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Godolphin oder der Schwur

Edward Bulwer-Lytton: Godolphin oder der Schwur - Kapitel 37
Quellenangabe
typefiction
booktitleGodolphin oder der Schwur
authorEdward Bulwer-Lytton
year1834
publisherVerlag Jakob Anton Mayer
translatorLouis Lax
addressAachen und Leipzig
titleGodolphin oder der Schwur
submitted20050620
senderniki_nikotini@hotmail.com
created20051104
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Neuntes Kapitel.

Rechtfertigung des Ehrgeizes. – Die Wohnung Godolphin's und Lucilla's. – Lucilla's Wesen. – Wirkung glücklicher Liebe auf des weibliche Talent. – Der Abend des Abschieds. – Lucilla allein. – Erprobung einer weltlichen Liebe.

Wie ist sie so mißhandelt, verleumdet worden, jene Leidenschaft, die mehr eine Leidenschaft der Seele, als des Herzens ist, die, dem Pseudo-Moralisten verhaßt, von dem wahren Philosophen mit freundlichem, wenn auch mit kritischem Blicke betrachtet wird: der erhabene, strahlenbeschwingte Ehrgeiz. Thoren mögen Dich schmähen, weil Du, wie anderes Hohe, mißbraucht werden kannst. Der Sturm entwurzelt die Eichen, aber für jede Eiche, die er entwurzelt, streut er tausend Eicheln aus; Ixion umfing die Wolke, aber auch der Umarmung entsprang ein Held. Du auch hast Deine Donnerschläge, aber ohne Dich würde das Leben verstocken; Du auch jagest nach Traumbildern, aber selbst sie haben etwas Göttliches in ihren Schöpfungen!

Es war das größte, das vorherrschende Unglück in Godolphins Leben, daß er sich frühe eingeredet hatte, er sey über jedes Streben erhaben. Seine Talente zehrten daher an ihm, und statt eines kräftigen, thätig handelnden Weltbürgers, wurde er bald ein indolenter Sinnenmensch, bald ein einsamer Träumer. Er betrachtete das kämpfende Treiben der Welt nicht, wie es ein Mann von gesundem Geiste thun sollte. Aus dieser Schwäche aber entnehmen wir eine Moral. Sie ist nicht schlechter darum, daß sie den gewöhnlichen Phrasen derer entgegensteht, welche der Thatkraft ihre Triebfeder nehmen wollen: Geniale Menschen, welche nicht zugleich Ehrgeiz haben, sind entweder Humoristen, oder hypochondrisch, oder ausschweifend.

An dem Ufer eines der Seen Italiens hatten Godolphin und Lucilla ihren Wohnsitz aufgeschlagen; hier dünkte sich der junge Idealist eine Zeitlang glücklich. Nie, wie jetzt, so voller Lust an der Natur, gab er sich ganz dem Zauber des Paradieses hin, das ihn umgab. Er verbrachte die Stunden des langen Sommertages an dem glatten See oder unter den schützenden Bäumen, von denen er umgürtet war. Die Begegnisse, die er in der Welt erlebt hatte, gaben ihm Stoff zu ruhigem Nachdenken und zum erstenmale in seinem Leben ermüdete ihn nicht das Einerlei der Gedanken.

Wenn er die Schritte nach Hause wandte, wartete schon die besorgte Lucilla seiner; ihr Auge glänzte bei seinem Nahen, ihr Geist sprang ungezügelt auf und jauchzte vor Freude, und Godolphin, den ihr Entzücken rührte, wurde immer begieriger, sich an demselben zu weiden: er fühlte den Magnet eines eigenen Heerdes. Und doch, als der erste Enthusiasmus der Leidenschaft erlosch, konnte er nicht umhin, einzusehen, daß Lucilla dennoch keine Gefährtin für ihn sey. Ihre Phantasie war allerdings lebendig, und ihre Fassungskraft schnell, aber die Erfahrung hatte ihren Begriffen eine beschränkte Gränze gesetzt. Sie hatte nichts als Liebe und ein regelloses Temperament, das zur Unterhaltung Anlaß geben konnte. Die, denen ihre Erziehung versagt hat, Belehrung aus Sachen zu entnehmen, haben im Allgemeinen das Vermögen, Unterhaltung aus Persönlichkeiten zu schöpfen: sie sprechen von der Lächerlichkeit des Hrn. N. oder von der Abgeschmacktheit des Hrn. X. Unsere Liebenden aber sahen keine Gesellschaft, und so war ihre Unterhaltung nur auf ihre innern Hülfsquellen angewiesen.

