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Godolphin oder der Schwur

Edward Bulwer-Lytton: Godolphin oder der Schwur - Kapitel 22
Quellenangabe
typefiction
booktitleGodolphin oder der Schwur
authorEdward Bulwer-Lytton
year1834
publisherVerlag Jakob Anton Mayer
translatorLouis Lax
addressAachen und Leipzig
titleGodolphin oder der Schwur
submitted20050620
senderniki_nikotini@hotmail.com
created20051104
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Neunzehntes Kapitel.

Ein Fant und Wüstling aus der besten (schlechtesten) Schule. – Gespräch über tausend Gegenstände. – Die Verwandlung des sui profusus in den alieni appetens.

Zu der Zeit, von der ich jetzt rede, existirte ein gewisses Haus in Chesterfield-Street, Mayfair, an welchem wenige junge Männer, die nach dem Glanz der Gesellschaft verlangten, vorübergingen, ohne sich nach einer Bekanntschaft mit dessen Bewohner zu sehnen. An dieses kleine, düstere Haus, mit seinen dunkelgrünen Marquisen, und den immer verschlossenen Schlägen knüpfte sich ein Interesse, ein Geheimnis. Hieher begaben sich im Schatten der Nacht die Miethwagen, und aus diesen stiegen Damen aus, die scheinbar besorgt waren, verborgen zu bleiben, deren Ruf aber nicht mehr das Verlarven lohnte. Nur selten kam man in früher Morgenstunde von irgend einem frohen Gelage zurück, ohne hier drei oder vier Wagen halten zu sehen, oder in dem Hause das Getöse einer schwelgerischen Lustbarkeit zu hören. Das Haus war der Wohnsitz eines Mannes, der nie sich öffentlich ausgezeichnet hatte, und doch die größte Rollen in der »Gesellschaft« spielte; der in der Jugend der vollendetste Lovelace gewesen war, und im Alter die Grazie eines Grammont mit dessen verdorbenem Herzen und Mangel an Grundsätzen theilte. Gefürchtet, verachtet, geliebt, gehetzt, verlacht, geehrt, schien August Saville der wahre Genius, die wahre Versinnlichung eines verfeinerten, lasterhaften Lebens. Bisher haben wir nur von ihm gesprochen; jetzt wollen wir ihn schildern.

Aus einer edlen, aber verarmten Familie zu der zweideutigen, ärmlichen Stellung eines jüngern Sohnes bestimmt, hatte er sein Leben in ausgelassener, aber nie roher Ausschweifung verbracht. Ungleich andern Männern, welche Jugend, Geld, strotzende Kraft und aristokratischer Übermuth zu Thorheiten verleitet, welche den Geschmack sowohl, wie die Moralität des Weisen verletzen, hatte August Saville nie einen Fehler begangen, der nicht durch Anmuth geadelt, und durch eine tiefe, geschickte Diskretion gelindert worden wäre. Beschützer, systematischer Anhänger des Vergnügens – hatte er doch nie ein Weib um seinen Ruf oder seine Stellung gebracht. Nie hatten seine Intriguen zu einer Trennung, einer Scheidung, einem gemeinen Skandal oder einem Prozeß Anlaß gegeben, sey es nun, daß er die, welche er zur Schuld verführte, auch zu einer schützenden Vorstellungskunst anleitete; sey es, daß er seine Opfer mit einem so richtigen Blick in ihrem Karakter und in ihre Verhältnisse wählte, daß er überzeugt seyn konnte, das von ihm bewahrte Geheimnis werde auch von niemanden sonst aufgedeckt werden. Die ganze Welt erkannte August Saville die höchsten und ausgedehntesten Erfolge zu, niemand aber konnte genau angeben, wer unter den vielen, denen er den Hof machte, ihn zum Sieger gemacht hatte. Dieselbe ruhige, und doch siegreiche Diskretion umgab alles, was er that. Nie hatte er sich herabgelassen, durch Pferde und Wagen sich einen Ruf zu machen; in seiner Equipage verrieth nichts den Ehrgeiz, sich vor andern auszuzeichnen, noch weniger affektirte er jene widerwärtigste aller Prahlereien, jene verletzende Übertreibung der Sauberkeit, jene outrierte Einfachheit, welche unsere jungen Adeligen und aufstrebenden Bankiers so höchst lächerlich für guten Ton halten. Kein Geschirr mit sorgfältiger Vermeidung des Messings; keine Livree, die dem einförmigen Anzug eines Gentlemans gliche; keine Decken ohne das Wappen, dessen sich wahre Würde so wenig schämen soll, als sie darauf stolz zu seyn braucht – verkehrten den einfachen Geschmack in eine Schaustellung der Einfachheit. Er erschien selten auf Wettrennen und jagte nie, obgleich er in der Berechnung der ersteren ein vollendeter Meister, und, was das zweite betrifft, anerkannt einer der vollkommensten Reiter seiner Zeit war. Während er daher in seinem Anzug sorgfältig wählte, was ihn am besten kleidete, vermied er durch Unachtsamkeit gegen Kleinigkeiten den Anschein der Geckenhaftigkeit. Er setzte seinen Werth nicht in die Vortrefflichkeit seiner Stiefeln, und duldete ohne einen Seufzer eine Falte in seinem Rock, und doch gestanden die damaligen Stutzer, daß niemand in seinem Ensemble mehr wie ein Gentleman aussähe, als er, und während er durch ganz andere Mittel, als durch Kleider, zu fesseln suchte, wollte er doch selbst in seiner Kleidung nicht anstoßen. Obgleich er sorgfältig den Karakter eines Witzlings von Profession oder eines Schwätzers vermied, war er doch pikant, witzig und voll Leben in einer Gesellschaft der wenigen Personen, mit welchen er sich aufhielt oder genauer umging, und obgleich er alle Anerbieten, in das öffentliche Leben einzutreten, ausgeschlagen hatte, verstand er doch die ernstern Fragen, welche die Zeit bewegte, zur Genüge, um selbst die, welche am vertrautesten mit ihnen waren, von seiner Kenntnis derselben und seinen Talenten zu überzeugen.

