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Godolphin oder der Schwur

Edward Bulwer-Lytton: Godolphin oder der Schwur - Kapitel 15
Quellenangabe
typefiction
booktitleGodolphin oder der Schwur
authorEdward Bulwer-Lytton
year1834
publisherVerlag Jakob Anton Mayer
translatorLouis Lax
addressAachen und Leipzig
titleGodolphin oder der Schwur
submitted20050620
senderniki_nikotini@hotmail.com
created20051104
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Zwölftes Kapitel.

Beschreibung von Godolphin's Haus. – Erstes Zusammentreffen. – Wirkung auf Konstanze.

– Aber, fragte Konstanze, als sie am nächsten Tage mit Lady Erpingham die beabsichtigte Wanderschaft nach den Trümmern der Godolphin's Priorei antrat, wenn der verstorbene Herr Godolphin, als er zu Jahren kam, so karg geworden ist, so muß er ja seinem Sohne einigen Zuwachs zu dem Stückchen Landes hinterlassen haben, das wir eben besuchen wollen?

– Er muß sicher einiges baares Geld nachgelassen haben, antwortete Lady Erpingham. Ist es aber auf der andern Seite wahrscheinlich, daß ein junger Mann, wie Percy Godolphin auf seine Art gelebt hat, ohne Schulden zu machen? Es läßt sich voraussehen, daß er seine Zuflucht zu den Menschen genommen hat, die so schnell bereit sind, junge, verschwenderische Personen aufzumuntern, und daß die Rückbezahlung an sie mehr als die etwaigen Ersparnisse seines Vaters verschlingen wird.

– Leider wahr! sagte Konstanze, und die Unterhaltung ging in Bemerkungen über filzige Väter verschwenderischer Söhne über. Konstanze sprach mit Witz darüber, und Lady Erpingham lachte sich in die beste Laune hinein.

Mittag war längst vorüber, als sie an den Ruinen ankamen. Der Wagen hielt vor einem kleinen Gasthause, am Eingange eines offenen Parkes, und Lady Erpingham und ihr Schützling benutzten das schöne Wetter, und gingen langsam zu Fuß weiter nach den Trümmern der Priorei.

Je näher sie kamen, desto wilder und romantischer wurde der Schauplatz. Ein langer, durchsichtiger See lag vor ihnen; an dem andern Ufern waren die Ruinen. Das breite Fenster der Vorhalle, die Gothischen Bogen, die zerbrochenen und doch noch majestätischen Säulen, sämmtlich vom Alter geschwärzt und mit Moos überzogen, standen noch und spiegelten sich in dem glatten, schweigenden Wasser. Rings umher und bis zu einer bedeutenden Entfernung lagen Bruchstücke von Steinen, und das Ganze lehnte sich an die Hügel, die mit düsterm, dichten Gebüsche von Fichten- und Lerchenholz bedeckt waren. Links sah man den Strom, der den See mit Wasser versorgte, sich, von Weiden und Erlen überschattet, zwischen Rasen-Ufer verschwinden, und dort kräuselten sich aus einer oder zwei, nur kaum sichtbar werdenden Hütten dünne Rauchsäulen gegen den klaren Himmel auf. Rechts spaltete sich das Land in tausend Thäler und Schluchten: das dem Hirsche so willkommene Farrenkraut, der glänzende Ginster wuchs in Überfluß, und hier und dort zeigten sich dichte Haine oder auch an vereinzelten Punkten (denn hier trug alles den Stempel der Zeitherrschaft) irgend ein abgestorbener Stamm, der selbst sterbend noch von grüner Kraft und gebietender Ehrfurcht zeugte.

Als sie über eine Brücke schritten, welche auf beiden Seiten des Flusses, aus einem dicken Buschwerke gleichsam hervortauchte, erblickten sie die kleine Wohnung, welche an die Ruinen stieß. Sie schien ganz mit Epheu bedeckt, und verminderte nicht, sondern erhöhte noch eher den romantischen, imposanten Eindruck des zerfallenden Gemäuers, an dem es sich aufrichtete.

Sie öffneten ein kleines Thor an dem äußersten Ende der Brücke und standen in wenigen Augenblicken an dem Eingange der Priorei.

Es war eine eichene, mit Nägeln beschlagene Thür. Auf beiden Seiten wuchs Jasmin, der sich herumgeschlungen hatte, daß man nur mit Mühe die Glocke finden konnte. Als die Damen sie endlich ergriffen und angezogen hatten, schallte sie so hell und klangvoll durch die einsame Stille, daß sie einen ergreifenden Eindruck machte. Es liegt etwas Zauberhaftes in der lustigen Stimme einer Glocke, wenn sie durch die Wildnis der Natur hallt, besonders wo die Zeit ihren Einfluß auf die Landschaft ausgeübt hat; denn die Lustigkeit ist etwas gespenstisch und könnte leicht zur Sturmglocke für die Elfenschaar werden, die unser Fußtritt aufgelöst hat.

