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Godolphin oder der Schwur

Edward Bulwer-Lytton: Godolphin oder der Schwur - Kapitel 59
Quellenangabe
typefiction
booktitleGodolphin oder der Schwur
authorEdward Bulwer-Lytton
year1834
publisherVerlag Jakob Anton Mayer
translatorLouis Lax
addressAachen und Leipzig
titleGodolphin oder der Schwur
submitted20050620
senderniki_nikotini@hotmail.com
created20051104
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Vierzehntes Kapitel.

Eine Prophezeiung.

Währenddes ließ sich Godolphin von der Flut seines Glückes hintreiben. Er lebte hauptsächlich in Gesellschaft von Epikuräern, welche er sich aus den witzigsten und umgänglichsten Londoner Lüstlingen zusammengesucht hatte. Sein natürliches Genie, sein träumerisches Wesen war endlich so herabgesunken, daß er sich zum Diktator der Theater, zum Patron der Sänger, zum Orakel in der Musik, zum Muster in Festlichkeiten und Equipagen hergab. Der Schwindelgeist dieses ausgelassenen Lebens ließ ihn jedoch eine Zeit zum Überlegen und er glaubte, vielleicht nicht ganz mit Unrecht, daß der beste Weg, das Gleichgewicht des Herzens zu erhalten, darin bestehe, daß man dessen Empfänglichkeit abstumpfte. Wie die unregelmäßigen Figuren, wenn sie mit unaufhörlicher Schnelligkeit herumgeschwungen werden, als ein vollkommener Kreis erscheinen, so verliert auch unser Leben, einmal in eine Bahn geschleudert, welche keine Rast zuläßt, seine Ecken und Unebenheiten und eilt mit gleicher Schnelligkeit und mit einem falschen Scheine von Symmetrie dahin.

Eines Tages besuchte Godolphin Saville, der jetzt alt, abgelebt und schnell dem Grabe zueilend, noch die wenigen Blumen am Rande desselben pflückte und Scherze über seinen eigenen Verfall machte, die ihm jedoch nicht aus dem Herzen kamen. Er traf dort die Schauspielerin, die ihm ebenfalls einen Besuch machte, und die mit ihrer gewöhnlichen Lebhaftigkeit plauderte, während sie zugleich eine Börse häckelte.

– Der Himmel weiß – sagte Saville – was die Zeit noch bringen wird. Mir schwindelt der Kopf bei dem Sturm der Ereignisse. Fanny, geben Sie mir meine Dose. Nun, ich denke, meine letzte Stunde ist nicht mehr weit, und ich hoffe wenigstens als Gentleman zu sterben. Der Gedanke ist mir zuwider, daß ich noch zu einem gemeinen Mann revolutionirt werden könnte. Das ist die einzige Revolution, von der ich einen Begriff habe. Was sagst Du dazu, Godolphin? Alles wird jetzt Politiker; der junge Sunderland mit seiner Brokatweste fährt Tag für Tag nach dem Parlament, ißt bei Bellamy kaltes Rindfleisch, und spricht von nichts, als von der verdammt schönen Rede Sir Roberts. Revolution! Zum Wetter, die Revolution ist schon da! Revolutionen verändern nur das Wesen der Gesellschaft. Und hat sich das in den letzten sechs Monaten nicht genug geändert? Wahrhaftig, ich glaube, ihr seyd alle toll geworden.

– Ich nicht. So lange ich lebe, werde ich immer mir die gemeine Plage des Ehrgeizes verschwören. Andere mögen Staaten regieren oder zu Grunde richten; gleich dem Herzog von Lauzun will ich, selbst wenn schon die Guillotine hergerichtet ist, nur an meine Austern und meinen Champagner denken.

– Ein edles System! – sagte Fanny, lächelnd. – Laßt die Welt untergehen und bringt mir mein Biscuit! Und das ist Godolphins Motto?

– Es ist das Motto des Lebens.

– Ja, des vornehmen.

– Fanny, werden Sie nicht satyrisch, Sie, die nicht einmal eine tragische Schauspielerin sind. Aber es ist wahr, trotz dem kleinlichen Lärm Ihres Standes liegt doch etwas Erhabenes in demselben. Die Stürme der Nationen erschüttern die Bühne nicht; Sie hüllen sich in ein anderes Leben; die Atmosphäre der Poesie umgürtet Sie. Sie sind wie die Elfen, welche unter den Menschen lebten, nur des Nachts sichtbar waren und ihre phantastischen Streiche mitten unter den Leidenschaften spielten, die sie umgaben, unter Sorge, Verbrechen, Geiz, Liebe, Wuth, Üppigkeit und Mangel, welche nur den größeren Wesen der Erde zu Theil werden. Sie sind wirklich zu beneiden, Fanny.

