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Godolphin oder der Schwur

Edward Bulwer-Lytton: Godolphin oder der Schwur - Kapitel 56
Quellenangabe
typefiction
booktitleGodolphin oder der Schwur
authorEdward Bulwer-Lytton
year1834
publisherVerlag Jakob Anton Mayer
translatorLouis Lax
addressAachen und Leipzig
titleGodolphin oder der Schwur
submitted20050620
senderniki_nikotini@hotmail.com
created20051104
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Eilftes Kapitel.

Fanny hinter den Coulissen. – Jugend-Erinnerungen. – Souper bei Fanny Millinger.

Man gab Pizarro und Fanny Millinger spielte die Cora. Godolphin und Radclyffe befanden sich hinter den Coulissen.

– Ach – sagte Fanny, die in ihrem weißen, Peruanischen Kostüm wartete, bis es an ihr war, auf der Bühne zu erscheinen – ach Godolphin, dies erinnert mich an alte Zeiten. Wie manches Jahr ist schon vergangen, seit Sie so viel Vergnügen an diesem theatralischen Leben fanden. Ich weiß noch recht gut, wie Ihr sinnendes Auge und Ihre gedankenvolle Stirne sich aus der Theaterloge dort zu mir hinwendete, und denken Sie noch daran, wie artig Sie über die verlassene Bühne zu moralisiren pflegten, wenn das Stück aus war? Manchmal warteten Sie auf eben diesen Brettern, um mich nach Hause zu führen. Ach, die Zeiten haben sich geändert.

– Ja, Fanny, wir haben seitdem neue Gefühlswelten durchschritten. Könnte uns das Leben noch seyn, was es damals war, so würden wir uns von neuem lieben, aber sagen Sie mir, Fanny, hat nicht die Erfahrung Sie weiser gemacht? Suchen Sie nicht, sich mehr der Gegenwart zu erfreuen, die Frucht auf den Zweigen der Zeit zu pflücken, ehe sie überreif wird? Ich wenigstens thue es. Ich habe meine Jugend verträumt, suche aber die Jahre des Mannes zu genießen.

– Dann – sagte Fanny mit der Schnelligkeit, mit welcher in Herzenssachen die Frauen alle unsere Philosophie aus dem Felde schlagen – dann kann ich wetten, daß Sie seit unserer Trennung jemand geliebt oder verloren haben. Der Schmerz, welcher den thätigen Geist in einen träumerischen verkehrt, drängt den Träumer zur Thätigkeit, gleichviel ob in Geschäften oder in Vergnügungen.

So ist's – sagte Godolphin, indem ein Schatten über seine ernste Stirne zog.

– Es ist so – sagte Godolphin gedankenvoll, und Lucillas Bild stieg vor ihm auf und ergriff ihn schmerzlich, wie die Rache des Gewissens. – Es ist so – sagte er abgewendet für sich – und diese Worte eines leichtsinnigen Mundes haben mir einige Beweggründe meines jetzigen Lebens enthüllt. Aber fort mit dem Nachdenken! Ich habe es mir verschworen! Meine schöne Cora – sich wieder zur Schauspielerin wendend – Sie sind eine wahre Staël an Weisheit, aber wir wollen nicht weise seyn, denn das ist die ärgste unserer Thorheiten. Geben Sie uns nicht heute Abend eines Ihrer reizenden Soupers?

– Gewiß! Ihr Freund wird hoffentlich mitkommen. Es war eine Zeit, in der er der Munterste der Munteren war, aber die Jahre und der Ruhm haben ihn geändert.

– Radclyffe fröhlich? Oh was? – sagte Godolphin erstaunt.

– Ja, ja, wundern Sie sich nur, aber bemerken Sie nur dies Lächeln – das spricht von alten Zeiten.

Godolphin wandte sich zu seinem Freunde und sah in der That um die feinen Lippen seines ernsten Gesichtes ein so launiges, schelmisches Lächeln spielen, daß der ganze Karakter des Mannes verändert schien, aber fast in demselben Augenblicke verschwand auch das Lächeln, und Radclyffe lehnte ernsthaft die Einladung ab.

Cora mußte auf die Bühne; ein Beifallssturm erschütterte das Haus.

– Wie brav sie spielt! – rief Radclyffe feurig.

