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Godolphin oder der Schwur

Edward Bulwer-Lytton: Godolphin oder der Schwur - Kapitel 20
Quellenangabe
typefiction
booktitleGodolphin oder der Schwur
authorEdward Bulwer-Lytton
year1834
publisherVerlag Jakob Anton Mayer
translatorLouis Lax
addressAachen und Leipzig
titleGodolphin oder der Schwur
submitted20050620
senderniki_nikotini@hotmail.com
created20051104
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Siebenzehntes Kapitel.

Konstanze in der Toilette. – Ihre Gefühle. – Beschreibung ihrer Schönheit. – Der Ball. – Die Herzogin von Winstoun und ihre Tochter. – Eine Folgerung aus der Natur weiblicher Nebenbuhlerschaft. – Eifersucht eines Liebhabers. – Aristokratische Anmaßung zurückgewiesen. – Das Lauschen an der Wand. – Bemerkungen über das Vergnügen einer öffentlichen Versammlung. – Das Abendessen. – Die Falschheit scheinbarer Munterkeit. – Verschiedene neue und wahre Bemerkungen. – Was zwischen Godolphin und Konstanze vorgeht.

Es war am Abend des Balles, der Lord Erpingham's Ankunft zu Ehren gegeben wurde. Konstanze, geschmückt zu Eroberungen, saß allein in ihrem Ankleidezimmer. Ihr Kammermädchen hatte sie so eben verlassen. Eine Menge Lichter warfen ein verschwenderisches Licht auf das antike Zimmer (es war in dem ältesten Theile des Schlosses gelegen), und erleuchteten die hohe Stirn und die vollendeten Züge der Miß Vernon. Als sie sich in ihren Sessel zurücklehnte, ihr Elfenfüßchen auf das niedrige, Gothische Tabouret gestützt, die Arme nachlässig herabhängend, verrieth ihr Gesicht ein tiefes, obwohl nicht heiteres Sinnen, und einen Ausdruck von Unentschlossenheit und wahrer Trauer.

Man muß, wie ich bereits angedeutet habe, nicht glauben, daß Konstanzens Loos, ob sie gleich für die bewundertste Schönheit ihrer Zeit galt, ein glückliches war. Sie lebte allerdings mit den Edlen und Mächtigen des Landes, und wurde von ihnen hofirt, trotzdem aber entgingen ihrem durch Stolz und Eifersucht geschärften Ohre die Worte nicht, welche oft mitten aus der glänzenden Menge, die sie an sich zog, den Becher ihres Vergnügens und ihrer Eitelkeit mit Schaam und Ärger verbitterten. Wie! des Vernon's Tochter? Das arme Ding! Sie hängt ganz von Lady Erpingham ab! O! Ich denke, sie wird irgend einen reichen Bürger erschnappen.

Solche von übellaunigen Müttern und verwelkten Schönheiten hingeworfene Worte unterbrachen nicht selten ihre kurzen und ermüdenden Triumphe. Sie hörte intrigante Mütter ihre pinselhaften Söhne, die Konstanze in den Staub geblitzt hätte, hätten sie nur ihre Hand zu berühren gewagt, gegen ihre titel- und mittellosen Reize warnen. Sie sah, wie vorsichtige Earls, die heute ganz Zuvorkommenheit und morgen ganz Kälte waren, je nachdem sie irgend etwas vernommen hatten, ihren Herzen vorwarfen, daß sie sich zu sehr von ihrem Zauber hinreißen ließen; wie sie sich selbst zum erstenmal zweifelhaft fragten, ob ein Herz wirklich etwas mehr, als ein Wort für eine poetische Faktion sey, und wie sie sich wunderten, daß ein Blick auf eine so herrliche Schönheit sie zu dem Glauben an die Möglichkeit einer Gemüthsbewegung bringen könnte. Sie war tief verletzt worden von dem herablassenden Patronisiren der Herzoginnen und Chaperons, von den verstockten Winken, wie von den anmuthigen Unterscheidungen, welche in den feinen Zirkeln einen Rang von dem andern sondern und einen erbitterten, ohne daß man das Vergnügen hat, sich davon beleidigt halten zu dürfen.

Alles dies, was in der Blüthe, Lust und Fröhlichkeit der Jugend bei jedem andern Weibe unbeachtet vorübergegangen wäre, nagte tief an dem Herzen von Konstanze Vernon. Das Bild ihres sterbenden Vaters, seine Beschwerden, seine Anklagen, deren Gerechtigkeit sie nicht einen Augenblick bezweifelte, stiegen mitten in den glänzendsten Stunden des Tages und des Weltlebens in ihrer Seele auf. Sie gehörte nicht zu den Frauen, deren weiche, sanfte Natur flieht, was sie verwundet: Konstanze war entschlossen zu siegen. Voll Geringschätzung gegen Glanz, Schein und Fröhlichkeit, durstete, schmachtete sie nach nichts, als nach Macht, nach einer Macht, durch die sie für die Kränkungen, von welchen sie getroffen zu seyn glaubte, sich rächen und die Herablassung der Großen zu Huldigungen verkehren konnte. Dieser Zweck, den jedes zufällige Wort, jeder arglose Blick eines Fremden tiefer und tiefer in ihr Herz brannte, erhielt eine Art von heiliger Weihe durch die Beziehung, in welche sie ihn brachte, durch ihres Vaters Andenken und seinen Todeshauch.

