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Godolphin oder der Schwur

Edward Bulwer-Lytton: Godolphin oder der Schwur - Kapitel 23
Quellenangabe
typefiction
booktitleGodolphin oder der Schwur
authorEdward Bulwer-Lytton
year1834
publisherVerlag Jakob Anton Mayer
translatorLouis Lax
addressAachen und Leipzig
titleGodolphin oder der Schwur
submitted20050620
senderniki_nikotini@hotmail.com
created20051104
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Zwanzigstes Kapitel.

Fanny Millinger erscheint wieder. – Liebe. – Weiber. – Bücher. – Hundert Gegenstände oberflächlich berührt. – Godolphin's Gemüthszustand genauer untersucht. – Das Diner bei Saville.

Godolphin machte sich auf den Weg, Fanny Millinger zu besuchen. Sie war noch immer unverheirathet und in Mode. Es lag eine Art Allegorie des wirklichen Lebens – in der Art, wie sie Göthe ansprechen würde – in der Weise, wie unser Idealist zu gewissen Perioden mit der schönen Darstellerin idealer Schöpfungen in Berührung kam. Es lag einige Moral in der Bahn, in welcher diese beiden Lebensströme – deren einer der Wirklichkeit, der andere der Phantasie angehörte – dahin flatterten und sich zu gewissen Zeiten durchkreuzten. Welcher war der sinnigste – der der Schaubühne, oder der der Weltbühne?

Die muntere Fanny freute sich, ihren früheren Liebhaber wiederzusehen. Sie schwatzte in Einem fort von tausend Sachen, ohne die Geistesabwesenheit und den träumenden Blick Godolphin's zu bemerken, bis er selbst sie etwas brüsk unterbrach:

– Schon gut, Fanny, schon gut, aber was wissen Sie von Saville? Sie stehen in genauer Verbindung mit ihm, wie? Wir werden uns diesen Abend in seinem Hause treffen.

– Oh, das ist in seiner bescheidenen Art ein ganz lieber Mann, und der Einzige, der ein Freund seyn will, ohne von Liebe zu träumen, und das mag ich leiden. Wir armen Schauspielerinnen finden auf unserer Laufbahn so viel, was sich für Liebe ausgibt, daß ein wenig Freundschaft dann und wann etwas Neues ist, das andere, ehrbare Leute gar nicht so würdigen können. Als ich neulich den Gil Blas las – Sie wissen, ich lese nicht viel – frappirte mich eine Stelle, in welcher der liebe Santilaner uns versichert, daß zwischen ihm und der Schauspielerin Laurea eigentlich nie Liebe geherrscht habe. Ich fand dies so naturgemäß, so wahrscheinlich, daß sie eine enge Verbindung mit einander geschlossen, in demselben Hause mit einander gelebt, jede Gelegenheit zur Liebe gehabt, und doch sich nicht geliebt hätten. Denn eben, weil sie eine Schauspielerin und ein leichtes, flüchtiges Geschöpf war, kam es so: die große Zahl der Liebhaber hinderte sie, sich zu verlieben: die Unbedachtsamkeit ihres Lebens machte dem armen Mädchen einen Freund so werthvoll. Es hätte dem Freunde geschadet, wenn er ein Anderer gewesen wäre: es hätte den seltenen in einen Alltagskarakter verwandelt. Derselbe Fall ist es mit mir und Saville: ich liebe seinen Witz, er liebt meine frohe Laune. Wir sehen uns so oft, als ob wir verliebt wären, und doch halte ich es nicht einmal für möglich, daß er mir die Hand küssen könnte. Überhaupt, fuhr Fanny lachend fort, ist Liebe für uns Frauen gar nicht so nothwendig, wie man glaubt. Gute Schriftsteller sagen: »Oh, Männer haben an tausend Sachen zu denken, Frauen nur an Eine.« Das ist Unsinn, lieber Percy, auch die Frauen haben ihre tausend Dinge. Sie haben nicht das Tribunal, aber den Putzladen; sie können nicht fechten, aber sie können am Fenster sitzen und einen Arbeitsbeutel flicken; sie stürzen sich nicht in die Politik, aber sie versenken ihre Seele in Liebe zu einem Papagei oder einem Schoßhunde. Die Männer sollen sich nichts zu Gute thun: die Vorsehung war in dieser Beziehung so gütig gegen das eine Geschlecht, wie gegen das andere; unsere Beschäftigungen sind klein, Ihre groß: aber ein kleiner Gegenstand kann den Geist eben so beschäftigen, wie der erhabenste.