Er war in Armuth geboren, und hatte doch beinah dreißig Jahre als ein reicher Mann gelebt. Worin bestand seine Kunst? Er lebte von Andern. Alle Gesellschaftsspiele spielte er mit vollendeter Meisterschaft, und auch bei denen, wo das Glück überwiegt, hat die kalte, systematische Berechnung immer einen Vortheil für sich. Man hatte ihn in der That im Verdacht unrechtlichen Spieles, aber diese Beschuldigung hatte nie den Eifer abgekühlt, mit welchem man ihn aufsuchte. Mit besserm Geschmack, und größerer Popularität und Achtung, als Brummel, S. Pelham von Bulwer. erlangte er eine gleiche, obwohl geheimere Gewalt. Alles war begierig, ihn kennen zu lernen; der junge Neuling fühlte, daß ohne seine Bekanntschaft ihm die Berechtigung zu einem Erfolge in der großen Welt fehle; durch seinen Umgang kam selbst die Gemeinheit zu Ehren. Es ist wahr, daß man ihm, so wie keines Weibes Schande, so auch keines Mannes Ruin vorwerfen konnte, wenn man etwa den zweifelhaften Fall mit dem unglücklichen Johnstone ausnimmt. Er gewann niemanden, war dieser auch noch so eifrig, mehr als einen gewissen Theil seines Vermögens ab, und überließ es seinen Satelliten, ihn ganz zu Grunde zu richten, ja selbst die, welche am meisten Grund hatten, sich über ihn zu beklagen, bemerkten seinen Antheil an ihrem Ruine nicht! Oft hörte man sagen: »Ach, Saville, ich wollte, ich wäre Ihrem Rath gefolgt, und hätte mich zurückgezogen, als ich noch mein halbes Vermögen hatte.« Sie dachten nicht daran, daß die andere Hälfte in Saville's Händen war, weil diese erste Hälfte sie nur angereizt, nicht zu Grunde gerichtet hatte.

