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Godolphin oder der Schwur

Edward Bulwer-Lytton: Godolphin oder der Schwur - Kapitel 65
Quellenangabe
typefiction
booktitleGodolphin oder der Schwur
authorEdward Bulwer-Lytton
year1834
publisherVerlag Jakob Anton Mayer
translatorLouis Lax
addressAachen und Leipzig
titleGodolphin oder der Schwur
submitted20050620
senderniki_nikotini@hotmail.com
created20051104
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Zwanzigstes Kapitel.

Ahnung.

An demselben Abend trat Konstanze in Godolphins Zimmer, der bleich, erschüttert und beinahe bewußtlos sich gegen die Wand lehnte. – Guter Gott, Du bist krank – rief sie und schlang ihren Arm um seinen Nacken. Er sah sie lang und nachdenkend an und athmete schwer, bis er sich endlich ganz erholte und niedersetzte. Nach einer Weile ergriff er Konstanzens Hand und sagte:

– Höre mich, Konstanze. Meine Gesundheit, fürchte ich, ist gebrochen; ich werde durch schreckliche Bilder gequält, ein magischer Einfluß verfolgt mich. Mehrere Nächte hat mich, vor dem Einschlafen, ein kaltes Zittern geschüttelt, das Haar sträubte sich mir und mein Blut schien zu erstarren. Ich versuchte zu sprechen, zu schreien, aber meine Zunge klebte mir am Gaumen und ich fühlte, daß ich keine Gewalt über mich habe. Plötzlich und mitten in diesem Todeskampfe versank ich in schweren Schlaf, aber dann stiegen wüste Träume auf, in denen die Tochter Volktmanns die Hauptrolle spielte, aber ihr Gesicht ist verändert, ruhig, unbewegt, und es starrt mich an, mit Augen, die mir in der Seele brennen. Der Traum verschwindet, ich erwache, aber ermattet, erschöpft. Ich habe Ärzte um Rath gefragt, Medizin genommen, aber ich kann den Zauber nicht brechen, die Angst und die Träume nicht verscheuchen. Und jetzt eben, Konstanze, jetzt eben – Du selbst, das Fenster nach der Straße ist offen, das Gartenthor ist unverschlossen – ich schlug die Augen auf und oh, in trübem Mondlicht blickte mich das Gesicht meiner Träume, das Gesicht Lucillas an, aber wie war es verändert! Barmherziger Himmel! ist es ein Trug, oder wäre Lucilla wirklich in England? Stehen diese Träume, diese Schrecken, in Verbindung mit der geheimnisvollen Sympathie, welche uns immer verband, und welche nach der Verkündigung ihres Vaters erst mit unserem Leben enden sollte?

Godolphin zeigte so selten seine Bewegungen und hier waren sie so heftig, daß es Konstanzen an Muth fehlte, sie zu beschwichtigen, zu zerstreuen: sie war selbst bestürzt, erschüttert und blickte voll Furcht nach dem Fenster, die Erscheinung könnte sich wieder zeigen. Aber draußen war alles still, kein Blatt rührte sich, keine menschliche Gestalt war zu sehen. Sie wendete sich wieder zu Godolphin, küßte die Tropfen von seiner Stirn und preßte seinen Kopf an ihre Brust.

– Ich habe eine Ahnung – sagte er – daß bald etwas Schreckliches geschehen wird. Ich fühle etwas, als ob mir eine große Krise des Lebens bevorstünde, und als ob ich aus der hellen sichtlichen Welt in die dunklen Regionen übergehen müßte. Konstanze, es verfolgen mich fremdartige Zweifel über die Wahl meines verflossenen Lebens. Ich habe nur die Gegenwart gesucht, ich habe den Ehrgeiz und die Arbeit mir verschworen und die Zukunft verlacht; meine Hand hat nach den Rosenblättern gegriffen und sie sind mir in der Hand verwelkt. Meine Jugend entflieht und was hätte ich thun können, wenn ich einem anderen Glauben gefolgt wäre! Doch still davon! Meine Nerven sind angegriffen und ich spreche wie ein Thor. Leihe mir den Arm, Konstanze, wir wollen in den Saal gehen und uns Musik bestellen.