– Die unsrigen groß? sagte Godolphin, der von Fanny's Bemerkung etwas betroffen schien, pah! Wo ist das Große in allen den Bestrebungen, welche die Männer gern erheben möchten? Ist Selbstsucht groß? Sind die gemeinen Kniffe, die systematischen Lügen des Gerichtswesens ein großer Beruf? Ist die mechanische Sklaverei des Soldaten, der aus einer thörichten, blinden Eitelkeit ficht, die er Ruhm nennt und nicht zergliedern kann, ist das ein großer Stand? Und das Parlament! Hören Sie das Geschrei, welches weise Männer gegen die schmähliche Bestechlichkeit in diesem Kampfplatze erheben. Bemerken Sie die langweiligen Reden, die hohlen Prahlereien, den ärmlichen, schaalen Lohn, und sagen Sie mir, wo der Nutzen ist. Nein, Fanny, das Sticken eines Beutels, das Häkeln eines Papageis verschaffen, moralisch genommen, eben so hohe Beschäftigungen, als das Gericht, die Armee, der Senat. Nur der Kleinliche spricht von Kleinlichkeiten: es gibt nichts Kleinliches, alle irdischen Beschäftigungen sind sich gleich – sie sind gleich wichtig, wenn sie gleich sehr beschäftigen, denn dem Weisen ist alles verächtlich und werthlos.

– Ich glaube, Sie haben Unrecht, sagte die Schauspielerin, ihre artigen Finger gegen die Stirn drückend, um ihn besser zu verstehen, aber ich kann nicht sagen, warum, und ich disputire nie. Ich treibe mich meinen Weg fort, und werfe meine bunten Brocken umher, ohne sie zu vertheidigen, wenn jemand Streit mit ihnen anbinden wollte. Was ich thue, lasse ich Andere thun. Meine Maxime im Reden ist auch meine Maxime im Leben. Ich verlange Freiheit für mich, und lasse Andere gewähren.

– Ich sehe, daß Sie viele Bücher um sich stehen haben, obgleich Sie sich gegen das Lesen verwahrt haben. Lernen Sie Philosophie aus ihnen? Denn es scheint mir, daß Sie seit unserer Trennung einen Hang zum Nachdenken angenommen haben, den ich in Ihrem ehemaligen Karakter ganz vermißt habe.

– Nun, wenn ich nicht lese, so schöpfe ich mir doch manches ab. Zuweilen verarbeite ich zwölf Romane an einem Morgen. Ich gestehe, diese Werke täuschen allesamt meine Erwartung. Ich verlange mehr wahre Weltkenntnis, als sie darlegen. Sie erzählen uns, wie Lord Arthur aussieht, oder wie Lady Lucy gekleidet war, und schildern die Farbe jener Vorhänge und dieser Augen und so weiter, und die bessere Klasse sagt uns vielleicht noch dazu, was die Heldin fühlte, und versucht, mit aller Gewalt irgend eine Saite des inneren Baues anzuschlagen: aber doch werde ich nicht belehrt – nicht gerührt. Ich erkenne Puppen mit Feiertags-Phrasen, und ich will Ihnen sagen, was Schuld daran ist: die Schriftsteller sind nicht phantasiereich genug, um die Wahrheiten der Gesellschaft schildern zu können. Alte Herren sagen zwar, Romane seyen schlechte Wegweiser für das Leben, weil sie es zu ideal hielten, aber es ist gerade umgekehrt: sie sind zu gemein, zu oberflächlich. Schon ihr Geschwätz über Liebe und das Wesen, das sie davon machen, zeigt, wie leicht bei ihnen der romantische Sinn ist, denn sie sagen nichts Neues darüber, und ächte Phantasie spricht immer neue Gedanken. Habe ich nicht Recht, Percy? Nein, das Leben – so materiell es auch seyn mag – hat doch immer etwas Romantisches an sich. Jeder von uns, selbst ich Arme, besitzt eine Mine von Gedanken, Phantasien und Wünschen, welche die matten, abgedroschenen Bücher nicht erreichen können. Das Herz ist selbst ein Roman.

