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Godolphin oder der Schwur

Edward Bulwer-Lytton: Godolphin oder der Schwur - Kapitel 30
Quellenangabe
typefiction
booktitleGodolphin oder der Schwur
authorEdward Bulwer-Lytton
year1834
publisherVerlag Jakob Anton Mayer
translatorLouis Lax
addressAachen und Leipzig
titleGodolphin oder der Schwur
submitted20050620
senderniki_nikotini@hotmail.com
created20051104
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Zweites Kapitel.

Eine Unterredung, die nicht sehr in das neunzehnte Jahrhundert paßt. – Forschungen über das menschliche Schicksal. – Die Vorhersagung.

Beim Hereintreten in das Zimmer sah er Lucilla auf einem niedrigen Sessel neben dem Astrologen sitzen. Sie blickte auf, als sie seinen Fußtritt hörte, schien aber so niedergeschlagen, daß er sich unwillkürlich zu Volktmann hinwendete, um sich Erklärung darüber zu schaffen. Volktmann betrachtete ihn mit stummem Schmerze.

– Was ist vorgegangen? – fragte der Engländer – Sie scheinen bekümmert und heißen mich nicht willkommen, wie gewöhnlich.

– Ich bin bei den Sternen gewesen – antwortete der Däne.

– Sie scheinen keine gute Gesellschaft zu seyn – entgegnete der Engländer – und Ihren Geist nicht sehr erhoben zu haben.

– Scherze nicht, Freund – sagte Volktmann – Dein Verlust macht mich traurig. Ich sehe, daß Du bald eine Reise unternehmen mußt, und daß sie nicht erfreulicher Art ist.

– Wirklich – antwortete der Engländer lächelnd – nun, ich nehme mir die Freiheit, die Sache zu bezweifeln; Sie wissen besser, als einer, wie oft durch einen Irrthum in der Berechnung oder durch Eile, ja sogar durch überspannte Aufmerksamkeit, astrologische Prophezeihungen einer Täuschung ausgesetzt sind, und jetzt sehe ich so wenig die Möglichkeit meiner Abreise, daß ich die irdische Wahrscheinlichkeit der himmlischen vorziehe.

– Meine Tabellen sind richtig, und der Himmel schrieb seinen Beschluß in der deutlichsten Sprache. – Du stehst auf dem Punkte, Rom zu verlassen.

– Aus welchen Anlaß?

Der Astronom zögerte; der junge Mann wiederholte seine Frage dringender.

– Der Mann des vierten Hauses – sagte Volktmann widerstrebend – sitzt in dem eilften Hause. Du weißt, wem diese Stellung Unglück verkündet.

– Mein Vater! – rief der Engländer vor Schrecken erbleichend – ich glaube, daß diese Stellung ihn angeht.

– So ist's – sagte der Astrolog leise.

– Unmöglich! Ich habe erst heute Nachricht von ihm; er ist wohl. Lassen Sie mich die Figuren sehen.

Der Fremde überblickte die geheimnisvollen Hieroglyphen der Kunst auf einem Papier, welches vor dem Dänen lag, mit tiefer und forschender Aufmerksamkeit. Ich will den Leser nicht mit den Worten und Figuren von prophetischem Inhalte quälen, welche den Uneingeweihten zurückstoßen, und selbst den Schüler der Wissenschaft verwirren; ich will nur bemerken, daß ein Punkt auffiel, dessen Erklärung einigen Zweifel zuließ. Der Engländer stützte sich darauf und ging in eine sehr gelehrte und erbauliche Debatte ein, in deren Hitze, wie das gewöhnlich geschieht, die Ursache des Streitpunktes ganz vergessen wurde.

– Ich weiß nicht – sagte der Engländer – warum ich einer Lehre Glauben schenken soll, welche, Sie allein ausgenommen, alle nicht verrückte Menschen für hohl und abgeschmackt erklären. Man kann annehmen, daß die Menschen sich zu einer unpopulären Theorie nur in dem Verhältnis hinneigen, als sie ihnen schmeichelt oder nützt, aber was Ihre – oder wenn Sie wollen, unsere Theorie betrifft, so hat sie mir noch nichts als Unglück prophezeit.

