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Godolphin oder der Schwur

Edward Bulwer-Lytton: Godolphin oder der Schwur - Kapitel 66
Quellenangabe
typefiction
booktitleGodolphin oder der Schwur
authorEdward Bulwer-Lytton
year1834
publisherVerlag Jakob Anton Mayer
translatorLouis Lax
addressAachen und Leipzig
titleGodolphin oder der Schwur
submitted20050620
senderniki_nikotini@hotmail.com
created20051104
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Ein und zwanzigstes Kapitel.

Konstanze und die Wahrsagerin.

Konstanze fühlte einen sonderbaren Verdacht in sich aufkeimen, und sie beschloß, um Godolphins Willen, ihm nachzuspüren. Sie warf ihren Mantel um, setzte eine große entstellende Haube auf und begab sich in das Haus der Madame Liehbur.

Das Mohrenmädchen öffnete Konstanze die Thür, und ihr seltsamer Anzug, ihre Afrikanischen Züge, die noch durch lange schimmernde Ohrringe gehoben wurden, schienen der Lady Erpingham, die ein Lächeln nicht unterdrücken konnte, zu den übrigen Scharlatanereien der Wahrsagerin zu gehören.

Sie antwortete auf Lady Erpinghams Frage nur durch ein Zeichen, daß sie verstanden habe, sprang dann gewandt die Treppe hinauf und führte Konstanze in ein Vorzimmer, von wo sie nach wenigen Minuten Zulaß zu dem Gemach der Madame Liehbur erhielt.

Die Wirkung, welche die persönliche Schönheit der Prophetin auf alle, welche sie sahen, hervorbrachte, sprach auch aus dem staunenden Blick der Lady Erpingham. Sie beugte ihr stolzes Haupt mit unwillkürlicher Scheu, und nahm den Platz ein, welchen ihr die Schwärmerin anwies.

– Und was – sagte die Wahrsagerin mit dem fremden Klange ihrer weichen Stimme – was bringt Dich hieher? Möchtest Du die Gabe gewinnen, oder hast Du sie verloren, sie, welche unser armes Geschlecht so hoch über ihren Werth schätzt? Möchtest Du von Liebe mit der Deuterin der Träume, mit der Priesterin der Zukunft sprechen?

Während Madam Liehbur feurigen Blickes sprach, betrachtete die Gräfin durch ihren Schleier das schöne Gesicht vor ihr, verglich es mit der Beschreibung, welche Godolphin von der Tochter des Bildhauers gemacht hatte, und ihr Argwohn wurde nur bekräftigt.

– Ich suche nicht, was Sie meinen – sagte Konstanze – obgleich ich, wenn auch ohne bestimmten Punkt, doch Sie über die Zukunft befragen möchte. Es sucht jeder gern in diese dunkeln, unsren Blicken entzogenen Klüfte zu dringen, welche Ihrer Macht unterworfen seyn sollen.

– Deine Stimme ist sanft, aber befehlend, und Dein Wesen ist stattlich, wie einer, die an Höfen gelebt hat. Lüfte den Schleier, damit ich in Dein Angesicht blicke und aus seinen Zügen das Schicksal lese, welches Dein Karakter für Dich geschaffen hat.

– Ach – antwortete Konstanze – das Leben verräth wenig von seinen vergangenen Ereignissen durch äußere Zeichen. Wenn Sie keine höhere Kunst besitzen, als die auf den Linien des Gesichtes beruhen, so werde ich bleiben, was ich bin, eine Zweiflerin an Ihrer Macht.

– Die Stirn, die Lippen und die Augen und der ganze Ausdruck, sind keine so trüglichen Merkmale, als Du glaubst.

– Dann will ich aus diesen Zeichen Ihr eigenes Schicksal lesen, wie Sie das meinige lesen möchten.

Die Sybille fuhr zusammen und wehrte ungeduldig mit der Hand ab; aber Konstanze fuhr fort:

– Sie sind unter einem südlichen Himmel geboren; Sie wurden auferzogen unter den Trugbildern, welche Sie jetzt lehren; sie wurden geliebt, verlassen; Sie sind in dem Vaterlande Ihres Geliebten. Ist es nicht so? Bin ich nicht auch ein Orakel?

Die geheimnisvolle Frau sank zurück auf ihren Stuhl; ihre Lippen erbleichten, ihre Hände ballten sich, ihr Auge starrte auf ihren Gast.

– Wer sind Sie! – rief sie endlich mit gellender Stimme. Wer von meinem Geschlecht kennt meine unselige Geschichte? Sprechen Sie! Sagen Sie mir mehr. Überzeugen Sie mich, ob Sie bloß zufällig mein Geheimnis erraten haben, oder ob Sie ein Recht haben, es zu wissen.