– Ein philosophischer Roman, meine Fanny, voll von Geheimnissen, und Einfällen und Feinheiten, welche sich durch seine tieferen Stellen winden. Aber wie sind Sie so weise geworden?

– Schönen Dank! antwortete Fanny mit einem tiefen Knixe. Die Sache ist, daß ich – obgleich Sie es pflichtschuldigst nicht bemerken – älter geworden bin. Wo ich damals fühlte, überlege ich jetzt. Überdies füllt die Bühne uns den Kopf mit einem Schimmer von Weisheit, und gibt uns jene sonderbare Mischung von praktischer Erfahrung und romantischen Begriffen, welche in der That das wahre Bild von neun Menschenherzen unter zehn ist. Da wir eben von Büchern und meinem lieben Gil Blas sprachen, so wünschte ich, ich hätte jemand, der mir einen Roman schriebe, der einen metaphysischen Gil Blas darstellte, der sich mehr mit dem Geiste und nicht, wie Le Sage's Buch, so viel mit Handlungen abgäbe, der seinen Helden als ein Geschöpf der Welt hinstellte, aber doch als eine andere, wenn auch eben so wahre Schöpfung, der uns in dem Karakter eines Mannes ein treues Bild von dem Wesen und den Wirkungen unseres gesellschaftlichen Systems lieferte, und also diesen Mann aus einem bessern Stoffe, als jene unterhaltende Lackeiennatur war, und als Produkt eines kunstvolleren Ranges in der Gesellschaft zusammensetze. Das Buch, welches ich meine, würde trüber, als das Le Sage's, aber eben so getreu nach dem Leben seyn.

– Und es würde romantischer werden, wenn ich Sie recht verstanden habe.

– Gewiß, sowohl in der Romantik der Ideen, als der Begebnisse. Wie wenige, nebenbei gesagt, wissen eigentlich, was natürliche Romantik ist, denn wenn man fühlt, daß die Ideen in einem Buche oder einem Drama treu dem Karakter entsprechen, dem sie zugeschrieben werden, warum sich darum kümmern, ob die Begebenheiten wahrscheinlich sind? Die gewöhnlichen Leser kümmern sich aber nur um die Handlungen, als ob sie in drei Vierteln der Shakespeare'schen Stücke nur irgend möglich wären. Aber die Leute haben so wenig Natur in sich, daß sie nicht wissen, was natürlich ist.

So fuhr Fanny in einer nicht sehr zusammenhängenden Weise fort, Bemerkungen aneinanderreihend, welche, wenn ich nicht irre, zeigen, daß ein ungebildetes, verständiges Mädchen, in dessen Natur eine schnelle Kunstanschauunug liegt, besser den Kritiker spielen kann, als die Pedanten, welche ein Gewerbe daraus machen.