Außer dieser, so ganz in den gesellschaftlichen Verhältnissen liegende Methode, Geld zu verdienen, hatte Saville seinen Scharfblick und kühlen Geist noch auf andere Spekulationen gerichtet. Ankauf wohlfeiler Pferde und Häuser, Vernutzung des Schwanken in den Fonds, Handel mit allen Arten von Eigenthum, außer vielleicht gestohlenen Gütern, hatten seine ganze Aufmerksamkeit erregt, und in den meisten Fällen waren dergleichen Spekulationen äußerst glücklich ausgeschlagen. Er war daher jetzt, unverheirathet und in mittleren Jahren, ein recht vermögender Mann, und hatte wirklich, ohne sich je karg gezeigt, ohne sich einen Luxus, einen Wunsch versagt zu haben, nichts in Alles, Armuth in Reichthum verwandelt.

Es war Mittag und Saville beendigte eben langsam sein Frühstück und unterhielt sich dabei mit einem jungen Manne, der ihm gegenüber nachlässig auf einem Sopha lag. Das Zimmer war in vollkommener Harmonie mit dem Eigenthümer; man sah nirgends Gold, noch Sammt, noch eingelegte Arbeit – was alles nicht zu dem geringen Umfang des Kabinets gepaßt haben würde. Aber die Meubel waren neu, ächt, kostbar und luxuriös, ohne die Prahlerei des Luxus. Einige wenige gute Bilder und verschiedene treffliche Büsten mit Bronzefiguren, auf marmornen Postamenten, gaben dem Zimmer etwas Klassisches, Reizendes. In dem hintern Ankleidezimmer, aus dem man Lord Chesterfields Gärten übersah, schloß sich an das Fenster ein kleines, mit weichen ausländischen Pflanzen gefülltes Gewächshaus, das allein von einem tadelsüchtigen Beobachter für etwas zu weiblich und ungebührlich üppig hätte gehalten werden können.

Er selbst war jetzt sieben und vierzig Jahre alt, schlank, mager, ohne abgezehrt zu seyn; die etwas gebogene, aber dabei anmuthige Haltung, ließ seinen Wuchs, der etwas über die gewöhnliche Höhe hinausging, geringer erscheinen. In seiner Jugend war er schön gewesen, doch lag jetzt in seiner Persönlichkeit keine Spur von Reiz mehr, außer dem eines ausnehmend sanften und einschmeichelnden Benehmens. Nur in seiner schmalen, aber hohen Stirn, seiner scharfen Adlernase, seinen grauen Augen und der leicht sarkastischen Krümmung der Lippen verrieth sich etwas von seinem wahren Karakter. Man las oder glaubte auf ihnen den sichern Takt, das Bewußtseyn, Andere bethören zu können, das schnelle, aber stille und geschmeidige Durchschauen Anderer zu lesen, was die Hauptzüge seines Geistes bildete. Und in der That ist von allen Eigenschaften Verstellung die, welche sich am häufigsten in der Physiognomie verräth. Es ist ein Glück, daß die lange Gewohnheit zu betrügen, zu Zeiten ein Zeichen hinterläßt, das selbst betrügt.

– Aber Du sagst mir nicht, mein lieber Godolphin, sagte Saville, indem er Brod in seine Schokolade tauchte, Du sagst mir nicht, wie es in Rom gegangen. Waren viele Leute von ächtem Kaliber da? Bursche, die Stich halten und doch Feuer haben? Männer, die uns an unsere Kraft erinnern und sie anregen – mit denen man nicht tändeln, oder müßig gehen kann – die unsere kalte Besinnung, klares Gedächtnis, durchtriebenen Geist in Anspruch nehmen – mit einem Wort, Männer meiner Kunst, der Kunst des Spielens: gab's davon dort?

– Nicht viel, aber genug für die Ehre; das Spielen um zu gewinnen, habe ich mir längst verschworen.

– Ach, ich dachte mir's immer, daß Dir die Ausdauer fehle, welche zur Karakterstärke gehört. Und wie steht es jetzt mit dem Gelde? Genug, um wieder mit Glanz auftreten zu können?

– O ja, wenn ich Lust dazu hätte. Aber ich gehe zurück nach Italien. In einem Monat reise ich wieder ab.

– Wie, und eben erst in der Stadt angekommen? Und eine Erbschaft in der Tasche?

– Was für eine?