– Dein Lebenshoroskop – entgegnete der Astrolog – ist in der That sonderbar und ominös, aber, wie bei meiner Tochter, scheint die genaue Minute Deiner Geburt, bis beinah zum Belauf einer ganzen Stunde, unbekannt, und mit wie vielen Scharfsinn wir auch, nach Beweisen der Alten, Mittel gefunden haben, die Nativität zu verbessern, so bleibt unsere Vorhersagung doch, so lange die genaue Periode der Geburt nicht festgestellt ist, meiner Ansicht nach immer einiger Unsicherheit unterworfen. Die unverlässigste Methode, die mathematische Zeit auf die wahre zu reduciren, die der »Zufälle« ist in diesem Falle nur theilweise anzuwenden, denn Du hast mit einer nicht streng genug zu tadelnden und nicht tief genug zu beklagenden Nachlässigkeit es versäumt, die Tage niederzuschreiben oder zu merken, an welchen Dich Zufälle – Fieber, gebrochen Glieder u.s.w. betrafen, und diese Unterlassung wirft ein Gewölk über die helle Schrift des Geschickes –

– Was – unterbrach der junge Mann, – für mich um so glücklicher ist, da es mir noch immer Aussicht zur Hoffnung läßt.

– Und doch – begann Volktmann wieder, als ob er entschlossen gewesen wäre, seinem Freunde jeden Trost abzuschneiden – und doch stimmen Dein Karakter und die Richtung Deiner Gewohnheiten, so wie die Eigenheiten Deiner Person, ja selbst die Maale auf Deiner Haut mit dem Entwurfe Deines Horoscopes überein.

– Mag es doch – sagte der Engländer heiter. – Sie räumen mir wenigstens die schönste der irdischen Gaben ein – das Glück, den Frauen zu gefallen, welche allein unser Elend hienieden versüßen. Lieber diese Gabe mit ihrer üblen Begleitung, als alle guten Einflüsse ohne dieselbe.

– Aber – sagte der Astrolog – auch hier wirst Du auf Unglück stoßen, denn Saturn hat die Macht, der Venus, welche geneigt war, Dich zu begünstigen, sich entgegenzustellen, und Unglück mag aus der Liebe entspringen, die Du einflößest. Es gibt Einen bemerkenswerthen Punkt in unserer Wissenschaft, der besonders in Deinem Horoscop beachtet zu werden verdient. Die Alten kannten den Planeten Herschels, also auch den Einfluß nicht, welchen dieser trübe, seltsame Körper ausübt. Der Schein des Uranus aber neutralisirt zum großen Theil den Muth, den Ehrgeiz und den Stolz des Herzens, den Du sonst aus der glücklichen Zusammenstellung der Sterne um den Mond und den Merkur bei Deiner Geburt geschöpft haben würdest. Jenes Sehnen über die engen Gränzen der Welt hinaus, jene Neigung zum Träumen, zur leidenschaftlichen Schwärmerei, ja selbst Dein Hang zu diesen verborgenen gestirnten Mysterien, trotz Deines sonst weltlichen Sinnes, das alles dankst Du diesem neuen gewaltigen Planeten.

– Und daher vermuthe ich, – sagte der Engländer, der, wie der Astrolog bemerkte, sich wider seinen Willen angezogen fühlte, – und daher dieser Kampf des Weltlichen und Romantischen in meiner Natur; daher bin ich bei Ihnen ein träumerischer Enthusiast und schüttle den Augenblick, wo ich wieder in das bunte Treiben des Lebens trete, diesen Einfluß mit Leichtigkeit ab und hasche fröhlich nach allen Freuden der Gesellschaft.

Von Herzen nie fröhlich, – murmelte der Astrolog; – Saturn und Uranus machen keine aufrichtig frohen Gesellen. – Der Engländer hörte dies nicht, oder stellte sich wenigstens so.