Godolphin konnte jedoch nur auf Augenblicke vergessen, welche schwere Last auf seinem Herzen lag. Umsonst suchte er Unterhaltung, während er noch an seiner frischen Wunde blutete. Seine Natur war erschüttert worden: er hatte gegen seinen Willen geliebt, und wie wir gesehen haben, bei seiner Rückkehr nach der Priorei, sogar den Entschluß gefaßt, sich von einer so unvortheilhaften und unklugen Leidenschaft zu heilen. Aber die Eifersucht einer Nacht hatte die Klugheit, welche nie recht zu einem glühenden, hochherzigen Wesen paßt, in den Wind geweht. Die Eifersucht wurde beschwichtigt, gedämpft, aber wie schrecklich, wie betäubend war der Schlag, welcher darauf folgte! Konstanze hatte ihm ihre Liebe gestanden, und ihn doch und für immer abgewiesen! So edel und klar ihr auch ihre Beweggründe zu dieser Zurückweisung scheinen mochten, ihm mußten sie in einem andern Lichte erscheinen. Außer Stande, die Wirkung zu fassen, welche ihres Vaters Sterbeworte und ihr eigener Schwur auf den Geist Konstanzens hervorgebracht hatten, unfähig, es ganz zu erkennen, wie unauflöslich sich diese Erinnerung mit allen ihren Plänen und Aussichten in die Zukunft verschmolzen hatte, wie wunderbar und doch wie natürlich sie weltlichen Ehrgeiz in eine heilige Pflicht verwandelt hatte, außer Stande, sage ich, alle diese verschiedenen, mächtigen, gebieterischen Beweggründe zu begreifen, sah Godolphin in ihrer Weigerung nur den Widerwillen, sein ärmliches Loos zu theilen, und die Sehnsucht nach einer höhern Stellung. Er glaubte daher, daß Gram ein seiner unwerther Tribut sey, und er hielt es seiner Würde gemäß, zu vergessen zu suchen. Jenes wohlthuende, fromme Gefühl, welches bei manchen Herzensverlusten die Erinnerung zur Pflicht macht, und aus dem Schmerz eine sanfte, stillende Lehre zieht, mangelte der gerissenen, gequetschten Brust Godolphin's. Er strebte nur, seinen Kummer zu zerstreuen, und verstieß das Zauberbild des ersten, einzigen Waldes, das er heiß geliebt hatte, aus seinem Geiste.

Godolphin fühlte außerdem, daß der einzige Trieb, welcher die erlöschende Energie und Unternehmungslust seiner Jugend an den Ehrgeiz des Lebens hätte knüpfen können, für immer vernichtet sey. An Konstanze, an die stolzen Gedanken, welche sie erweckte, band sich das Streben nach irdischer Ehre, und mit ihr war es zerrissen. Er fühlte wie seine alte Philosophie – die Liebe zur Ruhe und Verachtung des Ruhmes – sich wie ein tiefes Wasser über den glänzenden Schaaren, bei deren Hervortauchen es sich einen Augenblick aufgethan hatte, wieder schloß, und die prunkenden, schimmernden Gebilde auf ewig unter den Wellen begrub. Seiner Talente bewußt, ja durch das unruhige Drängen eines nicht ungewöhnlichen Genies hin und her getrieben, sah Godolphin doch voraus, daß er nun nicht mehr bestimmt sey, eine glänzende Rolle in dem Drama des Lebens zu spielen. Seine Laufbahn war beendet: er konnte noch zufrieden werden – glücklich; aber groß nicht. Er hatte genug von den Autoren und den Dornen gesehen, welche den Pfad der Literatur einschließen, um sich keiner jener Täuschungen hinzugeben, welche das verblendete Streben nach der Wildnis der Schriftstellerei strafen – nach jenem Wege, Ruhm und Haß zu erwerben, zu welchem die, welche sich nicht für wichtigere, glänzendere Geschäfte geeignet fühlen, getrieben werden. Er schrieb wohl gern, und schmückte, da die fehlgeschlagenen Hoffnungen seine Neigung zum Träumen verstärkt hatten, seine Einsamkeit mit den goldenen Palästen und beflügelten Gestalten, welche in unserer Phantasie, der Seele Feenreich, aufblühen. Aber alle diese Gebilde entstanden nur, um die Stunde darauf wieder zerstört zu werden. Ein Glück wäre es für Godolphin, und vielleicht auch für die Welt gewesen, hätte er damals schon das wahre Motiv der menschlichen Handlungsweise erkannt, welches er später, aber zu spät entdeckte. Ein Glück für ihn wäre es gewesen, hätte er erkannt, daß es einen Ehrgeiz gibt, Guthes zu thun, einen Ehrgeiz, nicht bloß, sich zu erheben, sondern den Unglücklichen aufzurichten.

