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Godolphin oder der Schwur

Edward Bulwer-Lytton: Godolphin oder der Schwur - Kapitel 10
Quellenangabe
typefiction
booktitleGodolphin oder der Schwur
authorEdward Bulwer-Lytton
year1834
publisherVerlag Jakob Anton Mayer
translatorLouis Lax
addressAachen und Leipzig
titleGodolphin oder der Schwur
submitted20050620
senderniki_nikotini@hotmail.com
created20051104
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Siebentes Kapitel.

Godolphin wird entschuldigt, daß er menschliche Gefühle hat. – Godolphin sieht jemand, den er nie wieder sieht. – Die neue Schauspielerin.

Saville galt für den vollendeten Mann von Welt – für klug und herzlos. Wie kam es aber, daß er sich freiwillig so viel Mühe mit einem Knaben, wie Godolphin, gab? Erstens hat man oft bemerkt, daß abgelebte, blasirte Weltmenschen die jungen Leute lieben, in denen sie etwas – ein besseres Etwas erkennen, das ihnen angehört. In Godolphin's Anstand und Muth glaubte Saville das Spiegelbild seiner eigenen äußern Zierlichkeit und ränkevollen Ausdauer, in Godolphin's blühender Phantasie und tiefem Scharfsinn, seine Verschlagenheit und Heuchelei zu sehen. Die Beliebtheit des Knaben schmeichelte ihm, seine Unterhaltung ergötzte ihn. Auch ist niemand so herzlos, daß er nicht einer entschiedenen Zuneigung fähig wäre, wenn sie ihm nicht sehr aus dem Wege liegt, und eine solche Neigung war es, die Saville für Godolphin fühlte. Dann gab es noch einen andern Grund zu dieser Liebe, der anfangs vielleicht zu zart scheinen mochte, als daß er auf einen ausgelernten Wollüstling wirken konnte; in der Nähe besehen, schwindet jedoch diese Zartheit. Saville hatte Godolphin's Mutter geliebt, ihr wenigstens seine Hand angeboten, da man sie für eine Erbin hielt. Er dachte daher, er hätte es nur eben versäumt, Godolphin's Vater zu seyn, und seine Eitelkeit reizte ihn, dem Knaben zu zeigen, was er ihm für ein besserer Vater gewesen wäre, als der ihm von der Vorsehung bestimmte. Schon aus Groll gegen den vorgezogenen Liebhaber kitzelte es ihn, eine kleine, boshafte Rache an Godolphin's Vater zu nehmen, und darauf hin zu arbeiten, daß der Sohn den vorzöge, den die Mutter verworfen habe. Alle diese Gründe fesselten Saville an den jungen Percy, und da er reich, und trotz seiner Vorsichtigkeit und kalten Berechnung verschwenderischer Natur war, so machte ihm die pekuniäre Seite seiner Vormundtschaft keine Sorge. Aber Godolphin, der nicht prachtliebend war, verließ sich nicht zu sehr auf die launische Großmuth eines Egoisten. Fortuna lächelte ihrem jungen Verehrer, und ließ ihm während der kurzen Zeit, in der er sich um ihre Gunst bewerben mußte, wenigstens so viel zuströmen, daß er mit Anstand leben konnte.

Die Säle der Gräfin B... schwammen im Licht, und waren schon vollgedrängt von der vornehmen Welt, als Godolphin nach einem langwährenden Dinner bei Saville daselbst eintrat. Er gehörte nicht zu der zahlreichen Klasse von Herren, den Stockpflanzen eines Blumenblattes, die sich in die Schweigsamkeit ihrer Halsbinden eingeschnürt gegen die Mauer drücken. Er ging nicht in der gewöhnlichen Absicht auf Bälle, um sich in der auffallendsten Stellung anstarren zu lassen – ein Beweggrund, der unter den steifen Stutzern Englands so gemein ist. Er ging hin um sich zu amüsiren, und fand er niemand, der ihn dazu verhelfen konnte, so sah er nicht ab, warum er da bleiben sollte. Man sah ihn daher entweder immer reden, tanzen und der Musik zuhören, oder gar nicht.