– Nein, – begann dieser wieder sinnend, – nein, es ist wahr, daß irgend eine Kraft in mir gegen das, was ich manchmal meine natürliche Anlage nennen möchte, antreibt. So bin ich kühn genug, wißbegierig, nicht taub gegen die Stimme der Eitelkeit, und doch besitze ich keinen Ehrgeiz. Der Wunsch nach Erhebung hat durchaus nichts Lockendes für mich, ich verachte ihn sogar als eine Schwäche. Aber was that das Alles? Desto besser, da, wie Sie prophezeien, mein Leben nur kurz ist. Aber wie kann ich bei meinem Mangel an Ehrgeiz, meinen ruhigen Gewohnheiten, mir denken, daß mein Tod gewaltsam und vorzeitig seyn wird?

Während er noch sprach, sprang die junge Lucilla, welche mit starrem Blicke und offenem Munde jedes Wort dieses Gespräches eingesogen hatte, plötzlich auf und verließ das Zimmer. Die Beiden waren dies Kommen und Gehen ohne Ursache und ohne zu sprechen, gewöhnt und setzten ihre Unterredung fort.

– Ach, – sagte der Däne, – kann Ruhe des Lebens, oder Vorsicht, oder Klugheit uns gegen unser Geschick bewahren? Kein Zeichen kündet sicherer den Tod, sey es durch Zufall oder durch Mord, als das, welches Hyleg mit Orion und Saturn verbindet. Doch magst Du das Jahr überstehen, in welchem diese Gefahr Dir verkündet ist, und nach dieser Zeit finden, daß Ehre und Glück Deiner warten. Besser, die Drohung des Unglücks im Alter der Kraft zu vernehmen, als in dem des Verfalls. Die Jugend stählt sich gegen Mißgeschick, aber im Alter verschrumpft es das Herz, beugt es den Geist.

– Auf jeden Fall, – sagte der Gast stolz, – müssen wir uns bemühen, dem Unglück der Gestirne durch unsere innere Philosophie zu widersprechen. Wir können uns vom Schicksal unabhängig machen, und diese Unabhängigkeit ist besser als Glück. – Er fügte darauf mit geändertem Tone hinzu: – Aber Sie glauben, daß wir durch die Macht anderer Künste den Prophezeiungen der Sterne entgegenarbeiten, sie unterjochen können.

– Was sagst Du? Du glaubst doch nicht, daß Alchymie, die Dienerin der himmlischen Heerschaare, ihre Feindin sey?

– Nein, aber Sie geben zu, daß wir durch die Gewalt Uriels und den Zauber der Cabala, Übel und Gebrechen, die uns sonst verhängnisvoll werden dürften, abwehren können?

– Gewiß, aber ich glaube, daß die Entdeckung dieser kostbaren Geheimnisse uns durch das allwissende Buch bei unserer Nativität vorhergesagt, und daß, wie die Drohung des Übels, so auch die Möglichkeit des Entrinnens uns vorgehalten wurde. Und ich muß gestehen, daß für meinen Theil mir eben die Pflege jener himmlischen Wissenschaften wieder einen Trost mitten unter dem Unglücke gebracht hat, zu dem ich bestimmt bin; so wahr scheint es, daß wir nicht bloß in der äußeren Natur, in den Hauptelementen, und in den Eingeweiden der Erde, sondern auch in uns selbst die Vorbereitungen suchen müssen, mit denen wir an die Vervollkommnung der Weisheit Zoroasters und Hermes gehen sollen. Wir müssen uns von Leidenschaften und irdischen Wünschen losreißen. Eingewiegt in himmlische Träume, müssen wir durch Betrachtung das Wesen aus der Materie herausschmelzen, und nie können wir in die Seele der mystischen Welt dringen, als bis wir selbst den Körper vergessen haben und durch Fasten, Keuschheit und durch Nachdenken, im Fleische selbst zur lebenden Seele geworden sind.

Mit immer steigender Beredsamkeit ergoß sich der Astrolog im Preise dieser von der alten Kirche, wiewohl nach den vielen noch existirenden Werken der Alchymisten, mit Unrecht verdammten Kunst. Denn alle dieser Werke bestehen auf der Nothwendigkeit der Tugend, und Besiegung der Leidenschaft, wenn man ein glücklicher Kabalist werden will, eine Vorschrift, die allerdings um so politischer ist, als man jedes Mißglücken nicht der Mangelhaftigkeit der Wissenschaft, sondern der fleischlichen Unvollkommenheit der Adepten zuschreiben konnte.

