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Godolphin oder der Schwur

Edward Bulwer-Lytton: Godolphin oder der Schwur - Kapitel 34
Quellenangabe
typefiction
booktitleGodolphin oder der Schwur
authorEdward Bulwer-Lytton
year1834
publisherVerlag Jakob Anton Mayer
translatorLouis Lax
addressAachen und Leipzig
titleGodolphin oder der Schwur
submitted20050620
senderniki_nikotini@hotmail.com
created20051104
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Sechstes Kapitel.

Lucillas sonderbares Benehmen. – Godolphin besteht eine schwere Prüfung. – Die Grotte der Egeria und was dort geschieht.

Wir wollen Godolphins schmerzliche Aufgabe übergehen. Der Leser kann sich Lucillas Gesicht denken: und doch machte ihr seltsames, unergründliches Temperament es selbst der Phantasie fast unmöglich, ihre Leiden oder Freuden zu malen.

Man hatte nach dem Bruder ihrer Mutter geschickt; er und sein Weib nahmen Besitz von der Bewohnung des Todes. Dies erhöhte wo möglich noch Lucillas Schmerz. Der apathische und eitle Karakter der mittlern Klassen Roms, wie er auch ihren Verwandten zu Theil geworden war, schnitt durch den Kontrast noch tiefer in ihr Herz. Besonders empörten sie die unnatürlichen Zeremonien eines Römischen Leichenbegängnisses. Die Ausstellung der Leiche – das Schminken des Gesichtes – der Prunk der Prozession, dies alles verletzte die zarte Innigkeit ihres Schmerzes. Aber als dies vorüber – als dem Gepränge des Todes Genüge gethan war, und als sie in dem Hause, in dem ihr Vater alles geordnet und in dem sie selbst einer so ganz unbeschränkten Freiheit überlassen war, als sie hier die Fremden (denn das waren sie ihr) sich mit kaltem Gefühl und leeren Worten dem gemeinen Treiben des Lebens überlassen sah – als sie dieses kleine Hausgeräthe, das, so ärmlich und abgenutzt es war, ihr doch durch tausend theure, kindliche Erinnerungen geheiligt war, verrücken, umherwerfen sah, ja ruhig, oft auch scherzend von ihrem Verkauf reden hörte – als sie sich wie ein Kind, selbst wie ein abhängiges Wesen, behandelt fühlte – als das wilde, freie Geschöpf verdrießlichen Beschränkungen unterworfen, und das gewöhnliche Thun getadelt und gescholten wurde – als sie die niedrigen, gemeinen Naturen erkannte, welche sich anmaßten, sie zu meistern, und sich einer Gewalt in dem Hause dessen zu bemächtigen, dessen erhabene, obwohl irrende, Forschungen, dessen edle, obwohl abstrakte Karakter-Elemente sie genug begriffen, um ihn achten zu können, während das, was sie nicht begriffen, ihre Achtung zur scheuen Ehrfurcht steigerte: – da brachen die heftigeren, zornigen Leidenschaften ihres Wesens hervor; ihr funkelnder Blick, ihre verächtlichen Bewegungen, ihre geheimnisvollen Drohungen und ihr offener Trotz erstaunten jederzeit die abergläubischen Italiener, ergötzten sie zuweilen, erschreckten sie aber noch öfter.

Godolphin, der an der Tochter seines Freundes mitleidigen Antheil nahm, kam nach der Bestattung ein- oder zweimal zu ihr, und empfahl durch Geschenke und Versprechungen das unglückliche Mädchen der zärtlichen Fürsorge ihrer Verwandten. Es gibt nichts, was die Italiener nicht versprächen, nicht verkauften, und so erkaufte Godolphin in der That, daß man, was sonst nicht geschehen wäre, Geduld mit Lucillas Temperament hatte.

Mehr als ein Monat war bereits seit dem Tode des Astrologen vergangen, und da sich die Zeit der Malaria herannahte, so beschloß Godolphin, sich nach Neapel zu wenden. Zwei Tage vor seiner Abreise begab er sich nach dem Hause an der Via Appia, um Abschied von Lucilla zu nehmen und ihren Verwandten seine letzten Anweisungen zu geben.

