Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Edward Bulwer-Lytton >

Godolphin oder der Schwur

Edward Bulwer-Lytton: Godolphin oder der Schwur - Kapitel 11
Quellenangabe
typefiction
booktitleGodolphin oder der Schwur
authorEdward Bulwer-Lytton
year1834
publisherVerlag Jakob Anton Mayer
translatorLouis Lax
addressAachen und Leipzig
titleGodolphin oder der Schwur
submitted20050620
senderniki_nikotini@hotmail.com
created20051104
Schließen

Navigation:

Achtes Kapitel.

Godolphin's Leidenschaft für das Theater. – Sie veranlaßt einen Wechsel in seinen Lebensgewohnheiten.

Dies Ereignis hatte großen Einfluß auf Godolphin's Lebensweise, ja sogar auf seinen Karakter. Er erneuerte seine Bekanntschaft mit der muntern Schauspielerin.

Welche Veränderung! riefen Beide.

– Die herumziehende Komödiantin berühmt geworden?

– Der weggelaufene Junge ein Modeherr.

– Sie sind hübscher geworden, Fanny.

– Ich gebe das Kompliment zurück, antwortete Fanny mit einem Knixe.

Von nun an wurde Godolphin ein treuer Besucher des Theaters, und dadurch gezwungen, ein ganz anderes Leben, als bisher, zu führen.

Es gibt in London zwei Klassen liederlicher Menschen: zu der einen gehören die Schmetterlinge der Bälle, Müßiggänger, die nur die Sphäre der Gesellschaft durchschlendern; Allerweltsgäste, alte bekannte Gesichter, die man überall sieht, die jeder kennt; die andere Klasse besteht aus einem wilderen, ungeregelteren Volke, das wenig in Gesellschaft geht, Bälle für eine Plage hält, in Klubs lebt, die Theater besucht, spät in der Nacht in geheimnisvoll aussehenden Wagen herum fährt, und eine große Bekanntschaft unter den Aspasias hat. Das sind die Leute, welche die kritischen Wortführer des Theaters machen: mit schwarzer Halsbinde und den Hut auf einer Seite, sitzen sie in ihren Logen und enscheiden über die Knöchel einer Tänzerin und die Stimme eines Sängers. Sie haben einen Anflug von Literatur, und verbrauchen in ihren Gesprächen viel Französisch: in ihrem ganzen Wesen liegt etwas Romanhaftes, und einige davon haben sogar schon aus Liebe geheirathet. Kurz, in ihrer Natur steckt ein leichtfertiger, liberaler Kontinental-Karakter der Liederlichkeit, der in den kalten, zahmen, schaalen, gezierten eingezwängten Ausschweifungen von nationellerem Gepräge nicht zu finden ist. Aus der ersten Klasse fiel Godolphin in diese letztere, und ob, was gab es da für lustige Morgen in der Wohnung der Schauspielerinnen, was für tolle Soupers nach dem Schauspiel; was für Witz, Laune und Geist, mit dem die Stunden von Mitternacht bis zum Hahnenruf in Rosen gebettet, in Rheinwein versenkt wurden.

Nach und nach ist jedoch, als Godolphin die Theater immer eifriger besuchte, weckte der schöne, höhere Sinn, der noch ungestört in seinem Herzen schlummerte, Gefühle in ihm auf, welche seine gemeinen Genossen nicht zu theilen vermochten.

Es liegt in theatralischen Vorstellungen etwas, was unausstehlich die romantische Seite unseres Karakters weckt. Die magische Erleuchtung; der Pomp der Scene; die Palläste, Lager, Waldungen; die mitternächtlichen Gegenden; der Widerschein des Mondes im Wasser; die Melodie des tragischen Rhythmus, der Reiz des komischen Witzes; die wunderbare Kunst, welche dem leichtesten Worte des Dichters eine solche Bedeutung gibt; das schöne, falsche, aufgeregte Leben, das sich vor uns entfaltet, das in drei kurze Stunden alles hineindrängt, was unser regster Ehrgeiz wünschen kann – Liebe, Thaten, Krieg, Ruhm; die glühende Steigerung der Gefühle, welche der Bühne eigenthümlich ist, und uns nur in unsern leidenschaftlichsten Augenblicken begegnet: alle diese Aufreizungen unserer Phantasie gehen nicht verloren. Unsere Lust an Luftschlössern und Träumereien wurzelt fester, und wir verschütten ein geistiges Opium, das alle andere Kräfte erschlafft, und nur die der Einbildung erregt.

Godolphin wurde besonders von der Bühne gefesselt: es machte ihm Vergnügen, sich von seinen Freunden wegzustehlen, und, allein und unbemerkt, seinen Geist an dem Strom einer Schatten-Existenz zu werden, so lange der Thau noch auf den grünen Blättern des Frühlings perlt, so lange der glänzendere, thatkräftigere Theil der Zukunft uns noch bevorsteht, so lange wir noch nicht wissen, ob nicht das wahre Leben eben so schwärmerisch und reizbar seyn mag, als das falsche – wie tief, wie voll ist da das Entzücken, mit dem wir, wenn auch nur für eine Stunde, und wenn auch unvollkommen, Shakespeare's Gestalten lebend sehen, fühlen, hören! Ihr lieben Ardennen! Sind wir in eurem Walde? Euren »schattigen Hainen, euren stillen Schluchten?« Rosalinde, Jacques, Orlando, seyd ihr wirklich irdische Wesen? Ah, hier geht ein Zauber vor. Und wenn wir uns zurück zum Leben wenden, so wenden wir uns von den Farben, welche das Claude-Glas über eine Winterlandschaft haucht, zu der nackten Landschaft selbst!

 << Kapitel 10  Kapitel 12 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.