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Godolphin oder der Schwur

Edward Bulwer-Lytton: Godolphin oder der Schwur - Kapitel 60
Quellenangabe
typefiction
booktitleGodolphin oder der Schwur
authorEdward Bulwer-Lytton
year1834
publisherVerlag Jakob Anton Mayer
translatorLouis Lax
addressAachen und Leipzig
titleGodolphin oder der Schwur
submitted20050620
senderniki_nikotini@hotmail.com
created20051104
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Fünfzehntes Kapitel.

Aberglauben. – Seine wunderbare Wirkung.

Es war wirklich in London eine Frau erschienen, welche in den letzten Jahren sich auf dem Continente durch die Kühnheit bekannt gemacht hatte, mit welcher sie die befremdendsten Lehren verbreitete und von dem angeblichen Eintreffen ihrer Prophezeiungen sprach. Sie erklärte, daß sie an alle Dogmen glaube, welche der Morgenröthe der neuen Philosophie vorangingen und ihre wunderbare, lebhafte und düstere Beredsamkeit unterstützte die Theorien, welche, obgleich der Menge unverständlich, doch den Einzelnen anzog. Niemand kannte ihr Vaterland, obgleich man glaubte, sie käme aus dem Norden Europa's. Sie lebte einsam, suchte keine Bekanntschaften; sie war schön, aber ihre Schönheit war nicht irdischer Art; die Männer bewunderten sie, ohne ihr den Hof zu machen, und obgleich die Lästerung früher auch sie nicht verschont hatte, so lebte sie doch jetzt ganz außer dem Bereiche menschlicher Leidenschaften. Die Frau Liehbur (unter diesem Namen war die Wahrsagerin bekannt) wurde auch in der That nicht für eine Betrügerin, sondern eher für eine Fanatikerin gehalten. Sie war verrückt, aber mit einer gewissen Methode in ihrer Verrücktheit; ein übernatürlicher, fürchterlicher Geist hauste in ihr und sprach aus ihrem Munde; ihre eigene Stimme bebte, und sie wurde durch ihr Orakel mehr erschüttert, als sogar ihre Zuhörer.

In Wien und Paris hatte sie sich großen, selbst einen furchtbaren Ruf gemacht, die größten Männer dieser Hauptstädte hatten sie befragt und äußerten sich mit einer gewissen ehrfürchtigen Scheu über ihre Aussprüche. Sie wirkte auf die Phantasie und diese erfüllte hinterher, was sie prophezeit hatte; der Glaube sicherte die Erfüllung der Wunder, denen er entgegensah. Mancher träumt, daß er zu einer bestimmten Stunde sterben werde, die Stunde kömmt und der Traum verwirklicht sich. Der kräftigste Zauber ist nichts im Vergleich gegen die Phantasie selbst. Macbeth ward zum Mörder, nicht weil die Hexen es verkündeten, sondern weil ihr Verkündigen den Gedanken daran erweckte. Die Wahrsagerin kannte dieses Prinzip sehr gut und wirkte auf die allen gemeinschaftliche Triebfeder und säete ihre Sprüche auf diesen fruchtbaren Boden.

In London gibt es immer Leute genug, die dem Neuen nachlaufen und Madame Liehbur kam bald in Mode. Man hat Minister, bis an den Hals vermummt, aus ihrer Thüre eilen sehen, und selbst der kälteste aller lebenden Weisen gestand, daß sie ihm Sachen offenbart habe, die sie durch menschliche Mittel nicht erfahren habe können. Aber welches Zeitalter ist frei von Täuschung? Man läuft im neunzehnten Jahrhundert einer Thorheit noch eben so gut nach, wie im achten.

Es war Abend, und Radclyffe, der unter der Gallerie des Unterhauses einer langweiligen Diskussion zugehört hatte, kam heraus, um frische Luft zu schöpfen und wanderte, angezogen durch die heitere Frische der Luft, bis zu dem naheliegenden Kirchhofe. Hier ging er sinnend auf und ab, als er die Gestalt eines Mannes erblickte, der an einem Grabstein stand, und mit sich selbst zu sprechen schien. Radclyffe sah ihm genau in das Gesicht und erkannte Lord Saltream. Auch der Earl wendete sich plötzlich um und bemerkte Radclyffe.