In diesem Augenblick arbeiteten alle diese bittern, stolzen Gefühle in ihrer Brust, aber sie wurden bekämpft durch Einen süßen und zarten Gedanken, durch das Bild Godolphin's, des verschwenderischen Erben eines zertrümmerten Vermögens und eines gesunkenen Hauses. Sie fühlte es nur zu tief, daß sie ihn liebte, und glaubte, unbekannt mit seinen weltlicheren Eigenschaften, daß er sie mit aller der schwärmerischen Hingebung und der Glut des Genius liebe, welche ihr als das Wesen seines Karakters erschien. Aber diese Überzeugung erregte trotzdem jetzt in ihr keine freudige Stimmung. In der Überzeugung, daß sie ihn zurückweisen müsse, gab sein Bild den Gegenständen und dem Ehrgeize, auf welche sie bis jetzt mit stolzer Lust geblickt hatte, nur eine trübe Färbung. Sie war darum nicht weniger an die großen Träume ihres Geschicks gefesselt, aber der Ruhm und die Täuschung waren erloschen. Sie hatte einen Blick in die Zukunft gethan, und fühlte, daß der Genuß der Macht der Verlust des Glückes sey. Und doch, trotz dieser Überzeugung, gab sie das Glück auf, und klammerte sich an die Macht. Ach, was sind unsere besten und weisesten Theorien, unsere Probleme, unsere Systeme, unsere Philosophie! Die Menschen werden nie aufhören, die Mittel mit dem Zweck zu verwechseln, und, trotz der Lehren der Weisen, ihr Benehmen nicht nach ihrer Überzeugung bestimmen.

Wagen auf Wagen rollten unter den Fenstern des Zimmers vorüber, in welchem Konstanze saß, und noch immer rührte sie sich nicht, bis sich endlich eine gewisse Ruhe, wie das Resultat eines plötzlichen Entschlusses, über ihr Gesicht legte. Ihre Wangen rötheten sich wieder, und als sie sich erhob und aufrecht stand mit einer gewissen Ruhe und Energie auf Stirn und Lippe, glänzte ihre Schönheit in einer vielleicht noch nie erreichten Erhabenheit. Indem sie durch das Zimmer schritt, stand sie einen Augenblick vor dem Spiegel still, der ihre herrliche Gestalt in voller Größe zurückstrahlte. Schönheit ist so ganz die Waffe der Frauen, daß sie, selbst im Kummer, ihre Wirkung nicht ganz übersehen können, so wenig wie der sterbende Krieger das Schwert mit Gleichgültigkeit betrachten kann, das ihm Ruhm und Trophäen errungen hat. Auch war Konstanze an diesem Abend gar nicht geneigt, gegen den Effekt, den sie hervorbringen konnte, gleichgültig zu seyn. Sie blickte auf ihr Bild mit einem Triumph, der nicht bloß aus Eitelkeit entsprang.

Und welches Glas hat je eine Gestalt zurückgespiegelt, die würdiger gewesen wäre, von einem Perikles verehrt, von einem Apelles gemalt zu werden? Konstanze schien größer, als sie wirklich war. Eine gewisse majesthätische Haltung des Kopfes, der Fall der Schultern, die Breite der Stirn und die außerordentliche Ruhe der Züge gaben ihr ein Aussehen, welche niemand außer ihr erreicht hat, und welches nur die Pasta, wäre sie eine Schönheit gewesen, hätte erlangen können. In dieser Majestät lag nichts Hartes oder Sprödes. Wie viel Männlichkeit auch Konstanze in ihrem Karakter ererbt haben mochte, in ihrem Äußern zeigte sich nichts, was nicht durchaus weiblich war. Ihr Bau war von der Fülle, welche durch jene Frische, die eine müßige Vollkommenheit der Verhältnisse immer den Frauen verleiht, die Erhaltung der Schönheit noch für ein späteres Alter verspricht. Ihre Arme und Hände waren und sind bis heute, eben der Seltenheit wegen, von einer um so auffallendern Schönheit. Nichts ist in Europa ungewöhnlicher, als ein durch Form und Farbe wahrhaft schöner Arm. Man gehe in eine noch so aristokratische Gesellschaft, und man wird nichts als vorstehende Knochen, eckige Ellenbogen, oder eine rothe Haut unter der Hülle jener bauschigen Ärmel sehen, die fast eben so garstig sind. Zur Zeit, von der hier die Rede ist, trug man jene Ärmel noch nicht, und der weiße, runde, blendende, fast bis zur Schulter nackte Arm war von glänzenden Edelsteinen umschlossen, die durch die natürliche Schönheit noch gehoben wurden. Ihr Haar war vom üppigsten, dunkelsten Schwarz, und nach einer damals ungewöhnlichen, obgleich nicht bizarren Weise geordnet, die jetzt von den gemeinsten Gesichtern angenommen ist, obgleich sie sich doch nur für die höchste Schönheit eignet, ich meine jene einfache und klassische Mode, welcher die Franzosen den Namen der Calypso gegeben haben, welcher aber nach meiner Ansicht eben sowohl für eine Göttin der Weisheit, als der Wollust paßt. Ihre langen Augenlieder, die dunklen, und doch zart gezeichneten Brauen erhöhten die Beredsamkeit der blauen Augen und den Ausdruck des Griechischen Profils. Fügen wir den gewölbten Mund hinzu, den hohen Hals, den schlanken Wuchs, einen Fuß, dessen geringste Schönheit seine Kleinheit war, so steht Konstanze Vernon vor uns.

