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Gockel, Hinkel und Gackeleia

Clemens Brentano: Gockel, Hinkel und Gackeleia - Kapitel 44
Quellenangabe
typefairy
booktitleGockel, Hinkel und Gackeleia
authorClemens Brentano
year1997
publisherDeutscher Taschenbuch Verlag
addressMünchen
isbn3-423-026431-3
titleGockel, Hinkel und Gackeleia
pages3-5
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1838
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Sechs Wochen später. – Gott sey Lob und Dank! alle seine Führungen seyen gesegnet. Ich war sechs Monate von diesen Blättern getrennt, ich habe sie unter mancherlei harten Prüfungen und bittern Leiden niedergeschrieben, sonst wären sie klarer und kindlicher und Alles, was das Herz des armen Kindes von Hennegau darin bewegte, würde dann auch die Herzen aller andren Kinder bewegen, welche sie in Zukunft lesen mögen – aller andern Kinder, sage ich und verstehe darunter meine Kinder, so Gott mir deren bescheeren wird, denn für sie allein sind diese Blätter geschrieben. Wie mir es aber nach dem obigen Schluße meines Tagebuchs bis heute ergangen, mögen diese Kinder, wenn Gott sie mir schenkt, aus meinem folgenden Briefe an Klareta zur Lilien kürzlich vernehmen, den ich nicht abgesendet habe.

