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Godolphin oder der Schwur

Edward Bulwer-Lytton: Godolphin oder der Schwur - Kapitel 5
Quellenangabe
typefiction
booktitleGodolphin oder der Schwur
authorEdward Bulwer-Lytton
year1834
publisherVerlag Jakob Anton Mayer
translatorLouis Lax
addressAachen und Leipzig
titleGodolphin oder der Schwur
submitted20050620
senderniki_nikotini@hotmail.com
created20051104
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Zweites Kapitel.

Bemerkungen über die Verkettung des Lebens. – Der Sarg großer Männer wird immer geehrt. – Konstanze findet eine Zuflucht bei Lady Erpingham. – Die Vorzüge und der Karakter der Heldin. – Das intrigante Temperament.

Mein Gott, wie sonderbar ist unser Leben! Welches Puppenspiel! Welch schreckliches Räthsel ist das Geschick! Ich setze nie meinen Fuß vor die Thür, ohne daß mich das fürchterliche Dunkel erschreckt, das über dem nächsten Augenblick lagert. Welch gräßliches Ereignis kann meinem Herzen bevorstehen! Sichtbar oder unsichtbar, das Schwert hängt immer über uns.

Und mit diesem Leben – diesem Schauplatze der Finsternis und der Furcht – sollen wir so zufrieden seyn, daß wir kein anderes wünschen, verlangen? Wäre ich nicht überzeugt, daß ich unsterblich sey, so schwöre ich, daß ich, ehe eine Stunde vergeht, diese gefährliche, lästige Sterblichkeit abschütteln würde.

Konstanze hatte jetzt keine nahen Verwandten mehr auf der Welt. Aber ihr Vater hatte richtig prophezeit: die Eitelkeit ersetzte die Liebe. Vernon, der achtzehn Monate lang vor seinem Tode mit dem bittersten Leiden und Mangel gekämpft – Vernon, den im Leben Alles verlassen hatte, wurde mit dem hohnsprechenden Pompe des Reichthums begraben. Sechs Pairs trugen das Leichentuch; eine lange Reihe Wagen folgte dem Zuge; die Journale waren mit Umrissen zu seiner Biographie und mit Klagen über sein Hinscheiden angefüllt. In Westminster wurde er beigesetzt, und eine Subscription zur Errichtung eines Denkmals vom besten Marmor eröffnet. Lady Erpingham, eine entfernte Verwandte des Verstorbenen, lud Konstanze ein, bei ihr zu leben, und Konstanze willigte natürlich ein, da ihr nichts anderes übrig blieb.

Am Tage, wo sie im Hause der Lady Erpingham, in Hillstreet, ankam, waren mehrere Personen im Besuchszimmer gegenwärtig.

– Ich fürchte, sagte Lady Erpingham – man sprach von der erwarteten Ankunft Konstanzens – ich fürchte, daß das arme Mädchen ganz betreten seyn wird, wenn es, noch dazu unter so unglücklichen Umständen, eine zahlreiche Gesellschaft findet.

– Wie alt ist sie? fragte eine bekannte Schönheit.

– Dreizehn Jahre, glaube ich.

– Hübsch?

– Ich habe sie seit ihrem siebenten Jahre nicht wiedergesehen; damals versprach sie, sehr schön zu werden, aber sie war auffallend schüchtern und schweigsam.

– Miss Vernon! meldete der Kammerdiener, die Thür aufreißend.

Mit dem langsamen Schritte und der sicheren Haltung des Weibes, aber mit einem weit stolzeren und kälteren Wesen, als Frauen gewöhnlich annehmen, schritt Konstanze Vernon durch den langen Saal und grüßte ihre zukünftige Beschützerin. Obgleich Aller Blicke auf ihr ruheten, erröthete sie doch keineswegs; obgleich die Fürstinnen der Londoner Welt sie umgaben, war ihr Gang und Benehmen doch fürstlicher, als das übrige. Die Gefühle aller Anwesenden erlitten eine vollständige Umwälzung. Man war auf Mitleid gefaßt, aber Mitleid war hier nicht angebracht. Auf Lady Erpingham's Lippen erstarb jedes Wort vornehmer Gönnerschaft, und sie, nicht Konstanze, war betreten und verwirrt.

Ich denke schnell über die Jahre wegzugehen, welche verflossen, bis Konstanze zum Weibe heranwuchs. Nur Einen Blick auf ihre Erziehung. Vernon hatte sie nicht allein im Französischen und Italienischen unterrichtet, sondern, da er selbst gründlich und leidenschaftlich sich den gelehrten Studien gewidmet hatte, ihr sogar die Sprachelemente der beiden großen Völker des Alterthumes mitgetheilt. Die Schätze dieser Sprachen machte sie sich später selbst zu eigen.

