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Godolphin oder der Schwur

Edward Bulwer-Lytton: Godolphin oder der Schwur - Kapitel 44
Quellenangabe
typefiction
booktitleGodolphin oder der Schwur
authorEdward Bulwer-Lytton
year1834
publisherVerlag Jakob Anton Mayer
translatorLouis Lax
addressAachen und Leipzig
titleGodolphin oder der Schwur
submitted20050620
senderniki_nikotini@hotmail.com
created20051104
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Sechszehntes Kapitel.

Lucilla. – Die Einsamkeit. – Der Zauber und der Entschluß.

Während diese für Lucilla so verhängnisvollen Ereignisse sich in Rom zutrugen, wandelte sie in rastlosem Kampfe mit ihrem eigenen leidenschaftlichen Herzen, an den Ufern des Sees, dessen schimmernde Glätte die Stimmung ihres Gemüths, dessen Spiegel sie einst in glücklichen Zeiten gewesen war, jetzt verhöhnte. Sie hatte die schwere Last der Zeit den Winter hindurch geschleppt und schon war der sanfte Frühling erwacht, und hatte Leben in das grünende Wachsthum zurückgerufen. Früher hatte diese Jahreszeit einen geheimnisvollen, heiligen Reiz für Lucilla gehabt, jetzt war ihre Stimme verstummt. Die Briefe, welche Godolphin ihr geschrieben, kamen so selten, waren, im Vergleich mit frühern, so gezwungen, daß ihre einzige Erholung von thränenvoller, muthloser Niedergeschlagenheit in einzelnen Anfällen von Zweifel, Eifersucht und Verzweiflung bestand.

Es ist der gewöhnliche Lauf der Welt, daß wenn wir einmal jemand Unrecht gethan haben, wir aus einer gewissen Verstimmung, mit welcher das Gewissen das Gefühl der beleidigten Partei verknüpft, in dem Unrecht immer weiter gehen. Und so fühlte Godolphin, im Kampfe mit der Hinneigung zu seiner ersten und nie vergessenen Liebe, die selten mit Erfolg bestrittene Unlust, sich gegen Lucilla zu verstellen. Sogar seine Gewissensbisse machten ihn unfreundlich; das Gefühl, daß er oft schreiben sollte, machte, daß er selten schrieb; und im Bewußtseyn, daß er ihre Sprache liebevoller Eingebung erwidern sollte, zeigte er sich unwillkürlich voller Verdrießlichkeit und Zurückhaltung. Alles dies ist natürlich und scheint uns ganz klar; aber Lucilla kamen eher tausend mysteriöse Dinge in den Sinn, als eine Ahnung der Wahrheit.

Währenddes gab sie sich immer eifriger mit jenen Forschungen ab, welche ihr noch die Zeit vertrieben, und ihrer Phantasie schmeichelten. Bei einer so trüglichen, gehaltlosen Wissenschaft kommt es zum Glück nicht darauf an, ob der arme Schüler mit Geschick arbeitet, aber wer je einen Blick auf die verwickelten Formen und die seltsamen Figuren dieser Kunst geworfen hat, dem brauche ich nicht zu sagen, wie langsam die Fortschritte der Tochter in der Wissenschaft ihres Vaters waren. Doch war es schon ein Trost und eine Erholung, nach dem heitern Himmel aufzublicken und Muthmaßungen aus der Sprache der Gestirne zu schöpfen. Aber selbst während sie die Zukunft befragte, dachte sie doch immer an den Geliebten. Allein Tag auf Tag verging, es kam kein Brief oder Schlimmeres noch als keiner. Endlich verlor Lucilla alle Ruhe und Geduld, ihre Nerven geriethen in fieberhafte Aufregung, und die tiefe, ewige Einsamkeit brachte eine Reizbarkeit hervor, welche dem Wahnsinn vorangeht, der zuweilen den Verbrecher in seinem öden Kerker befallen soll.