Überdies war es eine Eigenthümlichkeit Godolphins, daß er sich immer nach Ideen hinneigte, welche selbst für Personen von gebildeterem Geiste zu fein und zu lustig gewesen wären. Konnte Konstanze das Wesen seines Karakters nicht ganz begreifen, so mußte es für Lucilla ein beständiges Geheimnis seyn. Dies erhöhte vielleicht ihre Liebe, aber das Bewußtseyn davon untergrub die seinige. Er fühlte, daß das, was er für seine edelsten Fähigkeiten hielt, nicht gewürdigt wurde. Er war zuweilen aufgebracht gegen Lucilla, daß sie nur die Eigenschaften seines Karakters liebte, welche er mit der übrigen Menschheit theilte. Seine spekulative Hamlet-Natur (wir nehmen hier den Hamlet nach Göthes Ansicht, und verbinden eine gewisse Schwäche mit den schönern Zügen des Königlichen Träumers) floh inbeständig die materielle Welt und schwebte zu luftigen Gebilden auf. Er vermochte nicht die Gegenwart zu schätzen. Hätte Godolphin Lucilla geliebt, wie er sie lieben zu müssen glaubte, so würden die Schönheiten ihres Karakters ihn gegen dessen Fehler verblendet haben, aber seine Leidenschaft war zu übereilt, als daß sie festgewurzelt seyn konnte. Sie war aus der Überzeugung ihrer Neigung entsprungen, nicht Schritt vor Schritt aus seiner eigenen angewachsen. In den Zwischenräumen zwischen Gefallen und Besitz muß die Liebe, wenn sie dauern soll, noch mehre Abschnitte durchschreiten: der Zweifel, die Furcht, der erste Händedruck, der erste Kuß, das alles muß eine Epoche seyn, an welche die Erinnerung sich festhält. In dem Augenblick späterer Kälte oder Erzürnung muß der Geist von der gesättigten Gegenwart zu den tausend zarten und erfrischenden Bildern der Vergangenheit flüchten können. An diesen Bildern verjüngt sich die Liebe wieder. Um welche Masse süßer Betrachtungen, um welchen unendlichen Zauber, der die Beständigkeit erhält, bringt sich die Liebe, in welcher die Erinnerung schon mit dem Besitz anfängt.

Trotz ihrer Schlauheit und wilden Zärtlichkeit lag noch etwas in Lucillas Karakter, was außer ihrem Mangel an Bildung, nicht ganz zu den Ideen von dem Wesen paßte, das sich Godolphins Phantasie geschaffen hatte. Seine stille und tiefe Natur verlangte Jemand, dem er sich nicht allein anvertrauen, sondern in dem er Ruhe finden konnte. Daher bestand Ein Reiz, der ihn zu Konstanze hingezogen hatte, in ihrem gleichen und ungetrübtem Temperament. Aber der Geist Lucillas war immer in schimmernder, für ihn ermüdender Bewegung: Unaufhörlich jagten sich Thränen und Lachen. Da sie seinen Karakter nicht begriff, aber nur immer an ihn dachte, so beschäftigte sie sich mit Muthmaßungen und Beargwöhnungen, an deren Verhehlung sie ihre Aufrichtigkeit und ihre Leidenschaftlichkeit verhinderte. Wenn sie ihn Stundenlang betrachtet hatte, so fing sie an zu weinen, daß er sich nicht von seinen Büchern und Träumereien losriß, um sich mit eben so zärtlichen und sehnsüchtigen Augen nach ihr umzusehen. Voll Furcht während seiner Abwesenheit, voll ungetheilter Hingebung in seiner Gegenwart, war sie unglücklich, weil er diese Gefühle nicht mit gleicher Innigkeit erwiderte. Sie begriff nichts von der Liebe, außer was sie selbst fühlte, und sie sah täglich und stündlich, daß er in dieser Liebe nicht mit ihr übereinstimmte, und daher verbitterte sie sich das Leben mit dem Gedanken, daß er ihr Neigung nicht theile.