– Ha! sagte er freundlich – hat dieser Platz auch für Sie Reiz? Ich habe mich aus dem Oberhause weggestohlen und blicke auf diese bescheidenen Gräber, um mich mit mir selbst zu versöhnen, daß ich dem Ehrgeize abtrünnig werde. Sehen Sie hier, wie die Unterscheidungen, die wir im Leben machen, noch über das Grab reichen. Innerhalb dieser Mauern dort schlummern die Großen, draußen die Niedrigen, eine Mauer ist die ganze Schranke zwischen der Westminsterabtei und einem Kirchhofe; aber könnten die Todten fühlen, würde es sie nicht mehr freuen, in dem Schooße der grünen Erde, in den Strahlen der freundlichen Sterne zu liegen, als unter der traurigen Last von Steinen und Kalk zu schmachten? Es ist die Täuschung des Lebens – was prächtig ist, glauben wir, müsse auch glücklich gut seyn. Glauben Sie mir, der aristokratische Rang gleicht nur dem Marmordenkmal, auf welches wir falsche Berichte von unserer Würde schreiben, ohne jemanden zu täuschen, noch uns zu erfreuen und wahrlich der Bürger der reinen freien Luft hier draußen ist mehr zu beneiden.

Radclyffe verstummte, denn so sprach Lord Saltream sonst nicht.

– Ich bin – antwortete er – nicht Ihrer Meinung, daß der niedrigere Stand der glücklichere sey; dies ist ein aristokratischer Sophismus, der unser Gewissen wegen unserer Vortheile beschwichtigt. Wir essen die Leckerbissen des Lebens, ohne uns Vorwürfe zu machen, wenn wir uns nur sagen können: ach der verdammte Kerl, der dort an einer Brodrinde nagt, ist viel besser daran! Aber Sie sind nicht wohl, Mylord – fuhr er fort, seine Hand an Saltreams Stirne legend, der plötzlich schwankte und sich an Radclyffe festhalten mußte.

– Mir ist schon besser; es ist seltsam – so – so – so, es geht schon. Radclyffe, haben Sie das Weib gesehen? Die Frau – wie heißt sie doch – nicht ganz wie der Deutsche Historiker, aber es klingt beinahe so – Liehbur, richtig. Gehen Sie zu ihr, und Sie sollen sehen, wie sie Ihrem Schicksal, Ihrem Herzen die Larve abziehen wird.

– Sie scherzen!

– Scherzen! Freilich, es ist nur ein Scherz. Als ob ich so etwas glauben würde! Radclyffe, sagen Sie mir, hält man mich nicht für wunderlich, exzentrisch? Bin ich nicht anders, wie die gewöhnlichen Menschen?

– Das sind die meisten tüchtigen Männer.

– Ja, wir büßen unser geringes Talent theuer genug. Die Anstrengung des Geistes zehrt an dem Körper und dann zerfrißt die Übermüdung des Körpers wieder etliche Saiten des Geistes: ich kenne das. Aber jenes Weib hat mir etwas gesagt, was mich verfolgt, mich peinigt. – Saltream erblaßte, seine Lippen zitterten und Thränen stürzten ihm aus den Augen.

– Wie meinen Sie das? Sie können nicht so kindisch seyn, Saltream! Diese Betrügerin kann Sie nicht hintergangen haben? Was sagte sie?

– Geben Sie Acht – antwortete der Earl flüsternd – ehe ein Jahr um ist, wird es heißen, ich sey toll.

Radclyffe war erschüttert und suchte nur den Eindruck, dem Saville's Geist erlag, theils zu beschwichtigen, theils wegzuscherzen. Es schien ihm mit vieler Mühe zu gelingen. – Kommen Sie – sagte Lord Saltream sich nach der Straße wendend – mein Wagen hält dort, wir wollen zusammen zu Lady Erpingham. Ist nicht heute ihr Gesellschaftsabend? – Radclyffe's Züge schienen einen andern Ausdruck anzunehmen; er schwankte, willigte jedoch endlich ein, den Earl zu begleiten.

Es waren nur wenige Personen in Erpinghams Hause, und als sie eintraten, war Madame Liehbur das Thema des allgemeinen Gespräches. Lord Saltream beobachtete ein strenges Schweigen. Es wurden so viel Anekdoten erzählt, so viel Falsches mit scheinbar Wahrem vermischt, daß Lady Erpinghams Neugierde rege wurde und sie sich entschloß, bei erster Gelegenheit die neue Cassandra zu besuchen. Godolphin saß von der Unterhaltung entfernt und spielte ruhig Ecarté. Konstanzens Blicke schlichen sich zuweilen zu ihm hin, und wenn sie sich seufzend abwandte, sah sie, daß Radclyffes gedankenvolles Auge auf ihr ruhte, und die stolze Konstanze erröthete, obgleich sie kaum wußte, warum.

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