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Godolphin oder der Schwur

Edward Bulwer-Lytton: Godolphin oder der Schwur - Kapitel 42
Quellenangabe
typefiction
booktitleGodolphin oder der Schwur
authorEdward Bulwer-Lytton
year1834
publisherVerlag Jakob Anton Mayer
translatorLouis Lax
addressAachen und Leipzig
titleGodolphin oder der Schwur
submitted20050620
senderniki_nikotini@hotmail.com
created20051104
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Vierzehntes Kapitel.

Lucillas Brief. – Wirkung desselben auf Godolphin.

Die ebenerwähnte kurze Unterredung mußte Godolphin zeigen, auf wie schwachen Stützen seine Treue für Lucilla beruhe. Nie früher, nie, selbst nicht in der Blüthenzeit ihrer ersten Leidenschaft, war ihm Konstanze so liebenswürdig erschienen. Ihr Wesen war jetzt so viel sanfter und hingebender, als damals, wo sie beschlossen hatte, weder seinen Bitten, noch ihrem Herzen nachzugeben, daß der Theil ihres Karakters, der seinen Stolz verwundete oder seinen Neigungen widerstrebte, ganz verschwunden schien. Die Welt, welcher sie, wie er, obwohl widerstrebend, sich eingestehen mußte, noch immer zu sehr lebte, schien die natürliche Hochherzigkeit ihres Geistes mehr zu erheben und zu beseelen, als zu den gewöhnlichen Anhängern derselben herabzuziehen. Wenn sie sprach, schwelgte er, obgleich er in seiner Meinung von ihr abwich, in den hohen und kühnen Ansichten, welche sie auffaßte. Er liebte ihre Empörung gegen alles Niedrige und Gemeine, und ihre Leidenschaft für alles Muthige und Erhabene. Nie wurde er aus dem Ideal seines Liebestraumes durch die Äußerung einer kleinlichen Leidenschaft oder eines gehässigen Wunsches herabgestürzt: vieles in ihr war voller Irrthümer, aber selbst in diesen lag Schwung und Adel. Die Jahre, während deren sie getrennt gewesen waren, hatten ihm noch tiefer das Gefühl eingeprägt, wie selten ein solcher Karakter wäre. Alle Gefühle, Empfindungen, Fähigkeiten und Kräfte, welche bei seiner Neigung zu Lucilla geschlummert hatten, wurden zu voller Thätigkeit geweckt, so wie er in Konstanzens Gesellschaft war. Sie nahm sich nicht einen geringfügigen Theil, sie verlangte und erhielt die ganze Herrschaft über seine Seele. Und gegen diese Herrschaft sollte er jetzt kämpfen? Während er so von tausend widerstreitenden Gefühlen erschüttert wurde, wurde ihm plötzlich folgender Brief zugestellt:

Brief Lucillas.

»Dein letzter Brief, mein Geliebter, war so kurz und übereilt, daß es mich nicht die gewöhnliche Mühe gekostet hat, ihn auswendig zu lernen; auch war ich, die Wahrheit zu sagen, nicht so begierig wie sonst, alle Deine Worte meinem Gedächtnis zu übergeben. Warum, weiß ich nicht, und will ich nicht erforschen, aber es liegt seit unserer letzten Trennung etwas in Deinen Briefen, was mich kalt durchrieselt; es stößt mir das Herz ab. Ich reiße das Siegel mit einer Begierde auf, daß Du lächeln würdest, wenn Du es sehen könntest, und finde ich dann, wie wenig Worte Du mir giebst, von denen ich doch so viele Tage leben soll, so fühle ich mich getäuscht und vernichtet und lege den Brief weg. Dann schelte ich mich selbst und sage: die wenigen Worte wenigstens werden liebevoll seyn, und ich lese sie eins nach dem andern, um nicht zu schnell mit meinem einzigen Trost zu Ende zu kommen. Ach, noch ehe ich am Schlusse bin, sind meine Augen von Thränen verdunkelt; meine volle, lebensfrische Liebe zu Dir scheint bei jeder Zeile erstarrt und gehemmt. Und dann lege ich mich erschöpft nieder und sehne mich nach dem Tode. O Gott, wenn die Zeit gekommen wäre, die ich immer gefürchtet habe, wenn Du mich nicht mehr lieben solltest! Diese Furcht ist so natürlich! Denn was bin ich denn? Wie oft klagst Du, daß ich Dich nicht errathen kann; wie oft ließest Du merken, daß in Deiner Natur so vieles liege, was ich unfähig – unwürdig sey, zu ergründen. Ist dem so, so ist die Furcht natürlich, daß Du andere finden werdest, die Dir mehr zu entsprechen scheinen, und daß die Abwesenheit Dich nur noch mehr an meine Mängel erinnern wird.