Sie ging in ihrer ruhigen, stolzen Weise aus diesem Zimmer in ein anderes, wo sie sich gewöhnlich aufhielt, wenn sie nicht bei Lady Erpingham war. Dort hatte Godolphin mit der Ungezwungenheit der fremden Sitte, und mit der ehrfurchtsvollen, ritterlichen Freiheit seines Benehmens sie oft aufgesucht und sie manche Augenblicke von andern Gesellschaften zurückgehalten, bald einen Vorwand in den Büchern, welche auf dem Tische umherlagen, bald in der Musik, bald in der waldigen Gegend suchend, welche man aus jenen Fenstern im herbstlichen Mondenlichte schwimmen sah. Als diese Erinnerung sie überkam, schwankten ihre Füße, und ihr Gesicht erbleichte; sie blieb einen Augenblick stehen, warf einen schmerzlichen Blick umher, aber riß sich endlich los, stieg die hohe Treppe hinunter, eilte durch die von alten Bannern und verrosteten Helmen verdüsterte Halle und trat mit ihrer Schönheit und ihrem gedankenvollen Herzen in das dichte, heitere Gewimmel.

Ihr Auge blickte nach Godolphin umher, fand ihn aber nicht, und sie hatte kaum ihre Nachforschungen beendigt, als Lord Erpingham, der Held des Abends, sich näherte und sie um ihre Hand bat.

– Ich habe so eben meine Pflicht erfüllt, sagte er mit einer, bei ihm durchaus nicht gewöhnlichen Gallanterie, und darf jetzt auch an meinen Lohn denken. Ich habe den ersten Tanz mit Lady Margarethe Midgecombe getanzt, und bitte nun um Erfüllung Ihres Versprechens, um den zweiten Tanz.

Es lag etwas in diesen Worten, was die krankhafte Reizbarkeit Konstanzens verletzte. Lady Margarethe Midgecombe würde im gemeineren Leben für ein gut aussehendes, gewöhnliches Mädchen gehalten worden seyn, aber sie war eine Herzogstochter und galt für eine Hebe. Ihre kleinen Nase, ihre frische Farbe und ihr einfältiges Lachen, das trotzdem nicht ohne Bosheit war, hieß bezaubernd, und jede Unregelmäßigkeit der Züge, jeder Fehler im Wuchse wurde durch die bei uns so häufige, unsinnige Empfehlung: »ein verzweifelt hübsches Mädchen! Keins von der regelmäßigen Schönheit!« in Verdienst umgewandelt.

Nicht bloß in der Grafschaft ***shire, sondern auch in London war Lady Margarethe Midgecombe Konstanze Vernon als Nebenbuhlerin in der Schönheit gegenübergestellt worden. Und Konstanze, die viel zu liebenswürdig, zu kalt, zu stolz war, um nicht die Schönheit Anderer anzuerkennen, wo sie wirklich da war, kränkte sich doch ganz unverhohlen über einen ihrer so unwürdigen Vergleich, und verachtete selbst zu Zeiten ihre eigenen Ansprüche an Bewunderung, da so unendlich schwächere Ansprüche mit ihr um den Preis ringen konnten. Zu diesem herben Gefühle gegen Lady Margarethe kam noch ein anderes, das durch Lady Margarethens Mutter erregt worden war. Die Herzogin von Winstoun war eine Frau von niederer Geburt, die Tochter eines sehr reichen neuen Pairs. Sie hatte sich jedoch mit einem der mächtigsten Herzöge aus der ganzen Pairschaft vermählt, mit einem einfältigen, schwerfälligen Manne mit vier Schlössern, zwei Parken, einer Kohlenmine, einer Zinngrube, sechs Flecken und dreißig Pfründen. Unthätig und zurückgezogen ließ sich der Herzog selten öffentlich sehen; die Sorge, seinen Rang aufrecht zu erhalten, fiel ganz auf die Herzogin, und sie besorgte dies mit einer so ängstlichen Feierlichkeit, als ob sie eines Käsehändlers Tochter gewesen wäre. Stolz, anmaßend und roh, überall gesucht, alles beleidigend, gehaßt und hofirt, so war die Herzogin von Winstoun und vielleicht manche Herzogin vor ihr.

