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Godolphin oder der Schwur

Edward Bulwer-Lytton: Godolphin oder der Schwur - Kapitel 26
Quellenangabe
typefiction
booktitleGodolphin oder der Schwur
authorEdward Bulwer-Lytton
year1834
publisherVerlag Jakob Anton Mayer
translatorLouis Lax
addressAachen und Leipzig
titleGodolphin oder der Schwur
submitted20050620
senderniki_nikotini@hotmail.com
created20051104
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Drei und Zwanzigstes Kapitel.

Blick in die wirkliche große Welt hinter den rosigen Vorhängen. – Begründung eines gewissen Instituts.

Die Zeit, von der wir jetzt sprechen, war die glänzendste, welche die Englische Welt seit dem letzten halben Jahrhundert gekannt hat. Lord Byron stand in seinem kurzen, blendenden Zenith; Frau von Staël war in London; der Friede hatte die Aufmerksamkeit der reichen Müßiggänger auf sociale Vergnügungen, auf die Wissenschaften gerichtet. Es herrschte ein Leben, ein Glanz, eine geistige Fülle in unsern Zirkeln, welche wir jetzt nicht mehr finden. Nie könnte ein junges, ehrgeiziges Weib – eine Schönheit und ein Genie – einen besseren Augenblick zur Begründung ihrer Macht finden. Es war schon früh Konstanzens kühner Entschluß gewesen, eine in allen verfeinerten Staaten, jetzt besonders in diesem, bestehende Macht, die des Modetons, auf die äußerste Spitze zu treiben. Sie war vor Allem geschickt, diese geheimnisvolle, schlüpfrige Triebfeder nach ihrem Willen zu handhaben. Ihre Karakterkenntis, ihr Takt, ihre Grazie waren gerade die Talente, welche der Modeton am meisten nöthig machte; und sie wurden jetzt ganz auf diese Sphäre verwendet. Die Rauhheit, welche sie zu Zeiten gegen die bezaubernde Sanftmuth ihres Benehmens abstechen ließ, verstärkte noch die Wirkung ihrer Macht. Einschüchtern ist eben so nöthig, als einzunehmen. Überdies kam die Rauhheit bald zu Ehren; denn sie wurde nur gegen die geübt, welche die Welt gern demüthigen sah. Das bescheidene Verdienst in jedem Range, selbst Anmaßung, wenn nur auf Verdienst begründet, war immer gegen ihre Satyre gesichert. Nur den Übermuth eingebildeter Herzöginnen und dem Geldstolz des Pöbels scheute sie nicht, mit Vorliebe zu erniedrigen.

Die Unabhängigkeit ihres Karakters war mit einer ungewöhnlichen Gleichheit des Temperaments verbunden. Konstanze konnte nicht in Leidenschaft gerathen; es lag durchaus nicht in ihrer Natur. Wurde sie verwundet, konnte sie eine beißende Antwort ertheilen, aber nicht die Stirn runzeln, nicht die Stimme erheben. Das war eben der Zauber in ihr, daß sie immer weiblich blieb. Sie brachte junge Leute nie außer Fassung; sie rief sie nie bei ihrem Taufnamen: sie neckte sie nicht, kokettirte nicht: die Blüthe der bescheidenen Züchtigkeit lag noch in unbefleckter Jungfräulichkeit auf ihrer Tugend. Sie, die Gründerin einer neuen Dynastie, vermied, was ihre Nachfolgerinnen und Zeitgenossinnen zu thun für nöthig hielten. Sie war die Leiterin des Modetons, und doch – wunderbare Zusammenstellung – blieb sie achtungswerth.

Um diese Zeit wurden einige neue Tänze in England eingeführt, die bei einigen großen Damen, die noch jung genug waren, sie zu tanzen, in große Gunst geriethen. Sie kamen häufig des Morgens zu einander, um die Pas einzuüben. Zu ihnen gehörte auch Lady Erpingham, und ihr Haus wurde der Haupt-Vereinigungspunkt.

Was für merkwürdige Anekdoten fallen in jene Zeit! Lord Byron bewarb sich damals um Lady ***, welche zu der Coterie gehörte, und erschien zuweilen bei diesen Proben, um sie zu sehen. Eines Tage sagte er ihr:

– Mein Gott, wie können Sie an diesem armseligen Vergnügen Geschmack finden?

– O, warum lernen Sie nicht lieber selbst tanzen, und beschämen dadurch die Leute, die sich einbilden, Sie könnten nie heiter seyn?

– Ich tanzen! sagte er, vor unterdrückter Wuth erbleichend, und einen Blick auf seinen unglücklichen Fuß werfend, ich tanzen! Ich, den Gott mit einer Mißgestalt verflucht hat, ich!

Die arme Lady war von dieser Stunde an von dem Umgang mit ihm zurückgeschreckt.

Der junge Markis von Dartington gehörte auch zu den engeren Ausschusse. Berühmt durch sein großes Vermögen, seine persönliche Schönheit und seine Eroberungen hatte er sich vorgenommen, sich in Lady Erpingham zu verlieben. Er widmete sich ihr ausschließlich, schloß sich ihr Morgens bei ihren Spazierritten, Abends bei ihren gesellschaftlichen Lustbarkeiten an. Er hatte sich in sie verliebt? O ja. Liebte er sie? Nicht im Geringsten. Aber er hatte unendlich viele Mußestunden. Was sollte er anders anfangen?