»Und doch glaube ich, daß ich Dich kenne, doch glaube ich, daß meine Liebe, welche Dir immer folgt, Dich immer bewacht, immer Deine Wünsche zu errathen sucht, in jedes Geheimnis Deines Herzens gedrungen seyn muß: mir fehlt es nur an Worten, meine Gefühle auszudrücken. Du aber wirfst die Schuld auf das Gefühl. Ich weiß nicht, wie ungebildet, wie unwissend ich Dir erscheine und zuweilen – seit Kurzem sogar sehr oft – mache ich mir Vorwürfe, daß ich nicht eifriger gestrebt habe, mich zu einer würdigeren Gefährtin für Dich zu machen. Ich glaube, wenn ich dieselben Mittel, wie andere hätte, so würde ich auch dieselbe Leichtigkeit erlangen, meine Gedanken auszudrücken, und meine Gedanken könntest Du nie tadeln, denn ich weiß, daß sie von einer Liebe zu Dir erfüllt sind, welche keine Frau, nicht die Klügeste, nicht die Glänzendste, die Du sehen magst, nur in der Phantasie erreichen kann. Aber ich habe seit Deiner Abreise diesem Mangel abzuhelfen gesucht, und in alle Bücher gesehen, welche Du gerne gelesen hast, und ich bilde mir ein, daß ich jetzt dieselben Begriffe eingesogen habe, welche Dir gefallen und von denen Du einst wähntest, ich könnte keine Theilnahme dafür fühlen. Wie hast Du Dich geirrt! Ich sehe an den Bemerkungen, welche Du an den Seiten gemacht hast, die Empfindungen, welche Dich am meisten angesprochen haben, aber ich weiß, daß ich sie schon viel, und viel, viel tiefer und lebhafter gefühlt habe, als sie hier vorgetragen sind; nur dachte ich, sie hätten keine Sprache. Mich dünkt, ich habe jetzt die Sprache gelernt, und ich habe mir Lieder gelernt, die Du gerne hören wirst, wenn Du zurückkommst, und ich habe Musik getrieben, und hoffe, ja ich bin überzeugt, jetzt wird Dir die Zeit nicht so schwer vergehen, als das letzte Mal.

»Und wann werde ich Dich wieder sehen? Vergieb mir, wenn ich Dich um Beschleunigung Deiner Rückkehr bitte. Du bist länger ausgeblieben als gewöhnlich; aber das würde ich nicht beachten; es ist nicht die Zahl der Tage, sondern der Empfindungen, mit welchen ich sie gezählt habe, die mich mit ängstlicher Sehnsucht nach Deiner geliebten Stimme, nach Deinem Angesicht füllt. Nie empfand ich früher so schmerzlich Deine Abwesenheit, nie war ich so elend. Eine geheime Stimme flüsterte mir zu, daß wir geschieden sind für immer. Ich kann der Ahnung meines Herzens nicht widerstehen. Als mein armer Vater noch lebte, theilte ich, so kindisch ich war, die Gefühle nicht, mit denen er zu sagen pflegte, die Sterne bekümmern uns. Ich konnte nicht in ihnen die Boten der Furcht und die Verkünder schlimmer Nachrichten sehen; sie schienen mir voll Heiterkeit und Zärtlichkeit, dauernde Liebe zu versprechen. Und so oft ich zu ihnen aufblickte, dachte ich an Dich und Dein Bild erschien mir, wie Du weißt, schon damals in unbeschreiblichem, aber nie getrübtem Zauber. Aber jetzt, obgleich ich Dich um so viel stärker liebe, kann ich die Gedanken nicht von einer gewissen Trauer los machen, und so dünken mich auch die Sterne, welche Dir gleich, voll Deines Bildes sind, sich in Trauer zu hüllen. Und das Bett, wo ich diesen Morgen meine Arme nach Dir ausstrecke, und Dich nicht finde, und doch noch den Tag durchzuleben habe, und auf dem ich jetzt diesen Brief an Dich schreibe, denn ich, die sonst mit der Sonne aufstand, bin jetzt zu muthlos, als daß ich nicht versuchen sollte, den lästigen Tag zu kürzen – das Bett habe ich näher an das Fenster rücken lassen, und jede Nacht blicke ich auf zum klaren Himmel, und aus jedem Stern, den ich sehe, habe ich mir einen Freund gemacht. Ich frage ihn nach Dir, zweifle aber, ob Du an mich denkst, wenn Du hinaufsiehst. Ich sehe lieber auf den Himmel, als auf die Erde, denn die Bäume, und das Wasser, und die Hügel umher kannst Du nicht sehen; aber der Himmel, auf den ich blicke, strahlt auch auf Dich herab, und dieser gemeinschaftliche Gefährte verbindet uns noch. Auch habe ich über meines Vaters Lehre gedacht und sie zu erlernen versucht; lächle nur, Deine Abwesenheit hat mich abergläubisch gemacht.