– Ja – antwortete Godolphin, indem er mit verschlungenen Armen ruhig hinblickte – aber welche Aufklärung über das menschliche Herz ertheilt uns dies gute Spiel! Bemerken Sie diesen funkelnden Blick, die wogende Brust, diesen leidenschaftlichen Erguß, diese erstickte Stimme; die Zuschauer zerfließen in Thränen. Die ganze Seele dieses Weibes hängt an ihrem Kinde! Bah! Kein Gedanken daran. Sie fühlt nicht mehr, als die Bretter, auf denen wir stehen; sie denkt vermuthlich an das vergnügte Souper, das uns bevorsteht, und wenn sie hinter die Coulissen kommt, ruft sie: Habe ich es nicht gut gemacht?

– Nein – sagte Radclyffe – gewiß fühlt sie, während sie das Gefühl schildert.

– Sie? Schon vor Jahren verrieth sie mir, daß die ganze theatralische Wissenschaft nur aus einer Reihe von Kunstgriffen bestehe. Es ist alles reine Künstelei auf und außerhalb der Bühne. Die edle Beredsamkeit ist auch nichts weiter; die Philosophie, Poesie, es ist Alles falsch, alles Heuchelei. Der verdammte Mond – sagte Byron eines Tags zu mir, als wir in Venedig zusammen waren und nach ihm aufsahen – er macht mir immer Fieber, aber ich habe ihn gut in meinen Gedichten besungen, Godolphin, wie?

– Aber –

– Verschonen Sie mich mit Ihrem Aber – unterbrach ihn Godolphin mit dem muthwilligen Eigensinne, der ihn so liebenswürdig kleidete. – Sie sind jünger als ich; wenn Sie einmal eben so lang gelebt haben, wie ich, so sollen Sie auch das Recht haben, meiner Moral zu widersprechen; aber eher nicht.

Godolphins Wagen fuhr die Schauspielerin nach Hause. Auch Fannys Leben war nur auf Vergnügungen ausgerichtet, und sie verschwendete eben so ihr Geld dazu, obgleich sie nicht denselben feinen Geschmack hatte. Großmüthig und freigebig, wie alle ihres Standes, wie Alle, welche das Geld leicht verdienen, war sie wohlthätig gegen Alle und üppig für sich selbst. An dem Abendessen nahmen vier männliche Gäste Theil. Godolphin, Saville, Lord Jocelyn, und Lord Saltream. Es gehörte auch zu den Eigenthümlichkeiten des Letzteren, daß er gelegentlich derartige Belustigungen aufsuchte, obgleich er kein Vergnügen an ihnen zu finden schien.

Es war im Frühsommer, die Vorhänge waren zurückgeschlagen, die Fenster halb offen und der kleine Grasplatz vor dem Hause schwamm im Mondlichte. Die Gäste waren aufgeregt. – Füllt mir das Glas – rief Godolphin. – Champagner ist des Knaben Trank, ich will mich Con amore zu ihm wenden. Fanny, thun Sie mir Bescheid, doch halt, erst ein Toast!

– Nun: Hoffnung bis ins Alter und dann Erinnerung!

– Theater-Floskeln! – brummte Saville, der einen breiten Schirm zwischen sich und das Fenster gestellt hatte – keine Sentimentalität unter Freunden!

– Stören Sie uns nicht, Saville – sagte Godolphin – eben so gut können Sie sagen, keine Musik in einer Oper. Solche Artigkeiten geben der Unterhaltung ihr Kolorit. Aber ihr Roués seyd so verdammt prosaisch, daß ihr es gerne sähet, wir würfen uns dem Laster entgegen, ohne eine Blume auf dem Wege zu pflücken.

– Laster! – rief Saville. – Ich muß Dir Deine Schimpfreden zurückgeben. In Deiner Gesellschaft habe ich erst meinen Karakter verdorben, und jetzt drehst Du die Klage um gegen den armen Teufel, den Du verführt hast.

– Sie erinnern mich – entgegnete Godolphin heiter – an den Rath eines Spanischen Hidalgo an seinen Diener: »wähle Dir nur einen Herrn, der ein gutes Gedächtnis hat; denn wenn er nicht zahlt, so wird er doch wenigstens nicht vergessen, daß er Dir schuldig ist.« In Zukunft werde ich meinen Umgang nur auf die beschränken, die, wenn sie zuletzt Wüstlinge geworden, noch des guten Raths gedenken, den ich ihnen gegeben habe.

