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Godolphin oder der Schwur

Edward Bulwer-Lytton: Godolphin oder der Schwur - Kapitel 53
Quellenangabe
typefiction
booktitleGodolphin oder der Schwur
authorEdward Bulwer-Lytton
year1834
publisherVerlag Jakob Anton Mayer
translatorLouis Lax
addressAachen und Leipzig
titleGodolphin oder der Schwur
submitted20050620
senderniki_nikotini@hotmail.com
created20051104
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Achtes Kapitel.

Godolphin beschützt die Künstler. – Umrisse zweier neuer Karaktere. – Unterredung zwischen Konstanze und Godolphin. – Blicke in die politische Zukunft.

– Ja – sagte Godolphin, als er allein an seinem Frühstück saß – denn die Stunden der nimmer ruhenden Konstanze gleichen nicht denen des indolenten, üppigen Godolphin und sie war bereits ausgefahren, schon in Berathung mit einer ränkesüchtigen Gesandtin – ja, ich habe zwei Epochen meines Lebens hinter mir, die romantische und die der Beschauung; mein erstes Lieblingsstudium war Poesie, das nächste Philosophie. Jetzt, da ich reich, ein gemachter Mann und doch noch jung in mein Vaterland zurückkehre, steigt ein neues Leben vor mir auf, nicht das jenes gemeinen, unruhigen Ehrgeizes, der das Leben zur Arbeit macht, und den Konstanze empfiehlt, sondern eine wärmere, frischere Existenz, als die, aus der ich seit kurzem erwacht bin. Wohlleben und Vergnügen sollen mir jetzt werden, was mir Einsamkeit und Nachdenken waren. Ich bin lange genug der Einsiedler gewesen, ich will jetzt gesellig werden lernen.

Mit diesem Entschlusse warf sich Godolphin begierig in die Genüsse der Welt; man hofirte ihm, und dafür hofirte er wieder der Gesellschaft. Erpinghams Haus war seit Jahren ein Feen-Pallast gewesen; wer erinnert sich nicht des noch größeren Zaubers, welchen dessen neuer Gebieter über seine Gesellschaften verbreitete? Godolphin hatte immer viel richtigen Sinn für die schönen Künste gehabt. Er verfiel jetzt in die höheren Geistern eigene Sucht, sich Sammlungen anzulegen. Aus seinem geliebten Italien ließ er die schönsten Statuen kommen, die Wände strahlten von den Meisterwerken des Pinsels, die Kabinette waren mit Gemmen gefüllt, die reichen, aber etwas bunten Meubel mußte anderen von reinerem Geschmack Platz machen. Dieselbe Schwierigkeit, welche Godolphin in seinen früheren Gewohnheiten und Empfindungen bezeichnet hatte, bezeichneten ihn auch in seinem neuen Hause; überall herrschte derselbe Durst nach dem Idealen, dieselbe Verehrung des Schönen, dasselbe Streben nach dem Vollkommenen. Konstanze, in der keine Spur von diesem kleinlichen Ehrgeize war, freute sich dennoch, daß Godolphin sich wenigstens mit etwas beschäftigte, und obgleich sie innerlich bedauerte, daß er ihr großes Vermögen zur Befriedigung künstlerischer Launen verschwendete, so erkannte sie doch, daß die leiseste Anspielung darauf, ihn daran erinnern müßte, daß er die Mittel zu seinen kostspieligen Ausgaben ihr zu danken habe. Sie hoffte überdies, daß sein Geist, einmal geweckt, bald dieser Spielereien überdrüssig und sich endlich nach höheren Zwecken sehnen werde. In dieser Erwartung stürzte sie sich eifriger als je, in politische Pläne und Intrigen.