Man darf nicht vergessen, daß die Modewelt damals nicht den Depotismus erreicht hatte, den sie jetzt ausübt; sie nahm ihr Gepräge von der Macht an, beherrschte sie nicht. Ich werde es darthun, wie viel von ihrem jetzigen Ansehen diese Mode der Heldin diesen Memoiren zu danken hat. Die Herzogin von Winstoun könnte nicht mehr die große Rolle spielen, wie damals; es liegt ein gewisser guter Geschmack in der Modewelt, welcher die Anmaßung des Ranges zurückstößt, welcher von den Leuten entweder Liebenswürdigkeit, oder Glanz, oder Originalität verlangt, und einfältige Herzöge nach ihrem Verdienst abwägt. In Ermangelung dieser neuen Autorität übte Ihre Gnaden von Winstoun ungestört ihr Recht der Anmaßung. Sie hatte einen ganz besondern Widerwillen gegen Konstanze gefaßt, zum Theil, weil die wenigen guten Beurtheiler der Schönheit, welche sich nicht um Rang und Ruf kümmerten, ganz rücksichtslos erklärt hatten, daß ihre Tochter sich mit Konstanze Vernon nicht messen könne, hauptsächlich aber, weil der schwungvolle Geist und die scharfe Ironie Konstanzens mehr als einmal der Unverschämtheit der Herzogin so heftige und öffentliche Schläge versetzt hatte, daß sie mit Wuth und Erstaunen erkannt hatte, daß es in der Welt ein Weib, und noch dazu ein unvermähltes gäbe, welches die Schroffheit der Herzogin von Winstoun mit gleicher Münze bezahlen könne. Gehässig waren daher die Bemerkungen, die sie über Miß Vernon, wenn sie abwesend war, fallen ließ, und über alle Maaßen hochmüthig war ihr Kopfnicken und der Ton ihrer Sprache, wenn Miß Vernon gegenwärtig war. Wenn die Herzogin von Winstoun daher Konstanze nicht leiden mochte, so können wir wohl annehmen, daß diese es ihr eben so vergalt. Schon der bloße Name erregte ihren Stolz und ihren Ärger, und sie vernahm darum mit einem in einem Weibe ganz natürlichen, obgleich, in dem liebenswürdigen Sinne des Wortes, eben nicht weiblichen Gefühle, daß Lord Erpingham, obwohl er es nicht anders konnte, sie mit dem ersten Tanze beehrt hatte.

Als Lord Erpingham sie zu ihrem Platze zurückführte, folgte ihr ein lautes Geflüster der Bewunderung und des Enthusiasmus. Dies machte Erpingham in diesem Augenblick mehr Vergnügen noch, als Konstanze. Von ihrer Schönheit bereits berauscht, war er stolz auf den Eindruck, den sie auf Andere machte, denn dieser Eindruck war ein Kompliment für seinen Geschmack. Er plagte sich, angenehm, ja bezaubernd zu seyn, er affektirte eine sanfte Stimme und versuchte sogar – der Arme! – zu schmeicheln.

Die Herzogin von Winstoun saß mit ihrer Tochter hinter ihnen auf einer erhöhten Bank. Sie hatten so die schönste Gelegenheit, die Aufmerksamkeit zu beobachten, mit welcher einer der größten Earls von England die Tochter des größten Redners Englands beehrte. Sie waren erbittert über seinen Mangel an Würde. Konstanze bemerkte diesen Ärger, und lieh sogleich den Komplimenten des Lord Erpingham ein freundlicheres Ohr; ihre Augen glänzten, ihre Wangen rötheten sich, und die guten Leute umher, die Lord Erpingham's ungeheuern Backenbart bewunderten, glauben, Konstanze sey verliebt.

In diesem Augenblick trat Percy Godolphin in das Zimmer.

Obgleich Percy's Erscheinung nichts Schimmerndes an sich hatte, so erregte sie doch immer Aufmerksamkeit. Sein Gesicht, seine Haltung, seine langen, schönen Locken, seine weiche, fremdartige Kleidung, welcher seine edlen, geistreichen Züge jeden Gedanken an Fadheit nahmen, dies Alles gab seinem Auftreten etwas Ausgezeichnetes, und das durch seinen Ruf als genialer, excentrischer Mensch erregte Interesse erhöhte noch den Eindruck, den die Meldung seines Namens stets hervorbrachte.

Aus dem Gedränge der müßigen Gaffer, welche ihn umgaben, während der Verbeugungen der Grafen und des Lächelns der Schönen, richtete Godolphin doch seine ganze Aufmerksamkeit – seine ganze Seele auf den Platz, der durch Konstanze Vernon geheiligt wurde. Er sah sie im Gespräch mit einem reichen, vornehmen, hübschen Manne. Er sah, daß sie mit offenbarer Theilnahme ihm zuhörte, daß er sich mit offenbarer Bewunderung mit ihr unterhielt. Die Brust zog sich ihm zusammen, es wurde ihm weh, dann folgte Ärger, Empfindlichkeit, endlich Wuth und Verzweiflung. Alle seine früheren Entschlüsse, seine Klugheit, sein Weltsinn, seine Vorsicht schwanden auf einmal, er fühlte nur, daß er liebe, verdrängt, verloren sey. Die wilde, wahrhaft heftige Leidenschaftlichkeit seiner Jugend stieß alle Pläne und Gebäude jener sanften und kalten Philosophie über den Haufen, die er von der Welt entlehnt und die er für die Weisheit des Studiums gehalten hatte. Eine Hütte und eine Wüste mit Konstanze – Konstanze sein mit Herz und Hand – wäre ihm als das Paradies erschienen; und er würde keinen Ehrgeiz mehr genährt, keinen Lohn weiter geträumt haben. So viel Wirkung hat die Eifersucht auf uns. Wir sind voll Vertrauen, und schwanken, ob wir eine Gabe annehmen sollen; wir werden eifersüchtig, und wir möchten das Leben hinwerfen, um sie zu erringen.

– Was für ein schöner Bursche der Erpingham geworden ist, sagte ein junger Kavallerie-Offizier.

Godolphin hörte es und stöhnte laut.

– Und mit was für einem verzweifelt hübschen Mädchen er tanzt, fügte ein anderer junger Mann aus Oxford hinzu.

– Oh, Miß Vernon; bei Gott, er scheint gefangen. Es wäre eine prachtvolle Partie für sie.

– Und für ihn auch, meinte der ritterlichere Oxforder.

– Hm! sagte der Offizier.