Ein seltsames, widriges Gesicht blickte ihm durch das eiserne Gittertor entgegen, ehe er Einlaß erhielt, und als er eingetreten war, hörte er Stimmen, die in einem lauten Zank begriffen schienen. Unter diesen vernahm er die sonst so sanfte, silberglöckige Stimme Lucillas, die über ihren gewöhnlichen Umfang hinausgetreten war, und sich in leidenschaftlichen, verachtungsvollen Reden zu ergießen schien.

Er eilte in das Zimmer, woher die Stimmen kamen, und das erste, was er erblickte, war Lucilla. Ihr Gesicht war von Zorn geröthet, die Adern ihrer glatten Stirne waren angeschwollen, die schmalen Lippen athmeten die schönste Geringschätzung. Sie stand in einiger Entfernung von den übrigen Personen, die im Zimmer saßen, und ihre Stellung war, trotz ihrer Wuth, aufrecht und selbst majestätisch; ihre Arme waren über der Brust gefaltet, und die ruhige Aufregung ihrer Gestalt stach gegen das Feuer, die Energie und die Beweglichkeit ihrer Züge ab.

Bei Godolphin's Erscheinen wurde plötzlich Alles still; der Oheim und die Tante – und diese letztere hatte den meisten Lärm gemacht – nahmen eine ehrfurchtsvolle Stellung vor dem – in ihren Augen – reichen Engländer an, und Lucilla sank in einen Stuhl, bedeckte sich das Gesicht mit ihren kleinen, schönen Händen, und brach, über ihren Zorn und ihre Heftigkeit beschämt, in Thränen aus.

– Und was hat es gegeben? – fragte der Engländer mitleidig.

Die Italiener eilten ihm Rede zu stehen. Lucilla hatte es für gut befunden, sich jeden Abend vom Hause zu entfernen: gestern hatte man sie auf dem Corso unter dem Gedränge der jungen, müßigen und verworfenen Welt gesehen. Sie mußten ja »das liebe Mädchen« wegen dieser Unbesonnenheit schelten (die Italiener, die gegen die Aufführung ihrer Frauen gleichgültig sind, zeigen im Allgemeinen größere Strenge gegen ihre unverheiratheten Kinder) und sie hatte erklärt, sie werde ihr Leben nicht ändern.

– Ist das wahr? – sagte Godolphin sich zu Lucilla wendend; aber sie schluchzte und gab keine Antwort.

– Lassen Sie – sagte er – mich allein sie ermahnen; und Onkel und Tante, die die Unziemlichkeit einer solchen Vorstellung im Munde eines sechsundzwanzigjährigen Mannes, einem achtzehnjährigen Mädchen gegenüber, nicht zu bemerken schienen, verließen nicht ohne einen Schwall von Versprechungen und Betheuerungen, das Zimmer.

Godolphin war, trotz seiner Jugend, doch nicht ungeeignet für die Aufgabe. Zu der Freundlichkeit seines Wesens gesellte sich sehr viel ruhige Würde und seine Neigung zu Lucilla war bisher so rein gewesen, daß er ohne Verlegenheit wie ein Bruder mit ihr sprechen konnte. Er näherte sich der Ecke, in welcher sie saß, rückte einen Stuhl neben sie, und zog ihre widerstrebende und zitternde Hand mit einer Sanftmuth herab, daß sie mit noch größerer Heftigkeit zu weinen anfing.

– Meine theure Lucilla – sagte er – Sie wissen, daß Ihr Vater mich mit seiner Achtung beehrt hat; erlauben Sie mir deshalb darum, mir wegen meiner langen Bekanntschaft mit Ihnen, als Freund, als Bruder mit Ihnen zu reden. – Lucilla zog ihre Hand zurück, gab sie jedoch, wie beschämt über diese Bewegung, ihm zurück.