Ein altes Weib, in der artigen Bauerntracht unseres Landes – wenn etwas von der Mode des vorigen Jahrhunderts, die Mütze und das Kopftuch, beibehalten worden ist – erschien auf diesen Ruf. Sie war die einsiedlerische Führerin dieses Platzes. Seit dreißig Jahren hatte sie, eine verlassene, kinderlose Wittwe, daselbst gelebt, und würde von allen Personen, die ich je gesehen habe, die beste Heldin zu einem jener herrlichen Bilder eines stillen (und doch so geistvollen) Lebens abgegeben haben, welche Wordsworth mit der patriarchalischen Zärtlichkeit seines Genius ausgestattet hat.

Sie wandten sich durch einen engen Weg und kamen zu den Ruinen der großen Halle. Ihre Gothischen Bogen sprangen auf beiden Seiten leicht in die Höhe, und als die alte Frau ihnen einen breiten, steinernen Kasten geöffnet hatte, der in einem Winkel stand, zeigte sie ihnen die Handschuhe, und den Helm, und die zerfetzten Paniere, welche dem Godolphin gehört hatten, der neben Sidney gefochten, als er, dessen Leben – wie der edelste der Brittischen Lyriker Campbell. sagt – verkörperte Poesie war, auf dem Felde von Zuthphen seine Todeswunde empfing.

Von da stiegen sie die zertrümmerte, zerbröckelnde Treppe in ein kleines Zimmer herab, wo die Besucher gewöhnlich sich auszuruhen und sich der Aussicht auf den Garten unten zu erfreuen pflegten. Wo einst das Fenster war, gähnte eine breite Kluft, und um diese Öffnung rankte sich der Epheu in phantastischer Üppigkeit. Eine Art Leiter führte die, welche die Aussicht zu einer kurzen Ausflucht verleitete, von dieser Kluft auf den Boden herab.

Und die Aussicht war wirklich verlockend. Ein weicher, grüner Rasenplatz war von Sträuchen und Blumen umkränzt, und in der Mitte durch eine Springquelle geziert. Das Wasser war freilich ausgetrocknet, aber das Becken und der Triton mit seiner gewundenen Muschel waren doch noch da. Ein wenig rechts stand eine alte, mönchische Sonnenuhr, und durch das grüne Laubwerk schimmerte eine jener grauen Statuen, mit denen die Zeit Elisabeths den klassischen Geschmack geschändet hat.

Es lag etwas Heiliges, Ehrfurchtgebietendes auf der ganzen Stelle, und als die Alte zu Konstanze sagte: »Wollen Sie nicht hinabgehen, Mylady, und die Uhr und die Quelle ansehen?« so fühlte Konstanze, daß sie nur darauf gewartet hatte, um ihrem eigenen Drange nachzugeben. Lady Erpingham, die weniger romantisch war, blieb in dem verstörten Zimmer und die alte Frau beehrte, wie natürlich, die ältere Lady mit ihrer Gesellschaft.

Konstanze ging also allein die rauhen Stufen hinunter. Als sie an der Springquelle vorbeikam, überfiel sie, die nur selten ein so sanftes und natürliches Gesicht empfunden hatte, eine unbeschreibliche, wonnige Sehnsucht nach Ruhe. Die Stunde, die Stille, der Ort, alles trug dazu bei, ihr Herz in die halbbewußtlosen Träumereien einzuwiegen, in welchen, wie uns die Dichter schildern, einst die Eremiten träge, und bei allem dem doch nicht so thöricht, ihr Leben hinbrachten. »Mich dünkt, dachte sie, wenn ich hier umherblicke, so könnte ich den Zweck meines Lebens aufgeben, auf meine Hoffnungen verzichten, Ehrgeiz und Verstellung vergessen, in diesen Ruinen leben, und, liebend und geliebt, das gewöhnliche Geschick des Weibes erfüllen.«

Nachdem sich die stolze und unruhige Konstanze, welche die Liebe als die armseligste aller menschlichen Schwächen verachtete, obwohl sie für jede andere Schwärmerei empfänglich genug war, eine Zeitlang dieser, ihr so fremden Gemüthsstimmung hingegeben hatte, verließ sie den Rasen und drang in die durch den Hain gehenden Schattengänge. Durch das Murmeln eines ungesehenen Baches angezogen, folgt sie dem immer näher kommenden Rauschen, bis sie ihn endlich erblickte. Die Sonne, welche sich nur an einzelnen Stellen durch die Bäume stahl, glitzerte auf dem kalten und dunklen Wasser, während es dahin rieselte, und gab ihr, wie früher schon manchem Dichter, Stoff zu Gleichnissen und moralischen Folgerungen.

