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Gockel, Hinkel und Gackeleia

Clemens Brentano: Gockel, Hinkel und Gackeleia - Kapitel 40
Quellenangabe
typefairy
booktitleGockel, Hinkel und Gackeleia
authorClemens Brentano
year1997
publisherDeutscher Taschenbuch Verlag
addressMünchen
isbn3-423-026431-3
titleGockel, Hinkel und Gackeleia
pages3-5
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1838
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Da fingen sie an die Beeren zu essen und den Johannisengel und seine rosige Mutter mit den Röselein zu bekränzen. – Hier verließ ich den Zug mit den drei Lilienfräulein, da wir an die Johanniskapelle zurückkamen, hatte Jakob von Guise so eben viele Wachskerzen gesegnet, er theilte sie uns und vielen Anwesenden aus und führte uns in Prozession, Gottessegen erflehend, um die Felder. In der Nähe der Stadt trennte ich mich von der Schaar und begab mich mit meinen Mägden in das Schloß. In meinem Gemache fand ich eine große Freude. Da trat mir mein liebes Herzgespann mit dem schönsten Johannisengel entgegen. Sie hatte ihr Kindlein, das liebste Röschen mit den schönsten Blumen umgeben und legte mir diesen lächelnden Johannisstrauß in die Arme. Ich dankte ihr von Herzen und lehnte das liebe Kind mit heißem Wunsche, Gott möge es segnen, an meine rechte Schulter. Ich betete still und gab es der Mutter wieder, die es aus den Blumen wickelte und auf mein Kissen legte. – Nun erzählte ich dem lieben Herzgespann die Heilung Klaretas und das Geheimniß der Kleinode, da lehnte sie ihr Haupt unter Thränen auf meine rechte Schulter und sprach mit großer Innigkeit: »Amey! wie wächst mir der Frieden im Herzen, sieh, ich habe immer geahndet, es müße etwas Heiliges an dir seyn, darum machte es mich auch so glücklich, als du mein Röschen zuerst in den Garten trugst, du hast es doch auf dem rechten Arme getragen?« – »Ja,« erwiederte ich: »aber fällt dir Nichts ein, was du einmal zu mir gesagt, da wir zusammen im Kloster erzogen worden? ich habe gleich daran gedacht, als Klareta mir heute das vergessene Geheimniß der Achselspangen wieder eröffnete.« – »O ich habe dich noch nie vor mir wandeln sehen,« erwiederte mein Herzgespann, »ohne daran zu denken; – es war, da ich zum erstenmal in der Prozession das Marienbildlein mit dir auf den Schultern trug; wir waren vier Jungfrauen, und ich wandelte hinter dir, immer mußte ich deine Schultern anschauen, immer erwartete ich, es sollten Engelsflügel daraus hervorsproßen, weißt du noch, wie ich dich zu Haus umarmte und dir so ernsthaft sagte, es sey nicht ohne Bedeutung gewesen, daß in der Stunde deiner Geburt gesungen ward: »uns ist ein Kindlein geboren, sein Reich ist auf seinen Schultern« und daß dein Vater dich mit der Grafschaft Vadutz beschenkte, indem er die Kleinodien auf die Schultern deiner Mutter heftete; – sieh, damals schon, als Niemand mehr etwas von der Bedeutung dieser Edelsteine wußte, ahndete ich eine wunderbare Macht in deinen Schultern, und wie oft hast du mich fragen müssen, warum ich in meinen Betrübnißen mein Haupt immer auf deine rechte Schulter lehne, da ich mich doch an deinem Herzen ausweinen könne? – aber ich lehnte mein Haupt wieder hin und sagte: »O Amey, ich weiß es nicht – aber wenn mein Herz schwer ist, lege ich meine Last auf deine Schulter, denn in ihr ist deine Macht; – sie kann mehr tragen als dein Herz! – sieh Amey, es war die Kraft jener Kleinode, die ich fühlte; und ich bitte dich, bedenke den Wunsch der Lilienfräulein, stifte ihnen ein Kloster Lilienthal, du hast durch sie deinen größten Schatz, der versunken war, wieder gehoben; – o thue mir auch diese Liebe noch zu dem Vielen, was ich dir verdanke.« – »Du mir?« sprach ich, »mir, welche in deinem Frieden, deiner Milde und Schonung immer allen Trost gefunden hat.« – »Amey,« erwiederte sie, »alle der Friede ist von dir, ist von Gottes Gnade, Gottes Kraft, welche in dem Edelsteine wohnet.