Der humoristische, scharfsinnige Verfasser der »Reden und Thaten« hat den Handschuh für die Moral unserer Aristokratie aufgehoben. Aber mein guter Herr Hook, sie liegt ganz außer der Möglichkeit. Eine Aristokratie muß, um Punkte der Geschlechtsverhältnisse, immer unmoralisch seyn, weil sie immer müßig seyn muß. Nur wenn die Leute nicht beschäftigt sind, laufen sie der Frau ihres Nächsten nach!

Konstanze erkannte bei Zeiten die Aufmerksamkeiten und die Absichten des Lord Dartington. Es hat seine eigene Schwierigkeit, in der großen Gesellschaft ein solches Entgegenkommen abzuwehren – man wird durch Sprödigkeit so leicht lächerlich. Aber Konstanze entfernte Lord Dartington mit großer Geschicklichkeit. Und zwar so.

Eines der Zimmer in Erpingham Haus stieß an ein Gewächshaus. In diesem letzteren saß Konstanze eines Morgens, als Lord Dartington, der mit Erpingham in das Haus gekommen war, zu ihr eintrat. Er war der Mann nicht, der je sentimental werden konnte: es war mehr ein lustiger Liebhaber, mehr der Don Gaolor, als der Amadis, aber bei Konstanze war er trotzdem etwas schüchtern. Doch verließ er sich auf seine schönen Augen und seine blühende Farbe, faßte auf einmal wieder Muth, pflückte eine Blume von derselben Pflanze ab, welche Konstanze eben festband, und sagte:

– Ich glaube, es ist irgendwo Sitte, seine Liebe durch Blumen auszudrücken. Darf ich, theure Lady Erpingham, dieser Blume ein Gefühl anvertrauen, das ich fast nicht auszusprechen wage?

Konstanze erröthete nicht, und gerieth nicht in Verwirrung, obgleich Lord Dartington beides hoffte und erwartet hatte. Wer von Godolphin geliebt worden war, konnte durch eine Galanterie des Lord Dartington in kein große Bewegung gerathen: sie sah ihm ernst in das Gesicht, und antwortete ihm erst nach einer Weile, mit einem Lächeln, das den Liebhaber, mehr als die finsterste Strenge, beschämte:

– Mein lieber Lord Dartington, wir müssen uns einander nicht verkennen. Ich lebe in der Welt wie andere Frauen, aber ich gleiche ihnen doch nicht ganz. Wenn Ihnen an meiner Freundschaft gelegen ist, so lassen Sie mich, wenn wir allein sind, kein galantes Wort mehr hören. In einem vollen Saale mögen Sie mir so viel Komplimente machen, wie Sie wollen. Es wird meiner Eitelkeit schmeicheln, wenn ich Sie in meinem Gefolge habe. Aber jetzt thun Sie mir den Gefallen, und nehmen Sie diese Scheere, und schneiden Sie die verwelkten Blumen von dieser Staude ab.

Lord Dartingham schnitt, um mich eines gewöhnlichen Ausdrucks zu bedienen, ein verlegenes Gesicht. Auch war etwas Ärger dabei. Bei ihrer weitsehenden und besonnenen Politik war es aber Konstanzens Wunsch, wenn auch die Liebe, doch durchaus nicht die Verehrung irgend eines Mitgliedes von der Partei ihres Mannes abzukühlen. Mit einem gütigen – aber einem so hohen, königlichen Blicke, der so frei von der kleinlichen, kokettierenden Herablassung gewöhnlicher Frauen war, daß der aufgeweckte Lord sich von der Stunde an wunderte, wie er es nur je sich konnte einfallen lassen, Konstanze, wie andere Damen von Rang, das heißt von Genußsucht, zu behandeln – reichte sie ihm ihre Hand.

– Wir bleiben doch Freunde, Lord Dartington? Jetzt, da wir uns kennen, müssen wir es für immer bleiben.

Lord Dartingham beugte sich verwirrt über die Hand, welche er berührte; Konstanze ging in das Zimmer, ließ Lord Erpingham wegen Geschäften rufen, und Dartington empfahl sich.

Der nächste Tag war bemerkenswerth wegen des Entstehens eines sonderbaren Instituts.

Auf Veranlassung der Tänze, von denen oben die Rede war, regte Lady *** die Idee an, einen gewissen Klub wieder ins Leben zu rufen, und wöchentliche Bälle zu geben, die unter dem Patronat gewisser Personen stehen sollten, welche das Recht haben müßten, die Gäste einzuladen.

– Wir wollen den Preis für den Zutritt gering ansetzen, rief Lady ***, und die Roturiers ausschließen. Es soll keine Schaustellung von Reichthum, kein Abendessen dabei seyn. Es wird seinen Zweck erfüllen, wenn diese Unterhaltungen sich vollkommen von denen der reichen Bankiers unterscheiden, und die reichen Bankiers nicht affektiren können, mit uns wetteifern zu wollen.

– Zur selben Zeit, sagte Konstanze, wollen wir eine Rangordnung festsetzen, die von dem Titularrang unabhängig ist. Wir wollen uns nicht durch eine Frau Herzogin Gesetze diktiren lassen, und den Großen, wie den Reichen den Zutritt verweigern.

– In Kurzem, rief die Gräfin ***, welche eine erstaunliche Masse unversorgter Schottischer Cousins und keinen Einfluß bei der Regierung hatte, in Kurzem werden wir im Stande seyn, nur denen, welche wir zulassen, den Modeton zuzuerkennen, und in Kurzem werden wir – unsere Verwandten und Freunde – allein den Modeton bilden.

– Wir werden, sagte Konstanze, eine stille, aber vollständige Revolution in unserer großen Welt hervorbringen.

Und dies war der Ursprung der Almacks.

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