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Gockel, Hinkel und Gackeleia

Clemens Brentano: Gockel, Hinkel und Gackeleia - Kapitel 43
Quellenangabe
typefairy
booktitleGockel, Hinkel und Gackeleia
authorClemens Brentano
year1997
publisherDeutscher Taschenbuch Verlag
addressMünchen
isbn3-423-026431-3
titleGockel, Hinkel und Gackeleia
pages3-5
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1838
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St. Johannis und Pauli, der Wetterherren Tag. – Ich gieng vor Tag mit einer vertrauten Kammerfrau zu des Täufers Kapelle, von den drei Fräulein Abschied zu nehmen. Ich hatte ihnen einige Roße und Knappen dahin bestellt. Jakob von Guise wollte sie geleiten, um ihnen in Vadutz Alles einzurichten. Sie sollten in den Frauenklöstern seines Ordens unterwegs einkehren. Nachdem er den Gottesdienst gehalten, gab er uns den Segen. – Man führte die Roße voraus, ich geleitete sie eine Strecke in den Wald. Klareta folgte still in einiger Entfernung, ich redete mit Jakob von Guise. Als die Stelle da war, wo die Roße ihrer harrten, und ich bereits allen die Hände geboten hatte, wendete ich mich auf dem Punkte zu scheiden, zu Klareta und fragte: »wo warst du dann geblieben?« – Sie sprach: »ich überdachte Alles, was wir in diesen Tagen erlebt und was du erfahren und betete in deine Fußstapfen, gedenke des Traumes!« dann warfen sich die drei Schwestern auf die Kniee, dankten und reisten von dannen. Ich eilte aber nach Haus, denn bei den Worten Klaretas: »gedenke des Traumes,« fiel mir ein, daß ich die verflossene Nacht viel von der amaranthseidenen Decke von Hennegau geträumt hatte, welche zu dem Brautschatz meiner Mutter gehörte und auch über ihr Paradebett gebreitet gewesen ist. Was ich von dieser Decke geträumt, wußte ich nicht mehr, aber die Mahnung Verenas bei ihrem Abschied, ich solle besonders auf die Decke achten, und die Stimme des frommen Hühnleins bei dieser Mahnung fielen mir gar sorglich auf das Herz. – Ich war in Sorgen um die Decke, ich erinnerte mich nicht, die Decke gestern Abends bei dem Einräumen des Geräthes an der gewöhnlichen Stelle im Schranke gesehen zu haben. Ich war gestern so gestört durch die vielen Erfahrungen. Ich eilte schnell nach Haus und war so voll Sorge um die Decke, daß ich die mich begleitende Kammerfrau nicht zu fragen wagte, ob sie die Decke gesehen. – Im Schloße durchsuchte ich alle Schränke und Behälter – die Decke fand sich nicht. – Das machte mich ungemein traurig. Diese Decke war mir immer das rührendste unter all meinem Besitze gewesen; ich hatte die bleiche erhabene Gestalt meiner Mutter zum letztenmale auf ihr erblickt. Sie war eine Art Schatz in der Familie, es hingen allerlei Weissagungen mit ihr zusammen, die mir nie ganz eröffnet wurden. Die Mutter hat mir sie oft gezeigt, ja sie hat sie auch ausgebreitet und nur mir darauf knieend mich beten gelehrt. Sie pflegte dann zu sagen: »O herzliebe Amey, du stickest mir so viele Tapeten und nähest allerlei Bildwerk zu meiner Freude, hilf mir diese Decke mit Gebet zu verzieren; wir wollen sie schmücken mit Blumen der Andacht, daß sie blühet wie ein Blumenbeet, und darin will ich ruhen im Tode, und auch du sollst auf dieser Decke sterben. O hüte die Decke, lasse sie nicht entkommen!« – Alles das fiel mir peinigend ein und ich suchte von neuem vergebens. – Als ich nun endlich meine Kammerfrauen nach der Decke fragte, sagten sie, allerdings sey die Decke mit auf die Bleiche gekommen, um durch den Johannisthau vor Mottenfraß geschützt zu werden, sie hätten sie aber bei dem Rückzug in die Stadt nicht mehr gesehen und seyen der Meinung gewesen, daß sie in mein Schlafzelt gebracht worden. – Ich schwieg, um sie durch den Verlust nicht zu schrecken. Ich suchte einsam nochmals in allen Winkeln des Schloßes und wurde von Minute zu Minute trauriger und sehnsüchtiger nach der Decke. – Ich suchte sogar, wo sie kaum Raum hatte zu ruhen. – Ich öffnete eine kleine Lade meiner Mutter, welche ich seit meiner Kindheit nicht geöffnet, denn sie beschämte mich, und auch jetzt befiel mich eine große Angst und geschah mir etwas sehr seltsames. – Ich will hier niederschreiben, was mir als Kind mit dieser Lade geschah. – Meine Mutter bewahrte mancherlei Putz darin, unter anderm lag ihr Brautkränzchen von feinen, feinen amaranthfarbenen Seidenröschen und Perlen geflochten, und ein Besatz des Brautkleides darin, der für mich etwas ganz hinreißendes hatte; um Bauschen von weißem, feinstem Spitzengewebe schlangen sich abwechselnde Gewinde von unaussprechlich feinen, zierlichen kleinen Blümchen, aus bunter Seide um Silberdrath gewickelt; hie und da blitzte ein Sternchen, oder saß ein kleines Vögelchen bei einem Nestchen, worin drei Perlen die Eier vorstellten. Seit ich Das zum ersten Male gesehen, konnte ich es nie wieder vergessen. Dieser Schmuck webte sich in meiner Kindheit Tags und Nachts in meine Gedanken, ich nannte ihn den Himmelsgarten. Manches Marienkäferchen ließ ich durch das Schlüsselloch in die Lade laufen und dachte, wie wunderglücklich es dadrinnen in dem Himmelsgarten herumirren