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Godolphin oder der Schwur

Edward Bulwer-Lytton: Godolphin oder der Schwur - Kapitel 41
Quellenangabe
typefiction
booktitleGodolphin oder der Schwur
authorEdward Bulwer-Lytton
year1834
publisherVerlag Jakob Anton Mayer
translatorLouis Lax
addressAachen und Leipzig
titleGodolphin oder der Schwur
submitted20050620
senderniki_nikotini@hotmail.com
created20051104
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Dreizehntes Kapitel.

Konstanzes unveränderte Liebe für Godolphin. – Ihre Reue und ihre Hoffnung. – Das Kapitol. – Die verschiedenen Gedanken Godolphins und Konstanzens bei dessen Anblick. – Die zärtlichen Worte Konstanzens.

Alles, was Konstanze von Andern über Godolphins Leben seit ihrer Trennung hörte, steigerte ihre langgenährte Theilnahme an seinem Schicksale. In Gedanken brachte sie seine wiederholten und dauernden Entfernungen von den Städten, welche Zeit er, wie es hieß, in strenger, dunkler Einsamkeit verbrachte (die Gefährtin dieser Einsamkeit kannte man so wenig als deren Lage) – mit seinem melancholischen Aussehen, mit seinen halb vorwurfsvollen Blicken und mit der Bewegung, die er in seinen Gesprächen mit ihr verraten hatte, in Verbindung. Sie überredete sich, daß sie die Ursache dieses zwecklosen, unerfreulichen Lebens sey. Mit bitterm Schmerze erinnerte sie sich, wie er einstmals gesagt hatte: »Mein Schicksal ruht in Ihrer Hand,« und sie verglich seine lebendige Energie, seinen gebildeten Geist, seine ausgezeichneten Talente mit seinem wirklichen Leben, welches dies Alles so nutzlos für Andere, so nichtig für ihn selbst gemacht hatte. Wenige, sehr wenige nur wissen, wie mächtig das Gefühl zu dem Herzen einer Frau spricht, daß eines Andern Glück von ihr abhänge. Selbst an Abhängigkeit gewöhnt, ist das Gefühl, daß ein Anderer von ihr abhängt, der süßeste Trost ihres Stolzes. Dies ist ein Hauptgrund, warum sie ihre Kinder so liebt; sie würden ihr ungleich weniger theuer seyn, wären sie unabhängig von ihrer Sorge. Und die Jahre, welche die junge Gräfin mit der Nichtigkeit der Welt vertraut gemacht hatten, hatten auch die Quellen ihres Gefühls vertieft, im Verhältnis, wie die des Ehrgeizes gehemmt wurden. Sie konnte, sie wollte sich nicht verhehlen, daß Godolphin sie noch liebe; sie malte sich bereits die Stunde, wo er diese Liebe gestehen und wo sie ihm die Leiden ersetzen würde, die ihre frühere Zurückweisung ihm verursacht hatte. Sie fühlte auch, daß es eine eben so herrliche als edle Aufgabe sey, seinen glänzenden Geist in das Leben zu rufen, und der hinreißenden Beredsamkeit, mit welcher er ihn bekleidete, ihr Ziel zu zeigen. In dieser Hoffnung dachte sie an ihre egoistischen Pläne, ihre politischen Absichten und ihren Wunsch, ihre Gegner zu demüthigen, doch bildete dies, um gerecht zu seyn, nur einen untergeordneten Theil der Gedanken. Ich habe Dich von mir gewiesen, dachte sie, als ich arm und abhängig war; jetzt habe ich Rang und Reichthum und wie gerne will ich dies Alles Dir zu Gebot stellen.

