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Godolphin oder der Schwur

Edward Bulwer-Lytton: Godolphin oder der Schwur - Kapitel 69
Quellenangabe
typefiction
booktitleGodolphin oder der Schwur
authorEdward Bulwer-Lytton
year1834
publisherVerlag Jakob Anton Mayer
translatorLouis Lax
addressAachen und Leipzig
titleGodolphin oder der Schwur
submitted20050620
senderniki_nikotini@hotmail.com
created20051104
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Vier und zwanzigstes Kapitel.

Die Reise und die Überraschung. – Ein Spaziergang in der Sommernacht.

Dies Ereignis hielt Godolphin noch einige Tage länger in London zurück. Er sorgte für die Bestattung Saville's, und wohnte der Eröffnung seines Testaments bei.

Wie Saville im Leben den Nothleidenden nie eine hülfreiche Hand geliehen, wie er nur die Reichen aufgesucht hatte, so vermachte er auch jetzt sein Vermögen nur den Vermögenden. Der reiche Godolphin war sein Haupterbe. Von seinen Kindern war gar keine Rede, seiner armen Verwandten war nicht gedacht. Und darin, wie in den übrigen Artikeln seines letzten Willens, folgte Saville nur den Vorschriften der Welt.

Schnell rollte der Wagen dahin, der Konstanze und Godolphin der verödeten Stadt entführte. Klar war der sommerliche Himmel, heiter lächelten die grünen Felder zu beiden Seiten der Straße. Die Natur war wach und geschäftig. Welch herrlicher Gegensatz zu dem künstlichen Treiben, das sie hinter sich gelassen hatten. Konstanze that alles Mögliche, den Geist ihres Gatten zu erheitern, und es gelang ihr; in dem engen Raume, der sie umschloß, strömte ihre Unterhaltung von vertraulicher, inniger Liebe über. Seit dem ersten Monate ihrer Verbindung hatten sie nicht mit weniger Zurückhaltung, mit mehr Hingebung zu einander gesprochen. Der einzige Unterschied war nur, daß sie damals von der Zukunft, jetzt mehr von der Vergangenheit sprachen. Sie bedauerten das Unrecht, das sie einer dem andern gethan und wünschten sich Hand in Hand Glück zu ihrer jetzigen Eintracht. Sie gaben zu, wie alles, was der Liebe fremd war, sie getäuscht hatte, und da sie nicht mehr so viel von der Liebe verlangten, so fühlten sie erst ihre wahre Wichtigkeit. Ach, warum verlieren wir Alle so manches Jahr damit, daß wir nach dem Glück suchen, ohne dessen Natur zu erforschen. Wir gleichen dem, der sich allerlei Bücher in hundert Sprachen anschafft, und da er sie nicht versteht, sich wundert, daß sie ihm kein Vergnügen bereiten.

Noch oft drängte sich jedoch Konstanzen ein düstres Bild auf. Die geheimnisvolle, verlassene Lucilla wurde auch im Glück nicht von ihr vergessen. Manchmal fühlte sie, während ihrer kurzen Reise, sich versucht, die Geschichte dieses unglücklichen Geschöpfes mitzutheilen, aber wenn sie auf Godolphins Gesicht blickte, aus dem ein innrer Frohsinn sprach, wie sie ihn seit Jahren nicht mehr bei ihm gesehen hatte, so konnte sie es nicht über ihr Herz bringen, ihn wieder durch so traurige Erzählungen zu verstimmen.

Alle ihre Versuche, Lucilla's Aufenthaltsort zu entdecken, waren vergeblich. Trotz dem verfolgte sie eine trübe Ahnung, daß vielleicht mit jedem Augenblick, vielleicht in Gegenwart Godolphins, ihr diese Entdeckung bevorstehe und besorgt blickte sie bei jeder Station, wo sie Pferde wechselten, zum Wagen hinaus und fürchtete, die finstern, bangen Züge der Wahrsagerin möchten plötzlich zum Vorschein kommen und den freundlichen Zauber zerstören, der jetzt auf Godolphins Gemüt lag.