– Ich hörte, fing jener wieder an, sie sollte den jungen Godolphin heirathen. Er hat hier eine Zeitlang gelebt. Sie ritten und gingen täglich miteinander aus. Es ist ein glücklicher Mensch. Ich möchte ihn wohl einmal sehen.

– St! sagte eine dritte Person, Godolphin erblickend.

Percy trat weiter vor. So sehr er sich auch gewöhnlich zu beherrschen wußte, so konnte er doch nicht ganz die Hölle in seiner Brust verbergen. Seine Stirn zog sich düster zusammen, kaum erwiederte er die Grüße, welche er erhielt, er drängte sich aus der Menge, stahl sich nach einem Platze hinter einem breiten Pfeiler, und heftete dort, ungesehen, seine Blicke auf die Gestalt und die Bewegungen der Miß Vernon.

Es traf sich, daß er sich in die Nähe der Herzogin von Winstoun gesetzt hatte, und nachstehende Unterredung mit anhören konnte.

Als der Tanz nämlich vorüber war, führte Lord Erpingham Konstanze nach einem Sitze dicht neben Margarethe Midgecombe. Die Herzogin hatte ihren Angriffsplan entworfen, stand auf, als sie Konstanze in ihrem Bereiche sah, und näherte sich mit einer gezwungenen Höflichkeit.

– Wie geht es Ihnen, Miß Vernon? Es freut mich doch sehr, daß Sie so wohl aussehen. Ist etwas an dem, was man sagt, wie? Die Herzogin zeigte dabei ihre Zähne, das heißt, sie lächelte.

– An was, meinen Ihre Gnaden?

– Oh, oh, ich bin überzeugt, Lord Erpingham hat es so gut gehört, wie ich selbst, und ich wünsche – mit einigem Nachdruck – um Ihretwillen, oder in der That vielmehr Beider willen, daß es wahr seyn möge.

– Es hieße, sagte die stolze Konstanze mit der Schroffheit, an der sie Gefallen fand, und wegen deren sie seitdem bekannt geworden ist, Ihre und meine Zeit verschwenden, wollte ich warten, bis die Herzogin von Winstoun verständlich spricht. – Aber die Herzogin ließ sich nicht abweisen, als bis sie ihr Vorhaben ausgeführt hatte.

– Ey, sagte sie, sich zu Lord Erpingham wendend, so berufe ich mich auf Sie; soll nicht Miß Vernon in diesen Tagen sich mit Herrn Godolphin verbinden? Gewiß – fügte sie mit einer affektirten Gutmüthigkeit und Theilnahme hinzu – gewiß, ich hoffe, daß es zu Stande kömmt.

– Auf Ehre, sagte Lord Erpingham, seine berühmten runden Augen weit aufreißend, Sie setzen mich in Erstaunen. Ich habe noch kein Wort davon gehört.

– Also noch ein Geheimnis, rief die Herzogin. Schön, schön, ich kann auch ein Geheimnis bewahren.

Lady Margarethe schlug die Augen nieder und lachte mit Affektation.

– Ich dachte bis jetzt, sagte Konstanze mit großer Ruhe, daß niemand verächtlicher seyn könne, als wer leere Gerüchte aufliest; aber ich sehe jetzt, daß ich Unrecht hatte: bei weitem verächtlicher noch ist, wer sie erfindet.

Die große, mit ihren eigenen Waffen geschlagene Herzogin erröthete vor Ärger selbst durch die Schminke durch, aber Konstanze wendete sich ab, und suchte, noch immer auf Lord Erpingham's Arm gelehnt, einen andern Sitz. Sie fand einen, dem Pfeiler gegenüber, hinter welchem Godolphin saß, und wo er noch immer alles hören konnte, was Konstanze sprach.

– Auf Ehre, Miß Vernon, sagte Erpingham, ich bewundere Ihren Geist. Nichts besser, als solch abgeschmacktes Volk, das einem weh tun will, und glaubt, man könne es ihm nicht zurückgeben, gleich niederzuschmettern. Aber sagen Sie doch, und ich hoffe, Sie werden es nicht als Anmaßung nehmen, darf man fragen, ob an diesem Gerüchte etwas Wahres ist?

– Durchaus nichts, antwortete Konstanze mit großem Kampfe, aber sicherer Stimme.

– Nicht? Ich hätte es denken sollen, hätte es denken sollen, Godolphin ist viel, viel zu arm für Sie. Miß Vernon ist keine Dame, die aus Liebe in eine Hütte heirathet.

Konstanze seufzte.

Dieser leise, sanfte Ton durchbebte Godolphin's Herz. Er beugte sich vor; er hielt seinen Athem an; er schmachtete nach ihrer Stimme, nach einer Silbe als Antwort, aber sie kam nicht.