Ach, wie öde, wie unfruchtbar und zurückstoßend ist, in Literatur, wie in Politik, jede Straße, die aufwärts zu dem Blendwerke öffentlicher Erhebung führt, wenn man mit einer Seele aufblickt, welche die wahren Elemente des Weisen oder Edlen in sich schließt, wir müßten dann eine Triebfeder in uns haben, welche Kränkung nicht erschlafft, einen Lohn außer uns, welchen die eigene Niederlage nicht vernichtet.

Aber ohne einen wahrhaft weisen und guten Freund, von der Welt verdorben, durch fehlgeschlagene Hoffnung erbittert, hatten Godolphin's Talente selbst ihn träge gemacht, seine Weisheit ihn nutzlos seyn gelehrt. Wie die Spinne in einer Zelle, wo kein beflügeltes Insekt je hinkommt, ihr Gespinst webt und wiederwebt, so war auch der grübelnde Sinn des Idealisten verdammt, Netz auf Netz nach jenen Visionen des Schönen und Vollkommenen auszuspannen, welche nie in den dunklen Bereich der Sterblichkeit hinabsteigen können. Die gewöhnliche Krankheit des Genies ist das Schmachten nach einem Geiste, den die Welt nicht kennt. Ach, daß die Täuschungen der Außenwelt, welche die Krankheit heilen sollten, sie nur nähren!

Das Diner bei Saville war munter und belebt, wie es bei solchen Gästen zu erwarten war. Wenn nichts auf der Welt lästiger ist, als ein feierliches Banket, so ist auf der andern Seite nichts angenehmer, als jene ungezwungenen, gut eingerichteten Schmausereien, bei denen die Auswahl der Gäste der der Weine gleich kömmt, keine Zurückhaltung sichtbar wird, und wo man in der Absicht, einige Stunden zusammen zu seyn, geneigt ist, sich einander so gut zu unterhalten, als ob man sich nie wieder begegnen würde. Doch dreht sich die Unterhaltung in allen diesen nicht literarischen Gesellschaften mehr um Personen, als um Sachen, und unsere Witzlinge lernen ihre Kunst nur in der Lästerschule.

– Denken Sie sich, Fanny, sagte Saville, Clavers ist in seinen alten Tagen ein Stutzer geworden. Er fing als Jockei an, wurde dann ein Wahlagent, dann ein methodistischer Geistlicher, dann ein Häuser-Unternehmer, und hat sich nun in London hineingestürzt, läuft in die Klubs, trägt eine Perücke, studirt sich verliebte Blicke ein, treibt sich mit einem Rohre fuchtelnd im Opernhause umher, stößt in einem Alter von sechs und fünfzig Jahren junge Bursche in seine Seite, und sagt meckernd: »Wir jungen Leute!«

– Er miethet Pagen, sagte Fanny, die in dem Park zu ihm kommen, und ihm sauber gestaltete Billets bringen; er öffnet sie mit affektirter Nachlässigkeit, sieht den Überbringer starr an, und ruft laut: »Sagt euerer Gebieterin, ich könnte ihr nichts abschlagen,« und dann trabt er ab mit der Miene eines Menschen, den man auf den Tode verfolgt.

– Haben Sie gesehen, was sich Chester für einen ungeheuern Backenbart angeschafft hat?

– O ja, antwortete ein Herr de Lacy; A..... sagt, er hätte sie aufgezogen, um seinem häßlichen Gesicht etwas abzuziehen.

– Ha! ha! Da haben wir de Lacy. Er schämt sich so sehr, etwas Gescheites zu sagen, daß er alle seine Witze auf A..... schiebt. A..... ist unstreitig der albernste Tölpel von der Welt, und de Lacy hat sich gottloser Weise daran gegeben, ihn zum Witzbold zu stempeln. Der arme A..... kömmt nicht mehr aus der Verlegenheit heraus. Er kann seinen einfältigen Mund nicht mehr aufmachen, ohne daß alle Welt mit Essen einhält und ihn anstarrt, um das Bonmot noch frisch zu erhaschen.