– Sie kennen die Welt nicht so wie ich, liebe Lucilla; denn die Erfahrung in ihrem Verkehr wird nur mit einigen Unkosten erkauft, mit denen Sie verschont bleiben möchten. In allen Ländern, Lucilla, ist eine unverheiratete Frau Gefahren ausgesetzt, welche, hat sie auch selbst nichts verschuldet, ihre ganze Zukunft verbittern können. Eine der größten Gefahren liegt in der Abweichung von ihrer Sitte. Bei dem Weibe, welches sich dies zu Schulden kommen läßt, glaubt jedermann, er sey berechtigt, in seine Gedanken, seine Worte, seine Handlungen eine Freiheit legen zu dürfen, welcher auch Sie sich auszusetzen fürchten müssen. Ihr Oheim und Ihre Tante haben daher Recht, wenn sie Ihnen rathen, nicht allein, besonders nicht Abends, in den Straßen Roms herum zu gehen, und obgleich ihr Rath Ihnen widerwärtig aufgedrungen, unfreundlich gegeben worden seyn mag, so ist er doch dem Grunde nach gut und muß – ja, theuerste Lucilla, muß nothwendig von Ihnen befolgt werden.

– Aber – sagte Lucilla durch Thränen – Sie wissen nicht, mit welchen Kränkungen, mit welcher harten Bestrafung ich von ihnen überschüttet worden bin, ich, die bis diesen Augenblick nicht gewußt habe, was Härte, was Kränkungen ist. Ich, die – sie konnte vor Schluchzen nicht vollenden.

– Aber, meine junge und schöne Freundin, wie wollen Sie ihr Benehmen bessern, wenn Sie ihnen die Achtung für Sie rauben? Achten Sie sich selbst, Lucilla, wenn Sie wollen, daß Andere Sie achten sollen. Aber vielleicht – zum erstenmal flog dieser Gedanke Godolphin durch den Kopf – vielleicht suchten Sie den Corso nicht um der Menge, sonder nur um Eines willen; vielleicht sind Sie hingegangen, dort – habe ich es errathen – einen Bewunderer, einen Geliebten zu treffen?

– Jetzt beleidigen Sie mich! – rief Lucilla heftig.

– Ich danke Ihnen für diesen Unwillen und nehme ihn als eine Widerlegung an. Aber hören Sie weiter und verzeihen Sie meine Offenheit. Wenn es unter den vielen Italienischen Jünglingen, welche Sie gesehen haben, einen giebt, mit dem Sie glücklich seyn können, einen der Sie liebt, den Sie nicht hassen, so erinnern Sie sich, daß ich Ihres Vaters Freund, daß ich reich bin und daß ich –

– Das ist zu hart, zu grausam! – unterbrach ihn Lucilla, entfernte sich und ging mit großer Bewegung auf und ab.

– So ist es das nicht? – fragte Godolphin zweifelnd.

– Nein! nein!

– Lucilla Volktmann – begann Godolphin wieder mit einer kältern Würde, als er bis jetzt gezeigt hatte – ich verlange einige Aufmerksamkeit, einiges Vertrauen, ja einige Achtung von Ihnen, im Namen Ihres Vaters, im Namen Ihrer frühern Jugend, da ich Ihnen noch meine Muttersprache lehrte und Sie wie ein Bruder liebte. Versprechen Sie mir, daß Sie sich diese Unbesonnenheit nicht mehr wollen zu Schulden kommen lassen, wenigstens bis wir uns wiedersehen, ja daß Sie das Haus nicht verlassen wollen, außer in Gesellschaft eines Ihrer Verwandten.

– Unmöglich, unmöglich! – rief Lucilla heftig. Das heißt, mir meinen einzigen Freund nehmen. Das heißt, mein Leben zur Qual, zum Fluche machen.

– Nicht so, Lucilla, es soll Ihr Leben nur achtbar, sicher machen. Ich dagegen will mich verpflichten, daß innerhalb dieser Mauern Alle sich nur mit Nachsicht und Güte gegen Sie benehmen sollen.