Unter den vielen Gästen des Erpinghamschen Hauses befanden sich zwei, welche vorzüglich ausgezeichnet waren, beide von ganz verschiedenem Karakter, aber doch beide der Ausdruck der Gesellschaft, welche sie gebildet hatte. Der eine war ein Pair von großem Reichthum, und bekannt durch seine Talente, und bekannter noch durch sein excentrisches Wesen. Lord Saltream war der einzige Sohn eines Vaters, der die Musik lieber, als seinen Sohn, ja eine unüberwindliche Abneigung gegen ihn gehabt hatte, die erst mit dem Tode des erstern aufhörte. Mit der Mutter war der arme Lord nicht glücklicher gewesen; es war ein rohes, gemeines Weib, mit Gesicht und Seele einer Küchenmagd. Der vernachlässigte Knabe hatte schon frühzeitig große Talente, aber auch, vermuthlich durch jene häuslichen Verhältnisse erbittert, einen reizbaren, kranken Sinn verrathen. Er zeichnete sich im Staatsleben aus, obgleich es ihm an Geistesgegenwart fehlte und hatte, wenn auch nicht mit Ruhm, doch zur Zufriedenheit eines jener Staatsämter des freiesten aller freien Länder bekleidet, welche im Allgemeinen jedem Grafensohne zu Gebote stehen, der gehörig lesen und schreiben kann, und keinen zu heftigen Radikalismus an den Tag legt. Als Lord Saltream jedoch sein großes Erbtheil in die Hände bekam, legte er sein Amt nieder, und vertrieb sich die Zeit damit, Häuser zu bauen und glänzende Festlichkeiten zu geben, bei welchen der Wirth allein sich langweilen durfte. Es war ein außerordentlich belesener und (im Vergleich zu den Kenntnissen der Weltleute) ein gelehrter Mann. Er litt an auffallender Zerstreuung, konnte jedoch höchst liebenswürdig seyn, wenn es ihm gut dünkte. Aber seine Excentrizität selbst machte ihn besonders unterhaltend, denn er hatte sich angewöhnt, seine Gedanken, wie im Schlafe der Wahrheit, laut auszusprechen, und setzte dadurch nicht selten einen ihm eben vorgestellten Höfling in Verlegenheit, wenn er ihm ganz unumwunden seinen Widerwillen gegen ihn offenbarte. Ob diese Gewohnheit unwillkürlich, oder durch eine sarkastische Laune verlanlaßt worden, ist schwer zu entscheiden, im Allgemeinen wurde jedoch angenommen, daß Seine Herrlichkeit keine Ahnung von dieser Geschmacklosigkeit seiner Gedanken habe.

Nächst ihm kam der jüngere Sohn einer alten und reichen Familie, die im Genuß alter Titel, neue verschmähte, am häufigsten nach Erpinghamhaus. Stainforth Radclyffe war noch weit unter dreißig Jahren und doch schon ein ausgezeichneter Mann. Unter einem sanften, ruhigen, kalten Äußern verbarg er den entschlossensten, rastlosesten Ehrgeiz, der seinen ganzen Geist beherrschte. Er war ein tiefer Denker, ein tiefer Staatsökonom, ein gründlicher Finanzmann und ein scharfsichtiger Beurtheiler in Sachen der Moral und Gesetzgebung, da er mit seinen Bücherstudien eine instinktartige Menschenkenntnis verband und, wenn er zuweilen seine Einsamkeit verließ, hauptsächlich die aufsuchte, welche sich in den von ihm getriebenen Wissenschaften hervor gethan hatten, um durch ihre Ansichten die seinigen zu berichtigen. In ihm war nichts Flüchtiges, Unentschlossenes, sein ganzes Wesen war strenge Berechnung. Er that nichts, außer mit Rücksicht auf den Endzweck und wenn er nach der Meinung oberflächlicher Menschen am meisten von der Straße abzuirren schien, welche ihre Klugheit angegeben haben würde, so suchte er nur den sichersten und kürzesten Weg. Doch bestand sein Ehrgeiz nicht in dem gemeinen Ehrgeize, sich einen Rang in der Welt zu verschaffen; er kümmerte sich wenig um die erbärmliche Stelle oder Macht, welche die belohnt, die man aufstrebende junge Männer nennt. Sein scharfer Blick drang in Begebenheiten, welche allen noch in tiefe Schatten gehüllt lagen; an dieses ferne, aber gewaltige Ziel knüpfte er seine Wünsche. Er achtete nicht die kleinere, augenblickliche Belohnung, und obgleich er immer – er fühlte, daß dies nothwendig sey – obenan war, so machten ihm doch die Ehrbezeigungen, wegen derer man ihn beneidete, keine Freude. Immer beschäftigt und gedankenvoll ging er, wie gesagt, wenig in die lebensfrohe Welt und war auch, einmal da, nicht im Stande, darin zu glänzen; denn Kleinigkeiten nehmen eben so den ganzen Menschen in Anspruch, wie Wichtigkeiten. Es fehlte ihm nicht an Witz, aber er richtete alle seine Geisteskräfte so sehr auf größere Gegenstände, daß er oft bei kleineren stumpf schien, und doch hatte, wenn er aufgeregt, oder zu Hause war, seine Unterhaltung, wie die eines jeden geistreichen Mannes, seinen eigenthümlichen Reiz. In diesem jungen, ernsten, denkenden Manne lag etwas, was Konstanze auf den ersten Blick bezauberte, sie glaubte in ihm eine Ähnlichkeit mit sich selbst zu finden und Radclyffe's kühner Geist schwang sich noch kühner auf im Verkehr mit dem ihrigen. Ihre Politik war dieselbe; ihr Hauptziel nicht ganz unmöglich und ihr gemeinschaftlicher Ehrgeiz öffnete ihnen einen unerschöpflichen Schatz von Plänen und Versuchen. Radclyffe war Konstanzen's, Saltream Godolphin's Gast, aber Godolphin fühlte sich bald zu dem jungen Politiker hingezogen und Konstanze blieb nicht ohne Interesse für den originellen Pair.