– Du thust uns beiden Unrecht – antwortete er auf ihre thränenschweren Klagen – unser Geschlecht liebt anders, als das eurige.

– Ach – erwiederte sie – ich fühlte, daß die Liebe keinen Unterschied kennt; es gibt nur Eine Liebe, aber es mag viele Verfälschungen geben.

Godolphin lächelte, daß die unerzogene Tochter der Natur unbewußt die glänzende Sentenz eines der kunstreichsten Maximenschmiede Larochefoucauld. ausgesprochen hatte. Lucilla sah das Lächeln und sogleich flossen ihr Thränen.

– Du machst Dich noch lustig über mich. –

– Du bist eine kleine Närrin – sagte Godolphin freundlich und küßte den Sturm weg.

Und das war immer eine leichte Sache. In Lucillas Aufwallung lag nichts Unweibliches, Eigensinniges: ein gütiges Wort, eine Liebkosung beschwichtigte sie im Augenblick, und verkehrte den vorübergehenden Schmerz in helle Freude. Wer aber weiß, wie lästig die ewige Mühe der Versöhnung für einen grübelnden und indolenten Menschen, wie Godolphin, seyn mußte, wird das Leid begreifen, das ihm selbst ihre Zärtlichkeit verursachte.

Es ist auffallend, wie in Frauen, wenn sie den Zweck ihres Lebens erreicht haben, die Richtungen ihres Geistes einen plötzlichen Stillstand erleiden. Daher sehen wir so viele, die vor ihrer Heirath durch den sprudelnden Quell ihrer Talente unsere Bewunderung erregt haben, nach derselben zu bloßen Maschinen herabsinken. Wir erstaunen, daß wir uns je, bei unserer Verehrung, doch vor der blendenden Schärfe eines Verstandes gescheut haben, der jetzt nicht aus den Gränzen des Hauses und Heerdes herauszugehen scheint. So ging es der armen Lucilla; ihr feuriger, rastloser Geist hatte früher jeden Gegenstand in ihrem Bereiche ergriffen: sie hatte sich selbst Musik gelernt; sie hatte Zeichnen, Malen gelernt; kein Buch fiel ihr in die Hände, dem sie nicht eine neue Idee zu entnehmen gesucht hätte. Aber sie war jetzt mit Godolphin zusammen und ihre Gedanken suchten keine andere Beschäftigung mehr, sie wünschte nichts mehr, als seine Liebe, verlangte nichts zu ergründen, als seinen Karakter. Er war der Kreis ihrer Hoffnungen und der Mittelpunkt ihr Herz: alle Linien waren diesem Herzen gleich, wenn sie ihn nur berührten. Es ist klar, daß diese Hingebung sie bei all dem verhinderte, sie zu einer geeigneten Lebensgefährtin für ihn zu machen: sie suchte ihn zu studiren, nicht sich zu vervollkommnen, und so lag eben in ihrer übertriebenen Liebe auch ein Grund, warum diese Liebe nicht erwidert wurde.