Aber Godolphin trat, als ob er diese günstige Neigung nicht wahrnähme, aus seiner Zurückhaltung nicht heraus. Im Gegentheil, seine anfängliche Bewegung und Ergriffenheit war in eine kühle Ruhe übergegangen. Sie trafen sich oft, aber er vermied jedes vertrautere oder persönlichere Gespräch. Dennoch bemerkte sie, daß seine Augen sie beständig suchten und daß ein leichtes Zittern seiner Stirne, wenn er sie anredete, die Gleichgültigkeit seines Benehmens Lügen strafte. Zuweilen weckte ein Wort, eine Berührung all seine übel verhehlten Gefühle, seine Lippen schienen im Begriff, ihren Triumph zu gestehen, aber bald wieder wurde sie, wie durch eine gewaltsame Anstrengung, geschlossen, und oft eilte er, offenbar in der Überzeugung, daß er sich selbst nicht genug traute, plötzlich fort. Kurz, Konstanze sah, daß eine sonderbare Verlegenheit, deren Ursache sie nicht errathen konnte, ihn zurückhalte, und daß sein Benehmen durch irgend einen geheimen Beweggrund geleitet würde, der mit keinem Vorfalle in Verbindung stand, der zwischen ihnen beiden Statt gefunden hatte; denn es war klar, daß nicht Groll gegen sie wegen ihrer erstern Verwerfung ihn zurückscheuchte, da seine Blicke, seine Worte verriethen, daß er das Alles mehr als vergeben hatte. Lady Charlotte Deerham hatte von Saville ihre frühere Neigung erfahren, sie war eine Frau von Welt und hielt es nur für schicklich, ihm jede Gelegenheit zu verschaffen, sie wieder erneuern zu können. Sie suchte daher stets einen Vorwand, sich aus Konstanzens nächster Nähe zu entfernen, wenn Godolphin herankam und sie, wie zufällig, möglichst allein zu lassen: doch war das eine Gefahr, der Godolphin bisher noch entgangen war. Eines Tages machte jedoch das Schicksal seine Vorsicht zu Schanden und es folgte eine Unterredung, welche Konstanze in Verwirrung brachte und den Entschluß Godolphins auf eine schwere Probe setzte.

Sie giengen zusammen nach dem Kapitol, von dessen Höhe man vielleicht die imposanteste Aussicht von der Welt hat. Es war ein Anblick, der wesentlich geeignet war, den thätigen, hochherzigen Geist der jungen Gräfin zu wecken und zu erheben.

– Glauben Sie – sagte sie zu dem neben ihr stehenden Godolphin – daß irgend jemand diese zahllosen Denkmäler ewigen Ruhmes sehen und nicht über die Alltäglichkeit des gewöhnlichen Lebens seufzen, oder vielmehr sich vor Verlangen verzehrt fühlen kann, sich aus dem gemeinen Geleise zu erheben?

– Auf Sie – sagte Godolphin – mag dieser Anblick begeisternd, auf Andere wird er warnend wirken. Die Ruinen, welche wir erblicken, sprechen noch härter von Vergänglichkeit, als von Ruhm. Blicken Sie auf die Stelle, wo einst der Tempel des Romulus stand: dort erhebt sich jetzt die kleine Kirche eines unbekannten Heiligen. Gerade unter Ihnen ist der Tarpejische Felsen, wir können ihn nicht sehen; eine Reihe erbärmlicher Häuser verbirgt ihn uns. Längs der alten Ebene des Campus Martius zeigen sich jetzt die unzähligen Thürme einer neuen Religion und die Palläste eines modernen Geschlechtes. Unter ihnen stehen die Triumphsäulen des Trajan und des Marcus Antonius; aber welche Statuen krönen jetzt ihre Spitzen? Die des heiligen Petrus und des heiligen Paulus. Und diese Wüste menschlicher Werke, dieser Schauplatz menschlicher Revolutionen flößt Ihnen Liebe zum Ruhm ein? Mir beweist er nur dessen Nichtigkeit. Mir scheint ein unwiderstehliches, ein zerschmetterndes Gefühl von der Gehaltlosigkeit und Vergänglichkeit unserer weisesten und kühnsten Unternehmungen über diesem Platze zu schweben und uns zuzurufen.

– Sie sind noch immer – sagte Konstanze mit einem halben Seufzer – unempfänglich für Alles, was nicht den Genuß des gegenwärtigen Augenblicks betrifft.