werde, ja ich selbst wünschte nichts sehnlicher, als mit ihm hineinschlüpfen zu können, und oft wandelte ich im Traume in diesen Labyrinthen von zierlichen, kleinen Blumen umher und erlebte dort die artigsten Geschichten. Als ich mich einmal ungemein nach dem Anblick dieses Paradieses sehnte, schlich ich um die Lade und berührte den Deckel – und sieh da, er war offen und ich öffnete. Die Wunderdinge lagen vor mir, ich unterlag der Versuchung, ich nahm einen Theil des Blumenwerks, es war das Bruststück. Mein Herz pochte, meine bebende Hand irrte weiter suchend zwischen den sich deckenden Lagen des Besatzes umher, und mich faßte ein großer Schreck, ich fühlte, als begegne mir eine andere Hand und schiebe mir einen Ring an den Finger; wie der Blitz zuckte ich mit der Hand zurück, schlug den Deckel zu und eilte mit dem Bruststück in meine Kammer und versteckte es in meinem Bette. – Ich konnte nicht erwarten, bis ich zu Bette gieng, ich heftete mir den kleinen Himmelsgarten im Dunkeln mit Nadeln auf mein Nachtjäckchen. – Ach, wohl mit Nadeln, sie stachen mich in der Nacht, ich konnte nicht ruhen, mein Gewissen stach mich, – ich hatte zum ersten Male etwas entwendet, und doch hatte ich diese Tändeleien so lieb, so lieb, mein Herz pochte so laut und bang, daß ich es hörte. Ich wagte diesen Schmuck nicht zu berühren, ich zitterte immer, jene Hand möge mir entgegen kommen mit dem Ringe. Ich entschlief unter Thränen und träumte immer von dem Himmelsgarten, wie ich darin herumirren und endlich, daß jene Hand wirklich in der meinen ruhe; da stachen mich wieder die Nadeln und ich erwachte. Der Tag schimmerte in die Kammer, die ersten Strahlen streiften über mein Bettchen durch die kleinen Blümchen des geraubten Paradieses zu meinen Augen; ich schaute bang durch die kleinen Blumen gerade vor mich hin, ich wagte nicht links, nicht rechts zu blicken; ich fühlte Etwas schwer auf meinem Herzen, ich war so bang wegen der Hand mit dem Ringe; endlich schob ich meine Hand nach der Stelle, wo mich eine Nadel stach, um diese heraus zu ziehen; – aber welch ein Schrecken! wirklich faßte eine Hand die meinige fest und eine Stimme sprach: »halt den Dieb!« – Mit welcher Angst versteckte ich mich unter die Decke, aber ich war bald losgewickelt und sah zu meinem Troste Verena vor mir. Ein sorglicher Traum hatte sie zu mir geführt. Sie fand mich in fieberhafter Aufregung, sie legte mir die Hand aufs Herz, da begegnete sie meiner Hand und ergriff sie. Sie kannte meine Begierde zu diesem Putze, den ich entwendet, und nahm mir das Paradies wie einen Stein vom Herzen, um es wieder zu verschließen. Ich weinte bitterlich an ihrem Halse um mein Unrecht. – »Kind«, sprach sie, »du hast ein Stückchen Paradies verloren, das mußt du beichten, o sage es selbst der Mutter, sie wird dir gern verzeihen. – Kind, das fromme Hühnlein weiß Alles;« – da legte sie mich auf die rechte Seite, ich umarmte sie und flüsterte die gewohnte Frage ihr schluchzend ins Ohr: »was macht das Büblein?« »Es macht sein Sach wieder gut,« erwiederte sie, »das thue du auch!« – da verließ sie mich. – Erst jetzt, da ich weiß, daß das Büblein für den Ersatz seines Diebstahls büßte, verstehe ich, was Verena damals mit den Worten sagte: »es macht sein Sach wieder gut, das thue du auch!« – ich hatte diese Lade seit dem nicht wieder berühret, die liebe Mutter war schon in das wahre Paradies eingegangen, dieses kindische Paradies der Tändelei, dessen Versuchung ich als Kind unterlag, war nun mein Eigenthum, ich hatte es seit dem nicht mehr gesehen. – Als ich die Lade öffnete, um nach der Decke zu suchen, als ich alle die artigen Blümchen wiedersah, kam mir Alles wieder lebhaft in Erinnerung. Ich nahm das amaranthfarbene Brautkrönchen heraus und setzte es auf. Ich nahm das Bruststück und steckte mir es vor, ich schob wieder meine Hand zwischen diese Dinge in die Lade; und war es Wahrheit, war es Täuschung? – Die Hand mit dem Ring begegnete wieder der meinigen – ich zuckte zurück, wie damals und schlug die Lade zu. – Ich kam die Zimmer durchirrend auf die Stelle, wo ich mit der Mutter auf der verlornen Decke knieend gebetet hatte, ich sah umher, als könne sie noch da liegen. – Die untergehende Sonne stand tief am Himmelsrand und blickte durch die Fenster herein; ich sah heftig in sie hinein, als wolle ich die rothe Decke in ihr suchen. Da ich aber meine Augen von dem Sonnenfeuer geblendet wegwendete, schwebte nun ein rother Fleck vor meinen Blicken, wohin immer ich auch schaute. Ich ließ meine Augen, als wolle ich diesen rothen Fleck zwischen Gras und Blumen abstreifen, eine Weile über die thauichte Wiese hin und wieder schweifen, welche vor meinem Fenster in den schrägen Strahlen der Abendsonne wie ein Schmaragd schimmerte, und sieh da! – o Freude! ich sah bald einen tiefrothen Fleck darauf funkeln, welcher der Bewegung meiner Augen nicht folgte, sondern fest ruhte. – Die Decke, die liebe Decke! rief es in meinem Herzen; – ich schaute schärfer hinaus, sie war es, gewiß, gewiß, der Wind hatte sie wohl von der Bleiche dahin geweht, o wie war ich froh, schon begann ich zu singen:

»Feuerrothe Röselein,
Aus der Erde springt der Schein,
Aus der Erde dringt der Wein;
Roth schwing ich mein Fähnelein.«

Schon wollte ich hinab durch den Garten hinauseilen, als mich die Abendglocke unterbrach, man läutete den Engel des Herrn, ich stand still und betete den englischen Gruß, und indem ich immer hinaus nach dem rothen Fleck sah, wurde mein Herz gar tief bewegt, und ich gedachte des Abends auf der Bleiche mit Klareta und sang unter Thränen:

»O Stunde, da der Schiffende bang lauert
Und sich zur Heimath sehnet an dem Tage,
Da er von süßen Freunden ist geschieden,
Da in des Pilgers Herz die Liebe trauert
Auf erster Fahrt, wenn ferner Glocken Klage
Den Tag beweinet, der da stirbt in Frieden!«

Ich war aber nun wegen der Decke beruhigt, ich schob es noch ein Weilchen auf, die Decke auf der Wiese zu hohlen, ich wußte ja, daß sie da lag, und so setzte ich mich, um meine Tagesordnung nicht zu verletzen, wie immer nach dem Abendgeläute an mein Tagebuch, um bis hieher zu schreiben; die Nächte auf der Bleiche hatten mich ohnedies schon gezwungen, Manches nach zu holen. – Jetzt aber blicke ich wieder hinaus nach der Decke, sie schimmert noch roth im letzten Strahl der Sonne, jetzt will ich hineilen allein durch den Garten und will auf der Decke der Mutter gedenken, ihr Brautkrönchen habe ich auf dem Haupt, das Paradiesgärtchen vor der Brust, die heiligen Kleinode von Vadutz auf den Schultern, o wie will ich so gerüstet, allein, allein, allein auf der Decke, auf welcher ich selbst sterben werde, den Tag beweinen, der da stirbt in Frieden! ich hülle mich in meinen Schleier und gehe. –

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