Aber Godolphin fühlte die ganze Verantwortlichkeit, welche er auf sich genommen hatte. Er fühlte, wie ganz das Glück dieses armen, verlassenen Kindes – denn ein Kind war sie an Karakter und fast noch an Jahren – von ihm abhing. Er richtete sich daher aus seiner gewöhnlichen Selbstsucht auf, und ließ sich nur selten oder nie von der Reizbarkeit hinreißen, welche sie unbewußt, aber unaufhörlich verletzte. Das balsamische, liebliche Klima, die heitere, klare Luft, die majestätische Ruhe, welche auf der herrlichen Gegend um ihre Wohnung ruhte, trug dazu bei, sein Gemüth zu besänftigen. Er beschäftigte sich auch zu Zeiten damit, irgend eine Dichtung auszuarbeiten, an deren Bekanntmachung ihn sein Karakter verhinderte, zu deren Zurückhaltung jetzt jedoch kein Grund mehr ist, und welche, wenn die Welt einiges Interesse an diesem Werke nimmt, eines Tages ans Licht treten dürften. Auch hatte er Lucilla dazu gebracht, sich an eine gelegentliche, aber kurze Abwesenheit zu gewöhnen. Zuweilen verbrachte er zwei oder drei Wochen in Rom, zuweilen in Neapel oder Florenz. Er wußte zu gut, wie nothwendig solche Entfernungen für den Bestand der Liebe und für die Verhinderung jener Übersättigung sind, welche uns mit dem Gewohnheitsleben überschleicht, als daß er sich nicht entschlossen hätte, sie durchzusetzen, obgleich er immer ein Geschäft vorschützte – ein Einwand, dem Lucilla nicht zu widerstehen vermochte, da ihr das Wort schon wie die Bestimmung klang, wie ein Aufruf, dem man, und wäre er noch so gehässig, Gehorsam leisten müsse. Anfangs war sie schon trostlos, wenn er nur zwei Tage ausblieb; aber als sie sah, mit welcher Gluth ihr Geliebter zurückkehrte, mit welcher frischen Lust er ihren Worten, ihrem Gesange lauschte, so fieng sie an, sich einzugestehen, daß selbst im Schlimmen etwas Gutes liegen könne.

Nach und nach gewöhnte er sie an längere Entbehrung, und Lucilla verkürzte die Trauerzeit durch tausend kleine Pläne und Überraschungen, mit welchen die Frauen so gerne den geliebten Wanderer bei seiner Rückkehr empfangen. Seine Abreise gab das Zeichen zu einer Veränderung im Garten, im Hause, in den Lauben, und wenn sie dieser Arbeiten müde war, so blieben ihr noch immer seine Briefe, und das Vergnügen, ihm zu schreiben. Es war ein täglicher Rausch! Denn die Worte des Mannes sind liebevoller geschrieben, als gesprochen. Zum Glücke für Lucilla hatten ihre frühe Gewohnheiten und ihre sonderbare Stimmung sie gegen Gesellschaft gleichgültig gemacht und mit der Einsamkeit befreundet.

Oft sagte Godolphin, der nicht begriff, wie man ohne Erziehung sich unterhalten könne, voll Mitleid über ihr abgeschiedenes Leben:

– Aber Lucilla, wie hast Du den langen Tag verbracht, während ich draußen im Walde oder am See war?

Und Lucilla eilte, voll Entzücken, daß sie ihm die Geschichte jeder Stunde erzählen konnte, ihm jeden Vorfall, jeden Gedanken, der ihr aufgestoßen war, mit einer wichtigen und ernsten Umständlichkeit zu beschreiben, welche ihre Fähigkeit, die Welt zu entbehren, zur Genüge darthat.

Auf diese Weise verbrachten sie mehr als zwei Jahre, und trotz Allem waren es vielleicht die glücklichsten in Godolphins Leben, Jahre, welche am wenigsten das Ideal seiner Phantasie täuschten. Lucilla hatte eine Tochter gehabt, aber sie war wenige Wochen nach der Geburt gestorben. Sie weinte über die geknickte Knospe, war aber nicht untröstlich; denn vor dem Verluste hatte sie den Glauben gefaßt, daß kein Unglück unersetzlich sey, das nicht Godolphin beträfe. Vielleicht war Godolphin tiefer bekümmert, denn Männer seiner Art lieben es, das Aufwachsen eines geistigen Wesens zu bewachen, und ihre Erziehungs-Schimären in Anwendung zu bringen. Glückliches Kind! Du bist dem Versuche entgangen!