– Ich kümmere mich nicht um Güte, um niemandes Güte, außer des –

– Wessen? – fragte Godolphin, als er sah, daß sie nicht vollendete; da sie schwieg, so drang er nicht in sie, sich auszusprechen, – Kommen Sie, Liebe, leisten Sie mir das Versprechen und lassen Sie uns als gute Freunde, nicht in Zorn scheiden. Ich muß jetzt Abschied von Ihnen auf mehre Monate nehmen.

– Reisen? – Sie? – Monate? O Gott, sprechen Sie es nicht aus!

Bei diesen Worten war sie auf ihn zugestürzt und starrte ihn an mit ihren großen, sprechenden Augen, aus denen eine Wildheit, eine Angst blitzte, deren Grund er noch nicht zu enträthseln vermochte.

– Nein, nein – sagte sie, mit einem matten Lächeln – nein, Sie wollen mich nur erschrecken, um mir das Versprechen abzuzwingen. Sie könne mich nicht verlassen.

– Aber, Lucilla, ich gebe Sie keiner unfreundlichen Behandlung preis; sie werden, sie dürfen Sie nicht mehr verletzen.

– Sagen Sie nur, daß Sie nicht von Rom fortgehen; reden Sie schnell!

– Ich gehe in zwei Tagen.

– Dann lassen Sie mich sterben! – stöhnte Lucilla mit einem Tone so tiefer Verzweiflung, daß er Godolphin durchschauerte, der jedoch ihren Schmerz (den Schmerz eines bloßen Kindes, eines so wunderlichen, seltsamen Kindes) keiner andern Ursache beimaß, als dem Gefühle der Verlassenheit, welches man in der Jugend so bitter empfindet, wenn man ganz allein sich unter Personen geworfen sieht, die mit unsern Gewohnheiten nicht vertraut, mit unsern Neigungen nicht übereinstimmen.

Er suchte sie zu beschwichtigen, aber sie stieß ihn zurück. Ihr Gesicht war in krampfhafter Bewegung, sie ging zweimal durch das Zimmer, dann stellte sie sich ihm gegenüber, und eine gewisse gezwungene Ruhe auf ihrer Stirne schien anzuzeigen, daß sie einen plötzlichen Entschluß gefaßt habe.

– Du frägst mich – sagte sie – was mich im Schatten der Nacht in die Straßen trieb, was mir den Muth gab, den Drohungen zu Hause, der Gefahr draußen zu trotzen?

– Ja, Lucilla, wollen Sie es mir sagen?

– Die Ursache warst Du! – antwortete sie mit leiser Stimme; sie zitterte vor Bewegung, und sank einen Augenblick darauf auf die Kniee vor ihm.

Mit einer Verwirrung, die einem so erfahrnen und begünstigten Manne schlecht anstand, suchte Godolphin sie aufzuheben. – Nein, nein! – sagte sie – Sie werden mich jetzt verachten, lassen Sie mich hier liegen, und sterben mit dem Gedanken an Dich. Ja! – fuhr sie mit inniger, schneller Stimme fort, als er sie trotz ihrem Widerstreben von der Erde aufhob und sie mit kalter Zurückhaltung in den Armen hielt – ja, Sie liebte ich, Sie liebte ich von meiner ersten Kindheit an. Wenn Sie hier waren, schien mir das Leben verändert; waren Sie fort, so sehnte ich mich nach der Nacht, um von Ihnen zu träumen. Die Stelle die Sie berührt hatten, bezeichnete ich heimlich, um sie zu küssen und mit ihr zu reden, wenn Sie uns verlassen hatten. Sie reisten ab: vier Jahre gingen vorüber und die Erinnerung an Sie bildete, gestaltete mein ganzes Wesen. Ich liebte die Einsamkeit, denn in der Einsamkeit sah ich Sie – in Gedanken sprach ich mit Ihnen – und ich bildete mir ein, Sie antworten und schalten nicht. Sie kamen zurück – und – und – doch genug. Um Sie zu sehen, zu der Stunde, wo Sie gewöhnlich das Haus verließen; um Sie zu sehen, entfernte ich mich jeden Abend. Ungesehen folgte ich Ihnen, sah, wie Sie in einem jener stolzen Palläste verschwanden, die nie erfahren haben, was Liebe ist. Ich kam weinend nach Hause, aber glücklich. Und glauben Sie, dürfen Sie glauben, daß ich Ihnen je dies gesagt hätte, hätten Sie mich nicht zum Wahnsinn getrieben: hätten Sie mich nicht unbekümmert um alles gemacht, was man künftig von mir denken – was aus mir werden möge? Was soll mir das Leben, wenn Sie fort sind? Und nun habe ich Alles gesagt. Gehen Sie! Sie lieben mich nicht. Ich weiß es, aber sprechen Sie es nicht aus. Gehen Sie, verlassen Sie mich. Warum gehen Sie nicht?

