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Godolphin oder der Schwur

Edward Bulwer-Lytton: Godolphin oder der Schwur - Kapitel 25
Quellenangabe
typefiction
booktitleGodolphin oder der Schwur
authorEdward Bulwer-Lytton
year1834
publisherVerlag Jakob Anton Mayer
translatorLouis Lax
addressAachen und Leipzig
titleGodolphin oder der Schwur
submitted20050620
senderniki_nikotini@hotmail.com
created20051104
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Zwei und Zwanzigstes Kapitel.

Die Braut allein. – Politische und Ehestands-Gespräche. – Konstanzens Genie für Diplomatie. – Der Karakter ihrer Gesellschaften. – Ihr Sieg über Lady Delville.

– Bringe mir das Buch, rücke den Tisch näher und verlaß mich.

Die Dienerin gehorchte und die junge Gräfin Erpingham war allein. Allein! Welch ein Wort für eine junge, schöne Frau in den ersten Monaten ihrer Ehe. Allein, und in dem Herzen jener mächtigen Stadt, in welcher Rang und Reichthum – und beides besaß sie – die Götzen sind, die alles verehrt, um die sich alles drängt.

Es war ein phantastisches und glänzend dekorirtes Zimmer; doch bestand der Hauptluxus in Blumen und Wohlgerüchen. Aus den offenen Fenstern sah man die Bäume des alten Mall in ihrem reichen Junigrün. Und jener, für London klassische Spaziergang war zu der Stunde, von er ich spreche, voll heitern Lebens, und es lag etwas Frisches, Freudiges in der Luft, der Sonne, und dem Gedränge der Reiter und Fußgänger, welche unten vorüberzogen.

Wo ist die Herrlichkeit Deiner Stirn, Konstanze? Wo die stolze Freudigkeit Deiner Augen? Ach, gleichen nicht die Segnungen der Welt den Freikugeln? Die, welche unser Herz durchbohrt, folgt schnell der Gabe, welche unser Herz sich wünschte.

Lord Erpingham trat in das Zimmer. Nun, Konstanze, sagte er, willst Du heut ausreiten?

– Ich glaube nicht.

– Dann wünschte ich, Du besuchtest Lady Delville. Du weißt, Delville gehört zu meiner Partei; wir sitzen neben einander. Du solltest sehr artig gegen sie seyn, aber ich glaube nicht, daß Du es gestern Abend warest.

– Du wünschest, daß Lady Delville Deine politischen Interessen unterstütze, und glaubst, wenn ich nicht irre, sie sey bis jetzt nur lau gewesen.

– Ganz recht.

– Gut, mein Lieber, so bitte ich um unbedingtes Vertrauen. Ich verspreche Dir, wenn Du mich allein gewähren lassen willst, daß Lady Delville, ehe die Saison halb vorüber ist, die eifrigste Anhängerin Deiner Partei seyn soll; nur gehören andere Mittel dazu, als Du vorschlägst.

– Aber ich schlage ja gar keine vor.

– Doch – Zuvorkommenheit, eine armselige Politik.

– Zum Henker, Konstanze, Du willst Doch nicht eine so wichtige Person, wie Lady Delville, durch ein böses Gesicht uns zu lieben zwingen.

– Überlaß das nur mir.

– Thorheit.

– Versuche es nur, mein Lieber. Ich verlange bloß drei Monate. Ich weiß, Du wirst mir später für immer die Leitung der Politik überlassen. Ich bin eine geborne Intrigantin. Bin ich nicht John Vernon's Tochter?

– Gut, gut, wie Du willst. Aber ich sehe das Ende kommen. Und heute, willst Du nicht heute Lady Delville besuchen?

– Wenn Du es wünschst, gewiß.

– Gut.

Lady Delville war eine hohe, stolze Dame, die nicht sehr geliebt, und nicht so oft von ihres Gleichen eingeladen wurde, als wenn sie freundlich und flatterhaft gewesen wäre.

Konstanze wußte, mit wem sie zu thun hatte. Sie fuhr hin. Lady Delville war zu Hause: die artige, beliebte Mistreß Trevor war bei ihr.

Lady Delville empfing sie kalt. – Konstanze war der Stolz selbst.

– Sie gehen heute Abend zur Herzogin von Daubigny? sagte Lady Delville im Verlauf ihrer fragmentarischen Unterhaltung.