Es war am Vorabende einer der periodischen Reisen Godolphins, und diesmal dachte er Rom zu besuchen. Godolphin hatte bis zum Untergange der Sonne am See umhergeschwärmt, und Lucilla war ungeduldig ihm entgegengegangen. Der Tag war schwül gewesen und jetzt lag eine düstere, schwere Stille auf dem sinkenden Abende. Die Tannen, diese finsteren Kinder des Waldes, welche etwas Melancholisches, zuweilen Strenges auf den glänzenden Anblick einer Italienischen Landschaft warfen, schmachteten in der unbeweglichen Luft. Als sie an den Rand des Sees kam, schlummerten auch dessen Wellen dunkel und schweigend, nur die Brandung, die gegen die Steine plätscherte, gab einen leisen, traurigen Ton von sich, und zuweilen auch stieß aus dem Gehölze irgend ein verspäteter Vogel einen kurzen, scharfen Laut aus, und dann wurde Alles wieder athemlose Stille.

Es war dort eine Stelle, wo die Bäume sich ringförmig zurückgezogen und einige kahle, gewaltige Steinmassen von Grün unbedeckt gelassen hatten. Es war der einzige Platz in dieser reichen, üppigen Landschaft, der mit deren sanftem Karakter in keiner Harmonie stand: es war wie ein düsterer, trostloser Gedanke auf einer Bahn des Vergnügens. Auf diesem Flecke stand jetzt Godolphin allein und blickte auf das stille Wasser vor ihm. Lucilla erkletterte mit leichten Schritten die rauhen Steine, berührte seine Schulter und warf ihm mit zärtlichem Muthwillen seine Säumnis vor.

– Lucilla – sagte er, als wieder Frieden geschlossen war – welchen Eindruck macht diese finstere, prophetische Ruhe vor dem Ausbruche des Sturmes auf Dich? Flößt sie Dir Trauer, oder Nachdenken, oder Furcht ein?

– Ich sehe meinen Stern – antwortete Lucilla, auf einem fernen, einsamen Stern zeigend, der, wie eine Insel, in einem Wolkenmeere schwamm, das schwarz und langsam heranzog – ich sehe meinen Stern und ich denke mehr an das kleine Licht, als an die Nacht umher.

– Aber er wird sogleich unter den Wolken begraben seyn – sagte Godolphin, über den Aberglauben lächelnd, den Lucilla von ihrem Vater erborgt hatte.

– Die Wolken ziehen vorüber und die Sterne bleiben.

– Du hast ein leichtes Blut, meine Lucilla.

Lucilla seufzte.

– Warum seufzest Du, Theuerste?

– Weil ich daran denke, wie wenig selbst die, welche uns am meisten lieben, uns kennen. Ich spreche nie von meinen Unruhen und Sorgen. Es gibt Zeiten, wo Du nicht glauben würdest, daß ich zu leicht mich der Hoffnung überlasse.

– Und was, arme Kleine, hast Du zu fürchten?

– Hast Du es nie für möglich gehalten, daß Du mich einst weniger lieben könntest?

– Nein.

Lucilla schlug ihr forschendes, dunkles Auge zu ihm auf, und blickte ihm scharf in das Gesicht, aber in seinen ruhigen Zügen, auf seiner glatten Stirne war nichts zu lesen, weder im Guten, noch im Bösen. Sie wendete sich ab.

– Ich kann nicht glauben, Lucilla, daß Du je Deine Gedanken, so sehr sie auch umherschweifen, auf die Zukunft richtest. Dehnen sie sich je in den Raum von zehn oder zwanzig Jahren aus?

– Nein. Aber Ein Jahr kann die Geschichte meiner ganzen Zukunft enthalten.

Als sie noch sprach, thürmten sich die Wolken um den einsamen Stern, auf welchen Lucilla gezeigt hatte. Der Sturm war im Anzuge; sie fühlten seine Nähe und kehrten nach Hause zurück.

Es liegt etwas ungewöhnlich Furchtbares in den Stürmen, welche jene sanften, lieblichen Himmelsstriche heimsuchen. Die Seltenheit solcher heftigern Umstimmungen in dem Temperamente der Natur erschüttert uns wie eine prophetische Stimme des Schicksals: es ist wie ein plötzlicher Unfall mitten im Glücke, wie eine Wunde von der Hand der Liebe. Wir haben keine Kraft, dem unerwarteten Schlage zu widerstehen.

