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Godolphin oder der Schwur

Edward Bulwer-Lytton: Godolphin oder der Schwur - Kapitel 4
Quellenangabe
typefiction
booktitleGodolphin oder der Schwur
authorEdward Bulwer-Lytton
year1834
publisherVerlag Jakob Anton Mayer
translatorLouis Lax
addressAachen und Leipzig
titleGodolphin oder der Schwur
submitted20050620
senderniki_nikotini@hotmail.com
created20051104
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Erstes Kapitel.

Das Erwachen John Vernons. – Seine letzten Worte. – Beschreibung seiner Tochter, der Heldin des Buches. – Der Schwur.

– Ist die Nacht still, Konstanze?

– Sehr schön: der Mond ist aufgegangen.

– Öffne hier die Schläge weiter. Es ist wirklich eine schöne Nacht. Wie herrlich! Komm hieher, mein Kind.

Das volle Mondlicht, welches jetzt durch die Fenster strömte, traf nur wenig, dem es einen poetischen Reiz hätte geben können. Das Zimmer war klein, obgleich nicht unsauber in Aufputz und Anordnung. Die Bettvorhänge, von dunklem Indischen Kattun, waren zurückgeschlagen, und zeigten einen, durch Kissen aufgerichteten Mann, der bereits über die mittlere Lebenszeit hinaus war und auf seinem Gesichte die Spuren des nahenden Todes trug. Und doch, was war dies noch für ein Gesicht! Die blasse, breite, erhabene Stirn; die kurze, gewölbte Lippe; das volle Kinn mit seinen Grübchen; der Stempel des Genies auf jedem Zuge, jeder Linie, das Alles trotzte der Krankheit, oder entlehnte vielmehr ihrem geisterhaften Anschein eine noch eindrucksvollere Majestät. Neben dem Bette stand ein Tisch, auf dem Bücher des verschiedenartigsten Inhaltes zerstreut waren. Da lag ein dunkles Werk über finanzielle Berechnungen, dort ein Band wüster Trinklieder, hier die schwungvollen Gedanken von Plato's Phädo, dort die letzte Rede irgend eines Fants von Gesellschafts-Repräsentanten über die Malzsteuer; alte Zeitungen und bestaubte Broschüren vervollständigten dieses wissenschaftliche Durcheinander, und über ihnen erhob sich, traurig genug, die dünne, gespenstische Gestalt einer Phiole und ein mit seinem Löscher bedecktes Licht.

Ein leichter Fuß näherte sich dem Bette, und dem sterbenden Manne gegenüber stand ein Mädchen, das sein dreizehntes Jahr hinter sich haben mochte. Aber ihre Züge – die eine ausgezeichnete, man konnte sagen, fürstliche Schönheit verriethen – waren entwickelt, wie bei einem Weibe von doppelten Alter; auf ihrem Gesichte zeigte sich keine Spur von dem Dufte, der weichen Unbestimmtheit des Kindes. Ihre Farbe war bleich, wie der weißeste Marmor, aber klar und durchsichtig; und ihr schwarzes Haar, das sie auf eine damals ungewohnte Weise über der Stirn gescheitelt trug, erhöhte noch den klassischen, statuenartigen Eindruck ihrer edlen Bildung. Der Ausdruck ihrer Züge schien kalt, gemessen, etwas streng, mochte jedoch einigermaßen ihr Herz Lügen strafen, denn wenn sie sich nach dem Mondlichte wandte, konnte man sehen, daß, wenn sie auch nicht weinte, doch Thränen in ihren Augen schwammen, und das Zucken ihrer Lippe zeigte, daß sie nur darum etwas zögerte, auf die Bemerkungen des Leidenden zu antworten, weil es ihr zu schwer wurde, ihrer Bewegung Herrin zu werden.

– Konstanze, sagte der Kranke, nach einer Pause, während deren er mit ruhigem Herzen nach dem dunklen Himmel geschaut zu haben schien, den er in seiner sanften Bläue und seinen beredten Sternenglanze aus dem Fenster erblicken konnte, Konstanze, die Stunde kömmt heran; ich fühle es an Zeichen, die mich nicht trügen können. Diese Nacht werde ich sterben.