Gibt es einen Mann, der ein junges, schönes Weib gestehen hört, daß es ihn liebt, und von dem Gefühle nicht angesteckt wird? Ergriffen, geschmeichelt, fast in Liebe erweicht, fühlte Godolphin die ganze Gefahr des Augenblicks; aber verführen – das junge unerfahrene Mädchen – die Tochter seines Freundes – nein, trotz ihrer Liebe und Hingebung konnte er sie nicht verführen.

Doch verflossen einige Augenblicke, ehe er sich hinlänglich fassen und ihr antworten konnte. – Hören Sie mich ruhig an – sagte er endlich – wir sind uns wenigstens ein Paar theure Freunde – ich bitte Sie, hören Sie mich an. Ich, Lucilla, bin ein Mann, dessen Herz vor der Zeit erregt, erschöpft worden; ich habe geliebt, heiß und leidenschaftlich: die Liebe ist vorüber, aber sie hat mich untauglich gemacht für jede ähnliche Liebe, für jede, die ich Ihnen anbieten dürfte. Theuerste Lucilla, ich will Ihnen die Wahrheit nicht verhehlen. Liebte ich Sie, so wäre dies, nicht in den Augen Ihrer Landsleute, (denn bei ihnen sind solche Verbindungen nicht selten) aber in den Augen der Meinigen eine Schande. Soll ich nun einen Theil dieser Schande auf Sie übertragen? Nein, Lucilla. Ihr Gefühl für mich ist – verzeihen Sie mir – nur eine jugendliche, kindische Phantasie; in einigen Jahren werden Sie selbst darüber lächeln. Ich bin einer so reinen, frischen Jugend nicht würdig, aber – er sagte dies mit so leiser Stimme, wie zu sich selbst – so unwürdig wenigstens bin ich nicht, es zu mißbrauchen.

– Gehen Sie, sagte Lucilla, gehen Sie, ich bitte Sie darum – Sie stand bewegungslos, bleich, als ob das Leben (das Leben des Lebens war wirklich erloschen) von ihr gewichen wäre. Ihre Augen waren starr, dicke Thränen rollten ungefühlt über ihre Wangen, ein leises Zittern der Lippen verrieth allein, was in ihr vorging.

– Mein Gott! – rief Godolphin, aufgestachelt aus seiner gewöhnlichen Ruhe, aus der gelassenen Freundlichkeit, die er als Grundzug anzunehmen gesucht hatte – kann ich dieser Prüfung widerstehen? Ich, dessen Lebenstraum die Liebe gewesen ist, die ich jetzt finden könnte, – ich, der ich nie ein Hindernis gegen einen Wunsch gekannt habe, gegen das ich nicht gekämpft, wenn ich es auch nicht befolgt habe, und geschwächt durch mein gewöhnliches Nachgeben gegen die Versuchung, die nie so stark gewesen ist, als jetzt – aber nein, ich will, ich will diese Liebe durch Selbstbeherrschung, durch Selbstaufopferung verdienen.

Er entfernte sich, kehrte aber wieder um, und sank auf die Knie vor Lucilla.