– Verließ nicht Ihr Vater – fuhr Konstanze mit dem schwärmerischen Ausdrucke fort, den sie der, mit welcher sie sprach, entlehnte, seine kalte Heimath, um sie mit dem blauen Himmel Roms zu vertauschen? Und klingt nicht der Name Percy Godolphins noch in den Ohren Lucilla Volktmanns?

Die Wahrsagerin stieß einen lauten Schrei aus und sank leblos zu Boden. Bestürzt und ihre Vorschnelligkeit bereuend, eilte Konstanze zu ihrem Beistande herbei. Sie hob das arme Geschöpf auf, welchem sie unbewußt so bitteres Weh bereitet hatte; sie machte ihr das Kleid auf und bemerkte, daß sie um den Hals ein breites elfenbeinernes Band trug, auf welchem sich viele seltsame Zeichen und Bilder befanden. Dieser Beweis, daß die Prophetin nicht bloß andere, sondern auch zunächst sich selbst täuschte, rührte die Gräfin. Während sie Lucilla's Schläfe rieb, trat die Mohrin, welche den Schrei vernommen hatte, in das Zimmer. Sie schien erstaunt und erschrocken über den Zustand ihrer Gebieterin und ergoß sich in einer Konstanzen unbekannten Sprache, in eine Fluth von Ausrufen, welche ein Gemisch von Klagen und Vorwürfen schienen. Sie ergriff Lady Erpingham's Hand, schleuderte sie unwillig zurück, legte das bleiche Gesicht Lucillas an ihre Brust und bedeutete Lady Erpingham sich zu entfernen, aber Konstanze, die das Gehorchen wenig verstand, blieb neben der noch immer bewegungslosen Lucilla, welche erst spät und langsam und mit schweren Seufzern zum Leben und Bewußtseyn erwachte.

Während die Gräfin Lucilla beisprang, hatte sie ihren Schleier bei Seite geworfen und die Augen der Wahrsagerin öffneten sich, um eine Schönheit zu sehen, die, einmal erblickt, nicht mehr zu vergessen war. Unwillkürlich schloß sie die Augen wieder und stöhnte laut; schnell aber sammelte sie all ihren Muth, zog ihre Hand aus der Konstanzens und befahl ihrer Mohrin, sie wieder zu verlassen.

– Also Percys, Godolphins Weib, sagte Lucilla nach einer Pause, sein Englisches Weib ist es, welches gekommen ist, die gefallene, entehrte Lucilla zu sehen, und doch – fügte sie hinzu, indem ihre Stimme eine unbeschreibliche, schmerzliche Weichheit annahm – und doch habe ich an seinem Herzen geruht und war ihm theuer und heilig, wie Du. Geh, stolze Lady, geh. Überlasse mich meinem Wahnsinne, meinem Unglück, meiner Einsamkeit. Geh!

– Theure Lucilla – sagte Konstanze herzlich, indem sie wieder ihre Hand zu ergreifen suchte – stoßen Sie mich nicht von sich zurück. Ich habe lange an Ihrem edlen, obgleich irrenden Herzen, an ihrem harten, bitteren Unglück Theil genommen. Betrachten Sie mich als eine Freundin, als eine Schwester. Lassen Sie sich bewegen, dies sonderbare, unstete Leben aufzugeben, wählen Sie sich selbst eine Heimath; ich bin reich, und was Sie wünschen, soll Ihnen zu Gebote stehen. Er soll nichts mehr von Ihnen erfahren, Sie müßten denn, um die Gewissensbisse zu beschwichtigen, welche die Erinnerung an Sie noch in ihm erweckt, selbst mit Ihrer eigenen Hand ihm anzeigen wollen, daß Sie wohl sind, und Ihre frühere Verzeihung nicht widerrufen. Kommen Sie, theure Lucilla – setzte die hochherzige Konstanze hinzu, indem sie ihren Arm um den schwächlichen Körper Lucillas schlang, die jetzt weinte, als ob das Herz ihr brechen sollte – kommen Sie, gönnen Sie mir die hohe Freude, für Ihr künftiges Wohl sorgen zu können. Ich war die Ursache all ihres Elends; ohne mich wäre Godolphin für immer der Ihre gewesen, würde er durch eine Heirath das Ihnen zugefügte Unrecht gut gemacht haben, ohne mich hätten Sie nicht wie eine Geächtete die ungastliche Erde durchzogen. Lassen Sie mich Ihnen in etwas ersetzen, was ich Ihnen zugefügt habe. O, sprechen Sie mit mir, Lucilla!