– Nein. Ich liebe angenehme Gesellschaften. Ich habe mir vorgenommen, einen Zirkel zu bilden, zu dem keine einzige unangenehme Person Zutritt erhalten soll. Wollen Sie mir darin beistehen, meine liebe Mistreß Trevor? – Konstanze wendete sich dabei mit ihrem sanftesten Lächeln zu dieser Dame.

Mistreß Trevor fühlte sich geschmeichelt. Lady Delville warf sich in die Brust.

– Es ist nur eine kleine Gesellschaft bei der Herzogin, sagte die letztere, und nur dem Herzog und der Herzogin von C..... zu Ehren.

– O, es sind nur wenig Menschen im Stande, eine anständige Partie für Mitglieder der königlichen Familie zu veranstalten.

– Gewiß aber niemand mehr, als die Herzogin von Daubigny; ihr großes Haus, ihr hoher Rang –

– Das sind nur ärmliche Zuthaten bei der Bildung einer angenehmen Gesellschaft, sagte Konstanze kalt. Der Fehler gemeiner Seelen ist, daß sie in Titeln allein den Rang suchen. Königliche Hoheiten wollen lieber, als andere, unterhalten seyn, und an Unterhaltung für sie denkt man im Allgemeinen am Wenigsten.

Das Gespräch wendete sich auf andere Punkte. Konstanze erhob sich, sie drückte Mistreß Trevor, die sie nur einmal gesehen hatte, warm die Hand.

– Morgen, sagte sie, sehen wir einige wenige Personen bei uns; setzen Sie einmal alle Förmlichkeit bei Seite und kommen Sie zu uns. Ich verspreche Ihnen, daß nicht ein einziger langweiliger Mensch zugegen seyn, und daß die Herzogin von Daubigny, wenn sie eingeladen seyn will, eine abschlägige Antwort erhalten soll.

Mistreß Trevor nahm die Einladung an.

Lady Delville war wüthend. Nie hat sich eine weibliche Zunge besser ausgelassen, als die ihrige auf Kosten dieser unverschämten Lady Erpingham. Und doch war Lady Delville innerlich verdrießlich; zum erstenmal in ihrem Leben war sie verletzt, daß man sie nicht zu einer Partie eingeladen hatte, und eben weil sie sich verletzt fühlte, sehnte sie sich um so mehr, hinzugehen.

Der nächste Abend kam. Erpingham's Haus war nicht groß, aber es war gerade geeignet für die Gesellschaft, die dessen schöne Besitzerin gebeten hatte. Statuen, Büsten, Gemälde, Bücher, die theils zerstreut, theils geordnet in den Zimmern umherstanden, gaben Stoff zu einer geistreichen Unterhaltung, oder gaben der Versammlung doch wenigstens einen geistreichen Anstrich.

Es waren ungefähr hundert Personen zugegen. Sie waren aus den ausgezeichnetesten Zierden der Zeit zusammengelesen: Musiker, Maler, Schriftsteller, Redner, Herzöge, Prinzen, Schönheiten. Nur eins war unerläßlich, wenn man Zulaß haben wollte – man mußte sich zu freisinnigen Meinungen bekennen. Kein Tory, und war er noch so reich, noch so beredt oder schön, fand Eingang zu diesen Gemächern.

Konstanze hatte nie so liebenswürdig geschienen, war nie so einnehmend gewesen. Die Kälte und Anmaßung ihres Wesens war gänzlich verwischt. Sie sprach mit jedem, und gegen jeden war ihre Stimme, ihr Benehmen freundlich, herzlich, vertraulich, aber vertraulich mit einer sanften Würde, welche den Zauber noch erhöhte. Voll Ehrgeiz, nicht bloß zu gefallen, sondern zu bezaubern, hauchte sie alle Grazie der Bildung ihres Geistes in ihre Unterhaltung. Am meisten wurde sie von denen bewundert, die selbst die höchste Vollendung besaßen. Bald sprach sie mit fremden Adligen über jene glänzenden Frivolitäten, in denen oft so viel Geistesschärfe, Weisheit und Karakterforschung liegt; bald ließ sie sich mit glühenden Wangen und feurigen Augen mit Dichtern und Kritikern in Erörterungen über Literatur und Künste ein, bald diskutirte sie in einem entfernten, ruhigen Winkel ernsthaft mit grauen Politikern über Angelegenheiten, in denen selbst sie ihr große Fassungsgabe und Scharfblick zuerkannten, und da sie mit jeder Grazie und jedem Talent eine so seltene Schönheit verband, so läßt sich der Eindruck begreifen, den sie hervorbrachte, und die plötzliche und neue Gährung, die eine so strahlende Armida in der Schaalheit der Gesellschaft verursachen mußte.