– Den Ruf, daß Du eine Besitzung ererbt hat, deren Größe Du, wenn Du klug bist, niemanden angeben wirst. Bist Du so neu, Godolphin, daß Du es nur so hoch wie eine Krume dieses Brodes anschlägst, wie stark die Einkünfte Deiner Güter sind, so lange Du noch so viel Kredit besitzt, als Du wünschest. Kredit! Schöne Erfindung! Die moralische neue Welt, in welche wir fliehen, wenn wir aus der andern verbannt werden. Kredit! Die wahre Barmherzigkeit der Vorsehung, durch welche, wer sonst Hungers sterben würde, in Überfluß lebt und die darbenden Reichen verhöhnt. Kredit! Bewunderungswürdiges System, gleich trefflich für die, welche ihn nehmen, wie für die wenigen Weisen, welche ihn geben. Willst Du Geld von mir borgen, Godolphin?

– Zu viel Prozent?

– Nun, die Fonds stehen niedrig, ich will mäßig seyn. Doch nein, ich will es mit Dir machen, wie mit Georg Sinclair. Du sollst haben, so viel Du brauchst, und mir dafür nur eine Prämie zahlen, wenn Du eine Erbin heirathest. Was Teufel, Du fährst ja zurück bei dem bloßen Worte »heirathen.«

– Es ist ein schlimmes Wort, das einem Mann gleich den Gedanken an einen Strick aufdrängt.

– Du hast Recht; daran erkenne ich meinen Zögling. Die alten Theater-Scribenten waren einfältig, als sie sagten, die Männer verlören durch das Heirathen die Freiheit ihrer Person. Freilich verlieren sie ihre Freiheit, aber die des Geistes. Wir hören auf, unabhängig von dem Gerede der Welt zu seyn, wenn wir achtbar werden mit einem Weibe, einem feisten Haushofmeister, zwei Kindern und einer Familienkutsche. Es macht einen Gentleman nicht viel besser, wie einen Spezereikrämer oder einen König! Du hast also Konstanze Vernon nicht gesehen? Weg mit dieser Thorheit, Godolphin! Du wendest Dich ab! Glaubst Du, ich hätte nicht in demselben Augenblick, wo Du ihren Namen nanntest, Deine Schwachheit durchschaut? Und glaubst Du, mein lieber junger Freund, daß ich, der ich beinah ein halbes Jahrhundert durchlebt habe, und unsere Natur und das ganze Thermometer unseres Blutes kenne, darum nur um ein Haar schlechter von Dir denke, weil Du eine Grille, oder, wenn Du willst, eine Leidenschaft für ein Weib gefaßt hast, das einen Einsiedler, oder, was noch kälter ist, einen Wüstling in Feuer setzen würde? Bah, Godolphin, ich bin klüger, als Du mich glaubst. Ich will Dir noch mehr sagen. Um Deinetwillen macht es mich glücklich, daß Du bereits diese unsere gemeinschaftliche Thorheit, die wir alle einmal im Leben durchmachen müssen, bestanden hast, und daß der Anfall vorüber ist. Ich dringe nicht in die Geheimnisse, ich weiß ihre Heiligkeit zu schätzen. Ich frage nicht, wer von Beiden sich zuerst zurückgezogen hat, denn weiter zu gehen, sich zu heirathen, wäre von Beiden Wahnsinn gewesen. Ja, es war unmöglich; so etwas hätte meinem Zöglinge, dem begabtesten, feinsten, klügsten meiner Zöglinge nicht begegnen können. Aber ich wiederhole es, wie die Sache auch abgebrochen worden seyn mag, ich freue mich, daß es geschehen ist. Man kann nie für eines Menschen Weisheit stehen, bis er wahrhaft und vergeblich geliebt hat. Du weißt, was der moralisirende, abgeschmackte Tölpel, Lord Eduard in der Julie sagt: »Der Pfad der Leidenschaften führt uns zur Philosophie.« Es ist wahr, sehr wahr; und da der Pfad eingeschlagen, ist das Ziel bei der Hand. Jetzt habe ich Vertrauen in Deine Festigkeit, jetzt fühle ich, daß Du in Zukunft nicht Gefahr laufen wirst, das Spielwerk, Weib, zu überschätzen. Du wirst das Kleinod erbetteln, borgen, stehlen, vertauschen, verlieren, alles mit derselben köstlichen Wonne und zugleich mit derselben ruhigen Gleichgültigkeit, mit welcher wir ein geistreiches Spiel und dazu für einen größeren Einsatz spielen. Ich sage größeren, denn wie viel Frauen können wir durch Eine glückliche Wette im Spiel kaufen?