Gegen Abend fuhr der Wagen langsam einen hohen, steilen Weg hinan; es war noch eine Stunde vor Sonnenuntergang und zur Rechten glänzten in den schrägen, milden Strahlen die reichen von Hecken durchschnittenen Felder, aus welchen sich hier und da plötzlich eine Eiche oder Ulme erhob und ihren langen Schatten hinwarf. Zur Linken waren die Äcker mit Heerden von Schafen bedeckt, aber man sah keinen Hirten, noch sonst ein menschliches Wesen. Aus den dichten Baumgruppen blickten jedoch einige freundliche Hütten hervor, und gaben der Landschaft einen heitern, stillen Ausdruck, der ganz zu ihr paßte. Das geschäftige Drängen in Konstanzens Brust ruhte, und Godolphins Seele schwamm in den Reizen dieser Stunde und fühlte jene träumerische Glückseligkeit, welcher der Himmel selbst wäre, wenn sie die Stunde überlebte.

– Konstanze – flüsterte er – so kehren wir denn endlich zu diesen Scenen zurück! Aber wann sollen wir sie wieder verlassen? Laß uns hier weilen und unsere Jugend erneuern.

Konstanze seufzte, aber vor Wonne, und drückte Godolphins Hand an ihre Lippen.

Und als sie jetzt den Gipfel des Hügels erreichten, flog eine plötzliche Röthe über Godolphins Wangen.

– Ich irre mich nicht – sagte er – hier die Gegend. Dort das Thal! Das ist nicht die Straße nach Wendover Schloß; das – das ist meines Vaters Haus! – Es ist es, und doch nicht dasselbe.

Und in der That lag dort schimmernd im Abendlicht das Haus, in welchem Godolphin seine Kindheit verbracht hatte. Dort rauschte munter der Strom; dort zog sich der Park mit seinen alten Bäumen hin; aber die Ruinen! Die verfallenden Bogen, der geborstene Thurm standen allerdings noch, aber es waren neue Bogen, neue Thürme erstanden, und so geschickt mit dem Ganzen verbunden, daß Godolphin glauben konnte, die Hallen seiner Ahnen seyen, wenn auch nicht in ihrem alten Umfange, doch in ähnlicher Form und selbst in einer Größe wieder hergestellt worden, welche das stolze Herz ihres letzten Besitzers befriedigt haben würde. Godolphins Blicke wendeten sich forschend zu Konstanzen.

– Es hätte – sagte sie – mehr den alten Verhältnissen entsprechen können, aber dazu hätte der Bau unser halbes Leben in Anspruch genommen.

– Aber auch so müssen Jahre dazu gehört haben.

– Allerdings.

– Und es ist Dein Werk, Konstanze?

– Für Dich.

– Und darum schwanktest Du, als ich Dich um Erhebung des Geldes für den Ankauf der Gemälde bat?

– Ja. Verzeihst Du mir jetzt?

– Theuerste Konstanze – sagte er, seine Arme um sie schlingend – wie sehr habe ich Dir Unrecht gethan. Ich hielt Dich für kalt, theilnahmlos, und währenddes rächtest Du Dich auf eine so edle Weise an den Kränkungen, die ich Dir bereitete. O warum ahnte, warum wußte ich das nicht früher? Warum spartest Du uns nicht beiden ein so langes Mißverständnis?

– Ich hatte Unrecht, lieber Percy, aber ich sah dieser Stunde immer mit einem Entzücken entgegen, dessen ich mich nicht zu berauben vermochte. Ich dachte stets, daß, wenn Du dieses Werk fertig sähest, Du fühlen würdest, wie ganz Du immer in meinem Gedanken lebtest, und daß Du mir deshalb manchen Fehler verzeihen dürftest. Ich wußte, daß ich Deines Vaters höchsten Wunsch erfüllte; ich wußte, daß Du immer, obwohl vielleicht unbewußt, diesen Wunsch theiltest. Ich bedaure darum, daß bis jetzt Alles nur noch so unvollkommen geschehen ist.

