Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Edward Bulwer-Lytton >

Godolphin oder der Schwur

Edward Bulwer-Lytton: Godolphin oder der Schwur - Kapitel 13
Quellenangabe
typefiction
booktitleGodolphin oder der Schwur
authorEdward Bulwer-Lytton
year1834
publisherVerlag Jakob Anton Mayer
translatorLouis Lax
addressAachen und Leipzig
titleGodolphin oder der Schwur
submitted20050620
senderniki_nikotini@hotmail.com
created20051104
Schließen

Navigation:

Zehntes Kapitel.

Konstanzens Karakter-Bildung.

Währenddes wuchs Konstanze Vernon zur schönen Jungfrau auf. Ihre ganze Umgebung trug dazu bei, die finstern Gedanken zu nähren, welche sie ihr ihres Vaters Sterbeworte vermacht hatten. Von Natur stolz und empfindlich, erfüllte sie jede, erst zufällige Hintenanstellung mit tiefem, anhaltenden Grolle. Das verlassene, abhängige Mädchen mußte allerdings mehr als einmal in den bitteren Fall kommen, wo es ihr nicht verborgen bleiben konnte, daß die Welt, welche Rang und Reichthum für die Haupttugenden hält, ihre Stellung nicht vergessen habe. Manch lautes Gelächter, manche absichtliche Seitenbemerkung erreichte ihr stolzes Ohr, und trieb ihr das Blut in die bleichen Wangen. Solche Vorfälle vermehrten noch die natürliche Herbe ihres Geistes, erkälteten den Strom ihrer jugendlichen Neigungen, und schlürften mit unermüdlichem Eifer ihren bitteren und brennenden Haß gegen eine Aristokratie, die sie für eben so anmaßend, als werthlos hält. Einen überlegt feinen und edlen Geschmack mußte die Gemeinheit, der Übermuth von heute und die morgende Demuth, die Verehrung der Gewalt, und die Gleichgültigkeit gegen die Tugend, welche die Tonangeber »der Gesellschaft« bezeichnet, mit Zorn und Verachtung erfüllen, so daß Konstanze die glänzenden Zirkel, nach welchen so Viele mit hoffnungsvoller Sehnsucht aufblicken, nur besuchte, um zu verlachen, zu schmähen, zu verachten.

Dieses Gefühl der Geringschätzung war so energisch, wurde so unablässig genährt, daß es noch mit gleicher Bitterkeit obherrschte, als Konstanze später die Königin und Gebieterin dieser großen Welt geworden war, in welcher sie jetzt zwar schon glänzte, aber nur um zu blenden, nicht um zu herrschen. Was ihr Anfangs nur als ein unsinniger, ausgearteter Wunsch ihres Vaters scheinen mochte, wurde, so weit ihre Erfahrung zunahm, ein natürliches, lebenswerthes Gebot. Sie beschloß, die hochmüthigen Anmaßungen um sich her, nicht bloß um ihrem Vater zu gehorchen und ihn zu rächen, sondern auch zur eigenen Befriedigung, zu demüthigen. Aus dieser Verachtung des Ranges entsprang natürlich das Trachten nach dem Range. Die junge Schönheit nahm sich vor, die Liebe aus ihrem Herzen zu verbannen, sich ganz einem einzigen Ziel und Zwecke zu widmen, und Titel und Rang zu erringen, um ihrer Geringschätzung dieser Eigenschaften bei Andern mehr Macht und Bestand zu geben, und oft wiederholte sie in der Mitte der Nacht den Schwur, welcher ihres Vaters letzten Augenblick erheitert hatte, und gelobte sich feierlich, die Liebe in ihrem Herzen zu ersticken, und nur nach Rang, nur nach Ansehen zu heirathen.

Als die Tochter eines so berühmten Politikers fand Konstanze natürlich großes Interesse an der Politik. Jedem Gespräch über Staats-Angelegenheiten lieh sie ein aufmerksam gespanntes Ohr. Mit männlicher Wärme schloß sie sich den Ansichten an, welche man damals als das Extrem der Freisinnigkeit betrachtete, und hielt die Laufbahn, welche die gesellschaftliche Ordnung, auf die Männer beschränkt, für die edelste, erhabenste der Welt. Ins Geheim versuchte sie das Geschick, das sie zu einem Weib gemacht und sie verhindert hatte, persönlich die Grundsätze zur Ausführung zu bringen, welche sie so leidenschaftlich angenommen hatte. Dabei vernachlässigte und schonte sie jedoch die glänzende Waffe des Witzes nicht, welche sie mit der ganzen Schärfe und mit der beißenden Energie ihrer Verachtung zu zücken wußte. Der Anmaßung stellte sie Sarkasmen entgegen, und da sie frühzeitig einsehen lernte, daß die Gesellschaft, wie die Tugend zu Boden getreten werden muß, wenn sie verherrlichen soll, so suchte sie sich durch den Stolz ihres Benehmens, die Derbheit ihrer Satyre, die Unabhängigkeit ihres Geistes mehr noch, als durch ihre mannigfaltigen Talente und ihre unvergleichliche Schönheit in Achtung zu setzen.

Über Lady Erpingham hatte sie sich nicht zu beklagen; gütig, umgänglich, leichten Sinnes, karakterlos, hatte ihre Gönnerin sie zuweilen durch Vernachlässigung, nie mit Absicht verletzt: im Gegentheil, die Gräfin liebte und bewunderte sie, und nahm es sich so zu Herzen, ihr eine glänzende Verbindung zu schaffen, als ob sie ihre eigene Tochter gewesen wäre. Konstanze liebte deshalb auch Lady Erpingham mit aufrichtiger Innigkeit, und versuchte die niedrige und gemeine Seite ihres Karakters zu vergessen, da sie sonst gerade zu der Art gehört hätte, gegen welche ein Wesen, wie Konstanze, die geringste Nachsicht gezeigt haben würde.

 << Kapitel 12  Kapitel 14 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.