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Gockel, Hinkel und Gackeleia

Clemens Brentano: Gockel, Hinkel und Gackeleia - Kapitel 45
Quellenangabe
typefairy
booktitleGockel, Hinkel und Gackeleia
authorClemens Brentano
year1997
publisherDeutscher Taschenbuch Verlag
addressMünchen
isbn3-423-026431-3
titleGockel, Hinkel und Gackeleia
pages3-5
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1838
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Indem wir aber so sangen, hörte ich den Alecktryo wieder krähen und sah mich um, und Alles war verändert. – Gockelsruh stand wieder in vollem Glanze, und es war eine freudige Hochzeit, und ich zog mit dein Brautzug und Leichenzug durch die geschmückte Schloßkapelle, in der mir mein Mantel und mein Tagebuch genommen ward. – Hierauf zog ich mit Verena wieder umher durch die Gegend. Wir eilten immer schneller, immer müder und kamen endlich in der Mitternacht in ein weites Erndtefeld. Wir zogen dem Sensenklang und dem Schalle der Schnitterlieder nach, Verena las Aehren und ich sammelte Blumen zum Erndtekranz. Endlich kamen wir mitten in dem Aehrenfeld auf einen kleinen freien Raum, wo der Kranz sollte geflochten werden, da sahen wir Seltsames. St. Eduards Thronstuhl, in dessen Sitz der Schlummerstein Jakobs bewahrt ist, stand zwischen zwei hohen Lilien vor den Aehren. Aus dem Sitze des Stuhles strahlte eine Mohnpflanze von Licht mit acht Blumen zum Nachthimmel hinauf. In der Mitte der Pflanze unter dem Monde saß die Nacht, eine liebe mütterliche Frau, und ihr zur Rechten und Linken auf den acht Mohnblumen acht Sterne, als sinnende Knaben. Es schwebte aber von dem Thronstuhle an dem Mohnstengel ein ernstes kleines Mägdlein zum Sternhimmel empor, und zwei Engel senkten Sterne in die beiden Lilien zur Seite des Throns; dazu sangen die Knaben auf den Mohnblumen oben:

»O Stern und Blume, Geist und Kleid,
Lieb, Leid und Zeit und Ewigkeit.«

die Sense des Schnitters sauste immer näher durch die Halmen, und da ich mich niedersetzte, den Kranz aus den gesammelten Blumen zu flechten, sah ich zu meinen Füßen dicht vor dem Thronstuhl auf einem Kinderstühlchen einen Knaben schlummernd sitzen. Er hatte eine Feder hinter dem Ohre und schlief, den Kopf auf den Arm lehnend, auf dem scharfen Rande des Thronstuhls. Ich sagte zu Verena: »Was macht das Büblein?« da sprach sie, des langen Mitleides gewohnt: »es hat seine Sache vollbracht und ist dicht an der Grube vor Müdigkeit entschlafen; sieh, wie hart es da auf dem Rande liegt, ich habe Aehren lesend eine kleine feine Garbe in meinen Korb gesammelt, o lege sie ihm unter das Haupt, damit es nicht darbt, wenn der Schnitter es weckt; horch, schon naht er in den wogenden Halmen.« Ich legte ihm die Garbe in den Arm und sah o Wunder! zu seinen Füßen ruhte mein Tagebuch, und ich las gar Vieles mehr darin, als ich hineingeschrieben, z. B. diesen ganzen Traum, und daß Verena gestorben sey und mir zwölf Franken vermacht habe. »Ist das wahr, Verena?« fragte ich, und sie sprach: »Gewiß, gewiß, und es hat große Zinsen gebracht im Almosenstock, wie das Schärflein der Wittwe.« – Da sah ich den Knaben nochmals an, konnte ihn aber nicht erkennen, er hatte sein Angesicht fest in die Garbe verborgen, denn die Thränen floßen von seinen Wangen. »Verena,« sprach ich, »ist dann dies wirklich dasselbe Büblein, welches dem frommen Hühnlein des Salmo die Weizenkörner entwendet und das Zauberhühnlein der Weissaginn damit gefüttert hat?« – »Ach,« erwiederte Verena, »warum dasselbe Büblein? Alle thun so und auch wir, sieh in das Buch, da wirst du den Weizen finden!« – »o wie soll er das alles ersetzen?« rief ich aus und Verena sprach: »durch unser Gebet und Almosen, o drehe den Ring Salomonis, daß sein Getreide sich mehre. – Horch! das Lied des Schnitters nahet, schon fallen die Aehren über den Getreidekasten nieder, geschwind beginne den Kranz zu flechten!« – da sah ich hinüber und sah die Sense des Schnitters durch die Halmen greifen, und sie sanken über einen Kasten nieder, grad so groß, wie das Büblein, er war gemacht von fünf Brettern und zwei Brettchen, und stand über einer Grube vor einem Feldkreuz, auf dem Alektryo und Gallina schlafend saßen. – Ich machte zuerst ein Kränzlein und legte es auf den Kasten, dann aber drehte ich den Ring Salomonis gar flehentlich am Finger:

»Salomo du weiser König,
Dem die Geister unterthänig,
Bring doch all den Weizen wieder,
Der da auf den Weg fiel nieder
Und von Vogeln ward gefressen,
Und von Füßen ward zertreten,
All den Weizen ungemessen,
Den sie auf das Steinfeld säeten,
Wo, so schnell er aufgeblüht,
In der Sonne er verglüht,
Bring zurück die Weizenkörner,
Die erstickten durch die Dörner;
Was in guten Grund gefallen,
Laße fruchtend überwallen,
Daß der Weizen dreißigfältig,
Sechzigfältig, hundertfältig
Alles Unkraut überwältig',
Das der Feind hineingesäet.
Schnell, o schnell, es ist schon spät!
Ringlein, Ringlein dreh dich um,
Fruchte schnell, ich bitt' dich drum.«

Kaum hatte ich den Ring drehend, diesen Wunsch ausgesprochen, und mitleidig nach dem Knaben hingeschaut, als ich etwas gar Rührendes sah. Er blickte mich, ohne den Kopf zu heben, mit stillem Danke an, Thränenströme rannen von seinen Augen auf die Garbe unter seinem Haupte nieder, und alle die Thränen waren Weizenkörnlein, und die Garbe wuchs und mehrte sich; und als ob sie mit dem Knaben weine, gossen sich aus ihren Aehren hundertfältige Weizenkörnlein nieder und aus allen Blättern des Buches rannen Fruchtkörner heraus, und mein Herz war so bewegt, daß auch ich auf einer Garbe sitzend gar reich und mildiglich weinte, und Verena, die neben mir betend kniete, weinte auch und alle unsre Thränen waren Weizenkörner, und sie keimten und schossen schnell auf in reichen, goldnen Aehren, und füllten die Grube und den Getreidekasten und umgaben den Thronstuhl und das Kinderstühlchen und den Knaben und Verena und mich, und alle Aehren wehten durcheinander und Keines sah das Andere mehr; denn Alles war nun Eines. – Der Schnitter aber nahte immer mehr und konnte kaum Alles schneiden, was aufschoß; es wuchs ihm unter der Sense empor. Während dem Allem flocht ich am Erndtekranz aus vielen Blumen und stimmte in das Lied des Schnitters ein:

Es ist ein Schnitter, der heißt Tod,
Er mäht das Korn, wenns Gott gebot;
Schon wetzt er die Sense,
Daß schneidend sie glänze,
Bald wird er dich schneiden,
Du mußt es nur leiden;
Mußt in den Erndtekranz hinein,
Hüte dich schöns Blümelein!

Was heut noch frisch und blühend steht
Wird morgen schon hinweggemäht,
Ihr edlen Narcissen,
Ihr süßen Melissen,
Ihr sehnenden Winden,
Ihr Leid-Hyacinthen,
Müßt in den Erndtekranz hinein,
Hüte dich schöns Blümelein!

Viel hunderttausend ohne Zahl,
Ihr sinket durch der Sense Stahl,
Weh Rosen, weh Lilien,
Weh krause Basilien!
Selbst euch Kaiserkronen
Wird er nicht verschonen;
Ihr müßt zum Erndtekranz hinein,
Hüte dich schöns Blümelein!

Du himmelfarben Ehrenpreis,
Du Träumer, Mohn, roth, gelb und weiß,
Aurickeln, Ranunkeln,
Und Nelken, die funkeln,
Und Malven und Narden
Braucht nicht lang zu warten;
Müßt in den Erndtekranz hinein,
Hüte dich schöns Blümelein!