– O Gott, mein Vater! Mein theurer, lieber Vater! Sprich nicht so – ich will zum Doktor gehen –

– Mein Kind, nein. Ich verachte, ich verabscheue den Gedanken an Hülfe. Sie verweigerten mir alles, als es noch Zeit war. Sie ließen es mir frei, Hungers zu sterben, oder im Gefängnis zu verfaulen, oder mich aufzuhängen. Sie verließen mich wie einen Hund, und wie ein Hund will ich auch sterben! Die Gerechtigkeit, das tödtliche, erdrückende Gewicht meines letzten Fluches soll nicht um einen Gedanken erleichtert werden. – Heftige Krämpfe beraubten den Kranken der Sprache, und als er durch Medizin und mit Hülfe seiner Tochter wieder zu sich gekommen war, fügte er mit ruhigerer und leiser Stimme hinzu: Ist alles still unten, Konstanze? Sind Alle zu Bett? Die Wirthin – die Diener – die übrigen Miethsleute?

– Alle, Vater.

– Gut, so werde ich glücklich sterben. Gott sey gelobt, Du bist meine einzige Pflegerin. Ich denke noch an den Tag, wo ich nach einer ihrer wilden Orgien mich krank befand. Krank! Ein erbärmlicher Kopfschmerz – ein Anfall von Spleen – die Krankheit eines verwöhnten Schooßhundes. Gut! Dieselbe Nacht brauchten sie mich, um eine ihrer armseligen Maßregeln – ihrer Parlaments-Anträge – zu unterzeichnen, und da kam ein Prinz, der mir den Puls fühlte, und ein Herzog, der einen Trank mischte, und ein Dutzend Grafen schickten mir ihre Ärzte. Sie hatten mich nöthig damals. Weh mir! Lies mir das Billet dort, Konstanze, Flamborough's Brief. Du willst nicht? Ich sage Dir, lies!

Konstanze gehorchte zitternd.

»Mein theurer Vernon!

»Ich bin wirklich am désespoir über Ihren traurigen Zustand. Ich kann Ihnen nicht sagen, wie bekümmert es mich macht. Aber Sie wissen, in welcher Verlegenheit ich selbst bin. Apropos, gestern habe ich Seine Königliche Hoheit gesehen: »der arme Vernon, sagte er, ob ihm wohl ein hundert Pfund gelegen kommen?« – Sie sehen, mon cher, wir vergessen Sie nicht. Ach, wie vermißten wir Sie beim Beefsteaks-Klub! Wir werden nie wieder einen so glänzenden Bonvivant finden. Sie würden herzlich lachen, hörten Sie, wie L... Ihre alten Späße nachzubeten sucht. Aber die Zeit drängt: ich muß in das Parlament. Sie wissen, um welche Motion es sich handelt. Wollte Gott, Sie könnten sie statt des eselhaften T... einbringen. Adieu! Ich wünschte, ich könnte selbst kommen und Sie sehen, aber es würde mir das Herz brechen. Soll ich Ihnen einige Bücher von Hoookham's Bibliothek schicken? Immer der Ihrige

»Flamborough.«

– Das ist der Mann, den ich zum Staatssekretär gemacht habe, sagte Vernon. Sehr gut, sehr gut, es ist sehr gut! Laß mich Dich küssen, Mädchen. Arme Konstanze, Du wirst gute Freunde haben, wenn ich todt bin. Sie werden stolz darauf seyn, Vernon's Tochter helfen zu können, wenn der Tod ihnen gezeigt hat, was sie an Vernon verloren haben. Du bist sehr hübsch. Deiner armen Mutter Augen und Haar – meines Vaters herrliche Stirn und Lippen – und die selbst jetzt so stattliche Gestalt! Sie werden Dir den Hof machen; Du wirst Lords und große Herren genug zu Deinen Füßen haben, aber nie wirst Du diese Nacht, den Todeskampf auf dem Gesicht Deines sterbenden Vaters, das Brandmaal vergessen, das sie in sein Herz gebrannt haben. Und nun, Konstanze, gib mir die Bibel, aus der Du mir diesen Morgen vorgelesen hast – gut – tritt aus dem Licht, richte Deine Augen auf die meinigen und höre zu, als ob die Seele in Deinem Ohre wäre.