Im Laufe des Abends sprach Lord Saltream auf seinem Wege nach dem Oberhause bei Godolphin an. Der Trübsinn Beider zog sie zu einander hin; sie näherten sich dem beinahe erloschenen Feuer und sprachen über Dinge, die für die gewöhnliche Welt zu ernst gewesen wären. Lord Saltream erzählte von der Madame Liehbur, ihrem Gespräch, dessen Wirkung auf ihn, dem Zauber, mit welchem sie auf seine Phantasie gewirkt hatte und dessen Natur er nie offenbaren zu wollen geschworen hatte, von der düstren Zukunft, welche ihm enthüllt worden. Dabei schauderte er und theilte Godolphin die gräßliche Verkündigung mit, die er auch Radclyffe bereits bekannt hatte. Godolphin hörte ihm mit tiefem Interesse zu; seine ewige nächtliche Qual, die Erscheinung am Fenster, alles regte eine abergläubische Stimmung in ihm an. Konstanze saß daneben und sagte nichts, obgleich sie sich mit Schmerz wunderte, wie ein solcher Eindruck auf einem Mann von solchem Geiste möglich sey.

Lord Saltream war einer der politischen Pessimisten; er glaubte, das Land stände am Rande einer furchtbaren Revolution, er war überzeugt, daß die durch die Meinung erwartete Veränderung nur die Folge von Gewaltthätigkeiten seyn würde.

– Es ist auffallend – sagte er – daß, selbst in neuen aufgeklärten Zeiten, sobald sie von Unruhen bewegt sind, es einen Ueberfluß an Schwärmern und Propheten gibt, daß sie selbst unter den ernstern forschenden Geistern Proselyten machen. Bei der Revolution, welche das Haus Braganza auf den Thron von Portugal brachte, sehen wir, wie die dunkelsten Theorien Mode werden und selbst die Anführer leiten. In Frankreich kamen mit dem ersten Ausbruche der Revolution alle Arten von Prophezeiungen zum Vorschein; eine fanatische Sekte gab vor, sie lehre die Zukunft und zählte zu ihren Anhängern einige der späteren Hauptpersonen dieser schrecklichen Tragödie. Selbst vor dem Fall Napoleons kamen ähnliche Ausgeburten in Mode und die verwirrtesten Spekulationen gingen Hand in Hand mit der schlagenden Wahrheit. Blicken Sie auf unseren Bürgerkrieg gegen Karl I. zurück und erinnern Sie sich des unendlichen Aberglaubens, welcher in jener stürmischen Zeit auftauchte und jetzt wo, wie es auch enden möge, eine große Veränderung in Meinungen und Systemen unseres Landes bevorsteht, werden vernünftige, ruhige, nachdenkende Menschen, wie wir, von einem Aberglauben ergriffen, von dem wir früher keinen Gedanken hatten, und der uns jetzt bis ins Innerste erschüttert. Es ist, als ob die Gährung und Aufregung des allgemeinen Geistes auch in kleinen individuellen Kanälen brauste, und zu gleicher Zeit die gewaltige Eiche und den bescheidenen Halm aus seiner Ruhe risse.

Mit solchen, durch Anekdoten gemischten Gesprächen, verging der Abend.

Konstanze wachte die ganze Nacht bei Godolphin und merkte mit stummem Entsetzen auf die Zuckungen, welche seinen Schlaf störten, auf den Schaum, der sich um seinen Munde sammelte, auf den Schrei, den er ausstieß. Aber sie fühlte sich belohnt, als er beim Grauen des Tages erwachte, den Blick zu ihrem besorgten zärtlichen Auge aufschlug, an ihre Brust stürzte und den himmlischen Segen für ihre Liebe herabflehte.

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