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Gockel, Hinkel und Gackeleia

Clemens Brentano: Gockel, Hinkel und Gackeleia - Kapitel 46
Quellenangabe
typefairy
booktitleGockel, Hinkel und Gackeleia
authorClemens Brentano
year1997
publisherDeutscher Taschenbuch Verlag
addressMünchen
isbn3-423-026431-3
titleGockel, Hinkel und Gackeleia
pages3-5
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1838
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Ich konnte mich nicht gleich finden, meine Augen waren noch voll Thränen; ich hörte das Singen noch, aber ich saß auf keinem Erndtewagen, ich lag auf meinem Bettchen; ich drehte den Ring und wünschte, es möge doch mein ganzer Traum wahr werden und von dem Knaben auf dem Kinderstühlchen, mit allen Liedern und was darauf folgte, in mein Tagebuch eingeschrieben stehn. – Da ich nun ganz erwacht war, trat Verena zu mir und sprach: »Gesegne dich Gott, goldne Amey, du schöne Braut, das fromme Hühnlein schickt mich, es weiß Alles, segne uns Gott, daß wir von der langen künftigen Reise glücklich zurückgekommen sind, vom Erndtewagen auf den Brautwagen. Schön Dank, du hast auf der rechten Seite geruht, Ende gut, Alles gut! – aber stehe auf, daß ich dich schmücke als Braut, hörst du, deine elf Kränzeljungfern, die drei Schwestern mit den Lilien und die acht Ordensgespielen mit den Pflichthühnern singen schon unten die Brautlieder.« – Ich erwiederte ihr nach alter Gewohnheit: »Vreneli, was machts Büblein?« und sie sprach:

»Es hat sein Sach ganz gut gemacht,
Der Wagen trug dich fort mit Pracht,
Ich bin bei ihm geblieben,
Hab, als es vom Geräusch erwacht
Und still sein Gärbchen angelacht,
Ihm Aehren ausgerieben.
Die Körnlein hat es in der Nacht
Gar treu gezählt und mit Bedacht
Sie hüben und auch drüben
Ins Soll und Haben rein und sacht,
Wie du es liebst, zu Buch gebracht,
Bis Morgens früh geschrieben.«

»Gott sey Dank,« sagte ich, »so hast du dann Alles mit mir geträumt, und Alles wird im Tagebuch stehen, ich habe den Ring Salomonis darum gedreht.« – Der Gesang aber tönte näher und näher und Verena sprach: »Geschwind stehe auf, daß ich dich ankleide, die Brautjungfern sind schon unter dem Fenster.« – Ich sprang aber auf und fuhr mit dem linken Fuß zuerst in den Pantoffel und öffnete das Fenster. Draußen lag ein dichter, weißer Nebel, die Lieder klangen mir so traurig hindurch. Der Nebel fiel mir ins Gesicht, ich ward schwermüthig und kriegte den Schnupfen; ich weinte, konnte nicht sprechen, jed Wort schnürte mir die Kehle zu, und da Verena mir den ganzen Brautschmuck meiner seligen Mutter anlegte und das Bruststück mit den vielen feinen, schönen Seidenröschen und das Amaranthen-Brautkränzchen, Alles, was ich sonst so geliebt, strömten meine Thränen nieder. Oft fragte sie um die Ursache meiner Thränen, meiner Stummheit, aber ich antwortete nicht. Als ich ganz geschmückt war, traten die Brautführerinnen, die Klosterfrauen mit den Lilien, die Gespielen mit den Pflichthühnern herein, und nun begann der Zug; voran ging Verena mit dem langen Korbe, dann folgten meine acht Gespielen mit den Ordenszeichen der freudig frommen Kinder, sie trugen die Pflichthühner in schön geflochtenen Nestkörben unter dem einen Arme und faßten mit der andern Hand an die amaranthseidne Decke von Hennegau, die sie zwischen sich ausgebreitet trugen, dann folgte ich armes Kind von Hennegau im Brautkleid meiner Mutter, die Kleinode von Vadutz und das Hühnlein Gallina auf der Schulter, an jeder Seite eine der Lilienfräulein mit ihren Lilien und hinter mir Klareta, die mir die Schleppe trug; so zog ich zur Kapelle und war nicht lustig, der Inhalt des Brautgesangs machte mich noch trauriger, meine Thränen strömten immer reichlicher, sie sangen aber abwechselnd:

Die Gespielen.
              Komm heraus, komm heraus, o du schöne, schöne Braut,
Deine guten Tage sind nun alle, alle aus,
Dein Schleierlein weht so feucht und thränenschwer,
O wie weinet die schöne Braut so sehr!
Mußt die Mägdlein lassen stehn,
Mußt nun zu den Frauen gehn.
 