»Aber sage mir, Theuerster, Geliebtester, sage mir, wann, oh wann kehrst Du zurück? Nur dies eine Mal noch kehre wieder, wäre es auch nur für einen Tag, und nie mehr will ich Dich verfolgen. Ich kann Dir nicht sagen, wie matt und traurig ich geworden bin; jede Stunde schlägt meinem Herzen wie die Todtenglocke. Komm zurück zu Deiner armen Lucilla, wäre es auch nur, um zu sehen, was Freude ist. Komm – ich weiß, Du kommst. Aber sollte etwas, was ich nicht verstehen kann, Dich zurückhalten, so bestimme den Tag wenigstens – ja die Stunde, wo möglich, in der wir uns wiedersehen werden, und laß den Brief, der mir so glückliche Botschaft bringt, lang und herzlich und voll von Dir seyn, wie sonst Deine Briefe waren. Ich weiß, ich ermüde Dich, aber ich kann Dir nicht helfen. Ich bin schwach, niedergeschlagen, erschöpft, und habe nur noch Kraft genug im Herzen, für Deine Rückkehr zu beten.«


– Du hast gesiegt, Lucilla, Du hast gesiegt – rief Godolphin, indem er den leidenschaftlichen, vorwurfsvollen Brief küßte und ihn in die Brust steckte – und ich, ich will lieber selbst elend seyn, als Dich dazu machen.

Sein Herz schalt ihn selbst wegen dieser letzten Meinung. War es denn ein Unglück, diese reine, hingebende Neigung hinzunehmen, war es ein Opfer, sie zu erwidern? Durch diese Gedanken gepeinigt, und sich nach Ruhe sehnend, eilte er ins Freie; er ging durch die Stadt, kam vor das St. Sebastianstor, erreichte die Via-Appia und erblickte, einsam und düster, wie sonst, das Haus des dahin geschiedenen Volktmann. Beinahe unwillkürlich hatte er diese Richtung eingeschlagen, um sich in seinen Entschlüssen zu bestärken, und sein Gewissen auf dem rechten Wege zu erhalten. Er eilte weiter und ruhte nicht, als bis er an jenem lieblichen, heiligen Platze – dem Thale der Egeria – angekommen war, wo er Lucilla an dem Tage ihres ersten Geständnisses getroffen hatte. Jetzt lag ein Schatten auf der Gegend; der Tag war dunkel und bewölkt, die Vögel schwiegen, die Luft schien gedrückt. Er trat in die Grotte, welche der Schauplatz des schönsten Liebesverhältnisses war, das die Geschichte des milden Südens bewahrt hat. Er rief sich die glühenden, leidenschaftlichen Gefühle zurück, welche er das letztemal, wo in dieser Höhle war, für Lucilla empfunden, und die er irrthümlich für wahre Liebe gehalten hatte. Wie anders sah jetzt, als er um sich blickte, der Platz aus! Damals schienen ihm diese Wände, diese Quelle, selbst jene verstümmelte Statue, die sanften Empfindungen, denen er sich hingab, anzuregen. Jetzt schienen sie ihm seine Schwäche vorzuwerfen. Die zerbrochene Bildsäule des Flußgottes, die öde Stille, durch welche das Wasser des lieblichen Quelles seinen melancholischen Lauf hinzieht, die tiefe, schauerliche Einsamkeit, alles schien beredt zu sprechen, aber nicht von Liebe, sondern von untergegangenen Hoffnungen, und der traurigen Leere, welche darauf folgt. Selbst in dem Alterthume dieser Stelle lag eine Verhöhnung der menschlichen Leidenschaften; fünf und zwanzig Jahrhunderte waren seit der Begebenheit vorüber gegangen, welche sie heiligte, und diese Begebenheit selbst war eine Fabel! Was war bei dieser ungeheuren Aufhäufung des Zeitsandes ein einzelnes Atom? Was war unter den Millionen, welche an dieser verlassenen Stelle geliebt und ihre Liebe vergessen haben, die kurze Leidenschaft Eines Sterblichen, die im Entstehen versiegte! So verschiedenartig moralisirt das Herz im Sinne der Leidenschaften, welche ihm das Thema dazu liefern.

Ehe er wieder in seiner Wohnung ankam, war sein Entschluß gefaßt. Den folgenden Tag hatte er Konstanzen nach Tivoli zu begleiten versprochen; er nahm sich vor, dabei Abschied von ihr zu nehmen, und Tags darauf zu Lucilla zurückzukehren. Er erinnerte sich mit bitterm Verdrusse, daß er ihr eine lange Zeit, dreimal so lang, als gewöhnlich, nicht geschrieben hatte. Er beschloß, daß dieser Brief wenigstens ihre Hoffnung nicht täuschen sollte. Er schrieb, und mit all der Wärme einer durch Gewissensbisse wieder erweckten Zärtlichkeit. Er benachrichtigte sie von seiner unverzüglichen Rückkehr, und zwang sich sogar, mit einem heuchlerischen Entzücken davon zu sprechen. Zum erstenmal seit mehreren Wochen war er mit sich selbst zufrieden, als er das Schreiben zusiegelte. Es ist zweifelhaft, ob Lucilla je diesen Brief erhalten hat.

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