Als ich noch ein junger Mann war, und mir mühsam einen Weg am Tribunal bahnte, vorsichtig, besonnen, unermüdlich, voll Vertrauen auf den Erfolg – kamen gewisse Lords, die gehört hatten, ich besäße Genie, und mich zu ihrem Werkzeuge machen zu können glaubten, zu mir, und forderten mich auf, in das Parlament zu treten. Ich sagte ihnen, ich sey arm – kürzlich erst verheiratet – mein Ehrgeiz dünke nicht auf Kosten meines Privatvermögens befriedigt zu werden. Sie antworteten mir, sie verpflichteten sich, für mein Vermögen Sorge zu tragen. Ich ließ mich bereden, gab meinen Stand auf, willfahrte ihren Wünschen, wurde berühmt und ein zu Grunde gerichteter Mann! Sie konnten nicht ohne mich diniren, noch ohne mich soupiren, sich nicht ohne mich betrinken, nur in meiner Gesellschaft war ihnen das Vergnügen recht. Was that's, daß während ich zu ihrer Unterhaltung beisteuerte, ich gezwungen war, Schulden auf Schulden zu machen, Elend auf die Zukunft aufzuhäufen, daß ich Bankerott, und Sorgen, und Schande, und ein gebrochenes Herz und einen frühen Tod vorbereitete! Aber gib Acht, Konstanze. Hörst Du auch? Aufmerksam? Gut, merke jetzt, ich bin ein gerechter Mann. Ich tadle meine edlen Freunde, meine wackern Gönner darum nicht. Nein: vergaß ich mein Interesse, zog ich ihr Vergnügen meinem Glück und meiner Ehre vor, so war das mein Verbrechen und ich verdiene die Strafe! Aber, siehst Du die Zeit ging vorüber, und meine Gesundheit war geknickt; die Schulden wuchsen mir über den Kopf; ich konnte nicht bezahlen, man traute meinem Wort nicht mehr, mein Name verlor seinen Klang im Lande. Mit den Kräften verließ mich auch der Genius; ich war meiner Partei nicht mehr nützlich, und als ich auf das Siechbett sank – Du erinnerst Dich daran, Konstanze – kamen die Gerichtsdiener, und schleppten mich fort wegen einer armseligen Schuld – kaum vom Werthe eines jener Abendessen, die ich dem Prinzen auf seinen Wunsch zu geben pflegte. Von der Zeit an verließen mich meine Bekannten! Kein Besuch, kein freundlicher Schritt, keine Dienstleistung für den, dessen Wirkungszeit vorüber war! Der Karakter des armen Vernon war dahin! »Schrecklich in der Klemme – konnte den Gläubigern seine Versprechungen nicht halten – war immer so ausschweifend – ohne Grundsätze – müssen ihn aufgeben!«

In diesen Redensarten liegt das Geheimnis ihres Verfahrens. Sie vergaßen, daß für sie, durch sie mein Karakter vernichtet, meine Versprechungen nicht gehalten, der Ruin herbeigeführt worden! Sie bedachten nicht mehr, wie ich ihnen gedient, wie ich meine besten Jahre damit vergeudet hatte, sie zu erheben, ihre Sache in dem lügnerischen Buche der Geschichte zu adeln! An Alles dies dachte niemand: mein Leben theilte sich in zwei Epochen, die eine, in der ich ihnen – die andere, in der ich nichts nützte. Während der ersten wurde ich geehrt, während der letztern ließ man mich verhungern, verkümmern. Wer befreite mich aus dem Gefängnis? Wer erhält mich jetzt? Einer von meiner »Partei« – meine »edlen Freunde« – meine »ehrenwerten, sehr ehrenwerten Freunde?« Nein! Ein Kaufmann, dem ich einmal in meiner Glanzzeit einen Dienst geleistet, und der allein, von allen auf der Welt allein, mich in meinem Drangsal nicht vergaß. Du siehst, Dankbarkeit, Freundschaft keimt nur in den mittleren Regionen; höher hinauf gedeiht sie nicht!