Der junge Mann hörte dem alten Sternenseher mit feuriger Aufmerksamkeit zu. Abgesehen von dem düstern Interesse, welches sich immer, besonders bei einem glühenden, befangenen Gläubigen, an Gespräche über übernatürliche Dinge knüpft, lag etwas in der Sprache und der Persönlichkeit des Astrologen, was die Wirkung der Rede selbst noch unsäglich erhöhte. Wie die meisten Menschen, welche mit der Literatur eines Landes vertraut sind, aber keinen Umgang mit Bewohnern desselben haben, brauchte auch Volktmann mehr die Wörter und Redensarten, welche in Büchern, als welche im gewöhnlichen Leben vorkommen. Dies und eine gewisse Feierlichkeit und Langsamkeit des Sprechens, so wie der Gebrauch des bei uns so seltenen »Du,« gaben seinem Dialekt eine fremdartige Würde, welche ganz zu dem Gegenstande seiner Lieblings-Unterhaltung paßte. Volktmann war mager, sein Gesicht eingefallen, blaß; dünne und frühzeitig gebleichte Locken fielen in Unordnung über die kahle Stirne herab, welche überidische Gedanken gefurcht hatten. Aber wie bei den meisten Menschen, die nur in der Phantasie leben, hatte sich das Leben, das in dem Überreste des Körpers ermattet und erstarrt schien, in das Auge, wie in eine Citadelle zurückgezogen. Der wilde, dunkle Glanz seiner großen, blauen Augen verkündete den ganzen Enthusiasmus des Geistes, und strömte sogar einen Theil seines schauerlichen Feuers auf die aus, auf welchen es ruhte. Kein Maler, Volktmann selbst hätte in der Fülle seiner nordischen Phantasie ein besseres Bild jener fahlen, übersinnlichen Adepten aufstellen können, welche in einem finstern Jahrhundert Leben und Gelehrsamkeit auf die hohle Wissenschaft der Alchymie warfen – Träumer, und Märtyrer ihrer Träume.

Mit den Besprechungen solcher Mysterien verbrachten die Enthusiasten den größten Theil der Nacht, und als der Engländer sich endlich zum Aufbruch anschickte, so ließ sich nicht verbergen, daß eine feierliche, ahnungsschwere Bewegung seine Brust bedrückte.

– Wir haben – sagte er mit einem Versuche zum Lächeln – von Dingen außerhalb dieses niedern Lebens gesprochen, und da müssen wir schwanken, uns verlieren. Aber eines können wir doch bestimmen; das Leben ist mit Nacht umzogen; Sorgen und Schmerz warten selbst derer, auf welche die Sterne ihren goldigsten Einfluß aufschütten. Wir wissen keinen Tag, was der nächste bringen wird; nein, ich wiederhole es, nein, trotz Ihrer Tabellen, Ihrer Berechnungen und Ihrer Bezeichnungen glücklicher Momente, wir wissen nichts. Aber komme was da wolle, Volktmann, komme was Sie mir vorher verkünden, Hemmungen in meiner Liebe, Täuschungen in meinem Leben, Melancholie in meinem Blute, und ein hastiger Tod in der Würde meiner Mannheit – mich wenigstens, mich, meine Seele, mein Herz, meinen besseren Theil soll nichts niederwerfen, nichts verdüstern, nichts entmuthigen. Ich bewege mich in meinem bestimmten, klaren Kreise; der Ehrgeiz kann mich nicht daraus erheben, das Unglück mich nicht darunter erniedrigen.

Volktmann warf einen Blick des Erstaunens und der Bewunderung auf ihn; es giebt nur Ein Feuer, das glänzender, voller ist, als das des Fanatikers – das eines kräftigen, edeln Geistes.

