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Godolphin oder der Schwur

Edward Bulwer-Lytton: Godolphin oder der Schwur - Kapitel 17
Quellenangabe
typefiction
booktitleGodolphin oder der Schwur
authorEdward Bulwer-Lytton
year1834
publisherVerlag Jakob Anton Mayer
translatorLouis Lax
addressAachen und Leipzig
titleGodolphin oder der Schwur
submitted20050620
senderniki_nikotini@hotmail.com
created20051104
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Vierzehntes Kapitel.

Unterredung zwischen Godolphin und Konstanze. – Land- und Stadtleben.

Und Godolphin kam am Mittwoch. Er war voll Leben an dem Tage, er glänzte. Lady Erpingham hielt ihn für den reizendsten aller Männer, und selbst Konstanze vergaß, daß es keine Partie für sie sey. Gebildet und geistreich, wie sie war, mußte sie mit Entzücken seinen glühenden Schilderungen von Gegenden und seiner muthwilligen, und doch melancholischen Ironie gegen die Menschen und ihr Treiben zuhören. Ihrer besondern Geistesbildung zufolge, liebte die das Letztere mehr, als sie das Erstere würdigen konnte, denn in ihrer Natur lag mehr Bitterkeit, als Schwärmerei. Trotzdem schmeichelte seine blühende Sprache, seine strömende Beredsamkeit, selbst bei Beschreibungen, ihrem Ohr und ihrer Phantasie, wenn sie auch nicht bis zu ihrem Herzen drangen, bis sie unmerklich sich von einem Zauber hinreißen ließ, den sie bei Andern fast verachtet hätte.

Am andern Morgen streifte Konstanze, die das frühe Aufstehen nicht sehr liebet, von der Schönheit der Mittagsstunde angezogen, durch die Gärten. Sie war überrascht, als die Godolphin's Stimme hinter sich hörte; sie wandte sich um, und er eilte auf sie zu.

– Ich glaube, Sie wären auf die Jagd gegangen.

– Das war ich, bin aber bereits zurückgekehrt. Ich hatte mich mit Tagesanbruch auf den Weg gemacht, und bin gegen Mittag zurückgekommen, in der Hoffnung, Sie auf Ihrem Spaziergange oder beim Ausreiten begleiten zu dürfen.

Konstanze nahm die Zuvorkommenheit lächelnd an, und als sie die geraden Wege des altmodischen, pomphaften Gartens hinaufgingen, lenkte Godolphin das Gespräch auf die Mannigfaltigkeiten der Gartenanlagen; und die Dichter, welche sie am besten beschrieben haben, auf den Unterschied zwischen Stadt- und Landleben, welches die Sänger in allen Zeiten mit so glühenden Worten hervorgehoben haben. Bei diesem Gespräch ließen sich einzelne kontrastirende Punkte in den Karakteren der beiden jungen Leute bemerken.

– Ich gestehe, sagte Godolphin, daß ich wenig Zutrauen an die dauernde Neigung eines Stadtbewohners für das Land habe. Wenn wir unsern Geist ganz allen mit den Gegenständen um uns beschäftigen können, wenn der Bach und der alte Baum, und der goldige Sonnenuntergang und die Sommernacht, und das rohe, materielle Leben, das wir überblicken, wenn das unsere Schranken und die fieberhaften Pläne der Zukunft in uns ersticken kann, dann freilich kann ich die Wirklichkeit jenes ruhigen und glücklichen Zustandes begreifen, welchen unsre ältern Poeten als den Bestand des Landlebens entwickelt haben. Nehmen wir aber in diese Schatten die rastlosen und wilden Begierden der Stadt mit hinüber, benutzen wir die gegenwärtige Muße nur zu Anschlägen für eine aufgeregte Zukunft, dann spielen wir umsonst den Eremiten und flüchten in die Einsamkeit. In dem Augenblick, wo die Neuheit der grünen Gefilde dahin ist, wo unsere Entwürfe festgesetzt sind, wünschen wir auch zu ihrer Ausführung nach der Stadt zu eilen. Wir haben dann, mit Einem Worte, unsere Zurückgezogenheit nur als eine Pflanzschule für Pläne gebraucht, die jetzt aufschießen, und umgesetzt werden müssen.

– Sie haben Recht, antwortete Konstanze schnell, und wer möchte das Leben verbringen, als ob es ein Traum wäre? Es scheint mir, daß wir die Einsamkeit nur dann gut benutzen, wenn wir sie als Mittel für unsere Zwecke in der Welt nehmen.

– Eine sonderbare Lehre, dachte Godolphin, für eine junge Schönheit, deren Kopf voller Haine und Liebe seyn sollte. – In dem Falle, sagte er laut, muß ich zu denen gezählt werden, welche die Zurückgezogenheit mißbraucht haben, denn ich habe mir bis jetzt mit dem Gedanken geschmeichelt, daß ich sie ihm ihrer selbst willen genossen habe. Trotz dem künstelnden Leben, das ich bisher geführt habe, hat doch jede Stimme der Natur eine Macht über mich, der ich nicht widerstehen kann. Welche in einer Stunde erzeugten Gefühle lassen sich auch mit denen vergleichen, welche so sanft und ungerufen in uns aufkeimen, wenn der Wald und das Wasser unsere einzigen Gefährten, die einzige Quelle unserer Aufregung und Berauschung sind! Ist Beschauung nicht besser, als Ehrgeiz?

– Ist das Ihr Ernst? fragte Konstanze ungläubig.

– Gewiß!

Konstanze lächelte, und in dieses reizende Lächeln hätte sich vielleicht Verachtung gemischt, hätte ihr Godolphin nicht wider ihren Willen ein Interesse eingeflößt.

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