Die Lilienfräulein.
Ihr klugen Jungfraun zieht hinaus,
Die Lampen sind geschmücket,
Ans Herz den reinen Blumenstrauß
Der Bräutigam nun drücket,
Ihr Lilien gebt der Braut Geleit,
Ihr tragt ein schön'res Ehrenkleid,
Ein hochzeitlicheres Geschmeid,
Als Salomo in Herrlichkeit.
  
Die Gespielen.
Lege an, lege an heut auf kurze, kurze Zeit
Deine Seidenröslein, dein reiches Brustgeschmeid,
Dein Schleierlein weht so feucht und thränenschwer,
O wie weinet die schöne Braut so sehr!
Mußt die Zöpflein schließen ein
Unterm goldnen Häubelein.
 
Die Lilienfräulein.
Heb an du liebe Nachtigall
Dein kunstreich Figuriren,
Hilf uns mit deinem süßen Schall
Das Brautlied musiciren,
Das Lerchlein soll sein – »dir, dir, dir,
Dir Gott sey Lob« auch für und für
Erschwingen in dem höchsten Thon
Bis auf zu Gott im Himmelsthron.
 
Die Gespielen.
Lache nicht, lache nicht, deine Gold und Perlen Schuh,
Werden dich schon drücken, sind eng genug dazu,
Dein Schleierlein weht so feucht und thränenschwer,
O wie weinet die schöne Braut so sehr!
Wenn die Andern tanzen gehn,
Mußt du bei der Wiege stehn.
 
Die Lilienfräulein.
Du blauer Himmel spann ein Zelt,
Den Bräutigam zu grüßen,
Ihr Blümlein webet übers Feld
Den Teppich ihm zu Füßen,
Ihr Lüftlein reget dann geschwind
Die Glöcklein, daß sie duftend find
Thau-Perlen streuen auf der Au
Ums arme Kind von Hennegau.
 
Die Gespielen.
Winke nur, winke nur, sind gar leichte, leichte Wink,
Bis den Finger drücket der goldne Treuering.
Dein Schleierlein weht so feucht und thränenschwer,
O wie weinet die schöne Braut so sehr!
Ringlein sehn heut lieblich aus,
Morgen werden Fesseln draus.
 
Die Lilienfräulein.
Wir Lilien aus dem Lilienthal,
Wir kehren einstens wieder,
Dann in ein Bettchen eng und schmahl
Sinkt müd dein Brautkleid nieder,
Dann naht der Seelenbräutigam
Das Lamm von königlichem Stamm,
Und wer ihm nicht entgegengeht,
Bleibt unerhört und unerhöht.
 
Die Gespielen.
Springe heut, springe heut deinen letzten, letzten Tanz,
Welken erst die Rosen, stehn Dornen in dem Kranz,
Dein Schleierlein weht so feucht und thränenschwer,
O wie weinet die schöne Braut so sehr!
Mußt die Blümlein lassen stehn,
Mußt nun auf den Acker gehn.
 
Die Lilienfräulein.
Führt sternenreine Engellein
Die Braut auf guter Weide,
Durch Lieb und Leid, bis klar und rein
Der Geist im Lilienkleide
Sich scheidet von dem Dornenthal
Und mit uns singt beim Hochzeitsmahl:
O Stern und Blume, Geist und Kleid
Lieb, Leid und Zeit und Ewigkeit!

