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Godolphin oder der Schwur

Edward Bulwer-Lytton: Godolphin oder der Schwur - Kapitel 43
Quellenangabe
typefiction
booktitleGodolphin oder der Schwur
authorEdward Bulwer-Lytton
year1834
publisherVerlag Jakob Anton Mayer
translatorLouis Lax
addressAachen und Leipzig
titleGodolphin oder der Schwur
submitted20050620
senderniki_nikotini@hotmail.com
created20051104
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Fünfzehntes Kapitel.

Tivoli. – Die Syrenenhöhle. – Das Geständnis.

Längs der kahlen Campagna, durch eine niedere, schmutzige Reihe Häuser, führt der Weg, bis plötzlich Tivoli uns entgegenlacht.

– Oh sehen Sie, sehen Sie – rief Konstanze enthusiastisch, indem sie auf den rauschenden Strom zeigte, der durch dichtes Gehölz und über schroffe Abgründe stürzte.

Erstaunt über das Schweigen Godolphins, den solch ein Anblick gewöhnlich begeisterte und entflammte, wendete sie sich schnell um, und der Schwung ihrer Gefühle wurde plötzlich durch die tiefe Niedergeschlagenheit, welche aus seinen Zügen sprach, gedämpft.

– In der That, sagte sie, nach einer kurzen Pause, ein muntres Lächeln erzwingend – das ist ärgerlich. Sonst entgeht Ihnen kein grüner Fleck mit einem alten Baume in der Mitte, kein Bach, mit einer Weide daran. Sie zwingen uns, Ihr Entzücken zu theilen, oder zanken mit uns wegen unserer Kälte, und jetzt bei dieser himmlischsten aller Gegenden, jetzt, da selbst Lady Charlotte bewegt ist, und Hr. Saville sich selbst vergißt, sind Sie in das Schweigen der Apathie versunken. Darf man den Grund wissen, wenn er nicht zu hoch ist?

– Er ist hier – sagte er schmerzlich, die Hand an die Brust drückend.

Konstanze wendete sich ab: sie schmeichelte sich mit der Hoffnung, daß er an frühere Scenen denke, und in dieser Erinnerung an der Zukunft verzweifelte. Sie brachte seine Melancholie mit sich selbst in Berührung und wußte, daß, wenn dies so war, sie sie vertreiben könne. Durch diesen Gedanken begeistert und durch die Schönheit des Morgens und die wundervolle, herrliche Natur belebt, ließ sie ihren Geist frei ausströmen, daß Godolphin bald die Größe seines Opfers vergaß, bald sie desto bitterer empfand. Nach und nach ließ Godolphin seine Zurückhaltung fahren; er theilte den Enthusiasmus Konstanzens und wendete ihre entzückten Blicke auf neue, reizendere Punkte. Sein in den Schätzen der alten Zeiten erfahrener Geist wußte aus jedem Gegenstande Leben zu schöpfen. Der Wasserfall, die Ruine, die Höhle, das steile mit Oliven umgürtete Ufer, die dunkle Pracht des Cypressenhaines, das Brausen des ungestümen Anio – über Alles hauchte er den Zauber der Vergangenheit, die Herrlichkeit der Geschichte und Legende, und die Blüthe der ewigen Poesie, die noch jetzt, um ihre Kinder trauernd, durch die Weinberge des alten Tibur wandelt. Und Konstanze hörte hingerissen zu, bis sie selbst unwillkürlich in Schweigen versank und sich ganz der stolzesten Wonne der Liebe, dem Stolze auf das geliebte Wesen, hingab. Nie war ihr der seltene, vielseitige Genius Godolphins so bewundernswerth erschienen: als er aufhörte zu reden, schien es Konstanze wie eine plötzliche Leere in der Schöpfung.

Godolphin und die junge Gräfin waren der kleinen Gesellschaft um mehrere Schritte voraus und sie nahmen jetzt ihren Weg nach der Syrenenhöhle. Der Pfad, welche zu dieser sonderbaren Stelle führt, ist ewig feucht, und so abschüssig und schlüpfrig, daß man, um sich auf den Füßen zu erhalten, sich beständig an das Gebüsch halten muß, welches an der Seite des Abgrundes wächst.