Lady Erpingham hatte eine Tochter, die sich verheirathete, als Konstanze das sechszehnte Jahr erreichte. Konstanze theilte die Vortheile des Unterrichts, den Lady Eleonore Erpingham bei ihren Lehrern und ihrer Erziehung genoß. Miss Vernon zeichnete schön und sang himmlisch, aber in der Wissenschaft der Musik machte sie keine großen Fortschritte. Ihr Sinn war in der That zu ernst, und zu sehr auf andere Dinge gerichtet, als daß sie diesem eifersüchtigsten aller Talente die erforderliche ausschließende Aufmerksamkeit hätte widmen können.

Bei allen ihren Reizen und bei allen Vorzügen ihres gebildeten Geistes kam jedoch nichts der ungewöhnlichen Anmuth ihrer Unterhaltung gleich. Unbekümmert um die gewöhnliche Richtschnur, die man mit dem Ausdruck »anständiger Schüchternheit« und »geziemender Bescheidenheit« zu beschönigen pflegt – nahm sie keinen Anstand, die Diskussion über ernstere gewichtigere Gegenstände nicht bloß zu theilen, sondern selbst anzuleiten. Noch weniger vermied sie es, die gewöhnlichen Nichtigkeiten, welche das Wesen der Unterhaltung ausmachen, mit dem Zauber des Witzes selbst mit der väterlichen Quelle, von der er ererbt war, wetteifern konnte.

Es kömmt mir zuweilen sonderbar genug vor, daß man jungen Damen so eifrig Talente beibringt, nach welchen der Ehemann nichts frägt, während man gerade die vernachlässigt, welche er hochstellt. Man lehrt sie, zur Schau stellen; er bedarf einer Gefährtin. Er braucht weder ein singendes, noch ein tanzendes, noch ein zeichnendes, er braucht ein redendes Geschöpf. Reden aber lehrt man sie nicht; alles, was sie davon wissen, ist lästern, und das »verstehen sie von Natur.«

Konstanze aber sprach wirklich schön; und gar nicht wie eine Pedantin, noch wie eine Schriftstellerin, noch wie eine Französin. Ein Kind wurde eben so bezaubert von ihr, wie ein Gelehrter. Die Beredsamkeit ihres Vaters war auf sie übergegangen; aber bei ihm beherrschte sie, bei ihr nahm sie ein. Noch einen andern Zug hatte sie von ihrem Vater: Vernon hatte (wie die meisten betrogenen Menschen) der Welt durch seine Anklagen Unrecht gethan. Es war nicht seine Armuth und sein Leiden allein, welches seine Partei veranlaßt hatte, mit Kälte auf sein Hinscheiden zu blicken. Sie hatte eine scheinbare Entschuldigung für ihr Zurücktreten – sie zweifelte an seiner Aufrichtigkeit. Allerdings hatte sie keinen genügenden Grund dazu. Kein Politiker neuerer Zeit war konsequenter. Er hatte trotz seiner Armuth Bestechungen, trotz seines Ehrgeizes Stellen ausgeschlagen. Aber – und hier liegt das Geheimnis – er war durch und durch ein Intrigant. In der alten politischen Schule auferzogen, hielt er Ränke für Weisheit, und Falschheit für Kunst des Regierens. Wie Lysander Plutarch's Leben des Lysander. liebte er die Intrigue, und verschmähte doch das eigene Interesse. Niemand war weniger offenherzig und doch rechtlicher. Dieser in allen Ländern so seltene Karakter ist es namentlich in England. Unsere derben Gutsherren, unsere Politiker von Bellamy Besitzer einer Restauration im Unterhause. A.d.Ü. begreifen ihn nicht. Sie bemerkten in Vernon Künste, welche die Feinde täuschten, und fürchteten, sie möchten, obgleich sie seine Freunde waren, auch getäuscht zu werden. Diese Neigung, welche für Vernon so schlimm ausschlug, hatte seine Tochter geerbt. Mit einem finstern, kühnen, leidenschaftlichen Geiste, der einen Mann zu den höchsten Unternehmungen getrieben haben würde, verband sie die weibliche Lust am Geheimnisvollen und Ränkeschmieden. Sie glaubte, um noch etwas von Plutarch und Lysander zu entlehnen, daß »wenn die Löwenhaut nicht ausreichte, man sie durch die des Fuchses ergänzen müsse.«

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