–Einstweilen – sagte die schöne Fanny, an einem Hähnchen kauend – muß ich doch erinnern, daß Herr Saville seinen Wein immer ohne Toast trinkt – weil er letzteren für unnütze Zeitverschwendung hält.

– Wein – sagte Lord Saltream erst zu sich, dann laut.

– Still! – flüsterte Fanny – Lord Saltream hat sich seine Rolle überhört und tritt auf.

– Wein ist grade das Gegentheil der Liebe. Die alten Zecher können nicht früh genug zur Flasche kommen, und die alten Liebhaber halten es ewig mit dem Toaste.

– Sehen Sie, Saville, wie es Ihnen wegen eines Scherzes auf mich geht – sagte Godolphin. – Aber kommen Sie, und lassen Sie uns die Sache abmachen. Der Toast hat uns voneinander gebracht, das Glas soll uns versöhnen. Wollen Sie Champagner?

– Alles für ein ruhiges Leben, sogar Champagner – antwortete Saville, indem er mit einem spöttischen Ausdrucke von Geduld seine spitzen Züge in die freundlichste Ruhe zu glätten suchte. – Ihre Witze sind mir zu scharf. Also Champagner. Nun, meine süße Fanny – Saville setzte das Glas, an dem er kaum genippt hatte, wieder hin, und machte ein saures Gesicht – fahren Sie fort; ich bitte noch um einen Witz, denn ich finde, ich kann Ihre Satyre wenigstens besser vertragen, als Ihren Wein.

Fanny war in Einer Geschäftigkeit, denn das unterscheidet die Schauspielerinnen eben von den Damen, daß in den ersteren keine Ruhe ist. – Eine frische Flasche Champagner! Was muß denn mit dieser vorgegangen seyn? – Die Bemerkung hatte der armen Fanny wirklich Schmerz verursacht. Saville freute sich darüber, denn er rächte sich wegen eines Scherzes immer durch eine Bosheit.

– Seyen Sie ruhig – sagte Godolphin – es ist unserm Freunde nur Spaß. Ihr Champagner ist vortrefflich, Fanny. Apropos, Saville, wo ist der junge Greenbough geblieben? Er ist wie verschwunden. Es geht die Sage, er sey in Ihrer Gesellschaft herunter gekommen und habe sich seitdem nicht wieder in die Höhe bringen können.

– Die Sage ist die gefälligste Metze von der Welt. Ihrem Gerede nach verschwinden alle Tauben auf meinem Hofe. Aber im Ernste, Greenbough ist fort – nach Amerika, steckt bis über den Kopf in Schulden – Ehrenschulden. Darin aber – fügte er langsam hinzu – liegt eben der Unterschied zwischen dem Gentleman und dem Emporkömmling. Wenn der Gentleman alles verloren hat, schneidet er sich den Hals ab; der Parvenu schneidet seine Gläubiger. Ich bin wirklich recht bös auf Greenbough, daß er sich nicht umgebracht hat. Ein junger Mensch, der so lange von mir protegirt wurde – es ist verdammt undankbar von ihm.

– Er war wohl stark in Ihrer Schuld? sagte Lord Jocelyn, dem der Wein zu Kopfe stieg.

Saville sah ihn scharf an.

– Lord Jocelyn, ich bitte um eine Prise. Es war wirklich eine feine Bemerkung, und man sieht, daß Sie große, im Ernste große Weltkenntnis haben. Aber er war wirklich tief in meiner Schuld. Ich führte den Schlingel in die Welt ein, und er ist mir alle die Tausende schuldig, welche er die Ehre gehabt hat, in guter Gesellschaft zu verspielen.

– Wissen Sie – sagte Godolphin, nachdem er sich etwas von dem Lachen erholt hatte, zu dem er durch die Angabe von dieser Verpflichtung aufgeregt worden – wissen Sie, daß ich manchmal glaube, Lady Erpingham hat Recht –

– Das nimmt mich Wunder – unterbrach ihn Saville trocken.

