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Godolphin oder der Schwur

Edward Bulwer-Lytton: Godolphin oder der Schwur - Kapitel 32
Quellenangabe
typefiction
booktitleGodolphin oder der Schwur
authorEdward Bulwer-Lytton
year1834
publisherVerlag Jakob Anton Mayer
translatorLouis Lax
addressAachen und Leipzig
titleGodolphin oder der Schwur
submitted20050620
senderniki_nikotini@hotmail.com
created20051104
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Viertes Kapitel.

Die Wirkungen der Jahre und der Erfahrung. – Der Italienische Karakter.

Godolphin kam jetzt täglich in das Haus des Sternensehers. Die physische Veränderung, welche vier Jahre an seinem Freunde hervorgebracht hatten, machte ihn besorgt und er suchte, mit der Wärme eines von Natur theilnehmenden Herzens, die Behaglichkeit und den Genuß eines Lebens zu erhöhen, das offenbar sich zu seinem Ende neigte.

Godolphins Gesellschaft schien Volktmann ein Vergnügen zu gewähren, wie des nichts anderes im Stande war. Er unterhielt sich mit ihm über die verschiedenen Zufälle, die beiden seit ihrer Trennung begegnet waren, und bei Allem, was Godolphin erzählte, suchte der Mystiker seinen Freund auf die Erfüllung seiner Prophezeiungen aufmerksam zu machen.

Obgleich Godolphin nicht mehr an die Wissenschaft des Schwärmers glaubte, so wollte er seinen Behauptungen doch nicht widerstreiten. Er hatte während seines Lebens nicht viel gefunden, was bei gewöhnlichen Angelegenheiten ihn aus seiner bequemen Ruhe aufgescheucht hätte, und es war nicht leicht, einen Mann von seiner ruhigen Stimmung und selbstzufriedenen Weisheit zum Disputiren zu zwingen. Und dann, wer kann mit dem Fanatismus streiten?

Seit der junge Idealist England verlassen, hatten die Elemente seines Karakters das Gebot der Zeit erfüllt, und in dessen allgemeiner Richtung die gebührende Veränderung bewirkt. Der warme Quell der Jugend strömte nicht mehr so frei, wie sonst: die Selbstsucht, welche immer, früher oder später den einzeln stehenden Mann der großen Welt ergreift, war nach und nach in alle Kanäle seines Herzens gedrungen. Da die grübelnde und sinnende Richtung seiner Kräfte sich vom Romantischen zu dem, was er für Philosophie hielt, gewendet hatte, so war der einstige Enthusiasmus zur Klugheit erstarrt. Er haßte die Menschen nicht, liebte sie aber auch nicht mit warmer Liebe, er betrachtete sie mit kaltem, forschenden Blicke. Er glaubte nicht, daß es in der Macht der Regierung stehe, die Masse des Volkes in irgend einem Lande viel glücklicher zu machen, oder höher zu stellen, als sie eben steht. Republiken, pflegte er zu sagen, begünstigten aristokratische Tugenden und der Despotismus vernichte sie, aber in Monarchien, wie Republiken blieben die Holzhauer und Wasserträger, die Menge, innerlich immer dieselbe.

Diese Theorie vermehrte seine Gleichgültigkeit gegen den Ehrgeiz. Die Losungsworte der Parteien schienen ihm lächerlich, die Politik im Allgemeinen ein Federball, der durch den Wettstreit lärmender Kinder in Bewegung gehalten werde. Sein Geist wurde daher durch die öffentlichen Angelegenheiten nicht aufgeregt, und hüllte sich in einen Mantel höchst falscher, gefährlicher Philosophie. Sein Hang zu Vergnügungen war durch Erfahrung etwas abgestumpft worden, doch war er noch keineswegs gesättigt oder bekehrt. Nur Ein Gefühl hatte fast noch dieselbe Gewalt in seiner Brust behalten – dies war seine zärtliche Erinnerung an Konstanze, und das hatte auch verhindert, daß irgend eine spätere Intrigue in Liebe ausgeartet wäre. So erscheint uns Godolphin wieder in einem Alter von sechs und zwanzig Jahren.

Im Italienischen Karakter lag Vieles, was unser Reisender liebte, namentlich die systematische Liebe zur Bequemlichkeit, die Freundlichkeit, die Zufriedenheit mit der Welt wie sie ist, die moralische Apathie gegen Alles, was das Leben erschüttert, mit Ausnahme Einer Leidenschaft, und die allgemeine Zartheit, Glut und Innigkeit, welche in dieser Leidenschaft entfaltet wird. Der gemeinste Landmann von Rom oder Neapel, obwohl vielleicht nicht in dem freieren Toscana, begreift alles Romantische und Geheimnisvolle der feinsten Gattung von Liebe, zu dessen Ahnung es in England des müßigen Treibens der Aristokratie und der Einigkeit des Genies bedarf. Ja, was noch mehr ist, der ausgelebte Wollüstling, der alle Erfahrungen in der Zügellosigkeit durchgemacht hat, die sich mit den Gränzen einer nordischen Ausschweifung gar nicht vergleichen läßt, behält noch Gefühl für die ersten und unschuldigsten Empfindungen der Leidenschaft. Und wenn der Patriotismus irgendwo in seiner kältesten Reinheit existirt, so ist dies grade unter den Aretins des südlichen Italiens.

Diese ideelle Verfeinerung bei so materieller Verhärtung war eine Eigenthümlichkeit, die dem scharfen Auge und Urtheile Godolphins ein immerwährendes Vergnügen bereitete. Er liebte nicht die gewöhnlichen Elemente des Karakters; ihm gefiel zu meist das Abstrakte und schwer zu Ergründende. Er mischte sich viel unter die Römer und ward bald ihr Liebling, hatte jedoch während seines jetzigen Aufenthaltes in der unsterblichen Stadt, auch nicht den entferntesten Umgang mit Engländern. Seine Gleichgültigkeit gegen den Aufwand, und die Unabhängigkeit des einzelnen Mannes von lästigen Verbindungen machten, daß sein Einkommen durchaus für seine Bedürfnisse genügte, aber er mochte doch, wie viele stolze Menschen, es selbst in seinen eigenen Augen nicht sichtbar werden lassen, daß er, neben den verschwenderischen Ausgaben seiner prunksüchtigen Landsleute, nur ärmlich erscheinen müsse. Das Reisen hatte überdies die geistigen Schätze vermehrt, welche der Einsamkeit die Langeweile benehmen.

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