– Haben Sie Mitleid mit mir – sagte er mit einer so bewegten Stimme, daß sie alles Blut in das jugendliche Gesicht zurücktrieb, das noch halb von ihm abgewendet war – haben Sie Mitleid mit mir, mit sich selbst. Blicken Sie um sich, wenn ich geschieden bin, und suchen Sie durch einen andern mein Bild zu ersetzen: tausend jüngere, schönere Männer, wärmern, treuern Herzens werden sich um Ihre Liebe bewerben: ihnen wird diese Liebe keine Gefahr, keine Schmach bringen; vergessen Sie mich, wählen Sie einen Andern, Ihnen werde Glück und Achtung. Gönnen Sie mir nur die Stelle eines Freundes, eines Bruders. Ich will für Ihr Wohl, Ihre Freiheit sorgen. Sie sollen nicht mehr eingeschränkt, nicht mehr beleidigt werden. Gott segne Sie, meine theure, theure Lucilla, und glauben Sie mir – seine Stimme wurde immer leiser – daß, wenn ich Sie fliehe, ich edel gehandelt habe und daß es mir einen Kampf kostet, der Ihrer Liebe und Ihrer Liebenswürdigkeit werth ist.

Er stürzte fort aus dem Zimmer; Lucilla wendete sich langsam, als die Thür zufiel, und sank bewußtlos zu Boden.

Godolphin hatte seiner Bewegung Herr zu werden gesucht, war zu Lucilla's Verwandten gegangen und hatte sie gebeten, ihn diesen Abend in seiner Wohnung zu besuchen, um gewisse Vorschriften und Geld in Empfang zu nehmen, und verließ dann schnell das Haus.

Aber statt nach Rom zurückzukehren, führte ihn der Wunsch nach einer kurzen Einsamkeit und Selbstprüfung, der gewöhnlich auf eine heftige Aufregung folgt (und in welcher bei allen ungewöhnlichen Ereignissen Godolphin Rath suchte) nach einer entgegengesetzten Richtung. Unbekümmert, wohin er ging, hielt er nicht eher an, als bis er sich in jenem stillen, grünen Thale befand, in welchem der Wanderer die Grotte der Egeria findet.

Es war Mittag und mäßig warm. Die Blätter schlummerten ruhig auf den alten Bäumen, die in dem kleinen Thale zerstreut umher standen, und nur die Eidechse schlüpfte, von dem Fuße des Wanderers aufgestört, schimmernd durch das weiche Gras. Von den Blumen und aus der Luft zitterte zuweilen die Melodie eines einzelnen Vogels – denn in Italien erheben sie selten ihre Stimmen – mit hellem Klange durch die verlassene Wohnung der Nymphe.

Dieser Anblick und die schönen Erinnerungen, welche er anregte, weckten ihn aus seinen Träumen. Hieher also, dachte er, hat die Fabel ihren lieblichsten und dauerndsten Zauber verlegt. Hier findet jeder, der die Liebe der Erde gekostet hat, und nach höherer schmachtet, einen Reiz, der ihn stärker anzieht, ihm mehr den Geist füllt, als der Pallast der Cäsaren und das Grabmahl der Scipionen.

