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Godolphin oder der Schwur

Edward Bulwer-Lytton: Godolphin oder der Schwur - Kapitel 12
Quellenangabe
typefiction
booktitleGodolphin oder der Schwur
authorEdward Bulwer-Lytton
year1834
publisherVerlag Jakob Anton Mayer
translatorLouis Lax
addressAachen und Leipzig
titleGodolphin oder der Schwur
submitted20050620
senderniki_nikotini@hotmail.com
created20051104
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Neuntes Kapitel.

Das Vermächtnis. – Ein neuer Fehler von Saville. – Die Art weltlicher Verbindungen. – Godolphin verläßt England.

Aber freilich muß man, wenn man sich die Bühnentäuschung erhalten will, keine Schauspielerin zur Geliebten haben: das führt uns zu sehr hinter die Coulissen. Godolphin fühlte dies so lebhaft, daß er die Stücke, in denen Fanny spielte, am wenigsten liebte. Er wußte zu gut, daß sie ein Weib sey, als daß er sich so weit hätte verblenden können, sie für mehr zu halten. Zum Glück wagte sich Fanny nicht an Shakespeare. Sie war unübertrefflich im Baudeville, in der Posse und den niedrigern Lustspiele, aber die Tragödie hatte sie, seit sie aus den Scheunen hervorgegangen war, wohlweislich aufgegeben. Sie besaß Talent und Scharfblick, und erkannte genau die Bahn, auf der sich ihre Eitelkeit ohne Gefahr und Verletzung ergehen konnte. Und in ihrem Wesen lag eine Einfachheit, eine Offenheit, die sie zu einer sehr angenehmen Gesellschafterin machten.

Die Neigung zwischen ihr und Godolphin war nicht sehr heftig: es war ein seidenes Band, das sich bei Gelegenheit hundertmal knüpfen und zerreißen ließ, ohne daß es die so leicht vereinten Herzen sehr verwundet hätte. Auf Godolphin hatte die Neigung selbst gar keinen Einfluß, einen desto größeren aber hatten die Wirkungen derselben.

Als er eines Nachts, nach einer mehrtägigen Abwesenheit aus der Stadt, vom Theater nach Hause kam, fand er unter den Briefen, die seiner warteten, einen von seinem Vater. Er hatte einen schwarzen Rand, und war schwarz gesiegelt. Godolphin erschrak: zitternd öffnete er das Schreiben und las, wie folgt:

»Theurer Percy!

»Ich habe Neuigkeiten für Dich, von denen ich nicht weiß, ob ich sie gut oder bös nennen soll. Dein Cousin, das alte Original, Henry Johnstone, ist gestorben, und hat dir von seinem ungeheuern Vermögen nur die ärmliche Summe von zwanzig tausend Pfund vermacht. Und auch das, denke Dir, nur unter der Bedingung, daß Du aus der Garde trittst, und entweder bei mir wohnst, oder wenigstens bis zu Deiner Mündigkeit London verläßt. Weisest Du diese Bedingungen zurück, so verlierst Du das Legat. Es ist eigen, daß dieser sonderbare Mensch sich so viel um Deine Moralität kümmert, und doch mir nicht einen einzigen Schilling hinterläßt. Aber Gerechtigkeit ist außer Mode, und man frägt nur nach Scheintugend. Ich bitte Dich, wenn Du zu mir kommen solltest, mir zwölf Ellen Flannell, nach beifolgendem Muster, mitzubringen. Snugg in Oxfordstreet, bei Tottenham-Court-Road, ist mein Kaufmann. Es ist gewiß hübsch von dem alten Johnstone, aber es ist bei allem dem auffallend, daß er mich übergangen hat. Wie hast Du ihn kennen gelernt? Die zwanzig tausend Pfund werden unserer armen Besitzung gut thun. Ich bitte Dich, Percy, ich bitte Dich, denke daran.

»Ich habe zum erstenmale einen Anfall von der Gicht gehabt. Ich habe zu viel geschwelgt, denke aber, durch gehörige Enthaltsamkeit, mich davon zu kuriren. Viele Komplimente an den glatten Schelm von Saville.

»Dein liebevoller

A.G.«

»Nachschrift. Ich habe die alte Sally wegen ihres Verhältnisses mit dem Fleischerknecht fortgeschickt, denn bei solchen Geschichten kommt man mit dem Fleisch zu kurz. Bess ist jetzt meine einzige Gehilfin, außer dem alten Weibe, das die Ruinen zeigt. Es ist besser so. Was für ein excentrischer Mensch der Johnstone war! Ich hasse excentrische Leute.«

Der Brief entfiel Percy's Händen. Und das also war der Erfolg seiner einzigen Unternehmung mit dem armen alten Mann! Solche wunderliche, ungewöhnliche Ereignisse – Ereignisse, welche sein ganzes Leben durchstreiften – waren es, die Godolphin's Geist unbewußt einen Anstrich von Aberglauben gaben. Er gab sich später gern mit höheren Einflüssen und Fügungen ab.