– Die Wendung ist derb, sagte Godolphin lächelnd, doch liegt etwas Wahres in Ihren Worten. Der Anfall ist wirklich vorüber, und kann ich je weise werden, so bin ich jetzt auf dem Wege dazu. Doch sprechen Sie nicht mehr davon.

– Gewiß nicht, antwortete Saville, der in seinem nie irrenden Takte gerade nur bis zu dem äußersten Punkte gegangen war, und mit Godolphin eine halb sentimentale, halb verständige, durchaus verworfene Gesprächsweise eingegangen war, welche fast immer das Ohr eines Mannes von Phantasie und Welt einnimmt – gewiß nicht, und um von etwas anderem zu reden, so will ich den Egoisten machen und Dir meine Abentheuer erzählen.

Saville begann nun seinen heitern, unterhaltenden Bericht über das bunte Leben, das er in den letzten drei Jahren geführt hatte. Die Anekdoten, Scherze, Maximen und Bemerkungen, die er einstreute, gaben der Erzählung ihre Würze. Ein vollendeter Roué affektirt immer einen Hang zu moralisiren: es gehört zu seinem Karakter. Es gibt ein unbestimmtes Gefühl, welches seine Moral und sein System durchdringt. Häufige Aufreizungen, und die darauf folgende Abspannung, die Überzeugung von der Thorheit aller Bestrebungen, der Schaalheit des ganzen Lebens, der Richtigkeit der Liebe und der Treulosigkeit in allen Verhältnissen, der Unglaube an allen Werth, diese Folgen eines ausschweifenden Lebens auf einen Mann von Geist, bringen viele elende, aber auch einige merkwürdige Menschen hervor. Sie gaben einigen der reizendsten Stellen Französischer Prosa und den meisten bezaubernden Werken Lord Byron's ihren Schwung. Ein Profaner dürfte fragen, welche Wirkung ein beinah ähnliches Leben – ein Leben des Luxus, der Trägheit, Ermüdung, überreicher und doch herzloser Liebe auf die tiefe und rührende Weisheit in den Werken dessen gehabt hat, den wir für den ausgezeichnetsten der Menschen halten, und der uns die traurigste der Lehren hinterlassen hat?

Diese Geistesrichtung in Saville's Unterhaltung sprach Godolphin bei seiner jetzigen Stimmung an, und der Letztere schmückte sie aus seinem eigenen Gemüthe noch mit einem Reize, der ihr in der That abging. Denn so wie ich in Godolphin zeigen werde, wie das aristokratische Leben den Geist eines Mannes von Genie verschlechtert, so zeige ich in Saville nur die Wirkung, welche dasselbe auf einen Mann von Verstand hat.

– Aber, Godolphin, sagte Saville, als er diesen aufstehen und sich zum Fortgehen anschicken sah, Du wirst Doch heut wenigstens bei mir essen? Punkt acht. Ich denke, ich kann Dir einen angenehmen Abend versprechen. Die Linettini und die liebe kleine Fanny Millinger (Deine alte Passion) werden kommen, und ich habe den alten Stracey, den Dichter, eingeladen, daß er Bonmots für sie macht. Der arme alte Stracey! Er geht bei seinen ehemaligen Freunden und Mitliberalen herum, rühmt sich der Gunst, in der er bei den Großen steht, und sieht nicht, daß wir ihn nur benutzen, wie eben ein Puppenspiel oder ein Hundetheater.

Welche Thorheit ist es von jedem Manne von Genie (der nicht zugleich von hoher Geburt ist), wenn er glaubt, daß die Großen dieses Landes ihn irgend achten können. Nichts gleicht der geheimen Feindschaft, mit welcher unsere trägen Aristokraten jeden ihre Fassungslosigkeit überragenden Geist betrachten. Parteienpolitik – und den Takt, die Schlauheit, die Sicherheit, welche Parteipolitik allein verlangt, dies können sie würdigen; sie fühlen Achtung für einen Redner, selbst wenn er kein Grafschafts-Repräsentant ist, denn er kann ihnen in ihrem schmutzigen Ehrgeize nach Stellen und Pensionen behülflich seyn, aber einen Dichter, einen Gelehrten – den verhöhnt dies gemeine Volk!