– Wir wollen den Führer zurücklassen – sagte Godolphin. – Ich kenne jeden Theil des Weges und bin überzeugt, Sie theilen mit mir den Widerwillen gegen diese plappernden Maschinen, diese lebendigen Merkzeichen der Bewunderung. Lassen Sie ihn Lady Charlotte und Saville, und erlauben Sie mir, Sie zur Höhle zu führen. – Konstanze willigte gerne ein und gieng mit ihm weiter. Saville, dem der schwierige und gefährliche Pfad, der nur zu einem kalten Orte führen sollte, durchaus kein Vergnügen machte, blieb halb zurück und schlug Lady Charlotte vor, dasselbe zu thun. Lady Charlotte zog den Witz ihres Gesellschafters bei weitem der malerischen Gegend vor, und überdies, sagte sie, habe ich auch die Höhle schon gesehen! So warteten sie beide auf die Rückkehr der kühnern Gräfin und ihres Führers.

Konstanze, welche den Abfall ihrer Freunde nicht ahnte und wegen der Aufmerksamkeit, die jeder Schritt erforderte, sich nicht ein einziges Mal umsah, setzte ihren Weg fort. Und wie reizend schien ihr jetzt dieser rauhe Pfad, als jeden Augenblick Godolphins Hülfe, Godolphins Hand nöthig wurde; und er, hingerissen, entflammte durch ihre Nähe, ihre Berührung, ihr sanftes, hingebendes Wesen – doch nein, nein, noch war Lucilla nicht vergessen!

Endlich standen sie in der Grotte der Syrene. Von diesem Punkte allein übersieht man den schrecklichen Sturz des Wassers, welches herabdonnert, wie mit der Gewalt eines Gottes. Die Felsen um sie tropften, der Strom schäumte zu ihren Füßen. Und immer und immer wieder brauste das tosende Element herab, oben nichts als Wuth, unten nichts als Nacht; dort der Wasserfall, hier der Abgrund. Kein Augenblick der Ruhe in diesem tosenden Treiben, kein Augenblick des Schweigens in diesem tosenden Lärme. Und hier, mitten in diesem gewaltigen, ewigen Kampfe, standen zwei Wesen, die in diesem Augenblicke ganz erfüllt waren von der höchsten Leidenschaft der Menschheit. Und diese Leidenschaft verstummte auch dort nicht; die Stimme der äußern Natur überwältigte die innere nicht. Selbst in dem kalten Dunst, der umhersprühte, fühlte Godolphin die Glut seines Herzens. Konstanze war in ein Chaos von Ehrfurcht und Bewunderung versunken, welches sie ganz der Sprache beraubte. Aber es lag in der Natur ihres seltsamen Geliebten, daß er zu dem Gefühle seiner Kräfte und Leidenschaften grade unter den wilden und ungewöhnlichen Aufregungen des Lebens erwachte. Ein ungestümes Feuer durchglühte seine Adern, durch seinen Geist zuckte jene rasende Überspannung, welche die bekannte und bestrittene Behauptung hervorrief: »Hast Du je mit Deiner Geliebten an einem Abgrund gestanden, und den Wunsch sich in Dir regen gefühlt, Dich mit ihr in die Tiefe zu stürzen? Wenn ja – so hast Du geliebt.« Dies ist ohne Zweifel überspannt, aber es giebt Zeiten, wo die Liebe überspannt ist. Konstanze hatte, ohne es zu wissen, sich enger und enger an Godolphin angeschlossen. Erst stützte er sie mit seiner Hand, dann mit seinem Arm, und endlich, hingerissen durch eine unwiderstehliche Gewalt, zog er sie an seine Brust, und flüsterte ihr zu mit einer Stimme, die ihr selbst unter dem Donner des wüthigen Wassersturzes vernehmlich war: Hier, hier, meine theure, meine einzig Geliebte, hier fühle ich es gegen meinen Willen, daß ich Dich nie ganz, wahrhaft angebetet habe, als erst jetzt.

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