Es wird Jedermann leicht einsehen, daß alles Dieses mehr zum Weinen als zum Lachen war, erst die kühlen Nächte auf der Bleiche in Hennegau, dann die Geschichte der Kleinodien von Vadutz, dann durch neun Feuer gesprungen, dann die Angst um die Amaranthseidne Decke, dann die lange gewaltsame Entführung zu Pferd, dann der Kampf unter der Linde, dann die plötzliche Verlobung durch die Gewalt des Salomonsringes, dann die Jahrhunderte von Meilen lange Traumreise mit Verena zum Erntekranz, und das mühselige Weinen von Weizenkörnern für das Büblein, dann noch pudelnaß von Thränen aus dem Schlafe geweckt durch ein wehklagendes Hochzeitslied, dann in den linken Pantoffel zuerst geschlüpft, dann den Kopf durchs Fenster hinaus in den kalten Nebel, wie in einen nassen Mehlsack gesteckt, dann mühselig eingeschnürt in der verstorbenen Mutter Brautkleid, das mir viel zu eng ist, dann hinter der Sterbedecke meiner Mutter her, auf der auch ich einst sterben sollte, durch den kalten Nebel von lamentabelm Gesang begleitet. – Sollte ich nicht schwer und krank und müd seyn und den Schnupfen ganz entsetzlich haben? – Das Fatalste war noch, daß das Hühnlein Gallina ganz naß und kalt die Flügel hängen ließ, und da ich sehr oft und ungemein stark nießte, fuhr es erschreckt zusammen und mir mit den naßkalten Flügeln an den Hals; wodurch ich gewiß einen Halskrampf bekommen hätte, denn der Schluchser stellte sich schon ein; jedoch Klareta hängte mir die neun Röslein, die ich beim Johannisfeuer erobert hatte um den Hals, das half so ziemlich; aber ich mußte alle Augenblicke denken: wäre ich nicht über das neunte Feuer gesprungen, so brauchte ich nicht hier im Nebel zu gehn. – Ich werde mein Leben lang an diesen Brautzug denken, wenn ich verdrießlich bin. – Man kann sich keine verdrießlichere Braut denken, als mich, Alles ärgerte mich, selbst daß ich keine Wand sah, an der mich eine Fliege hätte ärgern können. – Ach! dachte ich, wäre doch der fatale Ring Salomonis nicht, der mit der Erfüllung aller Wünsche einem schier die Thüre einrennt, das plötzliche Glück trifft einen wie ein Schlagfluß, es wird mir nichts zu wünschen übrig bleiben, das ist die größte Armuth. Gockel mag es gut meinen, aber was ist das für eine Heurath über Hals und Kopf? – alle Schränke sind voll und eingeräumt, und keinen Faden habe ich gesponnen, gewebt, gebleicht, genäht; – ach die Freuden einer großen Wäsche sind nun ewig für mich verloren! o unausstehliche Vollkommenheit aller Mobilien – nichts zu besorgen, auszusuchen, zu bestellen, nur wünschen, wünschen, wünschen und auch gleich besitzen – o verwünschtes Wünschen! – In solchen Jammergedanken nahten wir der Kapelle, und ich hatte noch eine neue Ursache, mich zu ärgern. Die Brautgeschenke Gockels zogen mir entgegen, er hatte die Geschenke Salomos und der Königinn von Saba durch den Ring herbei gewünscht, und das war eine Toilette aus einem goldnen Hahn und einer goldnen Henne bestehend von so kunstreichem Innern und Aeußern, daß mir der Geduldfaden ganz riß, all das Zeug anzusehen. Was mir in der Kapelle geschah, würde ich hier gar nicht sagen, wenn es nicht meiner Verdrießlichkeit die Krone aufgesetzt hätte. Graf Gockel erwartete mich am Altar, ich sah ihn nicht an, er ward sehr betrübt über meinen Unmuth, er bat mich dringend um die Ursache, ich antwortete nicht; da ward dem Alektryo auf seiner Schulter der Kamm ganz blutroth, und er ließ drohende Töne hören; – das fand ich impertinent; daß aber Gallina auf meiner Schulter sich darauf einließ, mit freundlicher Stimme zu antworten, verdroß mich mehr als Alles. – Ich meinte sie habe mir Etwas von meinem Rechte vergeben, und hätte sie schier herabgestoßen; aber Verena flüsterte: »das fromme Hühnlein weiß Alles« – das verdroß mich wieder; doch nun trat Jakob von Guise vor den Altar und hielt die Trauungsrede, und als wir die Ringe wechselten und ich das Jawort sagen wollte, mußte ich so entsetzlich nießen, daß ich selbst und alle Anwesenden in lautes Lachen ausbrachen. Gockel drehte den Ring mit dem lauten Wunsche »zur Gesundheit!« – da wirkte mein Niesen und Gockels Prosit plötzlich, der Nebel zerriß, die Sonne stand am blauen Himmel, aller Schnupfen fiel mir wie Schuppen von den Augen, ich war lustig und froh wie ein Kind und hätte allen Menschen mögen um den Hals fallen. Anfangs ärgerte mich das noch ein wenig, darum mag es hier stehen, aber weil auch dieser Aerger bald ganz abzog – so will ich Nichts weiter sagen.