– Sie sehen – sagte Konstanze eines Tages, als Radclyffe ihr einen Morgenbesuch machte – Sie sehen, daß trotz der anmaßenden und drückenden Politik unserer Zeit, trotz dem, daß ein Sidmouth und ein Castlereagh an der Regierung sind, sich doch das Streben nach freiern Institutionen immer mehr entwickelt, und daß es, je fester der Frieden steht, desto schneller zur Reife kommen wird. Aus den größern Städten, die bis jetzt noch keine Represäntanten haben und deshalb unzufrieden sind, wird die dramatische Meinung entspringen, welche alle jene ehrwürdigen, aber abgenutzten Mißbräuche umstürzen wird, die sich wie Schranken dem Volksstrome entgegenstemmen.

– Wer weiß – sagte Radclyffe lächelnd – ob nicht auch einmal der Kapitalismus seine Hirngespinste erfüllt sehen mag? Ich muß jedoch ernstlich gestehen, daß ich keine Hoffnung für die Whigs sehe; indolent und aristokratisch, würden sie ihre Anhänger durch ihren Mangel an Energie, und das Volk durch ihren Mangel an Wahrheit vor den Kopf stoßen.

– Was das betrifft – sagte Konstanze mit größerer Nachlässigkeit, als ihre Whig-Freunde hätten billigen mögen – so ist es gleichgültig, wer die Werkzeuge sind, wenn nur das Prinzip einmal ins Leben tritt. Die erste Wirkung liberaler Meinungen – fuhr sie scharfsichtig fort – ist, daß sie sich der illiberalen Partei aufdringen. Die Feinde der Neuerung bewirken, durch das Gewicht der öffentlichen Meinung hingerissen, die erste Neuerung, und damit zerbricht die Stärke ihrer Partei! Es schleichen sich Spaltungen und Eifersüchteleien ein, und die Liberaleren unter den Illiberalen werfen sich nothgedrungen den Illiberalern unter den Liberalen in die Arme, um bei ihnen die Stütze zu finden, die sie in ihrer eigenen Partei verloren haben. Diese buntscheckige Vereinigung kann nicht lange dauern – das Land reißt und es tritt eine neue Partei auf, denn die alten Tories sind still gestanden, während die Welt vorgeschritten ist. Wir erhalten dann ein Kabinet von noch liberaleren Männern, das jedoch noch mit Mitgliedern der Partei, auf deren Stelle sie treten, ausgefüllt ist, und so wird es weiter gehen, und Ministerium auf Ministerium folgen, und jedes neue wird Verbündete von der populären Seite aufnehmen und einige Veteranen von der weniger populären aufnehmen, bis der Kreislauf von den Tories zu den Gemäßigten, dann zu den Whigs übergehen und vielleicht mit dem Berge hören wird.

– Wer weiß – sagte Radclyffe – ob wir nicht, wenn Ihre Prophezeihung wahr ist, am Ende noch den feurigen Brougham in einem Staatsamte, den wackern Althorp auf der Schatzkammerbank, und den strengen Sir Henry Parnell als Verwalter unserer Börsen sehen?

– Das ginge in der That über alle scheinbare Möglichkeit – sagte Konstanze lachend – aber selbst daran würde, wenn meine Annahme richtig wäre, daß ein Theil der Neueren sich mit den Alten verschmelzen müsse, es nicht so interessant seyn, Herrn Brougham in Amt und Würde zu sehen, als zu wissen, was seine Anlagen seyn würden.

Nehmen Sie einmal Palmerton oder Charles Grant an – antwortete Radclyffe, ebenfalls lachend.