Und nun tritt noch näher, denn meine Stimme erlischt, und ich will, daß Du diese Worte deutlich vernehmest. Ich sehe die Zeit kommen, wo die Aristokratie dieses Landes fallen muß. Das Volk drängt nach diesem Ziele. Es wird einst keine Grafenkronen, keine Hermelinmäntel, keine klingenden Titel, kein Erbfolgegesetz, kein Erstgeburtsrecht mehr geben. Ich bin überzeugt von dem, was ich sage, so gewiß je ein Mann von der Wahrheit des Buches überzeugt ist, das ich hier halte. Aber Du, Konstanze, bist Du auch nur ein Kind, ein Mädchen – sollst Dich verpflichten, meinen Wunsch, meinen Fluch im Auge zu behalten, ihn zu erfüllen. Lege Deine Hand auf die meinige: schwöre, daß das ganze Leben durch, bis zum Tode – schwöre! Du sprichst nicht! Wiederhole meine Worte! – Konstanze gehorchte. – Schwöre, daß Du das ganze Leben bis zum Tode, durch Glück und Unglück, durch Schwäche und Macht, dich dazu weihen willst, den Stand zu erniedrigen, zu demüthigen, von dem Dein Vater Undankbarkeit, Kränkung und den Tod empfangen hat! Schwöre, daß Du keinen armen, machtlosen Mann heirathen willst, der Dir nicht die Mittel zu der feierlichen Vergeltung schaffen kann, die ich verlange! Schwöre, daß Du Dich mit einem der Großen zu verbinden suchen willst – nicht aus Liebe, nicht aus Ehrgeiz, sondern aus Haß, aus Rache! Du sollst Dich erheben, um sie, die mich betrogen, zu erniedrigen! In den Kreisen des gesellschaftlichen Lebens sollst Du Dich daran ergötzen, ihre Eitelkeit zu vergällen; bei Staats-Intriguen wirst Du Dich jeder Maßregel anschließen, die sie zum ewigen Sturz verdammen kann. Zu diesem großen Zwecke wirst Du alle Mittel benutzen: – (Was! Du zauderst? Sprich mir nach, sprich, sprich!) Du wirst lügen, Dich schmiegen, kriechen, und das Laster nicht lasterhaft halten, wenn es Dich nur um ein Haar der Rache näher bringt. Mit diesem Fluche auf meine Feinde verbinde ich meinen Segen für Dich, meine theure, theure Konstanze, für Dich, die mich gepflegt, gewartet, alles, nur mich nicht retten konnte. Gott, Gott segne Dich, mein Kind!« – Vernon brach in Thränen aus.

Zwei Stunden nach diesem sonderbaren Auftritte, um drei Uhr Morgens, erwachte Konstanze aus einem kurzen, unruhigen Schlummer. Die graue Morgenröthe – denn es war in der Mitte des Sommers – begann schon mit den Schatten und den Sternen der Nacht zu kämpfen. Ein rauher, unbehaglicher Luftzug strich über die Erde und machte es frostig im Sterbezimmer. Konstanze saß an ihres Vaters Bett, die Augen auf ihn gerichtet, und die Wangen noch bleicher, als gewöhnlich, durch das blasse Licht der matten, unerquicklichen Dämmerung. Als Vernon erwachte, wendeten sich seine, vom Tode verglasten Augen matt und trüb gegen sie hin: sein Athem ging in Röcheln über. Einen Augenblick noch fand er die Sprache wieder; ein Strahl schoß über sein Gesicht, als er die letzten Worte von sich stieß – Worte, die schwer und unauslöschlich auf den Herzensgrund seiner Tochter fielen – Worte, welche ihr Leben bestimmten und ihr Schicksal besiegelten: »Konstanze, denk – an den Schwur – die Rache!«

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