Liebe Klareta! Ich danke für dein und der Schwestern Gebet. Es hat die schützenden Engel auf meine Wege gerufen, sie haben mich gefunden, wenn du gleich nicht wußtest, wo ich war. – Die Erfüllung folgte unserm Doppeltraum so dicht auf den Fersen, daß sie meinem Traume beide Pantöffelchen ausgetreten haben würde, hätte er nicht das eine verloren, und dem deinen die Sandalen, wäre er nicht baarfuß gegangen. – Feuerrothe Röselein habe ich gesucht, die Löwen haben mich entführt und bedrängt, der Hahn hat mich gerettet und – der Ring ist an meinem Finger. – Höre! – Am Morgen des Wetterherrentags schied ich von dir und den Schwestern im Walde – du sagtest: »gedenke des Traumes!« – Heimgekehrt vermißte ich die amaranthseidne Decke von Hennegau, du kennst sie, sie war nicht von der Bleiche nach Hause gebracht worden. – Ich suchte den ganzen Tag in großen Aengsten nach ihr. – Am Abend aus dem Fenster blickend sah ich sie im Schimmer der sinkenden Sonne auf der entgegengesetzten Seite der Wiese tiefroth funkeln. Ich hatte suchend einen Theil des Brautschmucks meiner Mutter gefunden, ich hatte in kindischer Tändelei das Brautkränzchen aufgesetzt und das sogenannte Paradiesgärtchen – du kennst Beides – vorgesteckt; in meinen Schleier verhüllt eilte ich einsam und unbemerkt durch das Gartenpförtchen auf die Wiese hin zu der schimmernden Decke. – Je näher ich dem rothen Fleck kam, je mehr vergaß ich die Decke, es war die Macht der rothen Farbe über mein Herz, die mich hinriß, angelangt an die Stelle, flog ich auf die funkelnde Decke hin, wie ein Schmetterling in die Flamme und ich sang und hörte das Lied im Walde singen: »feuerrothe Röselein,« – ich fühlte mich so ermüdet, ich war seit mehreren Tagen von so vielen Eindrücken heftig bewegt, ich hatte alle diese Nächte schier gar nicht geschlafen, vom frühsten Morgen war ich ganz ohne Ruhe gewesen. Ich konnte der Müdigkeit nicht wiederstehen; ich lag mehr auf der Decke, als ich saß; der letzte Sonnenstrahl streifte über das Grüne der Wiese, über die rothe Decke durch die schimmernden Blümchen des Paradiesgärtchens zwischen meine zuckenden Augenlieder, und sie schloßen sich hinter dem Lichtstrahl, wie die Thüre deiner Zelle hinter dir, wenn du schlafen gehst. – Leider entschlief ich plötzlich den Kopf nach der linken Seite senkend! – O Klareta! – wie geschah mir! – ich werde dich bald sehen, da sollst du Alles hören. Hier nur Alles in kurzen Zügen. Der Traum ist erfüllt, die Löwen waren drei Ritter aus dem Thurgau, sie hatten die Decke von der Bleiche entwendet, um mich durch sie wie einen Vogel mit rothen Beeren zu fangen; ich gieng in ihre Netze. Kaum war ich tief entschlafen, als sie die Decke wie einen Sack über mir zusammenzogen, mir den Mund zuhielten, mich auf ein Roß zwischen sich banden und mit gewaltsamer Eile immer nur des Nachts von Wald zu Wald reitend, fern von Hennegau entführten. Mein Hülfsgeschrei verhinderten sie durch die Drohung des Todes. Schon weit entfernt von meinem Vaterlande fragte ich sie: »wohin führt ihr mich?« da erwiederten sie spottend, wie wir geträumt: »auf die Heide, aufs Moos, da sollst du uns die Kibitze hüten.« – Ich ergab mich in mein Schicksal, ich vertraute dem guten Ausgang des Traumes, und betete für diese Elenden, daß Gott sich ihrer erbarmen möge, wenn der Hahn über sie komme; und dieser blieb nicht aus. – Ich erkannte alle Gegenden auf der Reise wieder, die ich im Traum gesehen. Endlich nahten wir im Walde einer Linde, ich kannte sie wohl – da sprachen sie zu mir: »entweder mußt du schwören einen von uns dreien zum Gemahl zu nehmen, und ihn zum Grafen von Hennegau und Vadutz zu machen, oder du mußt uns die Kleinodien von Vadutz von deinen Schultern geben, dann magst du heim ziehen.« Da ich Keines von Beiden eingehen wollte, wollten sie mir bei der Linde die Achselbänder von den Schultern reißen; mein Geschrei erfüllte den Wald; ich flehte zu Gott: »o sende den Hahn, die Löwen zu vertreiben, ich gelobe, so es dein Wille, wenn er mich rettet, den Ring demüthig von ihm zu empfangen.« Da brach ein Ritter hervor mit einem lebendigen schwarzen Hahn auf dem Helm, sein Schwert schlug meine drei Feinde nieder, und der Hahn krähte siegreich auf seinem Helm. Er half mir, er tröstete mich, er saß bei mir unter der Linde, er sah mich freundlich lächelnd an und drehte einen kostbaren Ring an seinem Finger, leise Worte murmelnd. – Ich wußte schon Alles aus dem Traum und that mir eine unwahre Gewalt an, seinen Ring nicht an zu nehmen; ich ergab mich der schützenden Kraft des Achselbandes, ich neigte das Haupt auf die rechte Schulter; aber leider saß er mir zur rechten, unwillkührlich streckte ich den Ringfinger aus, und der Siegelring Salomonis umfaßte ihn, und das arme Kind von Hennegau war die verlobte Braut des Raugrafen Gockel von Hanau auf Gockelsruh. – Das Brautkrönchen der Mutter hatte ich auf dem Kopf, das Paradiesgärtchen vor der Brust, seit ich entführt ward; mir fiel ein, wie ich einmal als Kind geglaubt, da ich in diesem Schmuck herum fühlte, es begegne mir eine Hand mit einem Ringe. Das war also nun auch erfüllt und noch mehr – im Augenblick, da der Ritter mir den Ring an den Finger steckte, krähte der schwarze Hahn Alektryo auf seinem Helm und flog nieder gegen ein Gebüsch, aus welchem Verena mit dem frommen Hühnlein Gallina hervortrat, das sie in ihrem langen Korbe trug. Du kannst dir meine Freude denken. – Sie war am Johannisvorabend wie gewöhnlich zur Höhle Salmos gewallfahret, das fromme Hühnlein aber war weiter und weiter gelaufen bis hieher, und die gute Verena, die das Hühnlein verstand, war gefolgt. Als Verena vor mir stand, sprach sie: »Goldne Amey, ich brauche dich nicht zur rechten Seite zu wenden, du bist schon selbst dahin gewendet, das fromme Hühnlein hat mich hergeführt, es weiß Alles.« Da fragte ich wie gewohnt: »Was macht das Büblein?« und sie erwiederte:

Es hat sein Sach gemacht,
Es hat sein Sach gut gemacht,
Du hast sein Bündlein zugemacht,
Es hat es freudig heimgebracht,
Hat angeklopfet fein und sacht,
Die Mutter hat ihm aufgemacht,
Der Vater hat es angelacht,
Dann hat es gleich an uns gedacht,
Hat dich auf deinem Weg bewacht,
Hat mich und's Hühnlein hergebracht,
Daß ich hier Alles nehm' in Acht,
Bis daß die Hochzeit ist vollbracht.

So weit hatte ich Alles in dem Briefe an Klareta geschrieben, als Verena mich mit den Worten unterbrach: »Warum schreibst du, hast du nicht den Ring Salomonis am Finger, hat denn dein Bräutigam dich liebste Dirn aus Hennegau durch einen Brief oder durch den Ring hieher gebracht? so thue du auch.« – Da drehte ich schnell den Ring, und wünschte die drei Schwestern aus Kloster Lilienthal und meine Ordens-Gespielinnen und Jakob von Guise aus Hennegau zu mir, und daß sie mir alles das Nöthigste von dem Meinigen mitbrachten; und alsbald kamen die Schwestern mit ihren drei Lilien und die Gespielinnen mit ihren Pflichthühnern zum ersten Mahle zur Hochzeit. Jakob von Guise, der sie begleitet hatte, vollzog die Trauung in der Schloßkapelle und segnete das ganze Haus, Verena gab das Hühnlein Gallina zu dem Hahn Alecktryo in das Raugraf Gockel'sche Gallinarium; und sie sah Nachts das Büblein ganz leuchtend, wie es ihnen goldnen Weizen streute und dann verschwand. – Jakob von Guise kehrte mit den Gespielen ins Hennegau, Verena zog mit den drei Schwestern ins Kloster Lilienthal. Mein Eheherr beschloß, mit mir ein Drittheil des Jahres in Gockelsruh, ein Drittheil in Vadutz, ein Drittheil in Hennegau zu leben. – Bis hieher habe ich in mein Tagebuch, das die Gespielen mir aus Hennegau mitgebracht, selbst geschrieben, das Folgende habe ich durch den Ring Salomonis hinein gedreht.