Nein – sagte Konstanze – ist der Liberalismus einmal so weit gekommen, so würde er dabei nicht stehen bleiben. Er müßte dann weiter gehen und vielleicht sogar den Coadjutor des kühnen Sir Francis, den jungen Hobhouse selbst ins Ministerium bringen.

Dieser Gedanke schien unseren Politikern so unterhaltend, daß sie sich nicht von ihm losmachen konnten und ihn von allen Seiten betrachteten, bis plötzlich Lord Saltream angemeldet wurde.

– Ich freue mich, Sie zu sehen, Lady Erpingham – sagte er – in der That, ich freue mich herzlich, aber – setzte er laut vor sich hinmurmelnd hinzu, als er Radclyffe ansichtig wurde – ist der auch hier? Hm! Einfältig! Ich kann die anspruchsvollen jungen Leute nicht leiden. Soll ich wieder fortgehen? Nein, ich will bleiben.

Er setzte sich. Radclyffe und Konstanze sahen sich lächelnd an und ersterer trat an ein Fenster.

– Sie wissen nicht – sagte Lord Saltream – welche Last mir der Bau eines großen Hauses abgenommen hat. Ich war so mit Geld überladen, daß ich nicht wußte, was ich mit mir selbst anfangen sollte. Es war unumgänglich nothwendig, es auszugeben. Wohlthätigkeit ist ein prahlerisches Laster, Spiele hasse ich, und ich habe keine Frau, die für mich spielt, so daß mein Reichthum mich wahrhaft in Verlegenheit setzte. Endlich fiel mir zum Glück das Bauen ein, und ich versichere Sie, daß ich seitdem meinen Überfluß recht geschwind losgeworden bin, ja ich habe sogar die angenehme Aussicht, daß ich bald nicht reicher mehr seyn werde, als meine Nachbarn. Oh, bauen ist ein herrliches Mittel gegen die Last des Reichthums! Ich muß es Godolphin anempfehlen. Es ist überdies ein National-Gedanke; das ganze Volk, das, nicht wie die einfältigen Zeitungen sagen, von Schulden, sondern von dem Gewicht eines stockenden Kapitals erdrückt wird, hat sich dem Bauen ergeben. Sehen Sie sich nur in London um! Welche Straßen wachsen da aus der Erde! Griechische Tempel im Regentspark und Gothische Kirchen in der Paradiesstraße. Und welches schöne Grabmal für dahingegangene Guineen hat man nicht in St. James unter dem Spottnamen eines Pallastes errichtet! O glauben Sie mir, Lady Erpingham, die Engländer sind ein sehr verständiges Volk, und es wäre Jammerschade, wenn sie von den Sorgen eines zu großen Vermögens geplagt würden.

– Eine gute Manier, die Nationalnoth zu rechtfertigen. Sie sollten Ihre Ansichten drucken lassen. »Der Zustand der Armen, von Lord Saltream in zwei Quartbänden, ein Versuch zu beweisen, daß Armuth nur die Unannehmlichkeit eines Überflusses an Reichthum ist.« Es würde ungeheuer abgehen.

– Sehr verbunden für den Gedanken. Ich werde mich drangeben und das Buch Southey widmen, der großen Respekt für Genies hat, die nicht Schriftsteller von Profession sind, und eine Schmeichelei auf ihn mit einer dreimonatlichen Unsterblichkeit in dem Quarterley Review belohnt. Aber die Bücher sind so einfältig. Machen Sie ihnen nicht die schrecklichste Langweile?

Hier hielt Lord Saltream einige Augenblicke ein, blickte starr vor sich hin und murmelte dann: Soll ich ihr die Geschichte erzählen? Ja, ich will sie ihr erzählen; aber nein, ich will nicht – das wird zuletzt lästig, und ich wollte, sie gingen fort. – Und damit drehte der Earl seinen Stuhl nach dem Kamin und versank in ein hartnäckiges Schweigen.

So verging einige Zeit. Radclyffe war längst fort, Lady Erpingham's Kutsche hielt vor dem Thor und wartete auf Konstanze, die sich vorgenommen hatte, einen Besuch abzustatten.

– Es thut mir leid, Lord Saltream, daß ich Sie verlassen muß; ich muß mich fast schämen, aber –

– Ohne Umstände, meine liebe Lady Erpingham. Ich bedaure es wirklich, Sie so schnell gehen zu sehen, aber andermal hoffe ich, werden Sie mich auf längere Zeit besuchen. – Lord Saltream zog die Glocke. – Lady Erpinghams Equipage – ich empfehle mich Ihnen. Und der Earl führte Konstanze sehr höflich zu ihrem eigenen Zimmer heraus.