– Ach mein junger Freund – sagte er, seinem Gaste die Hände drückend – wollte der Himmel, daß meine Prophezeiungen sich als falsch bewähren; oft, sehr oft sind sie falsch gewesen – fügte er hinzu, seinen Kopf in Demuth beugend – sie mögen es auch in Bezug auf Dich seyn. – So jung, so glanzreich, so schön, so wacker, und doch im Herzen so schwärmerisch. Ich fühle es mit, was Dir begegnen mag, in dieser Welt, tiefer als etwas, was über mich selbst verhängt ist, denn ich bin jetzt ein alter Mann, und gegen Täuschung abgehärtet; die Frische meines Lebens ist dahin, und könnte ich selbst das große Geheimnis erreichen, würde die Kenntnis doch zu spät kommen. Bei meiner Geburt wurde mein Schicksal in so klaren Zeichen enthüllt, daß, während ich Zeit gehabt, mich darin zu fügen, mir kein Zweifel aufstieß, den ich hätte wegklügeln können, denn Jupiter im Krebse, von keinem andern Sterne verdeckt, versprach mir in der That einige Kunde in der Wissenschaft, aber auch ein Leben der Abgeschlossenheit, und eins, das nicht die Früchte tragen werde, welche seine Mühen verdienten. Aber in Deinem Loose liegt so viel Ruhm und Glanz, daß kein gewöhnliches Geschick verloren gehen wird, sollten die bösen Einflüsse die Oberhand gegen Dich erhalten. Aber Du sprichst muthig, wie einer, dessen Geist hochstrebend, obwohl umwölkt und verwirrt ist. Und ich präge es Dir daher nochmals und immer wieder ein, daß nur aus Dir selbst, aus Deinem eigenen Karakter, Deinen eigenen Gewohnheiten alles Übel, außer dem Deines Todes, hervorgehen wird. Bewahre daher, ich beschwöre Dich, bewahre in Deinem Gedächtnis wie ein Juwel den ersten großen Lehrsatz des Alchymisten und des Magiers: Erkenne Dich selbst – Beßre Dich selbst – Bezwinge Dich selbst; nur aus der Kristalllampe wird das Licht klar hervorleuchten.

– Es ist wahrscheinlicher, daß die Sterne sich irren werden – sagte der Engländer – als daß das menschliche Herz sich von seinen Irrthümern bessert. Lebt wohl!

Er verließ das Zimmer und eilte durch einen Gang, der nach dem äußern Thore führte. Ehe er es erreichte, öffnete sich plötzlich eine andere Thür, und das Gesicht Lucillas strahlte ihm entgegen. Sie hielt ein Licht in der Hand, und als sie den Engländer anstarrte, sah er, daß sie sehr bleich war und geweint hatte. Sie betrachtete ihn lang und ernst, und dieser Blick machte einen sonderbaren Eindruck auf ihn; es ward ihm schwer, das Schweigen zu brechen.

– Gute Nacht, meine schöne Freundin – sagte er – soll ich Dir morgen Blumen mitbringen?

Lucilla brach in ein wildes, krampfhaftes Lachen aus, warf plötzlich die Thür zu und ließ ihn im Dunkeln stehen.

Die kühle Luft des anbrechenden Morgens erfrischte die Wangen des Engländers, doch blieb ein unangenehmes, drückendes Gefühl auf seinem Herzen. Seine durch die lange Unterhaltung mit dem Schwärmer angegriffenen Nerven zitterten noch von dem plötzlichen Lachen des seltsamen Mädchens, das so ganz von Andern seines Alters abstach. Die Sterne wurden geisterhaft bleich, um den Mond war ein trüber, trauriger Nebeldunst.

– Ihr blickt bedeutungsvoll auf mich herab – sagte er halblaut, als er zum Himmel aufsah, und die Aufregung seines Geistes verrieth sich in jedem Laute – Ihr, auf die, wenn unsre Lehre wahr ist, der Allmächtige die Zeichen unsers sterblichen Looses geschrieben hat. Und wenn Ihr die Fluthen der rauschenden Tiefe und den Wechsel des rollenden Jahres bestimmt, warum sollen wir nicht auch glauben dürfen, daß Ihr denselben sympathischen und ungesehenen Einfluß auf das Blut und Herz ausübt, welcher den Karakter – und der Karakter schafft das Leben – bestimmt. – Der Engländer setzte sein Selbstgespräch fort, und fand immer neue Gründe für seine Leichtgläubigkeit, die ihm nur wenig Stoff zu Freude oder Hoffnung gab, bis er an das St. Sebastiansthor gekommen war.

