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Godolphin oder der Schwur

Edward Bulwer-Lytton: Godolphin oder der Schwur - Kapitel 55
Quellenangabe
typefiction
booktitleGodolphin oder der Schwur
authorEdward Bulwer-Lytton
year1834
publisherVerlag Jakob Anton Mayer
translatorLouis Lax
addressAachen und Leipzig
titleGodolphin oder der Schwur
submitted20050620
senderniki_nikotini@hotmail.com
created20051104
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Zehntes Kapitel.

Radclyffe's und Godolphin's Unterredung. – Die Verschiedenheit des Ehrgeizes.

– Ich weiß nicht – sagte Godolphin, als er mit Radclyffe eines Tages spazieren ritt, ich weiß nicht, was ich heute Abend anfangen soll. Lady Erpingham ist nach Windsor, ich bin zu keinem Dinner eingeladen und bin der Bälle überdrüssig. Sollen wir zusammen essen und dann ruhig in das Theater gehen, wie wir es vor zehn Jahren gethan haben mögen?

– Gern. Sind Sie noch ein Freund der Bühne? Ich glaube einmal von Ihnen gehört zu haben, daß es früher Ihr liebstes Vergnügen war.

– Ich mag es noch leiden, nur ist der Glanz davon verschwunden. Ich bin auf eine recht unselige Weise schwierig geworden. Ich bedarf jetzt eines vortrefflichen Spiels und eines vortrefflichen Stücks. Der kleinste Fehler, die leiseste Abweichung von der Natur raubt mir den Genuß an dem Ganzen.

– Das ist ein Fehler, der bei Ihnen auf Alles einwirft.

– Sie haben Recht – antwortete Godolphin gähnend – aber haben Sie schon meinen neuen Canova gesehen?

– Nein; ich mache mir nichts aus Statuen und verstehe nichts von den schönen Künsten.

– Welch ein Geständnis!

– Es ist allerdings ein seltenes Geständnis, aber ich glaube, daß man sich den Geschmack an den Künsten, wie an Trüffeln und Oliven, erst erwerben muß. Die Leute schwätzen sich in die Bewunderung hinein, wo sie erst gleichgültig geblieben sind. Aber wie können Sie, Godolphin, bei Ihren Talenten, das Leben mit solchen Läppereien versplittern?

– Sie sind sehr gütig – sagte Godolphin ungeduldig – aber erlauben Sie mir zu bemerken, daß ich Ihre Lebenszwecke für Läppereien halte. Einfältige, langweilige Ehrenbezeigungen, ein Name in den Zeitungen, vielleicht eine Stelle im Ministerium, die durch eine aufgeopferte Jugend und ein entwürdigtes Mannesalter erkauft wird – nein, Radclyffe, das ist nichts für mich; ich verlange einen heitern, funkelnden Glanz des Lebens, ich will vor den traurigen Jahren des Alters und Siechens wenigstens genießen. Das ist wahre Weisheit! Ihr Glaube ist – Aber – sagte Godolphin lachend – ich will Ihre Anzüglichkeit nicht nachahmen.

– Nun, Sie thuen ja Ihr Möglichstes, um zu genießen. Sie leben gut und prächtig, Ihr Haus ist herrlich, Ihre Villa reizend. Lady Erpingham ist die schönste Frau ihrer Zeit und als ob das Alles noch nicht genug wäre, so duldet auch die Hälfte der hübschen Frauen Londons Sie zu ihren Füßen – und doch sind Sie nicht glücklich.

– Freilich nicht, aber wer ist es denn? – rief Godolphin heftig.

– Ich – antwortete Radclyffe trocken.

– Sie? Hm!

– Sie glauben mir nicht?

– Ich habe kein Recht, daran zu zweifeln; aber sind Sie nicht ehrfürchtig? Und ist nicht der Ehrgeiz voller Angst und Sorge, mit Kränkung bei einer Niederlage, mit Unzufriedenheit beim Erfolge gepaart? Beweist nicht schon das Wort Ehrfurcht, d.h. der Wunsch, etwas zu seyn, was Sie nicht sind, Ihre Ungenügsamkeit mit dem, was Sie sind?

– Sie sprechen von einem gewöhnlichen Ehrgeize.

– Und was, o erhabenster aller Weisen, was ist denn Ihr Ehrgeiz?

– Nicht der, den Sie beschreiben. Sie sprechen von dem Ehrgeiz für sich selbst; der meine hat das Eigene, daß er für Andere arbeitet. Vor einigen Jahren schuf ich mir einen Plan, in dem, wie ich mir einbildete, das Wohl der Menschheit liege. Sie lächeln dazu. Nun, ich prahle nicht mit dem Tugendwerthe meines Traumes, aber die Philanthropie war mein Steckenpferd, wie Statuen das Ihrige sind. Um diesen Plan zu verwirklichen, sind große Veränderungen nöthig, und ich strebe, ich arbeite auf diese Veränderungen hin. Ich bin dabei nicht unempfindlich für den Ruhm, sondern wünsche sogar ihn zu empfangen, aber er würde mir nur dann Freude machen, wenn er aus gewissen Quellen entspringt. Ich brauche das Gefühl, daß ich ausführen kann, was ich versuche, und wünsche nur den Ruhm, der aus der dauernden Dankbarkeit meiner Nebenmenschen, nicht dem, der aus ihrem augenblicklichen Beifall hervorgeht. Ich bin eitel, sehr eitel, und Eitelkeit war vor einigen Jahren noch der stärkste Zug meines Karakters. Ich maße mir nicht an, diese Schwäche besiegen zu können, aber ich benutze sie zu meinen Zwecken. Ich bin eitel genug, um einigen Glanz für mich zu wünschen, aber das Licht muß von Thaten ausgehen, die ich für wahrhaft achtungswerth halte.

– Das ist Alles gut – sagte Godolphin, der sich wider Willen etwas angezogen fühlte – aber der eine Ehrgeiz gleicht dem andern, insoweit mit beiden beständige Verdrießlichkeiten und Demüthigungen verbunden sind.

– Nicht ganz – antwortete Radclyffe – denn wenn jemand nach etwas strebt, was er für lebenswerth hält, so tröstet ihn die Redlichkeit seiner Absichten für ein Mißglücken des Erfolges, während der egoistische Ehrgeizige keinen Trost in seinen verfehlten Versuchen hat; er wird durch die äußere Welt gedemüthigt und hat keine innere Welt, bei welcher er sich erholen könnte.

– O Menschen – rief Godolphin bitter – wie täuscht ihr euch doch ewig! Hier haben wir den Durst nach Macht, und er nennt sich Liebe für die Menschheit.

– Glauben Sie mir – sagte Radclyffe so warm, und mit einem so tiefen Ernst in seinem sprechenden, feurigen Auge, daß Godolphin aus seinem Scepticismus erschüttert wurde – glauben Sie mir, beides können verschiedene und doch verbundene Leidenschaften seyn!

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