– Erinnern Sie sich noch an Miß L.....; begann der Earl von Neuem. Doch nein, sie war vor Ihrer Zeit. Sie verheirathete sich mit S....., einem Menschen von demselben Schlage wie Godolphin. Er hatte keinen Schilling, aber er lebte gut, hatte ein Haus in Mayfair, gab Diners, jagt ein Melton, kurz, er spielte hoch. Sie hatte ungefähr zehn tausend Pfund. Sie heiratheten sich und lebten zwei Jahre lang so anständig, wie Sie sich gar nicht denken können. Jedermann bewunderte sie. Sie hielten sich keine verschlossene Kutsche, sondern er fuhr sie zu den Diners in seinem – damals ungewöhnlichen – Französischen Kabriolet. Sie machten keinen Aufwand, keinen Prunk, aber alles war verteufelt nett, ein wahres Hüttenleben, nur lag die Hütte in Curzonstreet. Doch endlich schlug die Karte um; S..... verlor alles, war mehr schuldig, als er bezahlen konnte, wir mußten den Umgang mit ihm abbrechen, und sein Verwandter, Lord ***, der ein Jahr darauf in's Ministerium kam, schaffte ihm eine Stelle beim Zollwesen. Sie lebten jetzt in Pantonville; er trägt einen Pfeffer- und Salzrock, sie eine Haube mit rothen Bändern; sie haben fünf hundert Pfund jährlich und zehn Kinder. So ging es S.....'s Frau, und so dürfte es der Godolphins gehen. O, Miß Vernon kann den nicht heirathen.

– Sie haben Recht, sagte Konstanze mit Würde, nur drücken Sie Ihre Meinung mit zu großer Freiheit aus.

Ehe Lord Erpingham eine Entschuldigung stammeln konnte, hörten sie ein Geräusch hinter sich; sie wendeten sich um, Godolphin war aufgestanden. Sein Gesicht, welches gewöhnlich den Ausdruck einer strengen Ruhe trug – denn Nachdenken gibt ein strenges Aussehen – bot jetzt den Sprechern einen so düstern, drohenden Anblick dar, daß dem kräftigen Earl einen Augenblick das Herz stockte, und daß Konstanze erschrak, als ob sie ein Gespenst, und nicht die lebende Gestalt ihres Gatten sähe. Aber dieser Ausdruck des Gesichts blieb nur einen Augenblick derselbe. Godolphin grüßte Beide mit einem kalten, höflichen Lächeln, einer glatten Stirn und tiefen Verbeugung, entfernte sich langsam von seinem Platze und verschwand unter der Menge.

Es ist ein wunderbares Ding um eine große Gesellschaft. Ein ungeheures Gedränge von Leuten, die sich einander allesamt unendlich gleichgültig sind, kömmt zu einem Vergnügen zusammen, welches der größte Theil derselben für unbeschreiblich ermüdend hält. Wie geistlos, wie eingebildet sind solche Scenen, solche Schauspieler. Welch ein Überrest des Barbarismus, wo man tanzte, weil man nichts zu sagen wußte. Doch wir haben einige Entschuldigung für uns: wir gehen in diese Versammlungen, um unsere Töchter zu verkaufen, oder die Frau eines Nächsten zu verführen. Ein Ballsaal ist der Markt der Schönheit. Nur würde ich es vorziehen, meine Ankäufe auf einem weniger öffentlichen Platze zu machen.

– Wie ist's, Godolphin, sagte der junge Lord Belvoir, als sie neben einander auf dem glänzenden Souper saßen, ein Glas Champagner?

– Von Herzen gern; aber nicht von dieser Flasche; wir müssen eine neue nehmen, denn dies Glas gilt Lady Delmour, und ihre Gesundheit muß vom ersten Feuer getrunken werden. Nichts Schales, nichts Verdunstetes, nichts, was seine erste Frische verloren hat, darf einer so jugendlichen Schönheit gewidmet seyn.

Es wurde eine frische Flasche geöffnet, und Godolphin verbeugte sich gegen Lord Belvoir's Schwester, eine Schönheit und eine Schriftstellerin. Lady Delmour bewunderte Godolphin und war von einem Komplimente geschmeichelt, das niemand, der nur in England auferzogen worden, die kühne Galanterie gehabt hätte, queer übe den Tisch auszusprechen.

– Haben Sie getanzt? sagte sie.

– Nein.

– Was haben Sie denn sonst gethan?

– Was sonst? Oh, Lady Delmour, das sollten Sie nicht sagen. – Der Blick, der diese Worte begleitete, gab ihnen die Bedeutung. – Muß ich es erst sagen, fügte er leiser hinzu, daß ich an die Schönste der Damen gedacht habe?

– Bah! sagte Lady Delmour, den Kopf abwendend.

Dies Bah hat aber seine ganz besondere Bedeutung. Auf den Lippen eines Geschäftsmenschen spricht es Verachtung gegen alles Ideale aus, im Munde eines Politikers stößt es eine Theorie zurück. Mit den drei Buchstaben vernichtet der Philosoph einen Trugschluß, macht sich der reiche Mann von einem Bettler los. Aber auf den Rosenlippen eines Weibes verschwindet die Härte und die Verächtlichkeit, wird Aufmunterung. Bah! sagt eine Dame, wenn man ihr von ihrer Schönheit spricht. Dieselbe Antwort gibt sie erröthend auf unsere Liebeserklärung. Bei Männern ist es die rauheste, bei Frauen die sanfteste Silbe der Sprache.

– Bah! sagte Lady Delmoure, ihren Kopf abwendend, aber Godolphin war in einer sonderbaren Stimmung. Wie merkwürdig ist's, daß wir aus unserm Trübsinn solche Heiterkeit hervorziehen können. Auf den Schlag folgte der Blitz; man rege die Nerven des Stolzen durch Verzweiflung und Eifersucht an, und man wird wahnsinnige Heiterkeit und hysterisches Lachen entzünden.

Godolphin war liebenswürdig wie ein Engel, und die junge Gräfin entzückt über seine Gallanterie.

– Haben Sie je geliebt? fragte sie zärtlich, als sie nach dem Essen allein saßen.