In dem Karakter des Reisenden lag in der That Vieles, was zu seinem Horoscop paßte, und diese Überzeugung trug mehr, als ein zufälliges Zusammentreffen von Begebenheiten, dazu bei, ihn zu dem Nachdenken über die eitlen, aber imposanten Aussprüche der prophetischen Astrologie zu drängen. Im Besitze aller der Kräfte, welche einen Mann sich aufzuschwingen befähigen; feurig und doch fein, beredt, müßig, tapfer, und, obgleich nicht veränderlich, doch mit der seltenen Kunst begabt, seine Kräfte zu konzentriren, und so sich schnell alles dessen zu bemeistern, was nur eben die Aufmerksamkeit erregte, verschmähte er es doch, diese Gaben gehörig zu entfalten. Er lebte nur im Genuß. Ein leidenschaftlicher Verehrer der Frauen, Musik, Künste und Wissenschaften, suchte er in der Geselligkeit, nicht in der weltlichen Sphäre, den Zweck seiner Existenz. Und doch war er kein gewöhnlicher Epikuräer. Denn sein Genuß bestand nur aus Elementen, die gemeine Naturen ermüdet hätten. Träume, Beschauung, Einsamkeit, waren ihm zu Zeiten lieber, als heiterere Aristippische Genüsse. Von früher Jugend an Einsamkeit gewöhnt, wurde er selten müde, allein zu seyn. Er suchte die Menge, nicht sich zu unterhalten, sondern Andere zu beobachten. Die Welt war ihm weniger eine Bühne, auf der er selbst eine Rolle zu spielen hatte, als ein Buch, in dem er die Räthsel der Weisheit zu entziffern suchte. Er beobachtete Alles, was um ihn vorging. Nicht durch Lebhaftigkeit, sondern durch Sanftmuth übte er einen Zauber über seine Umgebung aus.

Aber unter dieser weichen Hülle schlummerte das Luchsauge nicht. Mit einem Blick durchschaute er einen Karakter, machte jedoch selten Gebrauch von seiner Kenntnis. Er fand Vergnügen darin, in den Menschen zu lesen, es ermüdete ihn aber, sie zu beherrschen. Und so ließ er es geschehen, daß er bei seiner vollendeten Weltkenntnis, in der Übung derselben unkundig erschien. Mit einem Ideal der Liebe und Freundschaft im Geiste, fand er in der Wirklichkeit nichts, was seine Neigung lange hätte fesseln können. So galt er als flatterhaft bei den Frauen, und hatte er unter den Männern keinen ächten Freund. Dieser Karakterzug ist häufig bei Männern von Genie; die Überfülle des Herzens bringt sie in den Ruf der Herzlosigkeit. Doch ist immer Gefahr, daß ein Karakter dieser Art mit den Jahren wird, was er scheint. Nichts verhärtet das Gefühl so, als Verachtung.

Am nächsten Morgen erhielt der junge Reisende eine außerordentliche Botschaft von England. Sein Vater war gefährlich krank, und keine Hoffnung, daß er, selbst bei der größten Eile, noch seines letzten Segens theilhaftig werden könnte. Der Engländer erinnerte sich, starr vor Schrecken, seiner Unterredung mit dem Astrologen. Nichts belustigt uns so, als wenn wir eine übernatürliche Furcht, welche sich bereits unserer Vernunft bemächtigt hat, bestätigt sehen; und von allem übernatürlichen Glauben erfüllt und der, daß wir durch eine Vorherbestimmung gefesselt und so nur das Spielwerk eines finstern, unnachlassenden Geschicks sind, am meisten mit Schauder und Kleinmüthigkeit.

Der Engländer verließ noch am selben Morgen Rom, und ließ dem Astrologen nur mündlich die Ursache seiner Abreise anzeigen. Volktmann hatte ein vortreffliches Herz, aber es ließ sich doch schwer entscheiden, ob nicht die Freude über den Triumph seiner Prophezeiung in ihm den Schmerz über das Unglück seines Freundes überwog.

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