In der Nacht vor meiner Training hatte ich folgenden seltsamen Traum. – Ich war mit Verena zu einem Erndtefest geladen und sollte den Kranz flechten. Es war eine mühselige Reise; wir gingen durch Wälder, Felder, Gärten, Wildniß und Wüste Jahrhunderte lang und kamen doch nicht weiter, als um Gockelsruh und Gelnhausen herum. Es war, als bewegten wir nur die Füße, blieben aber auf demselben Fleck. Nur die Zeiten drehten sich um uns. Unzählige Male kamen wir durch die Höfe und Gärten von Gockelsruh und sahen immer andere Gesichter, andere Kleider und neue Grabsteine an der Schloßkapelle aufgerichtet. Von Zeit zu Zeit begegneten ums drei Klosterfrauen aus Lilienthal mit Lilien in den Händen und acht Ordensgespielen aus Hennegau mit ihren Pflichthühnern. Oft kündete uns der Schrei eines Alecktryo, einer Gallina die Zeit; – Alles wechselte um uns her, nur Eines fanden wir bei jeder Rückkehr festbestehend und gesund wieder – die treue, dunkellaubige Linde, unter welcher Gockel mich von den Räubern befreit und mir den Ring gegeben hatte, breitete ihre Zweige immer reicher und mütterlicher umher, gleich einer Henne, die den Frühling ausbrütet. O wie oft kamen wir vorüber und waren wie die Bienen, die um sie schwärmten, trunken von dem Honigdufte des Frühlings in ihren Blüthen, und sahen sie bald winterlich entlaubet und dann wieder blühend. – Fünfzig Mal mochten wir zur Linde gekommen seyn, da war ich so müd, so müd, und sehnte mich wie ein Kind, in meinem Bettchen zu seyn, da kamen so viele arme Kinder, die bauten mir eine Wiege von unzählichen Blumen und zogen mich aus und legten mir ein gar wunderschön Schlafröckchen an und wuschen mich und beteten das Nachtgebet mit mir und legten mich in die Blumenwiege auf die Amaranthseidendecke von Hennegau, und sangen ein Schlummerlied um mich her. – Meine Gespielen mit den Pflichthühnern und die drei Nönnchen mit den Lilien standen um die Wiege, und ich schlief unter der Linde ein. – Aber es war seltsam, ich stand auch daneben und sah nur meinen schönen Mantel in der Wiege liegen und zog mit Verena von dannen in die Runde, und als wir wieder zur Linde kamen, sahen wir ein Rasenhügelein darunter und ein Steinkreuz, worauf eine Henne abgebildet, zu dessen Häupten. – Da knieten wir nieder und beteten; und als wir weiter gingen, sagte ich zu Verena: »ich danke dir, lieb Vreneli für das arme Kind von Hennegau.« – Einige Male begegnete uns viele Noth auf unserm Wege, wir mußten uns durch tobende Kriegsschaaren drängen, durch Brand und Verwüstung fliehen und über viele Grabhügel steigen. – Dann fanden wir Gockelsruh wie eine eroberte Burg. Die Wildniß hatte ihre Fahnen auf den zerstörten Mauern aufgepflanzt, der wilde Wald lagerte rauschend in allen Höfen und braußte aus den Fenstern, wie Kriegsvolk; da hörten wir den freudigen Ruf Alecktryos des Schloßwächters nicht mehr, aber wohl das Wehgeschrei der Todesmahnerinnen, der Eulen, und die wildentbrannten Weisen der Waldvögelein, über deren Brut die Geyer drohend kreisten. – O da war es gar traurig hier, und ich wendete mich im Traum zu meiner Begleiterinn und sprach: »Verena! ist das Gockelsruh? – sage, wo sind meine Kindeskinder?« Sie führte mich aber hin zur Linde, die war größer und schöner als je, ihr Blühen duftete süßen Frieden. Das Hügelein unten war eingesunken. Das dicht bemooste Kreuz neigte sich zur Rechten, als ziehe es das Kleinod nieder, das unter dem Hügelein ruht. – Keine Klosterfrauen, keine Ordensgespielen standen umher, aber drei einsame Lilien, und die acht Pflanzen, die meinen Jungfrauen den Namen gegeben, leisteten um das Hügelein blühend ihre Lehnspflicht. – Die Bienen summten wie ein Traum um die Linde und die Blumen, und sammelten Wachs und Honig; und dieser Traum summte mir durch alle Glieder, und ich lag selbst unter dem Hügelein und sah Alles und hatte das Haupt geneigt zur rechten Schulter, und ich war wie eine Bienenköniginn; – sie trugen mir Wachs und Honig ein, und ich hatte mein Körbchen voll süßer Honigbrode und reiner Wachskerzen und war allein, allein da unten. Es kam aber ein Kind zu mir gelaufen mit einer Puppe, und sprach zu mir: »keine Puppe sondern nur, eine schöne Kunstfigur!« und ich gab ihm all meinen Honig, als mein Wachs. Da spielte es um das Hügelein gar lieblich, und ich richtete mich auf und spielte mit, und auch Verena spielte mit. Wir waren Kinder; es saußte aber der Sturm wieder durch das walddurchwachsene Schloß und wir drängten uns bei der Linde zusammen und sangen:

Treu, dunkellaubige Linde,
Wenn rings die Windsbraut tobt,
Dein Säuseln lieblich linde
Den Frieden Gottes lobt.

Treu, dunkellaubige Linde,
Wie fährt all Gut und Blut
Fort, fort im Sturm geschwinde,
Nur du hegst festen Muth,

Treu, dunkellaubige Linde,
Wie bist du stark und gut,
Wohl dem, der mit dem Kinde
Bei dir im Hüglein ruht.

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