Am Tage, wo sie den eben mitgetheilten Brief an Godolphin schrieb, war jene schmerzliche Empfindlichkeit der Nerven lebhafter als je. Sie sehnte sich danach, irgendwo hin zu fliehen, ja ein oder zwei Mal fiel ihr ein, daß Rom so weit nicht sey, und daß sie so schnell als ihr Brief dort ankommen könnte. Obgleich wir in jenem Brief Lucillas zuerst ihren Wunsch mitgetheilt haben, Godolphin möge zurückkehren, so hatte sie doch zuletzt schon immer (obwohl vielleicht etwas zu zaghaft) darauf hingedeutet. Lucilla hatte keinen Grund zu hoffen, daß ihre Bitte einen bessern Erfolg haben würde, als ihre frühern, und konnte auf keinen Fall annehmen, daß sie unverzüglich erfüllt werden würde. Sie sah neuen Entschuldigungen, neuen Verzögerungen entgegen. Es ist daher kein Wunder, daß die Sehnsucht in ihr immer zunahm, ihrem Briefe nach Rom zu folgen, und obgleich sie durch die Furcht vor Godolphins Unwillen davon abgehalten und noch dazu zurückgeschreckt wurde, diesen Gedanken entschieden festzuhalten, so vertraute sie doch auf die Sanftmuth seines Karakters, und lebte der Überzeugung, daß sein Unwillen nicht von Dauer seyn würde. Trotz dem war es ein kühner Schritt, und Lucilla war zu hingebend, um nicht schüchtern zu seyn, und überdies erschien bei ihrer Unerfahrenheit ihr eine solche Reise als ein fürchterliches Unternehmen.

Den Gedanken für sich erwägend, suchte sie ihr gewöhnliches Asyl auf und blätterte zerstreut in den Büchern, in welchen sie seit Kurzem studierte. Als sie zuletzt eins in die Hände nahm, welches sie bisher noch nicht beachtet hatte, fiel ein Papier heraus; sie nahm es auf; es enthielt die Figur, welche der Astrolog seiner Tochter gezeigt und es ihr als einen Zauber geschildert hatte, Träume hervorzubringen, durch welche der Gläubige alles, was er über Personen oder Ereignisse zu wissen verlangte, erfahren könne. Als sie das Bild sah, drängte sich ihrem Geiste die ganze Unterredung auf, welche sie mit ihrem Vater damals gehabt hatte, und sie beschloß noch diese Nacht die Wirksamkeit eines Zaubers zu erproben, auf welchen er so zuverlässig vertraute. Von diesem Wahn erfüllt, wünschte sie begierig die Nacht herbei. Sie blickte, ohne aufzusehen, auf das seltsame Bild und die wunderbaren Zeichen, welche den Zauber bildeten, und ihre Seltsamkeit selbst bestärkte sie, wie natürlich, in ihrem Glauben, und sie fühlte ein schauerliches Beben, als die Abendschatten immer dunkler an den fernen Bergen wurden und die Zeit der Prüfung herannahte. Endlich war es Nacht und Lucilla eilte in ihr Zimmer.

Der Himmel war außerordentlich klar und die Sterne schienen mit einem Glanze durch das Fenster, der ihr prophetisch, ahnungsschwer dünkte. Baarfuß, nur in einem leichten Gewande, trat sie zitternd über die Schwelle, blieb einen Augenblick am Fenster stehen und blickte hinaus in die dunkle, stille Nacht. Sie war ein Bild – ich hätte, wäre ich ein Maler gewesen, meine Jugend daran gegeben, es zu malen: halb im Licht – halb im Schatten – Hals und Brust entblößt – Formen und Farben, welche die Natur nie übertroffen hat. Die Arme waren über dem Busen gekreuzt, und das lange Haar wogte, noch dunkler durch diese Beleuchtung, üppig herab. Sie stand still, wie anbetend, und vielleicht betete sie wirklich; ihr Gesicht war etwas erhoben und blickte nach dem Himmel und nach Rom. Aber welches Gesicht! Es war so jung, so kindlich, so züchtig, und doch so gehoben durch den schmerzlichen Zweifel, die übernatürliche Furcht und das himmlische Wesen, welches auf ihrer Stirn, ihren geöffneten Lippen, in ihren funkelnden Augen thronte. Es lag etwas Erhabenes in der Einsamkeit dieser Jugend und in diesem Aberglauben, der nur aus der Tiefe einer unergründlichen und mächtigen Liebe auftauchte. In der Ferne hörte man das Plätschern des Sees an den Ufern – sonst keinen Laut.

Lucilla entfernte sich vom Fenster, kniete nieder, schrieb mit zitternder Hand ein Wort unter die Figur – den Namen Godolphins. Dann legte sie das Blatt unter ihr Kissen und der Zauber war vollbracht. Der Astrolog hatte ihr von der nothwendigen Mitwirkung gesprochen, durch welche der Geist das Werk unterstützen muß; aber Lucilla bedurfte keines Anreizes, um ihre Sinne bloß auf die Vision zu richten, welche sie beschwören wollte. Und wunderbar wäre es gewesen, wenn nach dem tiefen, angestrengten Sinnen, mit welchem sie das Bild Godolphins betrachtet hatte, dies Bild nicht, auch ohne cabalistische Formeln, ihr im Traume erschienen wäre.

