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Godolphin oder der Schwur

Edward Bulwer-Lytton: Godolphin oder der Schwur - Kapitel 70
Quellenangabe
typefiction
booktitleGodolphin oder der Schwur
authorEdward Bulwer-Lytton
year1834
publisherVerlag Jakob Anton Mayer
translatorLouis Lax
addressAachen und Leipzig
titleGodolphin oder der Schwur
submitted20050620
senderniki_nikotini@hotmail.com
created20051104
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Fünf und zwanzigstes Kapitel.

Glück schafft Furcht. – »In dem Heute wandelt schon das Morgen.«

Erste Liebe! Wie die Erde zu ihrem Frühling zurückkehrt und wieder neu grünt, so wenden auch wir uns zu der Blüthenzeit des Lebens und vergessen die Jahreszeiten, die dazwischen hingezogen sind! Ob in Godolphin und Konstanze eine Ahnung seyn mochte, daß ihr jetziges Glück nicht dauern werde, ob sie trotz der tiefen Ruhe fühlten, daß der Sturm schon zur Hand sey, weiß ich nicht: so viel ist gewiß, daß beide jetzt nicht wie Geschöpfe, die schon so lange an Einer Kette zogen, sondern wie Liebende fühlten, die kaum erst verbunden worden. Die Einsamkeit, die so sehr gegen ihr bisheriges Leben abstach, erinnerte an den Zauber, welcher der ersten jugendlichen Liebe so eigen ist. Allerdings hätte dies nicht lange von Bestand seyn können; aber das Schicksal ließ es bis zu dem letzten Augenblick der kurzen Spanne dauern, die ihrer Verbindung noch vergönnt war. Alles athmete hier die Erinnerungen ihrer Jugend. Dort lag Godolphins Haus, nach welchem die stolze Waise aus dem prächtigen Hause von Wendover so oft sehnsüchtig geblickt hatte; dort war die Stelle, auf welcher er, aus der fieberhaften Aufregung der Welt erwachend, seine ersten Träume von ihr genährt hatte. Der ganze Schauplatz war wie ein Bad für ihre Liebe, das sie stärkte, erfrischte. Sie gingen, lasen, dachten zusammen. Es war ein fortwährender Rausch. Die Welt war ringsum in Bewegung: sie fühlten es nicht. Der Ehrgeiz hatte sein Ideal erreicht. Die Zeit hatte den Glanz der Schönheit getrübt: sie sahen es nicht; sie waren sich jung und schön, wie sonst.

Konstanze lauschte auf die Tritte des Geliebten. Sie konnte es nicht ertragen, ihn nur auf einen Augenblick zu missen: eine unbestimmte Furcht ergriff sie, wenn sie ihn nicht sah. Im Schlummer streckte sie die Arme aus, um von seiner Nähe sich zu überzeugen; all ihr Stolz, ihre Kälte, schienen wie durch Zauber geschwunden, sie liebte mit der zärtlichen, hingebendsten Liebe. Geht, o Lenker der Zukunft, ein dunkles, prophetisches Gefühl in uns auf, wenn die Stunde des Unheils, der fürchterlichen, unersetzlichen Vernichtung eines Lebens sich nähert? War nicht etwas Übernatürliches in der Tiefe und Gewalt dieser neuerwachten Leidenschaft? Zitterten sie nicht in ihrer Liebe? Sie klammerten sich an die Stunden, denn vor ihnen lag die Ewigkeit.

Eines Abends lastete ein solches Vorgefühl auf Konstanze. Sie preßte Godolphins Hand, und als er den Druck erwiderte, warf sie sich an seine Brust und brach in Thränen aus. Godolphin erschrak, er bedeckte ihr Gesicht mit Küssen, und fragte nach der Ursache dieser Bewegung.

– Ich weiß keinen Grund – sagte Konstanze sich erholend – ich fühle nur, daß dies Glück unmöglich dauern kann. Das Übermaß setzt mich in Schrecken.

Als sie sprach, erhob sich der Wind und wehte klagend durch die breiten Blätter einer Kastanie, unter welcher sie standen: die heitere Ruhe des Abends schien dahin und ein trüber, unfreundlicher Geist durch die Luft zu ziehen, eine Veränderung, wie sie in unserm Clima so gewöhnlich ist.

Godolphin schwieg einige Augenblicke, denn der Gedanke harmonirte mit den seinigen.

– Und wäre es wirklich so? – sagte er endlich. – Sollte es wirklich kein dauerndes Glück für uns hienieden geben? Muß der Kummer immer der Freude auf den Fuß folgen? Sollen wir nie sagen dürfen, der Hafen ist erreicht und wir sind geborgen? Nein – fuhr er mit größerer Wärme fort – nein, laß uns nicht diesen finstern Glauben hegen. Es gibt keine Erfahrung für die Zukunft; eine Stunde widerspricht der andern und das Gewesene ist kein Beweis für das Kommende. Wir haben in uns selbst die Welt entdeckt, die so lange unserm Gesichte verborgen war, wir könnten sie nicht wieder verlieren, der Tod allein kann uns trennen.

O der Tod! – sagte Konstanze schaudernd.

– Zittre nicht vor einem Worte, Konstanze. Wir sind noch im Mittag des Lebens und warum sollen wir, wie die Egyptier, das Gespenst zu unsern Festen laden? Und wenn der Tod kommt, während wir uns so lieben, ist er nicht schöner, als das Alter, das uns erstarrt? Oh, wenn diese schmale Zeitklippe nur ein Ruhepunkt in dem großen Erbtheile der Unsterblichkeit ist, warum sich dann mit so sinnlosen Worten, wie Leben und Tod, quälen? Der Tod – das Abtreten von der Scene unsres langen Wirkens. Wie viele Scenen haben wir noch vor uns! Wir kommen nur vorwärts auf unserm Wege, sind aber nicht am Ziele. Laß uns diesen Glauben erhalten, Konstanze, und jede Furcht einer Trennung verwerfen.

Konstanzens Blicke hafteten auf Godolphins Gesicht, und die tiefe Ruhe, welche auf demselben herrschte, ging in ihre Seele über und beschwichtigte ihre Klage. Godolphin hatte den Gedanken an die Zukunft, wie alle Idealisten, glühend aufgefaßt, aber nur selten ausgesprochen, und Konstanze hörte ihn jetzt zum ersten und einzigen Male über seine Lippen kommen.

Sie kehrten nach Hause zurück. In dem Buche, welches sie vornahmen, ist noch die Seite bezeichnet, wo Godolphins weiche Stimme zum letztenmale beim Vorlesen in Konstanzens Herz gedrungen war. Kann sie je es wieder aufnehmen?

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