Als sie die Wohnung erreichten, fielen schon schwere Regentropfen. Sie standen einen Augenblick am Fenster und betrachteten das Leuchten der Blitze, wie sie über den dunklen See hinzuckten. Lucilla, die durch den Einfluß der Natur immer sonderbar angeregt wurde, schmiegte sich bleich und zitternd an Godolphin, aber selbst in der Furcht zeigte sich das Entzücken, daß sie ihm so nahe war, in dessen Liebe sie allein Schutz finden zu können glaubte. O, welche Wonne ist einem Weibe so theuer, als das Gefühl der Abhängigkeit! Arme Lucilla! Es war der letzte Abend, den sie mit ihm verbrachte, an dem sie mit so ganzer Seele hing.

Godolphin blieb länger stehen, als Lucilla; als er in ihr Zimmer trat, hatte der Sturm sich gelegt und er fand sie am offenen Fenster, wo sie auf den jetzt heitern und blauen Himmel blickte. In der Ferne schlichen in der tiefen Stille der Mitternacht die Wellen des Sees und spiegelten das Licht der Sterne zurück; hinten erhob eine Bergkette ihre blauen Gipfel in das Firmament, und über einem der höchsten schwebte der auftauchende Mond und warf sein Silberlicht auf die Fichten und zum Theil auf den tiefer liegenden See.

Godolphin näherte sich, unbewußt, mit leisem, geräuschlosem Schritte. Es liegt etwas Andächtiges in der Ruhe der Natur; es ist als ob aus dem athemlosen Herzen der Dinge ein Gebet zu dem Schöpfer des All's ausströmte. Man fühlt sich bezwungen durch eine so erhabene Stille; sie verbreitet sich über unsere eigenen Empfindungen und gebietet uns Ehrfurcht.

Beide blickten schweigend hinaus, und überließen sich ihren, vielleicht verschiedenen, Gedanken. Endlich sagte Lucilla sanft: Sage mir, hast Du wirklich kein Zutrauen in meines Vaters Glauben? Sind die Sterne wirklich stumm? Ist keine Wahrheit in ihrer Bewegung, kein Gold in ihrem Glanze?

– Meine Lucilla, Vernunft und Erfahrung sagen uns, daß die Astrologen einen Traum nähren, der keine Wirklichkeit hat.

– Vernunft, gut! Erfahrung? Trieb Dich nicht Deines Vaters tödtliche Krankheit von hier zu derselben Zeit fort, als der meinige Dir Dein Abreise und deren Anlaß vorhersagte? Ich war nur ein Kind damals, aber doch werde ich nie die Blässe Deiner Wangen vergessen, als mein Vater seine Prophezeihung aussprach.

– Auch ich, Lucilla, war damals fast nur ein Kind noch.

– Aber die Prophezeihung traf ein.

– Allerdings; aber wie viel verkündete Volktmann, was sich nicht bestätigte? In der wahren Wissenschaft giebt es keinen Zweifel, keine Ungewißheit.

– Und mein Vater – sagte Lucilla, ohne seine Bemerkung zu beachten – sagte immer, daß Dein Loos und meines sich verschlingen würden.

– Und die Prophezeiung bestimmte Dich vielleicht für ihre Erfüllung. Du hättest mich am Ende nie geliebt, wenn Deine Gedanken nicht durch die Prophezeihung zu mir hingedrängt worden wären.

– Nein, ich dachte an Dich, ehe ich die Verkündigung vernahm.

– Aber Dein Vater prophezeite mir Täuschung und Hindernisse in meiner Liebe. – Hatte er nicht Unrecht? Liebe ich nicht Dich?

Lucilla warf sich in die Arme ihres Geliebten und murmelte, als sie ihn küßte: Ach, könnte ich Dich glücklich machen!

Am folgenden Tage reiste Godolphin nach Rom ab. Lucilla war bei seinem Abschiede sogar niedergeschlagener, als das erstemal, wo er sie verließ. Der Winter kam langsam heran und das Wetter war kalt und unangenehm. Das Jahr war ungewöhnlich stürmisch und feucht, und wenn der Wind jetzt um ihr – ach, jetzt erst recht einsames Haus tobte, und die dicken Tropfen gegen den aufgeregten See trieb, schauderte sie vor ihren eigenen düstern Gedanken und zitterte vor der Verlassenheit der länger werdenden Nächte. Zum erstenmale, seit sie mit Godolphin lebte, suchte sie, obwohl vergebens, in Büchern Trost und Unterhaltung zu finden.

