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Godolphin oder der Schwur

Edward Bulwer-Lytton: Godolphin oder der Schwur - Kapitel 52
Quellenangabe
typefiction
booktitleGodolphin oder der Schwur
authorEdward Bulwer-Lytton
year1834
publisherVerlag Jakob Anton Mayer
translatorLouis Lax
addressAachen und Leipzig
titleGodolphin oder der Schwur
submitted20050620
senderniki_nikotini@hotmail.com
created20051104
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Siebentes Kapitel.

Rückkehr nach London. – Fanny Millinger. – Ihr Haus und Souper.

Es war in der Mitte des Frühlings und bei Anbruch der Nacht, als unsere Reisenden in London einfuhren. Man fühlt sich ganz sonderbar bewegt, wenn man nach einer längern Abwesenheit wieder in das Getümmel und Gelärm dieser ungeheuren Stadt tritt. Ihr Glanz, Leben und Treiben, die Beweise ihres ehrfürchtigen Strebens, haben etwas unbegreiflich Gewaltiges und Aufregendes, wenn man die majestätische Stille des Kontinents dagegen hält. Konstanze wendete sich unruhig zum Schlage des hinrollenden Wagens heraus.

– Oh, wenn ich ein Mann wäre! – sagte sie begeistert.

– Und warum? – fragte Godolphin lächelnd.

– Warum? Blicke auf den gewaltigen Schauplatz des allgemeinen Ehrgeizes und frage noch warum! Welche stolze Laufbahn steht jedem Bürger in dieser freien Stadt offen! Dort! Sieh dort – das Parlament in seinem beredten Ruhme.

– Und dicht dabei – bemerkte Godolphin spöttisch – eine Grabstätte.

– Ja – antwortete Konstanze schnell – aber das Grab großer Männer.

– Die Opfer ihrer Größe.

Nach einer Pause begann Konstanze wieder: Und fühlst Du Dich nicht aufgeregt durch dieses Treiben und Drängen, diesen Glanz und diese Pracht Deiner Vaterstadt?

– Ja, ich befinde mich auf dem Markte, wo alle Genüsse zu erkaufen sind.

– Pfui!

Godolphin zog seinen Mantel fester an, und schob das Fenster hinauf, sich über den abscheulichen Ostwind beklagend. Der Wagen hielt vor dem geschmackvollen Säuleneingange des Erpinghamschen Hauses. Godolphin fühlte sich etwas gedemüthigt bei dem Gedanken, daß er einem andern, einer Frau, diese glänzende Wohnung zu danken habe, aber Konstanze errieth dies Gefühl nicht, eilte die breite Treppe hinan, zeigte auf die Thür, welche zu ihrem Boudoir führte, und sagte:

– In diesem Zimmer sind Minister ernannt und gestürzt worden.

Godolphin lachte, denn da er den Enthusiasmus nicht theilte, so fühlte er nur die Eitelkeit dieser Ruhmrede. Dies war aber Konstanzens schwache Seite und ihr dunkles Auge sprühte Feuer.

Nichts langweilt einen Mann mehr, als die unbehagliche Ruhe, die auf eine Tagereise folgt. Godolphin nahm gähnend seinen Hut, nickte Konstanze zu und wendete sich nach der Thür.

– Was ist das, Percy, du willst doch jetzt nicht ausgehen?

– Allerdings, Liebe.

– Wo denn hin, um des Himmels Willen?

– Nach White's Kaffeehaus, mich nach der Oper und der Stärke des Ballets erkundigen.

– Ich hatte eben nach Licht geschellt, um Dir das Haus zu zeigen – sagte Konstanze unmuthig und beinah vorwurfsvoll.

– Ich danke, Konstanze; dumpfe Zimmer und Ostwinde auf einmal, das ist zu viel. Das Haus sehen? Was kann in Englischen Häusern das Sehen lohnen, wenn man von den Mamor-Pallästen Italiens kommt? Hast Du sonst etwas zu bestellen?

– Nichts – sagte Konstanze, mit Thränen in den Augen; Godolphin bemerkte sie nicht; ihm mießfiel nur die kalte Betonung ihrer Antwort und er murmelte, als er die Thür schloß, vor sich hin: kann es wohl eine unzartere Prahlsucht geben?