Es läßt sich denken, daß er die ganze Nacht kein Auge zuthat. Am frühen Morgen schon suchte er Saville auf und theilte ihm die Nachricht mit, die er erhalten hatte.

– Komisch! sagte Saville nachlässig, und doch nicht wenig aufgebracht, daß ein Anderer sich großmüthig gegen Godolphin zeigen wollte, da er denn gleich allen engherzigen Menschen auch eifersüchtig war – komisch! hm! Und du hast ihn doch nur einmal gesehen, und das Eine Mal schimpfte er auf mich. Das wundert mich, da ich mich gegen seinen gemeinen Sohn sehr gefällig gezeigt habe.

– Was, er hatte einen Sohn?

– Ja, ein zweibeiniges, dürres, knochiges Geschöpf der Art gerieth nach London und war Anfangs ganz verblüfft. Der alte Johnstone war auf dem Lande, hütete seine Frau, die seit ihrer Heirath den Gebrauch ihrer Beine verloren hatte – sie hatte einen heftigen Mann bekommen. Der Knabe, der einzige Sohn und Erbe, kam im kitzlichsten Alter nach der Stadt! – ich wurde bekannt mit ihm – nahm ihn unter meine Flügel – machte einen anständigen Menschen daraus – spielte ein wenig mit ihm – gewann etwas Geld – wollte nichts mehr gewinnen – rieth ihm, die Sache zu lassen – er sey zu jung zum Spielen – vernachlässigte meinen Rath – trieb es fort, und der verdammte Bursche! Eines Tages schnitt er sich den Hals ab, und der Vater warf zu meinem Erstaunen die Schuld auf mich!

Godolphin stand starr, in sprachloser Entrüstung. Von dieser Stunde an liebte er Saville nicht mehr.

– In der That, fügte Saville kalt hinzu, er hatte bedeutend verloren. Sein Vater war ein strenger, harter Mann, und der arme Junge fürchtete sich vor seinem Zorne. Ich glaube, der Herr Papa hielt mich für einen moralischen Oger, der alle jungen Bursche aufspeist, die ihm in den Weg kommen. Sonst wüßte ich nicht, warum er Dir die zwanzig tausend Pfund nur unter der Bedingung hinterließe, Dich vor mir in Acht zu nehmen und die Höhle zu vermeiden, in der ich hause. Sehr schmeichelhaft! Und wohin willst Du gehen? Nach Spanien?

Diese Geschichte hatte Percy tief ergriffen. Es schmerzte ihn wahrhaft, daß er nicht den verlassenen Vater ausgesucht und ihn einigermaßen in seiner letzten Stunde getröstet hatte. Er wußte die warme Sympathie, das zarte Gefühl zu würdigen, welches den alten Mann angetrieben hatte, sich der unbeschützten Lage seines jungen Verwandten zu erbarmen, und seine Gabe mit einer Bedingung zu verknüpfen, welche Percy's Begierden vielleicht auf die so verschaffte Unabhängigkeit beschränkte, jedenfalls aber ihn während der gefährlichen Jahre von einem Schauplatze ewiger Verderbnis entfernen mußte. In diese Gedanken versunken, begab sich Godolphin nach der Wohnung der jetzt berühmten und bewunderten Miss Millinger.

Fanny nahm die gute Nachricht von seinem Glücke mit einem Lächeln, und die böse Nachricht von seiner Abreise aus England mit einer Thräne auf. Es gibt Neigungen, deren Tiefe wir so leicht ergründen, daß es dem einen nie einfällt, von dem andern Opfer zu verlangen, welche bei ernsteren Verbindungen unvermeidlich scheinen. Es fiel Fanny nicht ein, ihre theatralische Laufbahn zu verlassen, um Godolphin zu begleiten, und Godolphin fiel es nicht ein, einen solchen Schritt zu verlangen. Das sind ganz angenehme Liaisons, mein guter Leser, das sind die Verhältnisse der großen Welt; fasse sie ins Auge, und lerne die große Welt kennen.

Die Einrichtungen waren schnell getroffen. Godolphin wurde sein Offiziers-Patent leicht los. Sechs hundert Pfund jährlich wurde ihm von seinem Vermögen während seiner Minderjährigkeit ausgeworfen. Damit konnte er anständig, wenn auch nicht als Englischer Lord, doch als Weltbürger auftreten. In einem Alter von nicht mehr als sechszehn Jahren, aber mit einem Karakter, den frühzeitige Unabhängigkeit gebildet und auch halb entnervt hatte, sah der junge Godolphin die Küsten Englands aus seinem Gesichte schwinden, und fühlte sich allein in der weiten Welt – der Herr seines eigenen Schicksals.

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