– Ja ich will zu Ihnen sprechen – sagte die arme Lucilla und warf sich nieder und umfaßte mit heißer Dankbarkeit die Knie der freundlichen Trösterin; seit langen – ich darf nicht daran denken, seit wie langen Jahren habe ich nicht die Stimme der Theilnahme vernommen. Unter fremde Gesichter ward ich geschleudert, harte Worte habe ich gehört und wenn ich aus den Träumen meiner Jugendzeit mir dieses Leben gebildet habe, welches Sie, aber mit Unrecht, gering schätzen, so that ich es nur, damit ich allein und unabhängig da stehen könne, gefürchtet und nicht verachtet. Und nun sprechen Sie, Sie, die ich bewundere und beneide und mehr als ein lebendes Weib verehren möchte, denn er liebt Sie und hält Sie seiner würdig; nun sprechen Sie mir zu, wie eine Schwester und – und – sie konnte vor Schluchzen nicht weiterreden, und Konstanze selbst, die gleich sehr angegriffen war und sie vergeblich aufzurichten suchte, kniete ebenfalls nieder und umfing sie zärtlich und bemühte sich weinend, sie zu trösten.

Dies war ein schöner Augenblick in dem Leben Konstanzens; nie schien sie höher, edler, als da sie, sich selbst erniedrigend, zur Seite des armen Opfers ihres Gatten kniete und ihr von Zukunft, Glück und Erbarmen sprach. Aber diese Träume konnten den verstörten, irren Geist Lucillas nicht lange fesseln und beruhigen. Als sie sich etwas gefaßt hatte, stand sie auf, warf die wild um ihre Schläfen wallenden Haare zurück und sagte mit ruhiger, aber klagender Stimme:

– Ihre Hülfe kommt zu spät. Ich bin dem Tode nah. Er kommt schnell, schnell. Ich habe nichts mehr, als eben diese Visionen, diese Gewalt, oder, wie Sie es nennen, diesen Trug, von dem Sie mich losreißen wollen. Nein, blicken Sie mich nicht so verwundert, so vorwurfsvoll an. Wissen Sie nicht, daß Menschen in Armuth, Krankheit und ähnlichem Elend sich an den schöpferischen Geist in ihnen geklammert haben, an eine mit Wahngebilden bevölkerten Welt, welche sie Poesie nennen. Und dieser Reichthum waren ihnen schätzbarer als alles, was Vermögen und Prunk ihnen bieten konnten! So – fuhr Lucilla mit glühendem, wahnsinnigem Enthusiasmus fort – so ist meine eingebildete Welt, meine Begeisterung, was andern die Poesie seyn mag. Ich kann mich irren in der Wahrhaftigkeit meines Glaubens. Es gibt Zeiten, wo mein Kopf kalt ist und mein Körper ruht und ich allein sitze und an die Vergangenheit denke und mein Vertrauen erschüttert und meinen Eifer gelähmt fühle. Aber dieser Gedanke tröstet mich nicht, sondern peinigt mich und schnell stürze ich mich in den Zauber und in die Träume, die mich meinem lebenden Ich entreißen. – O Lady, schön und glücklich, wie Sie sind, möchte doch eine Zeit kommen, wo Sie glauben können, daß selbst Wahnsinn eine Erholung ist. Denn wenn es Nacht um uns auf Erden ist und die Weltkinder schlafen, ist es eine wilde Lust, allein zu sitzen, zu wachen und zu vergessen, daß wir leben und elend sind. Die Sterne sprechen mit wunderbarer, begeisternder Stimme zu uns, und sie reden von dem Untergange der Menschen und dem Sturze der Reiche und verkünden die fernen Ereignisse, wie sie sie den alten Chaldäern offenbart haben. Und dann heißen uns die Winde, die auf und ab ziehen, mit sich gehen und den Gesang der mitternächtlichen Geister hören, denn sie wissen – flüsterte sie lächelnd, und legte die Hand auf den Arm der schaudernden Konstanze, welche jetzt erst sah, wie vergebens hier jede Hülfe sey – daß die Welt zweien Arten von Wesen hingegeben ist, welche leben und eine Seele haben: die eine ist körperlich und sichtlich wie wir, die andere herrlicher, aber unsichtbar für unseren stumpfen Blick, obgleich ich sie wohl erschaut habe – feierliche Schatten, schrecklich sogar in ihrer Heiterkeit; die Nacht ist die Zeit ihres Wirkens, wie uns der Tag; sie wandeln in den Sternenstrahlen, und fliegen auf den Fittichen der Winde. Und mit ihnen und durch ihre Gedanken erhebe ich mich von dem, was ich bin und war. Ach Lady, wollen Sie mir diesen Trost nehmen?