Du farbentrunkner Tulpenflor,
Du tausendschöner Floramor,
Ihr Blutes-Verwandten,
Ihr Glut-Amaranthen,
Ihr Veilchen, ihr stillen,
Ihr frommen Camillen,
Müßt in den Erndtekranz hinein,
Hüte dich schöns Blümelein!

Du stolzer, blauer Rittersporn,
Ihr Klapperrosen in dem Korn,
Ihr Röslein Adonis,
Ihr Siegel Salomonis,
Ihr blauen Cyanen,
Braucht ihn nicht zu mahnen.
Müßt in den Erndtekranz hinein,
Hüte dich schönes Blümelein!

Lieb Denkeli, Vergiß mein nicht,
Er weiß schon, was dein Nahme spricht,
Dich Seufzer-umschwirrte
Brautkränzende Myrthe,
Selbst euch Immortellen
Wird alle er fällen!
Müßt in den Erndtekranz hinein,
Hüte dich schöns Blümelein!

Des Frühlings Schatz und Waffensaal
Ihr Kronen, Zepter ohne Zahl,
Ihr Schwerter und Pfeile,
Ihr Speere und Keile,
Ihr Helme und Fahnen
Unzähliger Ahnen,
Müßt in den Erndtekranz hinein,
Hüte dich schöns Blümelein!

Des Maies Brautschmuck auf der Au,
Ihr Kränzlein reich von Perlenthau,
Ihr Herzen umschlungen,
Ihr Flammen und Zungen,
Ihr Händlein in Schlingen
Von schimmernden Ringen,
Müßt in den Erndtekranz hinein,
Hüte dich schöns Blümelein!

Ihr sammtnen Rosen-Miederlein,
Ihr seidnen Lilien-Schleierlein,
Ihr lockenden Glocken,
Ihr Schräubchen und Flocken,
Ihr Träubchen, ihr Becher,
Ihr Häubchen, ihr Fächer,
Müßt in den Erndtekranz hinein,
Hüte dich schöns Blümelein!

Herz, tröste dich, schon kömmt die Zeit,
Die von der Marter dich befreit,
Ihr Schlangen, ihr Drachen,
Ihr Zähne, ihr Rachen,
Ihr Nägel, ihr Kerzen,
Sinnbilder der Schmerzen,
Müßt in den Erndtekranz hinein,
Hüte dich schöns Blümelein!

O heimlich Weh halt dich bereit!
Bald nimmt man dir dein Trostgeschmeid,
Das duftende Sehnen
Der Kelche voll Thränen,
Das hoffende Ranken
Der kranken Gedanken
Muß in den Erndtekranz hinein,
Hüte dich schöns Blümelein!

Ihr Bienlein ziehet aus dem Feld,
Man bricht euch ab das Honigzelt,
Die Bronnen der Wonnen,
Die Augen, die Sonnen,
Der Erdsterne Wunder,
Sie sinken jetzt unter,
All in den Erndtekranz hinein,
Hüte dich schöns Blümelein!

O Stern und Blume, Geist und Kleid,
Lieb, Leid und Zeit und Ewigkeit!
Den Kranz helft mir winden,
Die Garbe helft binden,
Kein Blümlein darf fehlen,
Jed Körnlein wird zählen
Der Herr auf seiner Tenne rein,
Hüte dich schöns Blümelein!

Unter dem Sausen der Sense, dem Sinken und Aufsteigen der Aehren, dem Niederströmen meiner Thränen in den Blumenkranz, der mich schon ganz umwand, verstummte endlich das Lied, und ich sah nichts mehr Einzelnes. Der Traum ward nun recht wie ein Traum, ich saß darin und fühlte mich wie der bittere Kern in einer süßen Frucht, die der Morgenwind auf dem Zweige wiegt. Ich unterschied Nichts mehr deutlich; dichte, weiße Thaunebel lagen überm Stoppelfeld; ich fühlte mich emporgehoben, ich saß in dem thauichten Erndtekranz hoch zwischen Garben. Ich saß auf dem Erndtewagen, er schwankte unter mir vorwärts; es war kalt, ich war naß von Thau und Thränen; ich hörte Lieder um mich und sah die Singenden nicht. Da krähte Alektryo, der mit Gallina vorn auf dem Erndtewagen saß und ich erwachte, und hörte den Hahnenschrei wirklich draußen in dem Schloßhof –

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