– Wenn sie sagt – fuhr Godolphin fort, ohne daß er that, als ob er die Unterbrechung bemerkt hätte – daß die Art zu sprechen, welche Sie und Ihre Partei an sich haben, mehr dazu beiträgt, die von ihr prophezeite Revolution hervorzubringen, als Sie sich träumen lassen. Und es ist allerdings wahr, daß dieselbe liebenswürdige Anmaßung in Frankreich den tiefen Haß gegen den dortigen Adel erweckte, welcher hernach seine Vernichtung beförderte.

Saville stellte das Glas Madeira mit Wasser, welches er eben an den Mund setzen wollte, wieder hin und dachte eine Weile nach.

– Es ist etwas dran – sagte er – aber ich bin acht und fünfzig Jahre alt und es kann nicht mehr zu meiner Zeit vorfallen.

– Wahrhaftig – rief Jocelyn über den Tisch herüber – das ist eine verdammte gescheute Bemerkung von Euch, Godolphin.

– Beneidenswerthes Anerkenntnis! – sagte Saville feierlich – o seltner Jüngling!

– Und ich glaube – fuhr Jocelyn fort – daß die sogenannten Moderomane uns verteufelt haben, denn sie stellen uns ja ganz gehässig und herzlos vor. Ich kann mir nichts Gutes mehr von der Gesellschaft denken, seit ich eines von diesen Büchern gelesen habe.

– Ein zweiter Timon! – rief Saville. – Aber liebe Fanny, Sie sind so still. Um Himmels Willen, machen Sie diesen Predigten ein Ende. Lord Jocelyn ist zu tiefsinnig für ein Souper. Er muß Morgens genossen werden. Fanny, bereuen Sie zuweilen?

– O ja, einige meiner Einladungen – erwiderte Fanny lebhaft.

– Vortrefflich, nur zu anzüglich für Godolphin. Apropos, Percy, weißt Du, daß mein armer, guter Freund Jasmin gestorben ist? Er verschied bei einer prächtigen Partie Whist. Er hatte gerade noch Zeit: vier Honneurs zu rufen, als der Tod ihn abtrumpfte. Es hat mich recht erschüttert, denn er war nach mir der beste Spieler im Club. Die plötzlichen Todesfälle sind doch recht schrecklich, besonders wenn man das Spiel in Händen hat.

– Das ist wahr, recht unangenehm – wiederholte Lord Jocelyn, der eben anfing, Whist zu lernen.

– Es ist wunderbar – sagte Saville – wie oft die letzten Worte eines Menschen so seinem Leben entsprechen: es ist wie die Moral in der Fabel. Das beste Beispiel davon finde ich in Lord Chesterfield, dessen schöne Seele mit der erhabenen, unnachahmlichen Sentenz aufflog: Gebt Darell einen Sessel!

– Herrlich! rief Jocelyn. – Saville, eine Partie Ecarté?

Wie der Löwe in der Menagerie, auf das Hündchen, mit demselben verächtlichen Erbarmen blickte Saville auf Jocelin.

Infelix puer! – murmelte Lord Saltream – Infelix puer, et impar congressus Achilli.

– Von Herzen gern – antwortete Saville endlich – doch nein; wir haben vom Tod gesprochen und solche Gedanken wecken das Gewissen. Lord Jocelyn, ich spiele nie geringer, als um –

– Ich weiß es, um ein Dutzend Füchse – rief Jocelyn triumphirend.

– Füchse? Sie müssen schon einen Bären anbinden.

– Einen Bären? was ist das?

– Die ganzen Einkünfte eines Irländischen Pairs und ich richte es immer so ein, daß ich nie das erste Spiel verliere.

– Solche Menschen sind gefährlich – sagte Lord Saltream mit halb geschlossenen Augen.

O Nacht – rief Godolphin mit einer theatralischen Geste – Du bist für Gesang und Mondschein und das Lachen von Frauen geschaffen. Fanny, ich bitte um einen Gesang.

Und Fanny, welche, seit Saville den Champagner getadelt hatte, verdrießlich geworden war – den sie hielt etwas auf Bon ton in ihrer Art, lächelte wieder, setzte sich, vom Mondlicht beschienen, an das Piano, und sang mit einem Blick auf Godolphin, ein Lied, das er früher gern gehört hatte.

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