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Godolphin oder der Schwur

Edward Bulwer-Lytton: Godolphin oder der Schwur - Kapitel 46
Quellenangabe
typefiction
booktitleGodolphin oder der Schwur
authorEdward Bulwer-Lytton
year1834
publisherVerlag Jakob Anton Mayer
translatorLouis Lax
addressAachen und Leipzig
titleGodolphin oder der Schwur
submitted20050620
senderniki_nikotini@hotmail.com
created20051104
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Dritter Band.

Erstes Kapitel.

Der Liebe Bitterkeit.

Als Godolphin nach Hause zurückkehrte, fand er die Thür offen, wie Lucilla sie gelassen hatte und er trat schnell in sein Gemach. Er eilte nach dem Tische, auf welchem er in dem Sturm seiner Gefühle den Brief an Konstanze hatte liegen lassen, aber er fand nur das Papier, auf welches Lucilla ihren Namen geschrieben hatte. Während er bestürzt sich darüber verwunderte, traten sein Diener und die Begleiterin Lucillas herein und in wenigen Augenblicken erfuhr er Alles, was sie ihm mitzutheilen hatten: das Übrige erklärte ihm Lucillas Handschrift zur Genüge. Er begriff Alles und schickte in einem Anfall von Reue und Besorgnis seine Diener nach allen Richtungen aus und machte sich selbst auf, um sie aufzusuchen. Er ging nach dem Hause ihrer Verwandten; sie hatten sie nicht gesehen, nichts von ihr gehört. Es war jetzt Nacht und sein Nachforschen auf alle Art erschwert. Keine Spur war zu finden: zuweilen folgte er einer Beschreibung, die ihm zu passen schien, er stürzte nach, fand aber keine Lucilla! Gegen Tagesanbruch kehrte er nach Hause zurück und sein einziger Trost nach dieser langen, vergeblichen Mühe war, daß ihm ihre Dienerin versicherte, sie hätte eine Summe Geldes bei sich, welche ihr in Italien überall Schutz und Theilnahme versichern mußte. Aber allein des Nachts in den Straßen – sie, der die Welt so fremd war – sie, so jung, so reizend – er schauderte bei dem Gedanken, und der Athem verging ihm. Hätte sie Hand an ihr Leben gelegt? Auch dieser schreckliche Gedanke drängte sich ihm auf, daß er ihn nicht los werden konnte; er zitterte, wenn er an ihr leidenschaftliches Wesen dachte und wenn er sich erinnerte, welche Verzweiflung jedes seiner Worte an Konstanze in ihr erregt haben mußte. Und in der That konnte selbst seine Phantasie den tiefen Schmerz ihres zerrissenen Gemüths nicht ermessen. Er kam nur nach Haus, um sogleich wieder fortzueilen. Er wandte sich an die Polizei und an jene thätigen und wachsamen Agenten, welche sich in Rom zu allen Geschäften hergeben, so daß er fast überzeugt seyn konnte, sie würde entdeckt werden.

Trotzdem kam der Mittag und der Abend heran, und noch immer ließ sich nichts sehen. Als er mit der schwachen Hoffnung zurückkehrte, daß vielleicht in seiner Wohnung irgend eine Nachricht seiner warten möge, stürzte ihm sein Diener mit einem Briefe entgegen: er war von Lucilla und ihrer würdig. Ich theile ihn dem Leser mit.

Lucillas Brief.

»Ich habe Deinen Brief an eine Andere gelesen! Sagt Dir das nicht genug, nicht Alles? Alles? Nein! Du kannst Dir nie, nie, niemals sagen, wie gebrochen, zermalmt mein Herz ist. Warum? Weil Du ein Mann bist, und weil Du nie so geliebt hast, wie ich liebe. Ja Godolphin, ich wußte, daß ich nicht fähig war, Deine Liebe zu fesseln. Ich bin ein armes, unwissendes, ungebildetes Mädchen, das nichts im Herzen hat, als eine Welt der Liebe, die sie nie aussprechen konnte. Du sagtest, ich könnte Dich nicht begreifen; ach! wie viel lag hier, liegt hier, in meiner Natur, in meinen Gefühlen, das Deinen Augen ewig unergründlich bleiben wird.

