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Godolphin oder der Schwur

Edward Bulwer-Lytton: Godolphin oder der Schwur - Kapitel 62
Quellenangabe
typefiction
booktitleGodolphin oder der Schwur
authorEdward Bulwer-Lytton
year1834
publisherVerlag Jakob Anton Mayer
translatorLouis Lax
addressAachen und Leipzig
titleGodolphin oder der Schwur
submitted20050620
senderniki_nikotini@hotmail.com
created20051104
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Siebenzehntes Kapitel.

Konstanze macht eine Entdeckung, die sie über Godolphins Wesen aufklärt.

Wenn Konstanze auch sich, oder vielmehr ihren erschütterten Nerven, ihrer zunehmenden Schwäche bittre Vorwürfe darüber machte, daß sie vor einem Fremden, und noch dazu vor einem Manne verrathen habe, wie sehr ihr Glück von dem Herzen ihres Gatten abhinge, wenn auch ihr Gewissen es schnell tadelte, daß sie einem Andern ihre häuslichen Beschwerden mitgetheilt hatte, so konnte sie doch auf der anderen Seite das lebhafte Entzücken nicht bemeistern, mit welchem sie sich die Worte zurückrief, die ihr so feierlich Godolphins Liebe zusicherten. Sie hatte einen festen Glauben an Radclyffes Scharfblick und Aufrichtigkeit und wußte, daß er weder täusche, noch leicht getäuscht werden konnte; hatte sie auch wirklich Godolphins Natur genug erforscht, sich ihr genug gefügt? Hatte Sie, selbst vernachlässigt, nicht Gleiches mit Gleichem erwidert? Daß Radclyffe, der alte, strenge Radclyffe etwas mehr wie Freundschaft für sie empfinde, fiel ihr im Traum nicht bei und die bloße Vermuthung hätte ihn auf immer aus ihrer Nähe verbannt. Und obgleich es Radclyffe in seiner glänzenden, unternehmenden Jugend nicht an den Künsten gefehlt hatte, welche bei den Frauen selbst Haß in Liebe verwandeln können, so hätten doch hundert mal stärkere Zauberkräfte ihm nichts bei Konstanze genutzt.

Konstanze schwelgte in süßen Erinnerungen. Ihr Herz dachte zurück an ihre erste Liebe in den Schattengängen von Wendover, an das erste Geständnis des schönen, enthusiastischen Jünglings, als er an ihrem Altare einen Genius, ein Herz darbringen wollte, das Früchte tragen konnte, welche die Indolenz des späteren Lebens, die Lethargie der getäuschten Hoffnung vor der Zeit vernichtete. Wenn er jetzt taub war gegen die von ihr so hoch gestellten Lebensprinzipien, so war sie ja gewissermaßen selbst Schuld daran. Hatte es nicht einen Tag gegeben, wo er zu arbeiten, zu streben, die Richtung seines Geistes, um einer Verbindung mit ihr willen, zu opfern gelobt hatte? Hatte sie auch Recht, daß sie sich so streng an ihres Vaters Sterbeworte hielt? Sie blickte um Antwort nach ihres Vaters Bilde und zum erstenmale schien ihr dies kühne, beredte Gesicht kalt und stumm sie anzusehen.

Stunden vergingen mit diesen Betrachtungen und Mitternacht kam, ohne daß Konstanze ihr Zimmer verließ. Sie schellte ihrer Kammerfrau und fragte, ob Godolphin zu Hause sey. Er war vor einer Stunde gekommen und hatte sich, über Müdigkeit klagend, zur Ruhe begeben. Konstanze entließ die Dienerin und schlich sich in sein Gemach. Er schlief bereits; sein Kopf ruhte auf seinem Arme und sein schönes Haar fiel wild über das Gesicht herab, das sich jetzt unter dem Einfluß eines Traumes bewegte. Konstanze stellte das Licht zurück und setzte sich neben ihn und bewachte seinen Schlaf, der, wenn er ihn auch schnell befallen hatte, doch unruhig und bewegt war. Zuletzt sprach er vor sich hin. – Ja, Lucilla – sagte er – ja, ich sage Dir, Du bist gerächt. Ich habe Dich nicht vergessen! Ich habe es nicht vergessen, daß ich Dich betrogen, verlassen habe! Aber war es meine Schuld? Nein, nein. Und doch habe ich darum nicht weniger es zu vergessen gesucht. Diese elenden Ausschweifungen, diese frostigen Vergnügungen sind sie nicht Dein Werk? Und nun kommst Du – Du – o – laß – verschone mich!

Erschrocken zog sich Konstanze zurück. Das war ein neuer Schlüssel zu Godolphins jetzigem Leben, zu seinem Durste nach Vergnügungen. Hatte er wirklich die Qualen des Gewissens zu fliehen gesucht? Statt ihn mit der Vergangenheit auszusöhnen, hatte sie ihn also allein dem Kampfe mit bitteren Gedanken überlassen und die Aufopferung der Aufgegebenen in ein helleres Licht gegen die Gleichgültigkeit der Gewonnenen gesetzt? Sie schlich sich in ihr Zimmer zurück, um sich still mit ihrem Herzen zu berathen.

– Mein theurer Percy – sagte sie am nächsten Tage, als er nachlässig vor seinem Ausreiten in ihr Boudoir trat. – Ich habe Dich um etwas zu bitten.

– Wer hat je Lady Erpingham etwas abgeschlagen?

– Du wenigstens gewiß nicht. Aber ich habe eine große Bitte.

– Sie ist gewährt.

– Ich wünsche, daß wir den Sommer in –shire verbringen.

Godolphins Stirn umzog sich.

– In Wendover, Konstanze? – sagte er, nach einer Weile.

– Wir sind seit unserer Heirath noch nicht da gewesen – sagte Konstanze ausweichend.

– Hm! Wie Du willst.

– Es war der Ort, Percy, wo Du mir zuerst Deine Liebe gestandest.

Die Betonung dieser Worte schlug die rechte Saite in Godolphins Brust an; er blickte auf und sah, daß ihre thränenschweren Augen auf ihn gerichtet waren.

– Konstanze – sagte er ergriffen – wer hätte gedacht, daß Dir diese Erinnerung noch werth sey?

– Ach, wie kann ich sie je vergessen? Damals liebtest Du mich!

– Und ich wurde verworfen.

– Oh, ich glaube jetzt, daß ich Unrecht hatte.

– Nein, Konstanze, Du hattest Unrecht, daß Du, um Deines eigenen Glückes willen, mich nicht zum Zweitenmale verwarfst.

– Percy!

Konstanze! – Dieses Wort wurde mit einem Ausdrucke gesprochen, welcher Konstanzen ermuthigte. Sie warf sich an Godolphins Brust und flüsterte:

Habe ich Dir weh getan, so vergib mir; laß uns einander wieder seyn, was wir waren.

Eine solche Sprache in dem Munde eines Weibes, bei dem so zärtliches, schmachtendes Flehen nicht gewöhnlich war, mußte Godolphin erschüttern. Er drückte sie fest an sich und küßte sie leidenschaftlich und sagte: – Sey immer so, Konstanze, und Du wirst mir mehr sein, als je.

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