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Godolphin oder der Schwur

Edward Bulwer-Lytton: Godolphin oder der Schwur - Kapitel 33
Quellenangabe
typefiction
booktitleGodolphin oder der Schwur
authorEdward Bulwer-Lytton
year1834
publisherVerlag Jakob Anton Mayer
translatorLouis Lax
addressAachen und Leipzig
titleGodolphin oder der Schwur
submitted20050620
senderniki_nikotini@hotmail.com
created20051104
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Fünftes Kapitel.

Magnetismus. – Sympathie. – Die Rückkehr der Elemente zu den Elementen.

Mit jedem Tage nahm die Gesundheit Volktmanns ab. Lucilla allein kannte seine Gefahr nicht. Sie hatte nie die langsame Annäherung des Todes und von allen Krankheiten nur die schnellen, plötzlich endenden Leiden ihrer Mutter gesehen. Mit wahrer Krankheit verbarg sich in ihrem Geiste der Begriff von Ärzten und finstern Zimmern, und da der Astrolog, in seine Berechnungen versunken, keine seiner Gewohnheiten aufgab, so schrieb sie seine gelegentlichen Klagen der Melancholie des abgeschiedenen Lebens zu. Bei viel sitzenden Männern enden Krankheiten, die oft mit der Organisation des Herzens in Verbindung stehen, nicht selten ganz plötzlich: bei Volktmann geschah es so.

Eines Tages saß er allein mit Godolphin: ihr Gespräch drehte sich nur um die Lehren des alten Magnetismus, eine Lehre, welche, da sie scheinbar so sehr auf Erfahrung fußt, die übrigen Mysterien überlebt und in dem phantasiereichen Deutschland noch nicht ganz außer Ruf gekommen ist.

– Einer der bemerkenswerthesten und tiefsten Punkte in dem, was wir Metaphysik nennen – sagte Volktmann – ist die Sympathie, die nach einigen der Urquell der menschlichen Tugend ist. Sie, sagt man, macht den Menschen gerecht, barmherzig. Wenn einer, der nie gehört hat, daß es Pflicht sey, seinem Nächsten beizuspringen, einen andern ertrinken sieht, so stürzt er in das Wasser und rettet ihn. Warum? Weil unwillkürlich seine Einbildungskraft ihn an die Stelle des Fremden versetzt: die Angst, die er bei dem Wassertode empfinden würde, erschüttert ihn, und in dieser Angst eilt er, ohne ihren Grund zu zersetzen, sich selbst zu retten.

Menschlichkeit wird ihm also durch Sympathie gelehrt. Wo liegt aber diese Sympathie? In den Nerven: die Nerven sind das Bindemittel mit der äußeren Natur; je zarter die Nerven, desto stärker die Sympathie, daher Frauen und Kinder empfänglicher für sie sind, als Männer. Geben Sie weiter Acht! Haben diese Nerven nun bloß ein Anziehungsvermögen, der Sympathie der menschlichen Leiden gegenüber, oder nicht auch vielmehr in Beziehung zu den Kräften dessen, was fälschlich die unbelebte Natur genannt wird? Wirken nicht anerkannter Weise die Winde, die Einflüsse des Wetters und der Jahreszeiten auf sie ein? Und wenn Ein Theil der Natur, warum nicht auch Ein anderer, der mit jenem unzertrennlich verbunden ist? Wenn Wetter und Jahreszeiten in Sympathie mit den Nerven stehen, warum nicht auch der Mond und die Sterne, durch welche das Wetter und die Jahreszeiten bestimmt und verändert werden? Ihr Schulmenschen gebt zu, daß die Sympathie einige unserer Handlungen veranlaßt, ich aber sage, sie regiert die ganze Welt, die ganze Schöpfung! Ehe das Kind geboren ist, kann diese geheime Verwandtschaft dasselbe mit dem Gepräge eines Schreckens oder eines Verlangens seiner Mutter bezeichnen.

– Und doch – warf Godolphin ein – werden Sie, mit all Ihrem Eifer für die Sympathie, nicht die Sache des Edricius Mohynnus vertheidigen, welcher Wunden mit einem Pulver heilte, daß er nicht auf die Wunde legte, sondern auf ein Tuch, das in deren Blut getaucht wurde.

– Nein! durch solche falsche Ableitungen haben anmaßende Quacksalber alle Wissenschaft zu Grunde gerichtet. Aber ich glaube, daß die Sympathie die Kraft hat, uns aus unserm eignen Körper zu entführen und uns mit den Abwesenden wieder zu vereinigen. Daher die Vergleichungen und die Extasen, in welchen der Patient Dir in vollem Ernste und mit der genauesten Umständlichkeit alles erzählen wird, was er weit ab, in andern Theilen der Erde oder über der Erde gesehen und gehört hat; so wie Du ja die beglaubigte Geschichte des Jünglings kennst, der, von einer heftigen Sehnsucht hingerissen, seine Mutter wieder zu sehen, durch diese Sehnsucht in Verzückung gerieth, und sie, obgleich viele Meilen entfernt, mit ihm Zeichen eines körperlichen wirklichen Begegnens wechseln sah.