Während er einige Worte mit dem Obersten D..., einem berüchtigten Roué und Spieler, wechselte, sah er, daß ein alter Gentleman in der Kleidung des vorigen Jahrhunderts ihn aufmerksam, und, wie es Percy schien, etwas scharf anblickte. Wohin er sich wenden mochte, Godolphin konnte den Blick nicht los werden, so daß er ihn zuletzt mit gleicher Starrheit und Festigkeit erwiederte. Der alte Gentleman näherte sich langsam. – »Percy Godolphin, nicht wahr?« fragte er.

– Das ist mein Name, Sir, antwortete Percy, und der Ihrige?

– Thut nichts zur Sache! Doch mögen Sie ihn erfahren. Ich bin Heinrich Johnstone, der alte Harry Johnstone. Sie haben wohl von ihm gehört? Ihres Vaters Cousin. Ich muß Ihnen sagen, junger Herr, daß es mir leid thut, Sie so vertraut mit dem schurkischen Saville zu sehen. Unterbrechen Sie mich nicht, Sir. Ich sage Ihnen, es thut mir leid, daß Sie, so jung und ungewarnt, von jedem der sich dazu die Mühe geben will, von Herz und Seele verdorben, zu Grunde gerichtet werden sollen. Und doch liebe ich Ihr Gesicht. Ja, ich liebe dies Gesicht! Es ist offen und doch gedankenvoll, ungetrübt und doch etwas melancholisch. Sie haben nicht Karl's dunkles Haar, aber Sie sind auch viel, viel jünger. Es freut mich, daß ich Sie gesehen habe. Ich bin absichtlich hieher gekommen. Gute Nacht! – Und ohne eine Antwort abzuwarten, war der alte Mann verschwunden.

Als Godolphin sich von seinem Erstaunen erholt hatte, erinnerte er sich, daß sein Vater oft von einem reichen und excentrischen Verwandten, Namens Johnstone, gesprochen hatte. Die Unterredung hatte einen starken, wenn auch nur augenblicklichen Eindruck auf ihn gemacht. Er nahm sich vor, des alten Mannes Wohnung aufzusuchen, aber es kam immer etwas dazwischen, so daß wirklich die beiden Verwandten sich in dieser Welt nicht mehr begegneten.

Percy, der sich jetzt nachdenkend durch die Menge wandt, warf sich auf einen Sessel, neben einer fünf und vierzigjährigen Dame, die sich zuweilen damit abgab, ihm den Hof zu machen, da man ja bei so einem Knaben nichts Böses denken konnte. Gleich darauf fragte ein Lord Georg Irgendwer, der herangeschlendert kam, die Lady, ob er sie nicht am vorigen Abend im Theater gesehen habe.

– Allerdings, wir waren hingegangen, die neue Schauspielerin zu sehen. Was sie artig ist! So ungeziert! und dabei singt sie so gut.

– Recht schön – eh! schnarrte Lord Georg, sich mit der Hand durch sein Haar fahrend. Recht hübsches Mädchen, – eh! Schöne Knöchel! Verzweifelt warm hier, auf Ehre! Und so langweilig! Ach! Godolphin. Denken Sie an den Wattier-Klub. – Und damit schnarrte Seine Herrlichkeit fort.

– Von welcher Schauspielerin ist die Rede?

– O, sie ist sehr gut. Sie hat in der List der Schönen debutirt. Wir wollen sie morgen sehen, und wenn Sie bei uns essen und unser Kavalier seyn wollen –

– Mit dem größten Vergnügen. Ihre Herrlichkeit haben Ihr Taschentuch fallen lassen.

– Ich danke, sagte die Lady, sich niederbeugend, bis ihr Haar Godolphin's Wangen berührte, während sie ihm sanft die Hand drückte. Es ist in der That ein Wunder, daß Godolphin kein Geck wurde.

Tags darauf speiste er versprochener Maßen bei der Dame, und ging mit ihr in das Theater. Der Augenblick, wo er den ersten Blick auf die Bühne richtete, verkündete ein allgemeiner Beifallssturm das Erscheinen der neuen Künstlerin – Fanny Millinger!

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