.

– Kam sie allein?

– Wie, Euer Gnaden?

– War niemand bei ihr?

– O ja, ein kleines, schwarzes Mädchen. Sie schickte mich auch mit dem Brief fort.

– Das Pferd ist gesattelt – sagte der Diener. – Aber wollen Sie nicht lieber den Wagen nehmen? Es sieht sehr finster aus, und es wird bald regnen. Auch ist die Furth von S– in dieser Dunkelheit schwer zu passiren.

– Still! – rief Godolphin mit blitzenden Augen und einem kurzen, krampfhaften Lachen. – Soll ich mit Muße und Bequemlichkeit mich zu diesem Sterbebette begeben?

Er eilte die Treppe hinunter und nach der Hinterpforte an einem Theile des alten Gebäudes. Ein Knecht hielt das ungeduldig schnaubende Pferd, das schnellste seines vortrefflichen Marstalls, und das matt flackernde Licht, das ein anderer Diener hielt, zeigte nur eben den schwer umwölkten Himmel und die düstern Ruinen.

Godolphin sah nichts von Allem, er murmelte etwas vor sich hin, und sprang endlich in den Sattel; die Funken stoben unter den Hufen seines Pferdes, und der letzte Erbe eines ritterlichen Geschlechtes schied von den Hallen seiner Väter. Die Worte, welche er vor sich hin gesprochen, und welche sein Kammerdiener aufgefangen hatte, und später abergläubisch oft wiederholte, waren die aus Lucillas Brief: die Stunde ist gekommen!

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