– Ach, ja!

– Wie oft?

– Lesen Sie Marmontels Erzählung von den drei Phiolen, eine andere Antwort habe ich nicht.

– O, die herrliche Erzählung! Sie enthält die ganze Geschichte der Männer. Phantasie, Leidenschaft, Liebe, das sind die drei Phiolen, aber wenige trinken von der dritten.

Während Godolphin mit Lady Delmour sprach, war dennoch seine ganze Seele bei Konstanze, nur an sie, nur an seine Rache dachte er. Es ist eine auffallende Erscheinung in der Liebe, daß selbst bei der besten Gattung derselben die Eitelkeit so stark betheiligt ist; und es ist die Frage, ob, wenn unsere Geliebte uns einen Andern vorzieht, und unsere Liebe sich deshalb in Haß verwandelt, wir mehr durch den Verlust der Geliebten, als durch den Vorzug eines Andern affizirt werden. Ich bin von Letzterem überzeugt; denn wäre es das Erstere, so würde man nur klagen; aber die Eifersucht macht uns nicht betrübt, sie stachelt uns auf. Aber freilich wenn wir alt werden, und zurückblicken auf diese Haupt-Leidenschaft, so lächeln wir darüber, daß sie solche Thoren aus uns gemacht hat, daß wir solche Wichtigkeit auf sie gelegt haben, so wie über die Millionen, welche sich durch sie haben beherrschen lassen. Die Untersuchung der Leidenschaft der Liebe gleicht der des Karakters irgend eines großen Mannes; wir erstaunen über die Kleinlichkeiten, die in seinem Gefolge sind. Wir fragen verwundert: wie ist es möglich, daß solche Wirkungen aus solchen Ursachen hervorgingen?

Godolphin setzte sein sentimentales Gespräch mit Lady Delmour fort, bis ihr Gatte, der viel auf seine Wagenpferde hielt, herankam, und sie fortführte; worauf Percy, fast erfreut über diese Erlösung, in den Ballsaal zurückstürzte, wo, obgleich die Gesellschaft etwas abgenommen hatte, der Tanz doch noch mit dem Eifer fortgesetzt wurde, welcher immer mit dem Vorschreiten der Nacht zuzunehmen scheint.

Ich für meinen Theil werfe dann und wann zu so einer späten Stunde einen Blick auf einen Ball als eine Mahnung an die Flüchtigkeit der Zeit. Keine Ergötzlichkeit gehört so wesentlich den jungen Leuten in ihrer ersten Jugend, der gedankenlosen, berauschten Jugend, ihr, deren Blut ein Elixir ist. Dort erkenne ich, vor allen andern Orten, die weite Kluft zwischen mir und meiner Jugend.

Ist Konstanze ein Weib, dachte Godolphin, als er in den Ballsaal zurückkehrte, so will ich sie doch noch zu meinem Willen demüthigen. Ich habe die Wissenschaft nicht so lang ergründet, um gerade jetzt, wo ich das erstemal zu triumphiren wünsche, mich überwunden zu sehen.

Während dieser Gedanke ihn befreite und anspornte, hielt er sich immer in einiger Entfernung von Konstanzen, doch ohne sie aus den Augen zu verlieren. Er blieb bei Lady Margarethe Midgecombe stehen und redete sie an; trotz der Anmaßung und Unwissenheit der Herzogin von Winstoun wurde er von Mutter und Tochter gut aufgenommen. Es gibt gewisse Personen, welche zu allen Zeiten und in allen Sphären eine gewisse Achtung gebieten, obgleich sie weder durch Reichthum, Rang, noch selbst durch gewissenhafte Moralität erkauft wird. Sie erwerben sie durch die Annahme, daß Talent allein sie schaffen kann, obgleich das Talent sie sich nicht immer erzwingt. Niemand kann, selbst nicht in der frivolen Gesellschaft der großen Welt, auf Huldigung ohne gewisse Eigenschaften Anspruch machen, welche bei einer glücklichern Anleitung ihn zum Ruhme geführt haben würden. Wäre das Studium eines Grammont oder eines C..... bei Zeiten auf solche Gegenstände gerichtet worden, welche erstrebt zu werden verdienen, so ist kaum zu bezweifeln, daß sie, statt Helden eines Zirkels zu werden, sich der Unsterblichkeit werth gemacht haben würden. So hatte der Genius Godolphins einen Glanz um ihn geworfen, daß selbst die Stolzesten sein Entgegenkommen gern aufnahmen und erwiederten, und Lady Margarethe erröthete wirklich vor Vergnügen, als er sie zum Tanz aufforderte. Ein fremder Tanz, der damals nur wenig in England bekannt war, war verlangt worden; es kannten ihn nur die, welche auf dem festen Lande gelebt hatten, und da die Bewegungen desselben eine eigenthümliche Grazie verlangten, so lehnten selbst von diesen Wenigen mehrere es ab, sich zur Schau zu stellen.