– Was für ein sonderbarer Mensch – sagte Lady Erpingham zu sich selbst; – aber wo ist Godolphin? Ach ich sehe ihn jetzt kaum noch. – Sie eilte in den Wagen und fuhr zur Herzogin von W.. Als sie durch den Park kam, sah sie Godolphin unter einer Gruppe verschwenderischer Modeherren, unter allen bemerkbar durch die Schönheit seines Pferdes und durch den bleichen und geistreichen Adel seines Gesichtes. Er hatte eben angefangen, seine neue Theorie zu verwirklichen und der Langeweile nicht durch Arbeit, sondern durch Vergnügen zu entgehen. Aber man kann den Durst nicht so leicht durch Wein, als durch Wasser löschen.

– Das ist ein gefährliches, intrigirendes Weib – sagte die Herzogin von W. zu ihrem berühmten Gemahle, als Konstanze sie verlassen hatte.

– Thorheit! Weiber sind nie gefährlich.

Lady Erpingham kehrte nach Hause zurück und zog sich für den Mittag an, denn sie und Godolphin speisten außer dem Hause und so auch einmal zusammen. Auf Percys Arm gelehnt stieg sie aus ihrem Boudoir in den Saal herunter, um dort auf ihre Kutsche zu warten und siehe, Lord Saltream war noch da und schlummerte auf dem Sopha. – Himmel, Mylord! – rief Konstanze erstaunt – Sind Sie wirklich so lange hier eingeschlossen gewesen, seit ich Sie so ohne Umstände verlassen habe?

– Ach Lady Erpingham! – Darauf verfiel er wieder in sein lautes Selbstgespräch – Vermuthlich kommen sie, um bei mir zu essen; das trifft sich recht dumm und die schönen Damen nehmen sich ganz verzweifelte Freiheiten! Hm! (laut) Es ist spät, und ich bin den ganzen Tag nicht ausgewesen. Ach, Godolphin! Es freut mich, Sie hier zu sehen, nur fürchte ich, Sie werden ein schlechtes Essen bekommen.

– Nicht doch, S...'s Koch ist mit recht berühmt – sagte Godolphin lächelnd.

S...'s – das mag seyn. (für sich) was zum Teufel meint er damit? (laut) Meiner ist auch gut, nur muß er sich vorbereiten können, besonders, wenn es so schwierige Gäste gilt.

– Aber mein lieber Saltream – rief Godolphin lachend – denken Sie denn, Sie sind zu Hause?

– Ha! Auf mein Wort – antwortete Saltream nach einer langen Pause und sehr verwundert – das dachte ich wirklich.

Lord S... gab vortreffliche Diners. Er ist seitdem wegen dieses großen legislativen Talentes zum Pair erhoben worden.

Es war eine recht angenehme Gesellschaft in seinem Hause versammelt, aber es schlug acht und es wurde noch nicht angerichtet und der Wirth wurde verdrießlich.

– Wen erwarten Sie noch? fragte Godolphin.

– Saltream.

– Saltream? rief Godolphin.

– Saltream! sagte Lady Erpingham.

– Saltream – wiederholte Saville – ei, er hat ja mich und eine Menge andere Leute eingeladen, heute bei ihm zu speisen!

– Lord Saltream! – erwiederte der Kammerdiener und der Earl trat herein. – Er hatte seine Zerstreutheit abgeworfen, und war köstlich; er entschuldigte sich wegen seines langen Ausbleibens in einem Strome von Witzworten und als er Lady Erpingham nach dem Speisesaal führte, streute er Epigramme auf den Weg.

Der erste Gang war vortrefflich: Lord Saltream war die Seele der Gesellschaft, aber schon beim zweiten Gang wurde er düster, seine Stirn runzelte sich, er blickte verlegen, ärgerlich um sich, verfärbte sich, biß sich in die Lippen und brach endlich in die Worte aus:

– Auf Ehre, Lady Erpingham, ich muß Sie tausendmal um Verzeihung bitten. Mylord (er wendetete sich zu dem Wirthe) ich bitte Sie, meinem Schurken von Koch zu vergeben, denn ich begreife wirklich nicht, es ist mir rein unerklärlich, und wie gesagt, ich muß Sie um Entschuldigung wegen des schlechten Dinners bitten, denn es ist in der That abscheulich.

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