– Nein – antwortete Godolphin mit weicher, bebender Stimme – ich bin nicht unempfänglich für den Kummer der Vergangenheit.

Konstanze erröthete tief, aber Godolphin, der zu weit gegangen zu seyn fürchtete, fügte schnell hinzu: – Wenden wir unsere Blicke nach jenen Olivenhainen. Dort fern von dem gemeinen Treiben der Menge waren die Sommersitze der kräftigsten, glänzendsten Geister Roms. Dort lebte Horaz und Mäcen, dort vergaß Brutus seinen schroffern Sinn und dort überließ sich der unergründliche und tiefe Augustus jener heitern Erholung, dort brachte er dem Witze, der Poesie und der Weisheit jene Opfergaben, welche uns verführt haben, nur widerstrebend über die Verbrechen seiner frühern und die Heuchelei seiner spätern Jahre Recht zu sprechen. Hier – fügte Godolphin lächelnd hinzu – bietet sich ein neuer Beweis gegen Ihren Ehrgeiz dar. Der Ehrgeiz allein machte Augustus gehässig, sein gelegentliches Vergessen desselben versöhnt uns wieder mit ihm.

– Und würden Sie demnach Unthätigkeit für das glücklichste Leben eines Mannes halten, dessen Talente ihn über das Gewöhnliche erheben.

– Nein, aber er soll sein Talent der Entdeckung von Vergnügungen, nicht der Arbeit widmen: je größer das Talent, desto feiner unser Empfindungsvermögen, je feiner dieses, desto größer unsere Befähigung für das Vergnügen. Vergnügen also sey unser Ziel. Wir müssen zu ergründen suchen, was am geeignetsten ist, unsern Geschmack zu befriedigen, und einmal gefunden, eifrig darauf hinstreben.

– Nicht weiter, das ist nur ein egoistisches unedles System. Sie lächeln, – ich mag nicht philosophisch seyn, ich gebe es zu: aber lieber Eine Stunde des Ruhmes, als ein Leben schwelgender Indolenz. Oh, ich wollte – fügte Konstanze hinzu, wärmer werdend – ich wollte, daß Sie, Herr Godolphin, mit einem so für hohe Leistungen gebildeten Geiste, mit all der Energie der Thatkraft, zu einem – verzeihen Sie mir – würdigen Begriffe von dem Gebrauch des Talentes erwachten. Gewiß, gewiß, Sie müssen empfänglich für den Aufruf seyn, den Ihr Vaterland, den die Menschheit in dieser Epoche an Alle, besonders aber an die ergehen läßt, welche Ihre Vorzüge und Gaben besitzen. Könnten wir nur etwas durch die Oberfläche der Gesellschaft dringen, und nicht sehen, daß große Ereignisse zum Ausbruch reif sind? Wollen Sie leiden, daß Männer, die unter Ihnen stehen, Ihnen zuvorkommen, und unthätig bleiben, während sie den Lohn erringen? Wollen Sie keinen Theil an dem glänzenden Drama nehmen, das sich schon hinter dem dunklen Vorhang des Geschickes verbreitet und eine Welt zu Zuschauern haben wird. Ach, wie stolz, wie glücklich würde ich mich fühlen, könnte ich einen Mann, wie Sie, für die große Sache dieses ehrenvollen Kampfes gewinnen!

Godolphins Augen erglänzten auf einen Moment, seine bleichen Wangen glühten, aber die Bewegung verschwand schon wieder, als er antwortete:

– Vor acht Jahren, als Konstanze Vernon noch zu mir sprach, hätte ihr Wunsch mich nach ihrem Willen formen können. Jetzt – er kämpfte mit seinen Gefühlen und wendete das Gesicht ab – jetzt ist es zu spät.

Konstanze war tief ergriffen. Sie legte ihre Hand leise auf seinen Arm und sagte mit sanfter und weicher Stimme: Nein, Percy, nicht zu spät!

In diesem Augenblick und zum Glück für Godolphins Tugend, traten, ehe er etwas erwidern konnte, Saville und Lady Charlotte Deerham zu ihnen.

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