So staunend und weich gestimmt durch die letzte Scene mit Lucilla, zu der seine Gedanken immer wieder zurückkehrten, trat er ein in die schweigende Höhle, und badete seine Schläfen in dem erquickenden Wasser des Quells. Es war vielleicht gut für Godolphins Tugend, daß Lucilla nicht in diesem Augenblicke ihr unerwartetes Geständnis gemacht hatte. Unaufhörlich wiederholte er, als ob er nach einer Rechtfertigung für seine Entsagung suchte: »Ihr Vater war kein Italiener und nur ein Mann von Gefühl und Eifer: ich darf nicht vergessen, daß er mich liebte.« Das Geständnis des wilden Mädchens, das mit der ganzen Glut, aber auch mit der Unschuld und Unerfahrenheit ihres Karakters abgelegt wurde, hatte seiner Phantasie neue und nicht unliebliche Bilder vorgespiegelt. Er hatte vor dieser Stunde nur eine kühle, fremde Theilnahme für sie gefühlt, aber ist es ein Wunder, daß jetzt, wenn er sich ihre Schönheit, ihre Thränen, ihre leidenschaftliche Hingebung vor Augen rief, das Herz ihm lauter schlug, und daß er sich jenem unbestimmten, wonnigen Schmachten überließ, welches der Vorläufer der Liebe ist? Auch müssen wir dabei seinen eigenen Karakter, der immer sich nach dem Neuen, Ungewöhnlichen sehnt und seine schwärmerische Phantasie bedenken, mit der er sich bereits das Glück ausmalte, mit einem, von allen so verschiedenen Wesen zu leben, dessen Gedanken und Leidenschaften – so wild sie auch seyn mochten – doch nur ihm gewidmet waren.

Lange Zeit gab sich Godolphin diesen Träumen hin; endlich ermannte er sich, verscheuchte die Gedanken an eine Liebe, die er auf der einen Seite nicht ohne ein Verbrechen zu begehen, annehmen, auf der andern Seite nicht erwiedern konnte, ohne zu thun, was dem Weltmanne eine unbedingte Thorheit scheinen mußte, und bereitete sich, obwohl widerstrebend, zur Heimkehr vor. Aber wer beschreibt sein Erstaunen, seine Verwirrung, als er vor die Öffnung der Höhle trat und wenige Schritte vor sich Lucilla selbst erblickte?

Sie ging allein und langsam, die Augen gesenkt, und bemerkte ihn nicht. Ihr starkes Haar war nach der Sitte der mittleren Klasse Roms mit einem einzigen Bande verziert, und als sie sich mit ihrer schlanken, feinen Gestalt und dem reinen zarten Zügen über den Rasen hin bewegte, schien es, als ob Egeria selbst zu ihrer klagenden Quelle zurückkehrte.

Godolphin stand festgebannt, und Lucilla, die gerade auf die Grotte zuschritt, bemerkte ihn erst, als sie fast dicht vor ihm stand. Sie stieß einen leisen Schrei aus, als sie die Augen aufschlug, und versuchte dann – unwillkürlich dem ersten und natürlichen Gefühl des Weibes nachgehend – die Versicherung hervorzustammeln, daß sie dies Begegnis nicht erwartet habe.

– Gewiß, gewiß, ich wußte nicht, daß –

– Ist dies Ihr Lieblingsplatz? sagte er, verlegen nach Worten suchend.

– Ja, antwortete sie leise.

Und so war es in der That, denn die Nähe ihres Hauses, die Schönheit des kleinen Thales, und das Interesse, das sich an dasselbe knüpfte, obgleich sie nur unvollständig mit der Geschichte der Nymphe und ihres Königlichen Geliebten bekannt war, hatten es von ihrer Kindheit an zu ihrem auserwählten Aufenthalte, besonders in der gefahrvollen Sommerzeit gemacht, wo alle übrigen Besucher den Ort vermeiden und dieser sich fast immer der ihm so wohlanstehenden Einsamkeit erfreut. Hieher, wo sie ihre frühen Schmerzen ausgehaucht, trieb es sie auch jetzt, hieher floh sie vor den rauhen, widrigen Gestalten ihrer Verwandten, um den widerstrebenden Leidenschaften Luft zu machen, welche der letzte Auftritt mit Godolphin aufgeregt hatte.

Schweigend und verlegen standen sie einen Augenblick, bis Godolphin, entschlossen, einem Auftritte ein Ende zu machen, dessen Gefahr er fürchtete, mit abgebrochenen, hastigen Worten zu sagen:

– Leben Sie wohl mein süßer Schützling! Leben Sie wohl! Möge Gott Sie schützen!

Er reichte ihr seine Hand hin. Lucilla ergriff sie, führte sie an ihre Lippen und badete sie in Thränen.