»Aber das thut Alles nichts: das Band, das uns verknüpfte, ist auf immer zerrissen. Geh, theurer, theurer Godolphin, und verbinde Dich mit jener Glücklicheren, die so viel besser zu Dir zu passen scheint, als die ungebildete Lucilla. Kümmre Dich nicht um mich: Du bist gütig, sehr gütig gegen mich gewesen. Du hast mir die Hoffnung genommen, aber Du hast mir Stolz dafür gegeben. Der Schlag, der mein Herz zerschmetterte, hat meinen Geist gekühlt. Und wärest Du und ich allein auf der Erde, wir müßten doch getrennt bleiben; meine Welt ist nicht Deine Welt; wenn unsere Herzen nicht mehr zusammen sind, wie kann unsere Verbindung noch bestehen? Und doch wäre es noch etwas, wenn Du, da die Zukunft mir einmal verschlossen ist, mir nicht auch die Vergangenheit geraubt hättest; aber ich habe nicht einmal das Recht, in die Vergangenheit zurückzublicken! Wie! Während mein Herz sich ganz Dir ergoß, während ich keinen andern Gedanken, keinen andern Traum hatte, als Dich, während ich zu Deiner Seite saß und Dich hütete, und Deine Wünsche ablauschte und Deine Gedanken vorherzusehen suchte, während Nachts Dein Haupt an meinem Busen ruhte und ich nicht schlafen konnte vor Wonne, Dich so nahe bei mir zu sehen: währenddes war Dein Herz fern von mir, währenddes schwebten Deine Gedanken nach andern Welten, ich war Dir nur eine Bürde, die Du Dich los zu werden sehntest! Kann ich daher je zu den Stunden zurückblicken, die wir zusammen verlebt haben? Diese ganze Vergangenheit ist nur Eine Folge von Schande und Bitterkeit. Und doch kann ich Dir nicht zürnen; es wäre ein Trost, wenn ich es könnte; je weniger Du mich liebtest, um desto gütiger und großmüthiger bist Du gegen mich gewesen, und Gott wird Dich segnen für Deine Freundlichkeit gegen die arme Waise. Nie hatte ich den Schmerz, ein rauhes Wort, einen drohenden Blick von Dir zu erleiden. Wenn ich auf die Vergangenheit zurückblicke, kann ich nur trauern über die Milde, welche nicht aus Liebe entsprang.

Geh Godolphin; ich wiederhole meine Bitte mit Demuth und Aufrichtigkeit. Geh zu ihr, die Du liebst, vielleicht wie ich Dich geliebt habe, geh und ich werde wenigstens etwas Glück für mich aus Deinem Glücke schöpfen. Wir scheiden für immer, aber es ist kein Unfriede zwischen uns; keiner kann dem andern einen Vorwurf machen. Habe ich gesündigt, so geschah es gegen den Himmel und nicht gegen Dich und Du – oh, auch gegen den Himmel war nur mein die volle Schuld. Du wirst in Dein Vaterland zurückkehren, in jenes stolze England, nach dem ich Dich so oft gefragt habe und welches, selbst in Deinen Antworten, mir so kalt und traurig und der Liebe so feindlich schien. Dort wirst Du in Deinen neuen Banden neue Beschäftigung finden und wirst zu glücklich seyn, um an mich zu denken. Zu glücklich? Nein, ich wünschte, ich könnte Dich mir so denken, aber ich, der Du jede Sympathie mit mir abstreitest, habe doch Dein Herz genug durchschaut, um zu fürchten, daß Du, was auch geschehe, nie das Glück suchen werdest, das Du suchst. Du verlangst zu viel Ideales, Du träumst zu gern, um nicht mit dem Wirklichen mißvergnügt zu seyn. Was mir geschehen ist, muß auch meiner Nebenbuhlerin, wird Dir Dein ganzes Leben hindurch geschehen. Dein Körper ist in dieser Welt, Deine Seele in einer andern. Ach! Wie thöricht lasse ich mich gehen, um in Deiner Natur und nicht in den Ereignissen den Schlag zu suchen, der uns scheidet.

»Ich will schließen. Ich habe eine Zuflucht in diesem Kloster gefunden: ich bitte, ich beschwöre Dich, suche mich nicht, folge mir nicht: es kann zu nichts dienen. Ich möchte Dich nicht sehen. Der Schleier ist gefallen zwischen Deiner und meiner Welt und es bleibt uns nichts, als uns in Güte und Wohlwollen Lebewohl zu sagen. Lebe wohl denn! Ich denke mir, daß ich jetzt bei Dir bin, ich denke mir, daß meine Lippen Dein langes Haar zurück gehaucht haben, und auf Deine schöne Stirn den Kuß einer Schwester – das wenigstens bleibe ich – einen Schwesterkuß drücken. Wie wir im grauen Dämmerlichte bei unserer letzten Trennung zusammenstanden, als ich in Sorgen und Thränen mein Haupt an Deiner Brust verbarg, wie ich, ohne Ahnung dessen, was kommen würde, mich in Versicherungen unwandelbaren, treuen Sinnes ergoß, wie Du dreimal Dich von mir rissest und dreimal zurückkehrtest und wie ich durch den unfreundlichen Morgennebel Dir nachblicke und Stundenlang glaubte, Deine Worte klängen noch in meinen Ohren, so sage ich Dir auch jetzt, aber mit andern Gefühlen, Lebewohl, Lebewohl für immer!

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