– Ach nein, ich werde alt.

– Alt! – rief Saville. – Nennen Sie das Wort nicht! Hm! Hm! Dieser verdammte Husten! Aber zum Teufel mit der Politik, sie weckt nur unangenehme Gedanken. Es freut mich, mein alter Junge, es freut mich, daß Du noch immer diese erhabene Gleichgültigkeit gegen das thörichte Treiben um uns her, gegen die Insekten bewahrt hast, welche sich in dem gewaltigen Meere der Ereignisse abquälen, das sie nicht beherrschen können, und in dem sie, kaum daß sie es berühren, auch schon untersinken –

– Oder von den Fischen, ihren Leidenschaften, verschlungen werden – ergänzte Godolphin.

– Etwas Neues! – rief Saville – ich will etwas wahrhaft Neues haben; schneiden Sie mir die ganze Politik der Times mit Ihrer Scheere heraus, Fanny, und lesen Sie mir das Übrige vor.

Fanny gehorchte.

– Brand in Marylebone.

– Das ist nichts Neues. Weg damit.

– Schreiben eines Radikalen.

– Dummheit! Was sonst?

– Auswanderung: nicht weniger als fünf und sechzig –

– Um Himmels willen, halten Sie ein. Was kümmre ich, der ich im Begriff bin, aus der Welt zu scheiden, mich um Leute, die ein Land verlassen? Laß sein, Kind, und gieb das Blatt an Godolphin, er weiß besser, was verständige Leute interessiert.

– Weinverkauf bei Lord Lysart.

– Ach – rief Saville – das lasse ich mir gefallen, das sind Neuigkeiten, das ist interessant.

Fanny gab sich wieder an das Häkeln. Als über die Weine genug gesprochen war, kam folgender Artikel an die Reihe:

»Man trägt sich in der Welt mit einer thörichten Geschichte über Lord Grey und seine Erscheinung; die Erscheinung steckt aber nur in den einfältigen Köpfen der Erfinder dieser Anekdote, und ist vermuthlich das Gespenst von Old Sarum. Wir bemerken bei dieser Gelegenheit, daß jetzt eine berühmte Wahrsagerin viel Aufsehen in London macht. Wir glauben, daß die geschlagenen Torys nächstens ihre Orakelsprüche bekannt machen werden. Sie ist gerade zur rechten Zeit gekommen, um das Durchgehen der Reformbill prophezeien zu können, ohne Gefahr zu laufen, als Betrügerin erkannt zu werden.«

– Es ist wahr – sagte Saville – ich höre Wunder von dieser Wahrsagerin. Sie erräth Alles mit der größten Genauigkeit, und alle alten Weiber beiderlei Geschlechts drängen sich in Lohnkutschen zu ihr, und spielen heut den Narren, um morgen gescheiter zu seyn. Hast Du sie gesehen, Fanny?

– Ja – antwortete die Schauspielerin sehr ernst – und in der That, sie hat mich erschüttert. Ihr Gesicht ist so imponirend, ihr Auge so wild, und in ihren Reden liegt so viel Enthusiasmus, daß sie einen wider Willen hinreißt. Glauben Sie an Astrologie, Percy?

– Einst, ja – erwiederte Godolphin mit einem erstickten Seufzer – aber hält sich diese Seherin denn an Astrologie und nicht an Karten? Das Letztere ist eine bequeme Manier, das Publikum zu hintergehen.

– O – antwortete Fanny eifrig – ich versichere Sie, diese Frau ist keine gewöhnliche Wahrsagerin; sie spricht viel von Magnetismus, besteht auf der Mitwirkung unserer eigenen Einbildungskraft; hat nichts mit allen den äußerlichen Scharlatanerien zu thun, kurz, sie hat entweder einen neuen Weg entdeckt, die Zukunft zu erfahren, oder irgend eine vergessene Kunst, die Leute zu täuschen, aufgefunden. Sie müssen sie auch einmal sehen, Godolphin.

– Nein, ich liebe diese Art Betrügerei nicht – antwortete Godolphin schnell, wendete sich ab und versank in finstere Träume.

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