– Und so – sagte Konstanze bitter – kehre ich denn nach England zurück, ohne Freund, ungeliebt, einsam im Herzen und in meinem Streben, wie ich es früher war. Erwache denn, meine Seele! Du bist meine einzige Kraft, meine einzige Stütze. Wie schwach, wie schwach war ich, daß ich diesen Mann liebte, obgleich – Still, still, zur Reue bin ich noch nicht tief genug gesunken.

Sie trocknete sich einige Thränen ab, riß sich mit einer gewaltsamen Anstrengung von ihren Gefühlen los, stützte den Kopf auf ihre Hand, und überließ sich, in das Feuer blickend, ernsteren Betrachtungen, welche die Rückkehr in den Kreis ihres frühern Ehrgeizes hervorgerufen hatte.

Währenddes begab sich Godolphin nach dem damaligen Haupt-Klub in St. James, dem Sammelplatz aller müßigen Stutzer und zierlichen Politiker. Es gibt zwei Klassen populairer Menschen in London: die eine ist munter, lustig, gut gelaunt, die andere ruhig, anständig, sarkastisch. Zu der einen gehören die Leute, die man verdammt gute Burschen, zu der andern die, welche man verdammt honorige Burschen nennt. In die letztere gehörte Godolphin. Da er nie ein Buch geschrieben, noch sich als ein Genie geltend gemacht hatte, so rechnete man ihm seine geistige Tüchtigkeit nicht als ein Hindernis an. Denn in den Augen jener jungen Herren, welche für ihre Zeitgenossen die Schöpfer des Ruhmes sind, gibt es keinen Ersatz für die Sünde, sich in etwas auszuzeichnen. Der Mensch ist verdammt langweilig mit seinen Büchern und seiner Poesie – sagte ein Erz-Dandy von Byron, als eben Childe Harold allen Frauen den Kopf verdrehte. Es war Gesellschaft bei White, als Godolphin eintrat und alles begrüßte ihn sehr freundschaftlich.

– Willkommen, alter Junge – rief der eine. – Der Teufel soll mich holen, ich freue mich, – Sie wiederzusehen – sagte ein anderer. – So haben Sie Lady Erpingham allein in Beschlag genommen, Sie glücklicher Spitzbube – rief ein dritter. – Oh Godolphin – flüsterte ein vierter – wir essen heut Abend bei der kleinen Millinger. Sie erinnern sich doch der Millinger? Sie müssen mitkommen: Sie sind ein alter Liebling, werden gerne gesehen seyn. Übrigens, alles in Ehren, und Lady Erpingham braucht nicht eifersüchtig zu seyn. (Konstanze eifersüchtig auf Fanny Millinger!) Alles in Ehren! kommen Sie, ich fahre Sie hin, mein Kabriolet hält draußen.

Alles besser, als seine Verletzung über den Ehrgeiz, dachte Godolphin und ließ sich hinreißen, die Einladung anzunehmen. Godolphins Freund war ein lebhafter, junger Pair, von jenem gutmüthigen, bequemen, nichts übelnehmenden Karakter, welchen indolente Menschen oft einem geistvollern vorziehen, weil der Umgang mit ihm keine Mühe macht. Lord Jocelyn plauderte, als sie durch die hellen Straßen fuhren, über tausend Gegenstände, auf die Godolphin hinhörte, so weit es ihm beliebte, denn Jocelyn war in dem Alter und der Stimmung, wo man sich leicht eines Zuhörers entschlägt.

Sie kamen in einer kleinen Villa bei Brompton an; es befand sich ein Garten daran und in einer Ecke eine kleine Laube, was alles sehr niedlich gehalten war. Das Haus war eben erst von oben bis unten weiß angestrichen, und es hatte einen Altan, und die Fenster waren von Spiegelglas mit Mahagoni-Rahmen und durch ein offenes Fenster konnte man inwendig die Stühle sehen, die vergoldet und mit rother Seide überzogen waren – kurz es war eine Wohnung, wie sie sich alle Damen von Fanny Millingers Stand und Karakter einrichten.

Als die beiden Gäste durch eine Gothische Halle, die nicht über dreißig Fuß im Geviert hatte und durch ein Gewächshaus mit einem Flußgotte in der Mitte gekommen waren, befanden sie sich in Gegenwart der Schauspielerin.