Als wir die Kapelle verließen, gab mir Gockel den Ring Salomonis wieder, und ich drehte ihn geschwind mit dem Wunsche, mein Tagebuch zu haben, um zu sehen, ob mehr darin stehe, als hier geschrieben steht; da trat auf einmal das Büblein zu mir hin mit dem Buche. Es bückte sich und wollte Staub vom Boden auf die frische Schrift streuen und dann die Feder an den Aermel wischen, ich klopfte ihm aber auf die Finger und sagte: »Pfui,« und drehte den Ring Salomonis mit den Worten:

Salomo du weiser König,
Dem die Geister unterthänig,
Bilde aus dem Nebel mir
Gleich rein Seidenlöschpapier.
Zephyr soll ein ganzes Buch,
Wie gewebt aus Wohlgeruch,
Sänftlich zu mir niederhauchen,
Nach Belieben es zu brauchen.
Vieles leg ich auf die Locken,
Bis sie von dem Thaue trocken,
Ein Blatt muß ins Tagbuch hier,
Denn sonst möchte das Geschmier
Von dem Büblein es beschmutzen,
Ein Blatt mag es selbst benutzen,
Seine Feder auszuputzen.
Ringlein, Ringlein dreh dich um
Schnell ein Fließblatt! bitt dich drum.

Da kam ein leises lindes Wehen angeströmt, es hauchte fünf und zwanzig Mal und mit jedem Hauche ward der Himmel blauer, schien die Sonne heller; und ein wunderlieblicher geflügelter Jüngling schwebte durch die säuselnden Bäume und über die wiegenden Blumenglocken zu mir nieder. Er trug eine Blumenkrone, eine Wolke von Wohlgeruch duftete um ihn, es spielte ein Buch des feinsten Seidenpapiers in seiner Hand, vom Hauche seines Mundes und dem Schlage seiner Flügel durchfächelt. Er überreichte es mir, spielte in meinen Locken und entschwebte mit einem Seufzer, ohne die Locken meiner Braujungfern zu berühren, die mit Hyacinthen bekränzt, ihm wehmüthige Gedanken erregten. – Ich zählte das Buch Seidenpapier der Ordnung halber, und es waren richtig fünf und zwanzig Bogen von feinem Nebel vor der Sonne getrocknet; ich hielt einen Bogen vor die Sonne, um das Papierzeichen kennen zu lernen und sah das Himmelszeichen der Pleiaden, der Gluckhenne mit ihren Küchlein darauf abgebildet und die Worte umher »Vivat die goldene Amey«, eine Aufmerksamkeit Salomons, welche mir sehr schmeichelte. Ich trocknete meine Locken mit einem Theile der Bogen, legte einen Bogen in das Tagebuch und reichte den Letzten, der ohnedieß etwas schadhaft war, dem Büblein, seine Feder daran zu reinigen. Es that dies und verschwand, das Papier mit einem Tintenfleck fiel mir zu Füßen. Das Büblein war fort, es war, als habe es sein eignes Daseyn aus der Feder geputzt. Ich legte das Blatt auch in das Buch, als ein Andenken an das arme Büblein und las die letzten Worte, die es in das Tagebuch geschrieben:

Was reif in diesen Zeilen steht,
Was lächelnd winkt und sinnend fleht,
Das soll kein Kind betrüben,
Die Einfalt hat es ausgesäet,
Die Schwermuth hat hindurch geweht,
Die Sehnsucht hats getrieben;
Und ist das Feld einst abgemäht,
Die Armuth durch die Stoppeln geht,
Sucht Aehren, die geblieben,
Sucht Lieb, die für sie untergeht,
Sucht Lieb, die mit ihr aufersteht,
Sucht Lieb, die sie kann lieben,
Und hat sie einsam und verschmäht
Die Nacht durch dankend in Gebet
Die Körner ausgerieben,
Liest sie, als früh der Hahn gekräht,
Was Lieb erhielt, was Leid verweht,
Ans Feldkreuz angeschrieben,
O Stern und Blume, Geist und Kleid,
Lieb, Leid und Zeit und Ewigkeit!
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