Ihr Haus war voller Werke aller Art, aber der Zauber, der sonst aus jeder Seite zu ihr sprach, war gebrochen. Handelte das Buch nicht von Liebe, so besaß es kein Interesse, handelte es davon, so fand sie die Beschreibung matt und falsch. Noch niemand malte die Liebe so, daß es einem Andern ganz befriedigt hätte: dem Einen ist es zu blühend, dem Andern zu gemein: der Gott hat, wie andere Götter, seines Gleichen nicht auf Erden, und jede Wolke, auf die der Stern der Leidenschaft herabscheint, bricht das Licht in tausend verschiedene Strahlen.

Als sie eines Tages einige von Godolphin bei Seite gelegte Bücher durchblätterte, und eines zu finden hoffte, in welches er Erklärungen, oder Bemerkungen eingeschrieben hätte, erstaunte sie, als sie darunter mehrere Bände fand, welche ihrem Vater gehört hatten. Godolphin hatte sie nach seinem Tode angekauft, und als Reliquien seines sonderbaren Freundes und als Beweise der mühsamen und überlegten Verirrungen des menschlichen Geistes bei Seite gelegt.

Lucilla konnte nur wenige dieser Werke verstehen, denn sie waren größtentheils in andern Sprachen geschrieben, als in den beiden, die sie sprach. Einige jedoch, darunter Manuscripte ihres Vaters, die sauber geschrieben, und wunderbar verziert waren (mehrere Hauptwerke jener eitlen Wissenschaft existiren nur im Manuscript) versuchte sie zu entziffern, indem sie sich die Zeichen und Hieroglyphen in das Gedächtnis zurückrief, welche ihr Vater ihr oftmals erklärt hatte, wenn sie dieselben für ihn kopiren mußte. Noch immer voll unerschütterten Glaubens an die Macht der Gestirne, fand sie einiges Interesse daran, in diesen Geheimnissen zu lesen. Ihr Vater, der heimlich vielleicht gehofft hatte, er werde seinen Namen der Dankbarkeit eines zukünftigen Hermes vermachen, hatte in seinen Manuscripten die zerstreuten Theorien Anderer und viele seiner eigenen Lehren in ein besonderes System gebracht. Über diesen brütete sie besonders, denn sie waren einfacher und faßlicher, als die verwirrten, mystischen Spekulationen in den gedrückten Büchern, und es freute sie, daß sie daselbst neue Gründe für ihre Verehrung der Sterne und der Himmelserscheinungen fand.

Doch nahmen verhältnismäßig diese verwirrenden Forschungen ihre Gedanken nur kurze Zeit ein. An Godolphin zu schreiben, von ihm zu hören, wurde ihr ein immer größeres Bedürfnis und ihre Briefe wurden immer länger und füllten sich noch mehr mit den kleinsten Details der Liebe, als in den ersten Tagen ihrer Leidenschaft. Willst Du wissen, ob die Frau, die Du liebst, Dich noch liebt, so verlaß Dich nicht auf ihre Worte, auf ihr Lächeln, wenn Du zugegen bist; untersuche ihre Briefe, wenn sie fern ist, siehe, ob sie, wie sonst, noch bei Kleinigkeiten, aber bei solchen weilt, die Dich angehen. Die Dinge, welche die Gleichgültigen vergessen, gehören zu den köstlichsten Schätzen der Liebe.

Aber Lucilla war mit den Briefen, welche sie zur Antwort erhielt, nicht zufrieden, obwohl sie häufig genug kamen: sie waren freundlich, zutraulich, aber es fehlte ein gewisses Etwas: »der beste Theil der Schönheit ist der, den kein Bild ausdrücken kann.« Was das Herz am meisten verlangt, ist, was Worte nicht darstellen können. Rechtlichkeit – Patriotismus – Religion haben ihre Scheinheilige für das Leben; die Leidenschaft gestattet nur Heuchler auf Augenblicke.

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