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Godolphin oder der Schwur

Edward Bulwer-Lytton: Godolphin oder der Schwur - Kapitel 7
Quellenangabe
typefiction
booktitleGodolphin oder der Schwur
authorEdward Bulwer-Lytton
year1834
publisherVerlag Jakob Anton Mayer
translatorLouis Lax
addressAachen und Leipzig
titleGodolphin oder der Schwur
submitted20050620
senderniki_nikotini@hotmail.com
created20051104
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Viertes Kapitel.

Percy's erstes Abenteuer als unabhängiger Mensch.

Es war eine schöne, malerisch angelegte Straße, auf welcher der junge Flüchtling, unbekümmert, wohin der Weg führe, seine Reise antrat. Seine Brust war voll von Unternehmungslust und von dem wilden Muthe der Erfahrungslosigkeit. Er war bereits mehrere Meilen gegangen, und schon brach die Abenddämmerung ein, als er nicht weit vor ihm einen Packwagen und daneben einen großen, wohlgebauten Manne gehen sah, der mit einiger Heftigkeit gestikulirte. Godolphin betrachtete ihn neugierig; der Mann drehte sich hastig um, und warf auch seiner Seits einen sprechenden Blick auf den jungen Wanderer.

– Sieh da, sagte er mit einem einnehmenden, doch etwas vertraulichen und ungenirten Wesen, wohin des Weges zu dieser Stunde?

– Das geht Euch nichts an, Freund, antwortete der Knabe mit dem stolzen Übermuth seines Alters, kümmert Euch um Eure eigenen Angelegenheiten.

– Ey, Ihr macht es ja derb, junger Herr, erwiederte der Andere; aber es ist unsere Art, gesprächig zu seyn. Wißt, Herr – der Fremde runzelte die Stirn dazu – daß wir schon manch größern Wünschen, als Ihr, und wegen einer viel kleinern Unverschämtheit, als Ihr zu begehen vermögt, zum Richtplatze geschickt haben.

Ein Gelächter aus dem Wagen richtete Godolphin's Augen auf denselben, und er sah aus der offenen Thür desselben ein muthwilliges Frauengesicht, das auf ihn herabblickte.

– Ich sehe, sagte Percy, Ihr macht Euch lustig über mich; kommt herunter, meine Schöne, und ich werde Euch nichts schuldig bleiben.

Die Dame lachte noch lauter über diese jugendliche Gallanterie des Reisenden, aber der Mann beachtete sie nicht, sondern legte seine Hand auf Percy's Schulter und sagte –

– Sir, wohnt Ihr vielleicht in ***? Er nannte die Stadt, der sie jetzt zueilten.

– Nein, antwortete Godolphin, sich losmachend.

– Ihr werdet aber dort vielleicht übernachten?

– Vielleicht.

– Ihr seid zu jung, um allein zu reisen.

– Und Ihr, entgegnete Godolphin, vor Ärger roth werdend, zu alt, solche ungezogene Bemerkungen zu machen.

– Meiner Treu, sagte der Fremde kaltblütig, ich liebe dieses Feuer, mein Heißsporn, und wenn Ihr wirklich die Nacht in *** bleibt, so dächte ich, wir äßen unser Abendbrod zusammen.

– Mit Euren wilden Thieren, Freund? Ihr seyd doch wohl so ein Bestienführer, und habt da oben in dem Wagen drei in Flanell eingewickelte Schlangen, und einen weißen Bären und ein halb Dutzend Affen als Lockspeise für einfältige Tröpfe?

– Und zu welchen dieser Thiere rechnet Ihr mich, Sir? fragte das Frauenzimmer oben sehr gravitätisch.

Percy, den das Gesicht der Fragerin – wie wir denn im fünfzehnten Jahre leicht entzündbar sind – sogleich eingenommen hatte, war im Begriff, mit vielen Komplimenten zu antworten, als plötzlich eine Stimme aus dem Innern des Karrens rief:

– Schnell, schnell! Zur Hilfe! Der Strick ist gerissen! Venedig ist heruntergefallen, und der Schneesturm wird auf der Stelle im Feuer liegen!

Den Teufel auch! rief der große Mann, sprang in die Maschine und verschwand. Das Mädchen, welches vorher an der Unterhaltung Theil genommen, blieb jedoch ganz ruhig und unbekümmert an dem Schlage sitzen, und Percy erkannte, daß hier Gelegenheit zu einigem Posiren sey.

– Ich bitte um Verzeihung, sagte er nach einer Pause, ich sehe jetzt meinen Irrthum ein; Sie sind also die Zierde eines Theaters?

– Ein Theater? antwortete das Mädchen kalt. O, wir sind nicht so kitzlich in diesem Punkte, wir sind nur eine Partie herumziehender Komödianten.

– Und ist der Herr, der sich so frei und ungezwungen bestimmt, Euer Gatte?

– Gott bewahre! Glaubt Ihr, wenn er das wäre, er würde mich hier müßig sitzen lassen, wenn er zu thun hat? Aber dummes Zeug, was versteht Ihr vom verheiratheten Leben? Nein, fügte sie mit einer artigen, affektirten Würde hinzu, ich bin die Belvidera Ottway's Venedig., die Calista, die Prima Donna der Gesellschaft, stehe unter keinem Zwange, keinem Manne, und verdiene drei und dreißig Schilling die Woche.

– Auch unter keinem Liebhaber? fragte Percy mit einer frechen Miene, die er von Saville abgesehen hatte.

– Seh einer den Jungen! Nein: auch müßte mein Liebhaber wenigstens eben so groß, eben so reich, und leider auch wenigstens so alt seyn, wie ich.

– Das Leider ist nicht von Nöthen, mein Schatz, antwortete Percy, es war mir nicht eingefallen, mich in Euch zu verlieben.

– Nicht? Das ist nicht wahr, Ihr dachtet wohl daran, aber warum wollt Ihr nicht mit uns zu Nacht speisen?

– Warum sollte ich auch nicht? dachte Percy, da ihm jetzt der Vorschlag auf eine lockendere Weise gemacht wurde. Wenn Ihr mich darum bittet, sagte er, so will ich es thun.

– Gut, antwortete die Schauspielerin, so bitte ich Euch darum.

Der Held der Gesellschaft kam jetzt wieder zum Vorschein. So, so, sagte er, Ihr habt uns also noch nicht verlassen?

– Nein, und ich nehme Eure Einladung an und esse mit Euch.

– Das freut mich. Wollt Ihr aber nicht lieber einsteigen und im Wagen bleiben? Wir haben noch zwei Meilen zu machen.

Percy benutzte die Erlaubnis, und saß bald neben der hübschen Schauspielerin. Und so, schnell mit seinen neuen Gefährten befreundet und entzückt über sein Abentheuer, fuhr der Sohn des asketischen Godolphin, der Zögling des höfischen Saville, in die Stadt *** ein, und so begann einer seiner ersten unabhängigen Feldzüge in der großen Welt.

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