– Und doch, sagte Saville, wie wenig Gelehrten erkennen eine uns so augenscheinliche, in der Gesellschaft selbst so oft besprochene Wahrheit. Für ein wenig Aufsehen bei einem Diner, für eine erschmeichelte Bemerkung von einer vornehmen Aspasia, welche die Staël kopirt, gehen sie nicht allein den Ruhm, sondern auch die Achtbarkeit auf. Und das Schlimmste ist, daß ein so erbärmlicher Lohn nur selten länger, als eine Londoner Saison dauert. Wir lassen den bürgerlichen Schriftsteller in diesem Jahr als Wunderthier gelten, aber im nächsten werfen wir ihn ennüyirt bei Seite. Wir verschließen unsere Thür gegen seine alten, einmal hervorgesagten Witze, und lassen uns dafür nach Tisch etwas von den Prager Sängern vorsingen.

– Doch sind es nur die Dichter, die thöricht genug sind, sich so täuschen zu lassen. Unter den Prosaikern von wahrem Genie ist keiner so widersinnig.

– Und warum das?

– Weil die Dichter sich mehr zu Frauen, als an Männer wenden, und unmerklich die Schwächen annehmen, an welche sie sich halten. Ein Dichter, dessen Verse die Weiber entzücken, wird, wenn wir seinen Karakter genau zergliedern, selbst einem Weibe gleichen.

– Du liebst die Dichter nicht?

Der Ruhm der Vorzeit ist von ihnen gewichen. Ich meine übrigens weniger ihre Werke, als ihren Karakter. Wir haben schöne Dichter die Fülle, aber wenig Poesie, die aus einer großen Seele entsprungen wäre.

Die Thür wurde aufgemacht, und ein Herr Glosson angemeldet. Ein kleiner, nett gekleideter, schmunzelnder Mann, geziert, wie ein Advokat, oder Geschäftsführer, trat herein.

– Ah, Glosson, sind Sie's? sagte Saville, fast mit einiger Lebhaftigkeit, setzen Sie sich, lieber Herr, setzen Sie sich. Nun! nun! – er rieb sich die Hände – was gibt's Neues, Herr?

– Ich denke, Herr Saville, wir werden das Gut vom alten R..... bekommen. Ich bin den ganzen Morgen bei ihm gewesen. Er verlangt sechs tausend Pfund dafür.

– Der gewissenlose Hund! Für zwei hat er es von der Krone bekommen.

– Sehr wahr, sehr wahr: aber Sie sehen nicht, Sir, Sie sehen nicht, daß es neun werth ist. Schlechte Zeiten – schlechte Zeiten. Begünstigungen von der Krone werden täglich seltener, Herr Saville.

– Hm! Es bleibt immer gewagt. Die Zeiten sind schlecht, wie Sie sagen – kein Geld auf dem Markte. Sehen Sie, Glosson, bieten Sie ihm fünf; Sie sollen ein Prozent mehr erhalten, als wenn ich sechs tausend bezahlte, und es soll Ihnen doch nach Verhältnis der letztern Summe berechnet werden.

– Ha! ha! ha! Sir, grinste Glosson, Sie belieben zu scherzen, Herr Saville.

– Abgemacht. Was gibt's sonst auf dem Markt? Stoßen Sie sich nicht an meinem Freund: Herr Godolphin – Herr Glosson; und jetzt geniren Sie sich nicht weiter und fahren Sie fort.

Glosson räusperte sich, verbeugte sich, räusperte sich wieder, und fing dann an, von Häusern zu sprechen, und von Krongütern, und Besitzungen in Wales, und Stellen am Hofe (denn mit einigen der untergeordneten Stellen im Pallaste wurde damals – vielleicht noch jetzt – regelmäßiger Handel getrieben), und Saville, der sich über den Tisch lehnte, seine zarten Hände fest in einander geschlungen, und seinen scharfen, verschmitzten Blick auf den Agenten gerichtet hatte, machte auf den betrachtenden Godolphin einen Eindruck, der ihm wahre Verachtung gegen seinen ehemaligen Freund einflößte.

Welcher Anblick, wenn der verschwenderische Lüstling in den habgierigen Spekulanten zusammenschrumpft!

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