Sie näherte sich dem Bache und stieß unversehens auf einen jungen Mann, der gegen einen verkrüppelten, über das Wasser gebogenen Baum lehnte, und sich an dem leeren Zeitvertreib ergötzte, Steine in den Bach zu werfen. Sie sah nur sein Profil; aber bei einem schönen Antlitz ist dieser Gesichtsausdruck der beste und vortheilhafteste. Der Fremde, der nur kaum erst aus dem Jünglingsalter getreten seyn konnte, war in tiefe Trauer gekleidet. Er schien von schmalem Wuchs. Eine Reisekappe von Zobel stach gegen das ausnehmend starke und schöne lichtbraune Haar ab. Seine Züge waren von der reinen, strengen Griechischen Form, deren einziger Fehler ist, daß eben durch diese Vollkommenheit sie ein etwas hartes, sprödes Ansehen erhalten. Die Farbe war blaß, sogar bleich, der ganze Schnitt des Kopfes verrieth großen Verstand und jene Tiefe des Geistes, welche man bei niemanden bemerken kann, ohne sich von einer unbestimmten Neugierde und Theilnahme ergriffen zu fühlen.

So dunkel und wunderbar sind die Werke der Natur, daß es fast niemanden – ist er auch noch so leichtsinnig und gedankenlos – geben dürfte, der nicht durch den Anblick eines in tiefes Nachsinnen versunkenen Menschen festgehalten, der nicht stillstehen und in die Geheimnisse zu dringen suchen würde, welche die Welt in Bewegung setzen, die unbeschränkt von Natur, aber oft nur zu sehr eingezwängt durch Gewohnheiten ist – die innere Welt.

Dies Interesse fesselte auch Konstanze. Sie blieb einen Augenblick stehen, betrachtete das Gesicht des jungen Fremden und wendete sich dann – sie, das besonnenste, stolzeste aller menschlichen Wesen – erröthend und verwirrt, obgleich sie nicht gesehen wurde, schnell um, und hielt nicht eher an, als bis sie wieder zu der alten Frau und zu Lady Erpingham gekommen war.

Das alte Weib predigte über die Verdienste des verstorbenen Besitzers der Godolphin's Priorei: »denn, wenn gleich man ihn genau uns dergleichen nannte, so war er doch großmüthig gegen Andere, Mylady. Nur sich allein zwackte er es ab. Aber der jetzige Herr wird ihm nicht nachschlagen.«

– Ist Herr Percy Godolphin kürzlich hier gewesen? fragte Lady Erpingham.

– Er ist noch hier, Mylady, antwortete die Alte; er ist erst vor zwei Tagen angekommen.

– Gleicht er seinem Vater?

– Oh, kein Gedanke von einem so schmucken Gentleman! Viel schmaler, und ganz blaß. Er scheint krank. Ja, ja die fremden Länder thun niemandem gut. Im fünfzehnten Jahre war er ein so hübscher Junge, als wie einer, aber jetzt sieht er sich nicht mehr ähnlich.

So war es also klar, daß Konstanze am Bach Percy Godolphin gesehen hatte, den Eigenthümer eines Hauses ohne Geldkiste, einer Besitzung ohne Einkünfte, denselben Percy Godolphin, von dem, ehe er noch das Alter erreicht hatte, wo andere die Universität, ja die Schule verlassen, bereits viele günstig, alle mit Interesse sprachen. Konstanze fühlte ein unbestimmtes Gefühl für ihn in ihrer Brust erwachen; sie drängte es zurück, den es war eine Sünde in ihren Augen, mit Theilnahme an einen Mann zu denken, der weder reich, noch angesehen war, und als sie mit Lady Erpingham die Ruinen verließ, theilte sie dieser ruhig ihr Abentheuer mit. Doch war sie nicht aufrichtig, denn obgleich Godolphin's Schönheit gerade von der Art war, welche Konstanze am höchsten bewunderte, so schilderte sie ihn doch durchaus so, wie die alte Frau, und Lady Erpingham dachte sich nach dieser Beschreibung einen kleinen, gelbaussehenden Menschen mit weißen Haaren und einer Stumpfnase. Wahrheit! Wie rauh ist dein Pfad! Hält sich einer, selbst bei der gewöhnlichsten Kleinigkeit, nur zwei Zoll weit an dich? Und doch sind zwei Seiten meiner Bibliothek mit Geschichten angefüllt!

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