– Aber – sagte Konstanze, die aus dem sanften Wesen, welches Lucilla's Wahnsinn trug, Muth schöpfte und sie nur zu beruhigen, und nicht ihr in ihrem jetzigen Erguß zu widersprechen suchte – aber, Lucilla, auf dem Lande, an irgend einem ruhigen und sichern Orte könnten Sie sich auch diesen Visionen überlassen und die Sorgen und Verlegenheiten meiden, welche Sie jetzt plagen müssen. Sie brauchten nicht das gefährliche, umherstreifende Leben zu führen, welches Sie nicht selten Beleidigungen und der Unzufriedenheit mit Ihnen selbst aussetzen muß.

– Sie irren sich, Lady – sagte die Wahrsagerin stolz – es kennt mich niemand, der mich nicht fürchtet. Ich bin mächtig und ich halte meine Macht fest – sie richtet mich auf; was wäre ich ohne sie? Ein gebeugtes, verlassenes, elendes Weib. Nur die Macht, welche ich besitze, die geheimsten Tiefen der Menschen zu erschüttern, versöhnt mich mit mir und der Vergangenheit. Und ich bin nicht arm – schloß sie, als mit der eigenthümlichen Wunderlichkeit ihrer Krankheit ein neuer Argwohn in ihr erwachte – ich brauche keines Fremden Barmherzigkeit, ich habe genug gelernt, um mich selbst zu erhalten. Wenn ich wollte, könnte ich reich seyn.

– Und – sagte Konstanze, die erkannte, daß sie für den Augenblick ihre wohlwollende Absicht aufgeben müsse – Godolphin – verzeihen Sie ihm noch?

Es war, als ob dies Wort zauberhaft auf den fiebernden Sinn der armen Schwärmerin wirkte; sie ließ das stolz aufgerichtete Haupt sinken; eine tiefe Röthe flog über ihre bleiche Wange, sie zitterte heftig und sank einige Augenblicke darauf auf ihren Sessel zurück und bedeckte sich das Gesicht mit beiden Händen. Ach – sagte sie sanft – das Wort führt mich in meine Jugend zurück, als ich noch keine Gewalt begehrte, außer der, welche der Liebe mir über Ein Herz verlieh; es führt mich zurück zu dem blauen See Italiens und den schwankenden Tannen und unserer einsamen Wohnung und meines Kindes fernem Grabe. – Sage mir – rief sie wieder aufspringend – hat er mich nicht in seinen Träumen gesehen? Bin ich nicht seiner Seele erschienen, als der Körper, erstarrt und gefesselt, uns nicht mehr trennte und ich mich in heimlicher Stunde vor seinen Blick zauberte? Sage mir, hat er Dir nicht gestanden, daß Lucilla ihn auf seinem Lager verfolgte? Wenn ich mich irre, so ist mein Zauber nichtig, meine Macht war ein Wahn, und ich bin das hülflöse Geschöpf, für das Du mich hälst.

Trotz ihres Verstandes und ihres festen Sinnes schauderte Konstanze doch bei diesen geheimnisvollen Worten, da sie dadurch an das, was ihr Percy von seinen Träumen gesagt hatte und an die Angst erinnert wurde, von der sie selbst ihn in seinen Schlafe bewegt gesehen hatte. Sie schwieg und Lucilla betrachtete sie mit einer Art Triumph.

– Meine Kunst ist also doch nicht so leer, als Du denkst. Aber still! Vergangene Nacht habe ich ihn gesehen, nicht im Geist, sondern von Angesicht zu Angesicht, denn ich wandere zuweilen um sein Haus (einst war sein Haus auch mein Haus) und er sah mich und war niedergeschmettert von Furcht, denn in diesen Zügen konnte er nicht die lebende Lucilla wiedererkennen. Aber gehe zu ihm – Du sein Weib, ganz sein – geh zu ihm, sage ihm – doch nein, sage ihm nichts von mir. Er darf mich nicht aufsuchen, wir dürfen nicht zusammen treffen; denn, oh Lady (und Lucilla's Gesicht nahm einen so traurigen, so übernatürlich schmerzlichen Ausdruck an, daß Worte dessen tiefen, feierlichen Kummer nicht schildern können) wenn wir beide wieder zusammentreffen, mit einander zu sprechen, wenn ich noch einmal diese Hand berühre, noch einmal seinen süßen Athem fühle, dann ist meine letzte Stunde vor der Thür und Gefahr, finstre, plötzliche, tödtliche Gefahr ist ihm auf der Ferse.