– Der Mann seyn sehr dumm, sagte die Linettini artig, aber – sich zu Godolphin wendend – warum Sie nicht sprechen, Monsieur de Dauphin, Sie seyn sehr still.

– Ich bin leider so lange aus der Stadt gewesen, daß diese Tagesgeschichten mir ganz Russisch vorkommen.

– Aber, rief Saville, das sind auch die Französischen Memoiren für jeden, der sie zum erstenmal in die Hand nimmt, und doch unterhalten uns diese Memoiren genau so, als ob wir mit der beschriebenen Person gelebt hätten. Dasselbe muß von den Gesprächen über Personen gelten. Ich schmeichle mir, Fanny, daß Sie und ich einen Kavalier mit einem oder zwei Worten so gut treffen, daß niemand, der uns hört, mehr von ihm zu wissen braucht.

– Ich glaube Ihnen, sagte Godolphin, und das ist auch der Grund, warum Sie nie von sich selbst sprechen.

– Bah? Apropos von Egoisten, hast Du Georg Barabel in Rom gesehen?

– Ja, er schrieb an seinen Reisen. O, sagte er mir im Coliseum, mich beim Rockknopfe haltend, und was halten Sie für die höchste Gattung literarischer Werke? – Ein Epos, sagte ich, oder vielleicht eine Tragödie, oder eine große Geschichte, oder einen Roman wie Don Quixote.

– Nicht doch, antwortete Barabel mit einem wichtigen Blicke, es reicht nichts in der Literatur an ein gutes Reisebuch. Darauf ließ er seine Stimme sinken, und wisperte mir, einen Finger schlau an die Nase haltend, in's Ohr: Ich habe einen Quartband unter der Presse, Sir.

– Haha! lachte Stracey, der alte Witzling, sich die Zähne stochernd und zum erstenmal das Wort nehmend, wenn Sie Barabel sagen, Sie hätten eine schöne Frau gesehen, so antwortet er Ihnen mit einem geheimnisvollen Runzeln der Stirn: Schön, Sir? Hat sie gereist? Beantworten Sie das erst.

– Aber haben Sie Paulton's neue Equipage gesehen? Brauner Wagen, braune Livree, braunes Geschirr, und braune Pferde, und in der Kutsche sitzt er, und seine Frau vom Kopf bis zum Fuße braun gekleidet. Das Schönste dabei ist, daß Paulton, als er zu seinem Stellmacher gegangen war, um sich den Wagen zu bestellen, ihm gesagt hat: Herr Haulditch, ich werde zu alt, um noch länger exzentrisch zu seyn; ich muß etwas auffallend Einfaches haben. Und so läuft er jetzt in seinem braunen Anstrich durch die Stadt und ruft jedem zu: Glauben Sie mir, es geht nichts über die Einfachheit.

– Er hat seinen Kutscher fortgeschickt, weil er weiße Handschuhe statt brauner trug. Was denkt Ihr Euch denn, schrie er, bei Eurem verdammten gemeinen Prunke? Seht Ihr nicht, daß ich mich abquäle, einfach und gesetzt zu werden, und Ihr wollt mir alles verderben, und nicht braun genug seyn?

– Godolphin, flüsterte Fanny, Sie scheinen nachdenkend, und doch sind Sie ziemlich unterhaltend.

– Meine liebe Fanny, antwortete Godolphin, sich aufrichtend, das Gespräch ist munter, die Schauspieler können ihre Rollen, die Erleuchtung ist glänzend, aber das Stück hat keinen Reiz für mich. Nennen Sie es, wie Sie wollen, die Illusion fehlt mir. Ich sehe den Rahmen und die Malerei, aber – und doch, fort mit diesen Gedanken! Soll ich Ihnen Ihr Glas füllen, Fanny?

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