Sie träumte, es sei heller Mittag und sie sitze allein in dem Hause, das sie damals bewohnte, und weinte bitterlich. Plötzlich rief die Stimme Godolphins nach ihr; sie stürzte hinaus, und kaum war sie über die Schwelle getreten, als die Gegend, mit der sie so vertraut war, ihren Blicken entschwand, und sie sich allein fand in einer ungeheuren, unbekannten Wildnis; da war kein Baum und kein Wasser; Alles war dürr, öde und todt. Aber was ihr am sonderbarsten schien, war, daß am Himmel, obgleich er klar und glänzend war, sich doch nicht Sterne noch Sonne zeigten; das Licht schien erstarrt zu ruhen, und kein Leben zu haben. Und sie träumte weiter, daß sie durch die Wüste zog, und daß sie sich manchmal nach Erholung sehnte, aber die Glieder gehorchten dem Willen nicht, und eine Gewalt, die sie nicht beherrschen konnte, trieb sie immer weiter.

Und auf einmal hörte es auf, stumm und todt zu seyn. Aus dem Sande, wie aus Erdblasen, brachen hinter einander nichts als scheußliche, kriechende Schatten hervor; schmutzige Weisen drangen in ihr Ohr, bald voll schauderhaften Spottes, bald noch schrecklicheren Begehrens. Die gräßlichen Gestalten drängten sich immer näher und dichter um sie her. Die Angst trieb sie fort und fort, sie stieg schneller dahin, sie suchte zu entkommen; aber je mehr sie eilte, je lauter wurden die Stimmen, je gespenstischer die verfolgenden Schatten; und bei jeder Wendung traten ihr Schandbilder entgegen, vor deren Anblick ihr reiner Sinn zurück schauderte; und da war keine Höhle, sich zu bergen, keine Zuflucht, sich zu retten. Erschöpft und verzweifelt blieb sie endlich stehen; aber jetzt verloren die Gestalten und die Stimmen langsam ihr Schreckliches; ihr Auge und ihr Ohr gewöhnten sich an sie, und am Ende wurden sie ihr Gefährten.

Und wieder war die Wildnis verschwunden; sie stand in einer seltsamen Gegend und ihr gegenüber stand Godolphin und starrte sie an mit trauerndem Blicke. Aber es schien viel älter, als er war, und die Spuren der Sorge waren tief in sein Gesicht gegraben, und über ihnen beiden hing eine bleiche, regungslose Wolke, und daraus streckte sich eine riesige Hand hervor, und zeigte mit einem Schattenfinger auf einen Theil der Erde, der in dichtes Dunkel gehüllt war. Als sie mit angestrengtem Auge durch die Finsternis dieser Stelle zu dringen suchte, träumte sie, daß Godolphin verschwunden; und alles tiefe, tiefe Nacht war, aber keine Stille – denn die Winde heulten, und die nahen, zürnenden Wässer rauschten, und sie hörte die Bäume krachen, und fühlte die eisige Luft auf sie einströmen. Der Sturm war entfesselt. Aber mitten durch das Gewirr des gewaltigen Getöses hörte sie deutlich den Schritt eines Pferdes und gleich darauf einen wilden Schrei, in dem sie Godolphins Stimme erkannte, und der die Wuth der Natur durch den gräßlichen Ruf menschlicher Verzweiflung noch entsetzlicher machte. Auf den Schrei folgte ein lauteres Rauschen der Wellen, und ein wilderes Toben der Winde, bis die fürchterliche Angst die Fesseln des Schlafes zerbrach, und sie erwachte.

Es war beinahe Tag, aber die Heiterkeit der Nacht war verschwunden; der Regen fiel in Strömen herab, und das Haus bebte vor der Wuth des heftigen Sturmes. Der Traum hatte Lucillas Aberglauben bestärkt. Tausend Besorgnisse, mehr für Godolphin, als für sie, und wenn für sie, doch nur in Beziehung zu ihm, beherrschten ihre Gedanken. Sie konnte nicht länger warten, keinen Aufschub ertragen, sie beschloß nach Rom zu eilen, Godolphin zu sehen. Sie stand auf, weckte ihre Dienerin, und führte noch an demselben Tage ihren Willen aus.

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