Lucilla schloß, während sie so sprach, die Augen, als ob sie irgend ein schreckliches Gesicht aus ihren Blicken bannen wollte, und Konstanze sah sich angstvoll um, als ob sie fürchtete, es müsse sich jetzt eine Erscheinung zeigen. Lucilla aber schritt schweigend durch das Zimmer und winkte Konstanzen, ihr zu folgen. Sie traten in ein anderes Gemach; vor einer Nische hing ein schwarzer Vorhang. Lucilla zog ihn langsam bei Seite und Konstanze wandte ihre Augen von einem blendenden Licht ab, das ihr entgegenstrahlte; als sie wieder hinblickte, sah sie eine Glasscheibe, die mit vielen Hieroglyphen und schön gearbeiteten Engelsgestalten bedeckt war und um die Scheibe waren viele Sterne und Planeten in gehöriger Ordnung angebracht. Diese waren durch irgend einen chemischen Prozeß erleuchtet und schimmerten mit einem hellen Silberlichte. Und Konstanze sah, daß die Scheibe sich drehte, und daß die Sterne sich mit drehten, aber jeder mit einer besondern Bewegung, und in der Mitte der Scheibe waren Stäbe, wie Zeiger einer Uhr, die sich, aber so langsam, bewegten, daß man nur bei langem Hinsehen es bemerkte.

Während Konstanze staunend dies sonderbare Werk betrachtete, zeigte Lucilla auf einen Stern, der heller leuchtete, als die übrigen, und um die Hälfte der Scheibe unter ihm war ein anderer, matter, bleicher Stern, der, wenn man genau Acht gab, in schnellerm und unregelmäßigerm Laufe zu kreisen schien, als die andern.

– Der glänzende Stern – sagte sie – ist sein, und der trübe, erlöschende mein Bild. In der Bahn, die sie beide durcheilen, müssen sie endlich sich begegnen, und wenn sie sich begegnen, so steht das ganze Werk – das Geschäft der Scheibe ist gethan für immer. Diese Zeiger offenbaren stündlich die Fortschritte zu diesem Ziele. So zähle ich die Tage meines Geschickes, so kenne ich, fast bis auf eine Sekunde, die Zeit, in welcher ich zu meinem Vater im Himmel zurückkehren werde.

– Und nun – fuhr die Träumerin fort, als sie den Vorhang fallen ließ, die Hand ihres Gastes ergriff und sie in das äußere Zimmer zurückführte – und nun leben Sie wohl! Sie haben mich gesucht, und wie ich fühle, nur aus edlen, großmüthigen Absichten. Wir werden uns nie wieder begegnen. Sagen Sie Ihrem Manne nicht, daß Sie mich gesehen haben. Er wird bald, nur allzubald, von mir hören; gern würde ich ihm diesen Schmerz ersparen, so wie – sie wurde bleich bei diesen Worten – so wie die Gefahr dabei; aber das Schicksal verbietet es. Was geschrieben ist, ist geschrieben, und wer kann den Spruch Gottes aus den Sternen auslöschen, die sein Buch sind? Leben Sie wohl! Es sind hohe Gedanken auf Ihre Stirn geschrieben, mögen sie Ihnen Glück bereiten, oder, wo sie das nicht vermögen, Sie trösten und aufrecht halten. Leben Sie wohl; ich habe noch nicht vergessen, dankbar zu seyn und ich wage noch zu beten.

Lucilla küßte die Hand, welche sie ergriffen hatte, wendete sich schnell ab, und eilte in das Zimmer zurück, welches sie eben verlassen hatte; sie schloß die Tür ab, und ließ die verstummte, betäubte Konstanze allein die traurige Stätte verlassen. Mit unsichren Schritten stieg sie die Treppe herab, an welcher die kleine Mohrin sie erwartete. Bei ihrer aufgeregten Phantasie schien ihr in dem Blicke der jungen Afrikanerin und dem Schimmer ihrer weißen Zähne etwas Übernatürliches, Gespenstisches. Sie eilte nach ihrem Wagen, den sie an der Ecke der Straße gelassen hatte, und schöpfte frischen Athem, als sie ihn erreichte; sie warf sich zurück in die weichen Kissen, und fühlte sich ganz erschöpft von diesem wunderbaren Ereignis, das ihr fast wie ein Traum vorkam, wenn sie auf den lichten Tag und das lärmende Treiben der Straßen hinausblickte.

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