– Ich fühle – sagte das ungewöhnliche Mädchen – ich fühle aus Ihrem Benehmen, daß ich Ihnen Dank schuldig bin! Doch weiß ich nicht, warum. Sie gestehen, Sie könnten mich nicht lieben, meine Neigung betrübe Sie. – Sie fliehen – Sie verlassen mich. Ach, könnten Sie, fühlten Sie nur einen Gedanken von Freundschaft für mich, könnten Sie so handeln?

– Lucilla, wie kann ich es aussprechen? Ich kann Sie nicht heirathen?

– Wünsche ich es denn? Ich bitte Dich ja nur, mich mit Dir gehen zu lassen, wohin Du gehest.

– Armes Kind – sagte Godolphin, sie lange anblickend – siehst Du nicht, daß Du um Deine eigene Schande bittest?

Lucilla erschien erstaunt. – Ist Lieben Schande? In Italien denkt man anders. Es ziemt dem Mädchen nicht, sie zu gestehen: aber das hast Du mir ja vergeben. Und wenn Dir folgen, bei Dir, in Deiner Nähe seyn, nur mir, nicht Dir Unglück bringt, so laß es nur über mich kommen, denn es kann nichts seyn in Vergleich zu dem Todesweh Deiner Abwesenheit.

Sie blickte schüchtern auf und sah mit Schrecken, daß auf seinem Gesichte Gefühle kämpften, welche seine Antwort zu ersticken schienen. Wenn – rief sie leidenschaftlich – wenn ich etwas verlangt habe, was Schande – wie Du es nennst – oder Kummer über Dich bringen würde, so vergieb mir – ich wußte es nicht – und verlaß mich. Sprichst Du aber nicht von Dir selbst, so glaube, daß Dein Mitleid nur grausame Härte ist. Ich beschwöre Dich, laß mich mit Dir ziehen. Ich habe keinen Freund hier; niemand liebt mich. Ich hasse die Gesichter, die ich sehe; ich verabscheue die Stimmen, die ich höre. Und wäre es auch sonst nichts, so erinnerst Du mich an ihn, der geschieden ist, mit Dir bin ich vertraut, in jedem Blicke von Dir liegt eine Erinnerung an meine Jugend, an meinen so heimlichen Heerd. Nimm mich mit Dir, oder laß mich sterben. Ich will Deinen Verlust nicht überleben.

– Sie sprechen von Ihrem Vater – wissen Sie, daß er, wenn ich eingehe was Sie in Ihrer kindlichen Unschuld so unbesonnen verlangen, aus seinem Grabe mich verfluchen würde?

– O Gott, nein, das darf nicht seyn! Ich flehe ja, also bin ich schuldig, wenn es eine Schuld ist; aber ist es nicht liebloser von Dir, seine Tochter zu verlassen, als sie zu beschützen?

Godolphin kämpfte einen gewaltigen, schrecklichen Kampf. – Was – sagte er, ohne zu wissen, was er sagte, was wird die Welt von Ihnen denken, wenn Sie mit einem Fremden entfliehen?

– Für mich giebt es keine Welt, außer Dir.

– Was wird Ihr Oheim, was werden Ihre Verwandten sagen?

– Was kümmert es mich? Ich werde sie nicht hören.

– Nein, nein – sagte Godolphin stolz, nochmals seine Gefühle bezwingend – Lucilla, ich wollte jeden Traum, jede Hoffnung des Lebens aufgeben, könnte ich diese Aufopferung vergelten, und mein Leben bei Dir verbringen, könnte ich Dir gewähren, was Du verlangst, ohne Deine Unschuld zu verderben, aber – aber –

– So liebst Du mich! Du liebst mich! – rief Lucilla freudig, ohne an den tiefern Sinn seiner Worte zu denken.

Godolphin verlor seine Besonnenheit; er riß Lucilla in seine Arme, bedeckte ihre Lippen und Wangen mit brennenden, leidenschaftlichen Küssen und riß sich dann plötzlich, wie von einer unwiderstehlichen Kraft aufgescheucht, von ihr los und floh mit eiligen Schritten.

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