Die ganze darauf folgende Woche wurde von nichts, als von der Gesellschaft in Erpingham Haus gesprochen. Jeder, der dort gewesen war, hatte die Person von Ruf gefunden, die er am liebsten getroffen hätte. Die Schöne hatte mit dem Dichter gesprochen, und dieser sie bezaubert; der junge Anfänger in einer Wissenschaft hatte dem großen Professor ihrer erhabensten Mysterien seine Huldigung darbringen können; der Staatsmann hatte sich bei dem Schriftsteller bedankt, der seine Maßregeln vertheidigte; der Autor war entzückt von den Schmeicheleien des Staatsmannes. Jeder gestand, daß, obgleich die höchsten Personen des Königreichs zugegen waren, der Klang doch den geringsten Reiz ausgemacht hätte, und die, welche früher Konstanzen zurückstoßend gefunden hatten, waren außer sich vor Entzücken über die Liebenswürdigkeit ihres Benehmens. Jeder, der zu der Coterie zugelassen worden war, that sich überdies etwas auf die Schwierigkeit des Zulasses zu gute, so daß die ganze Welt sich um den Zutritt zu Erpingham Haus riß, zum Theil weil er Unterhaltung verschaffte, hauptsächlich aber, weil er schwer zu erhalten war.

So kam es, daß es bald eine Empfehlung für jemand war, wenn man von ihm sagte: er kömmt zu Lady Erpingham. Die, welche etwas von ihrem Geiste hielten, setzten Himmel und Erde in Bewegung, um mit der schönen Gräfin in ein gutes Vernehmen zu kommen. Lady Delville wurde nicht eingeladen. Lady Delville war außer sich; sie affektirte Verachtung, aber es glaubte es ihr niemand. Lord Erpingham machte Konstanzen Vorwürfe darüber.

– Du siehst, daß ich Recht hatte. Du hast Lady Delville beleidigt. Sie ist schuld, daß auch Lord Delville jetzt kalt gegen mich geworden ist; und in einigen Wochen wird er ein Tory seyn. Denken Sie daran, Lady Erpingham.

– Nur noch einen Monat, antwortete Konstanze lächelnd, und Du wirst sehen.

Eines Abends trafen sich Lady Delville und Lady Erpingham in einer großen Gesellschaft. Die Letztere setzte sich neben ihre stolze Feindin und knüpfte, als ob sie ihre Kälte nicht bemerkte, ein Gespräch mit ihr an. Sie sprach von Büchern, Gemälden, Musik; sie war voll Witz und Leben. Lady Delville wurde wider Willen hingerissen und ließ ihre Zurückhaltung etwas fahren.

– Meine liebe Lady Delville, sagte Konstanze, plötzlich sich mit dem Scheine freudigen Erstaunens zur Whig-Gräfin wendend, können Sie mir auch vergeben? Ich habe es mir nie gedacht, daß Sie so bezaubernd seyn können. Ich verhehle nie meine Gefühle, und gestehe Ihnen mit Schaam und Bedauern, daß ich bis diesen Augenblick Ihnen, nicht was Ihre Person, sondern was Ihren Geist betrifft, immer diese Ansprüche auf Bewunderung abgestritten habe, welche man, mir gegenüber, Ihnen unaufhörlich zollte.

Lady Delville erröthete.

– Ich bitte Sie, fuhr Konstanze fort, erlauben Sie mir, Ihre nähere Bekanntschaft zu machen. Wollen Sie am Donnerstag mit uns speisen? Wir werden, mit Ihnen, nur neun Personen haben, aber es sind die neun Personen, die ich am meisten schätze und bewundere.

Lady Delville nahm die Einladung an. Von dieser Stunde an war Lady Delville – die Anfangs aus der Tiefe ihres Herzens über Konstanze Vernon's Erhebung zu Rang und Reichthum gegrollt hatte; die, hätte sich Konstanze früher um sie bemüht, immer etwas an ihr gefunden hätte, wogegen sie hätte Geringschätzung affektiren können – von dieser Stunde an war Lady Delville die eifrigste Vertheidigerin und, bald darauf, die aufrichtigste Anhängerin der jungen Gräfin.

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