Zu diesen Tanze führte Godolphin Lady Margarethe. Alles drängte sich herbei, die Tänzer zu sehen, und machte, je nachdem in dem wilden, schwindlichem Kreise sich ein Paar hin und her bewegte, seine Bemerkungen über die Geschmacklosigkeit, oder die Sonderbarkeit, oder die Unschicklichkeit des Tanzes. Als aber Godolphin antrat, änderte sich das Gemurmel mit einem Male. Der langsame und stolze Takt, in dem gerade gespielt wurde, diente ausnehmend dazu, die Grazie und Symmetrie seines Körpers zu entfalten. Lady Margarethe verstand den Tanz wenigstens eben so gut; und das Paar übertraf die übrigen so sehr, daß diese es selbst fühlten, und eines nach dem andern einhielten, und als Godolphin, sobald er sich allein sah, ebenfalls aufhörte, ließen die Zuschauer ihren Beifall lautbarer werden, als dies sonst in einer guten Gesellschaft gewöhnlich geschieht.

Als Godolphin abtrat, begegnete sein Blick dem Konstanzens. Aber er fand nicht den Ausdruck darin, den er erwartet hatte: es sprach weder der Zorn der Eifersucht aus demselben, noch die Unruhe verletzter Eitelkeit, noch der Wunsch der Versöhnung. Es schien vielmehr, ein trübes Forschen in demselben zu liegen, das in seine Herz zu dringen und zu entdecken wünschte, ob sie wirklich die Macht besäße, ihn zu verwunden, oder ob jeder sich getäuscht habe. Godolphin ließ Margarethe ohne Umstände stehen, und war in einem Augenblick neben Konstanze.

– Sie müssen von dem heutigen Abend entzückt seyn, sagte er bitter, wohin ich mich wende, höre ich nur Ihren Ruhm; jeder bewundert Sie, und er, der Sie nicht so sehr bewundert, als verehrt, er allein ist Ihrer Beachtung würdig. Er, dem nur ein zerrüttetes Vermögen beschieden ward, darf in der That nicht nach dem streben, was Tölpel mit Rang und Geld sich nehmen zu können glauben – die Hand Konstanze Vernon's.

Godolphin sprach mit tiefer, ruhiger Stimme. Konstanze wurden todtenblaß, zitterte, antwortete aber nicht sogleich. Sie begab sich nach einem etwas von der Menge entfernten Sitze, Godolphin folgte ihr, und setzte sich neben sie. Dort erst sprach Konstanze, wiewohl mit einiger Anstrengung.

– Sie haben gehört, Herr Godolphin, was hier gesprochen worden, und das schmerzt mich! Habe ich Sie beleidigt, so bitte ich Sie um Verzeihung; ich bitte Sie innig, herzlich darum. Gott weiß, ich habe selbst zu viel von unnützen Worten und der geringschätzenden Meinung gelitten, mit welcher diese harte Welt die Armen heimsucht, als daß ich nicht tiefen Kummer und Schaam empfinden sollte, wenn ich auf gleiche Weise einen andern, vor allem aber – Konstanzens Stimme bebte – vor allem aber Sie verletzte.

Konstanze wendete, als sie sprach, ihre Augen gegen Godolphin, und sie schwammen in Thränen. Bei dieser zärtlichen Stimme, bei diesem Blick schmolz sein Herz. An ihn hatte die stolze Konstanze diese freundlichen Worte der Entschuldigung gerichtet! An ihn, dessen äußere Umstände ihr, und, wie seine Vernunft ihm sagte, mit Recht ihrer so unwürdig geschildert worden waren!

– Oh, Miß Vernon, sagte er leidenschaftlich, Miß Vernon – Konstanze – theure, theure Konstanze! Darf ich Sie auch so nennen? Hören Sie nur Ein Wort. Ich liebe Sie mit einer Liebe, welche mir keine Worte in den Mund gibt, sie Ihnen zu schildern. Ich kenne meine Fehler, meine Armuth, meine Unwürdigkeit, aber – aber – darf ich hoffen?

Das ganze Gefühl des Weibes sprach aus Konstanzens Gesicht, als sie diesen Worten lauschte. Die Wangen glühten, die Augen waren feucht, die Brust hob sich. Jedes Wort dieser abgebrochenen Rede sank tief in ihr Herz; nie vergaß sie einen Ton dieser Stimme. Das Kind mag seine Mutter vergessen und die Mutter das Kind verlassen, aber nie, nie schwindet aus dem Herzen einer Frau die Erinnerung an die erste Liebeserklärung dessen, der ihre erste Liebe war. Sie erhob ihre Augen, schlug sie nieder und erhob sie wieder.

– Es darf nicht seyn, sagte sie endlich, es ist Thorheit, Wahnsinn von uns Beiden.

– Nicht so, nicht so, flüsterte Godolphin mit dem sanftesten Tone einer Stimme, die nie rauh sein konnte. Es mag, wie Sie wollen, Thorheit, Wahnsinn seyn, daß die von allen vergötterte Miß Vernon auf die Erklärung eines so niedrig stehenden Bewunderers hören soll, aber prüfen Sie mich – erproben Sie mich, und Sie werden – ja Sie werden in einigen Jahren eingestehen, daß diese Thorheit das Glück der Vorsicht und des Ehrgeizes übertroffen hat.

– Dies, antwortete Konstanze, mit ihrer Bewegung kämpfend, dies ist kein Platz für solch ein Gespräch. Wir wollen uns morgen wiedersehen – in dem westlichen Zimmer.

– Die Stunde?

– Um zwölf.

– Und ich darf hoffen – bis dann wenigstens?

Konstanz erblaßte wieder und antwortete mit einer Stimme, welche, obgleich sie kaum die Lippen zu bewegen schien, doch sein plötzliches, wonnevolles Vertrauen trübte und erkältete.

– Nein, Percy, es ist keine Hoffnung – keine!

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