Godolphin war nicht wenig gespannt gewesen, das offne, schöne, heitere Gesicht wieder zu sehen, welches ihm als Knaben entgegen gelacht hatte, und sein Geist flog zu dem Sommerabend zurück, wo der junge Abentheurer mit einem Pulse, der gar sehr von seiner jetzigen schleichenden Mattigkeit abstach, und mit einem Herzen, das im Stolze der ungewohnten Unabhängigkeit glühte, zuerst in die Welt trat. Er zog sich unwillkürlich zurück, als er jetzt auf die Schauspielerin blickte: sie war, wozu sie schon in ihrer Jugend Anlage zeigte, voll und stark geworden. Sie war auffallend, und wenn auch nicht unzierlich, doch theatralisch gekleidet, ihre schönen Hände und Arme waren mit Edelsteinen bedeckt und das ganze Wesen, welches die Bühne verräth, sprach sich in ihrem Äußern noch stärker aus, als bei ihrem ersten Zusammentreffen mit Godolphin; doch herrschte noch immer die alte Heiterkeit und Ungezwungenheit in ihrem Benehmen und in ihrer Stimme, als sie Jocelyn grüßte und darauf ihn nach seinem Freunde fragte. Godolphin ließ seinen Mantel fallen und in demselben Augenblicke stürzte sich mit einem leichten Schrei, der nach Theatereffekt klang, und doch natürlich war, die Schauspielerin in seine Arme.

– Oh – sagte sie plötzlich mit einer affektirt ehrbaren Verbeugung – da hätte ich bald vergessen, daß Sie jetzt verheirathet sind. Es ist vorbei mit Spiel und Tanz. Wie lange Jahre haben wir uns nicht gesehen; aber ich habe Sie nie ganz vergessen, obgleich das Theater alles Gedächtnis für die neuen Rollen in Anspruch nimmt. Wissen Sie, daß Ihr Haar, das so schön war, dünn geworden, und nicht mehr so lockig ist. Es ist unartig, daß ich so etwas sage, aber ich sage immer die Wahrheit und mein Herz ist so voll Freude über dies Wiedersehen, daß der Mund überfließt.

– Nun – sagte Lord Jocelyn, der währenddes mit einem kleinen Schooßhunde gespielt hatte – werden Sie sich nicht auch bald meiner erinnern?

– Ihrer? Ach was! An Sie denkt niemand, außer wenn Sie sprechen und dann mahnen Sie nur, nach der Uhr zu sehen.

– Gut gesprochen, Fanny, sehr gut! Wann erwarten Sie Windsor? Er muß bald hier seyn. Sagen Sie mir, können Sie ihn wirklich leiden?

Leiden? Ja, sehr gut, und das ist das rechte Wort für Sie, und für Sie Alle. Wenn Liebe über den Strom des Lebens führe, würde mein kleines Schiff in einem Augenblick umstürzen. Aber in der That, ich habe bei den vielen ernsteren Geschäften, über Anziehen und Spielen, nicht Muße genug zu lieben. Und Godolphin, was habe ich mich gebessert! Fragen Sie Lord Jocelyn, ob ich nicht wie ein Engel singe, obgleich meine Stimme kaum stark genug ist, über einen Spieltisch zu reichen; aber auf der Bühne lernt man das Alles ersetzen, und neben der wirklichen Existenz bildet sich eine dichterische, in der wir wie im Zauber leben.

Godolphin war erstaunt darüber, wie sehr sich Fanny gleich geblieben war. Das frivole Leben hatte sie nicht erniedrigt, hauptsächlich weil sie kein anderes kannte. Man konnte nicht sagen, daß sie gefallen sey, denn nur das Bewußtseyn der Entwürdigung entwürdigt uns. Jetzt erschien auch Tom Windsor, ein Irländer, der 45 Jahre alt und seinen Landsleuten in nichts, außer im Witz, ähnlich war. Groß, mager, runzlig, aber doch voll Weltkenntnis und Scherze über alles was ihm vorkam; reich und heiter, war er überall beliebt und entpreßte dem armseligen Leben so viel nur möglich war, ohne sich gerade zum entschiedenen Schurken zu machen. Gleich nach ihm hüpfte der hübsche Franzose, d'Aubrey, herein, und auf ihn folgte der junge Spieler St. John. Zuletzt kamen noch zwei Schauspielerinnen und mit ihnen war die Gesellschaft geschlossen.

Das Abendessen war prunkvoll, wie das Haus; die besten Weine, die besten Speisen, wurden aufgetischt – die Schauspielerin war reich geworden. Witz, Scherz, Anekdoten sprühten mit dem Champagner umher, und Godolphin bildete sich ein, er sey wieder jung und der ehemalige Verehrer dieses ausgelassenen Lebens geworden.

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