– Aber – fuhr Godolphin fort, der, je näher sie kamen, desto gespannter auf das neue Gebäude blickte – aber wie kam es, daß ich nie auf anderm Wege davon erfuhr?

– Erinnerst Du Dich nicht mehr, wie unser Gutsnachbar Dartmour zu uns kam, und Dir ein Kompliment wegen Deiner beabsichtigten Verbeßrungen machte? Du hieltst es damals für Ironie, und drehtest dem bestürzten Manne den Rücken zu.

Sie fuhren jetzt durch das Thor, welches mit Godolphins Wappen geschmückt war, und befanden sich einige Augenblicke darauf in dem wiederhergestellten Hofe der Priorei.

Schwerlich hätte Konstanze durch irgend etwas Godolphin mehr rühren und schmeicheln können, als durch diese Überraschung, denn seine frühere Armuth hatte etwas von dem Ahnenstolz in ihm erweckt, welcher nur dem Armen gut ansteht, und obgleich das Band zwischen ihm und seinem Vater auf keiner zu großen Liebe beruhte, so bedauerte er doch aufrichtig, daß sein Vater nicht lange genug gelebt hatte, um an seinem Reichthum Theil nehmen und denselben zur Verwirklichung der Wünsche benützen zu können, deren Ausführung ihm selbst versagt worden war. Godolphin war überdies seiner Natur nach ganz geeignet, das zarte Benehmen Konstanzens gehörig zu würdigen und es tief zu empfinden, daß, währen der einen von dem ihrigen so abweichenden Weg ging, sie mitten in ihren ehrgeizigen Plänen im Stillen und ohne Dank an der Freude dieser Stunde arbeitete. Er dankte ihr nicht viel mit Worten, aber seine Blicke verriethen, was er fühlte, und Konstanze war überreich belohnt.

Obgleich der neue Theil des Gebäudes nicht ausgedehnt seyn konnte, so entsprach doch jedes Zimmer den großartigen Verhältnissen, welche Godolphins glänzender Geschmack verlangte, und welche allein zu den alten Ruinen paßten. Konstanze hatte ihren Takt darin bewährt, daß sie die Ruine selbst nicht hatte anrühren lassen, aber sie war mit den neuen Zusätzen und mit den Zimmern des alten Hauses, welches ganz umgeformt worden war, so künstlich verbunden, daß größere Wirkung dadurch, als durch manches weitläufigere und anspruchsvollere Gothische Bauwerk hervorgebracht wurde. Godolphin sah sich Alles genau an und war entzückt über den richtigen Takt, mit welchem das Ganze bis in das Kleinste angeordnet war.

Der Abend war außerordentlich schön, und sie gingen im heitern Mondlichte nach der Stelle, wo Konstanze zuerst Godolphin gesehen hatte. Auf dem murmelnden Bache schwammen die Wasservögel, und hie und da rauschte es plötzlich auf im Wasser, wenn ein räuberischer Fisch auf seine Beute schoß. Die Luft war mit balsamischen Düften gefüllt, die Vögel der Nacht schwirrten umher, dort flatterte ein Schmetterling von den Blumen auf und flog, durch den Strahl eines Sternes gelockt, zu dem Lichte auf, das er nicht erreichen konnte. Und die Sterne selbst blickten mit ihren Augen ewiger, unsäglicher Liebe auf Godolphin herab, wie damals, als er mit ihr, für die er allein eine Welt war, an Italiens See schwärmte. Nie, nie konnte er zu diesen geheimnisvollen bleichen Sonnen aufsehen, und nicht mit Schmerz an Lucilla denken! Es herrschte ein Band zwischen ihr und ihnen, das er nicht zu lösen vermochte; stets lag für ihn selbst in ihrem feierlichen milden Gange etwas, was ihm wie eine düstere, furchtbare Drohung erschien.

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