Godolphin wendete sich ab, um ein unwillkürliches Lächeln über die Behauptungen zu verbergen; aber der Mystiker, der es vielleicht bemerkte, fuhr noch heftiger fort: – Ja ich selbst habe zu Zeiten solche Verzückungen, wenn es wirklich Verzückungen sind, empfunden, und habe mit denen geredet, welche von der äußeren Erde hinübergegangen sind – mit meinem Vater und meiner Mutter. Und – fügt er nach einer augenblicklichen Pause hinzu – und ich glaube, daß wir vermittelst der Anziehung dieser ursprünglichen und alles durchdringenden Sympathie, in unsern letzten Augenblicken sogleich in den Schooß derer, welche uns lieben, übergehen können. Denn durch das gespannte und verzückte Sehnen, die Seligen zu schauen und unter ihnen zu seyn, werden wir unmerklich zu ihnen erhoben, so daß, wenn die Stunde gekommen ist, wo das Land zwischen Körper und Geist aufgelöst werden soll, die so erhobene Seele und Begierde nicht mehr nach der Erde zurück kann. Und diese geschärfte und ausgedehnte Sympathie wird, glaube ich, unsere Kräfte, unser ganzes Wesen in dem zukünftigen Leben bestimmen. Da unsere Sympathie dann nur mit dem Unsterblichen in Berührung kommt, so werden wir nothwendig der Natur, welche uns anzieht, theilhaftig werden, und da der Körper nicht mehr die Stärke unserer Sehnsucht hemmt, so werden wir durch den bloßen Wunsch im Stande seyn, uns nach Willkühr von Stern zu Stern, von Herrlichkeit zu Herrlichkeit zu begeben, wie getragen, und beflügelt durch unsere Wünsche.

Godolphin antwortete nichts, denn er erschrak vor der zunehmenden Blässe des Mystikers, und vor der träumerischen und starren Ruhe, welche seine Augen zu ergreifen schien, die sonst gewöhnlich so lebhaft und hell umherstrahlten. Der Tag war seinem Scheiden nah. Lucilla trat in das Zimmer und schmiegte sich an ihres Vaters Seite.

– Ist der Abend warm?

– Er ist mild und warm.

– So gib mir Deinen Arm, ich will mich ein wenig vor die Thüre setzen.

Die Römer wohnen in flachen Häusern, wie die Edinburger. Volktmanns Zimmer war im Secundo plano. Er stieg die Treppe mit leichteren Schritten herab, als in den letzten Tagen, setzte sich auf eine Bank vor der Thüre, und schien schweigend und behaglich die sanfte Luft eines Italienischen Abendhimmels einzuathmen.

Bald war die Sonne ganz verschwunden, und das dem dortigen Klima eigenthümliche kurze, aber köstliche Zwielicht gefolgt. Wie einen leichten Schleier warf der um diese Stunde zwischen Himmel und Erde schwebende Nebel seinen durchsichtigen Schatten auf das Land, schien einen Augenblick zu zittern und versank. Der Mond erhob sich und warf seine Strahlen auf Volktmanns ernste Züge, an die blühende Farbe, das besorgte Auge Lucillas, auf die nachdenkende Stirne, die bewegungslose Gestalt Godolphins. Es war eine Gruppe von unbeschreiblichem Reize: es herrschte eine Stille, daß der Mystiker glauben mochte, die Erde schweige, um der Stimme des Himmels zu lauschen. Keiner sprach. Der Blick und Geist des Astrologen war nach höheren Regionen gerichtet, und niemand wollte die Betrachtungen des alten, schwärmenden Mannes stören.

Godolphin überließ sich, mit verschlungenen Armen und niedergeschlagenem Blicke, seinen eigenen Gedanken, und Lucilla, der Godolphins Gegenwart ein stiller, süßer Zauber war, blickte zwar auf zu dem dunklen Himmel, aber mit dem Herzen einer liebenden Tochter der Erde.

Langsam, unbemerkt wurde das Auge des Mystikers immer starrer und starrer.

Minuten gingen so dahin, und der Abend ging in Nacht über, und ein kühler Wind, der von den Latinischen Hügeln herabwehte, rief Lucillas Gedanken zu ihrem Vater zurück. Sie legte ihm ihren Mantel zärtlich um die Schultern und flüsterte ihm sanft ins Ohr, er möge sich nicht der Kälte der anbrechenden Nacht aussetzen. Er antwortete nicht, sie erhob ihre Stimme etwas mehr, aber mit ebenso wenig Erfolg. Entsetzt blickte sie auf Godolphin. Er legte seine Hand auf Volktmanns Schultern, beugte sich herab, um mit ihm zu reden, sah den gläsernen, starren Glanz seiner Augen, und das Wort erstarb ihm im Munde. Er griff nach Volktmanns Pulse, er stand still. Er zweifelte nicht mehr an dem Entsetzlichen, und die Tochter, welche noch immer nach ihm blickte, träumte noch nichts von diesem plötzlichen, fürchterlichen Schlage. Still und unbewußt hatte der abgeschlossene Geist des Mystikers seine Klause verlassen – niemand wußte, wann, noch durch welchen letzten Kampf der Natur.

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