« – Da umarmten wir uns und ich versprach ihr, wegen dem Kloster Lilienthal mit frommen Männern zu Rathe zu gehn, so etwas müße reichlich überlegt seyn, und es müße doch auch erst das Johannisfest vorüber und meine große Wäsche wieder in den Schränken seyn; in welchem beidem sie mir vollkommen Recht gab. – Kaum hatte sie mich mit ihrem Kindlein verlassen, so kam Jakob von Guise, den ich darum gebeten hatte, nach der Prozession zu mir. Ich erzählte diesem in geistlichen und weltlichen Dingen hochbewanderten Mann, der eine Chronik des Landes Hennegau bis zur Erschaffung der Welt hinauf zu schreiben begonnen, Alles, was ich diese Nacht durch Klareta von dem Ursprung und der Kraft der Achselbänder erfahren und wie die Heilung Klaretas diese Kraft bestätiget habe. Auch dankte ich ihm, daß er heute Morgen in der Kapelle den Segen der Kleinode erneuert, und fragte ihn, wie ich mich zu verhalten hätte, so die Kraft der Kleinode bekannt würde. – Jakob von Guise hörte Alles ruhig und ohne besonderes Staunen an, dann und wann lächelte er, freundlichen Beifall gebend, oder richtete die Augen gegen Himmel. Er sprach: »Alles dieses befremdet mich nicht, wir wollen Gottes Gnade darin bewundern und treu bewahren, wir wollen danken, daß keine Sünde darin ist und bitten, daß wir nicht versucht werden. Unser Zusammenhang mit dem ersten Menschenpaar ist uns so nah und gewiß, als Sünde, Tod und Erlösung; wie sollen wir groß staunen, die Spangen Rebeckas, den Stein Jakobs, den Ring Salomonis mit Vadutz und Hennegau in Berührung zu sehen, habe ich doch in meiner Chronik die nahe Verwandtschaft des Volkes Gottes mit dem Lande Hennegau augenscheinlich bewiesen. Fände aber solche Verwandschaft nicht überall statt, wie wäre dann die Geschichte jenes Volkes eine heilige Geschichte, und was ginge sie uns an. – Daß die Kraft der Kleinode bekannt werde, ist weder zu suchen, noch zu verhindern. Gott hatte sie verborgen, Gott hat sie wieder zu Tage gelegt, wir wollen einen heiligen Gebrauch davon machen, wie von uns selbst. Bei der Geburt des armen Kindes von Hennegau ward gesungen: »sein Reich ruht auf seinen Schultern,« wie soll es nun dieses Reich recht regieren, als nach dem Gesetze: »nimm dein Kreutz auf dich und folge mir nach!« Erwäge und befolge, was ich dir heute Morgen in des Täufers Kapelle gesagt, da ich dich und die Kleinode segnete, und du wirst sie würdig auf deinen Schultern tragen. – Nun will ich dir auch die alten Sagen vom Ursprung der Achselbänder Rebeckas mittheilen, welche der Mönch von Kloster Bänderen der Klareta mitgegeben und diese mir überreicht hat. Ich habe noch Einiges dazu geschrieben, was ich auf eine so merkwürdige Weise vernommen habe, daß es mir nicht ganz verwerflich schien. – Am Tage St. Servatii ging ich von des Täufers Kapelle tiefer in den Wald zu meiner Einsiedelei, um ruhiger die Schrift über die Kleinode zu lesen, die mir Klareta gegeben. Als ich still wandelnd hin und wieder am Wege einige Kräuter brach, begegnete mir mit flüchtigem Schritt ein sehr alter, fremdartig gekleideter Mann von jüdischem Aussehen. Da ich nun sehr gern mit solchen Leuten spreche, welche Vieles erlebt, das ich in meine Chronik gebrauchen kann, lud ich ihn nach freundlichem Gruße ein, ein wenig bei mir in der kleinen Einsiedelei zu ruhen, in deren Nähe wir angelangt waren. Als ich vom Ruhen sprach, zitterte er, blickte mich an, Thränen floßen von seinen Augen, sein Schritt ward noch eilender und er sprach, indem ich neben ihm her lief: »ich suche Ruhe, aber ich werde sie erst finden, wenn alle ruhen, ich bin Cartophilax, der ewige Jude, Ananias hat mich getauft, als Christ heiße ich Joseph, aber ich darf nicht ruhen bis ans Ende der Tage, und doch muß ich immer dahin streben, wo ich Ruhe finden könnte, und komme ich dem Orte nah, so verdoppelt sich meine Flucht.« Ich fragte ihn, ob er dann hier zu Lande Ruhe finden könne, weil er seine Schritte so beschleunige, da erwiederte er: »der Fels von Edelstein, an dem ich ruhen könnte, ist zersplittert über die ganze Erde; der Stein Sakrath, auf dem ich ruhen könnte wie Jakob, ist zersprungen in drei Theile, ich habe ihn gesucht in Bethel, im Tempel und in St. Eduards Stuhl in England und mußte überall fliehen; von England komme ich und könnte nun hier ruhen an der Schulterspange Rebeckas, welche allen Menschen Friede giebt, aber ich muß fliehen, denn ich habe dem, dessen Reich auf seinen Schultern war, keine Ruhe gegönnt.« Kaum hatte er die Schulterbänder der Rebecka erwähnt, als ich ihn beschwor, mir zu erzählen, was er davon wisse; und er theilte mir mancherlei davon mit, auch wie sie durch den hebräischen Märtyrer an Kaiser Curio gekommen und noch bei den Lehnsträgern von Vadutz seyen. Was er aber Alles aus indischer und morgenländischer Völker Geheimlehre davon erfahren, schrieb ich mit der Schrift des Mönchs ans Bänderen zusammen und werde dir es überreichen, daß du es deinen Tagebüchern beifügest. – Da mich dieser entsetzliche Mann nun zu großem Mitleid bewegte, sagte ich zu ihm: »Joseph komme mit mir, die Trägerinn der Achselbänder Rebeckas ist Milde, sie wird deinem Haupte gern vergönnen ein wenig zu ruhen;« er aber erwiederte mit erschreckendem Ernst: »ich werde nicht ruhen, als bis alle zerstreuten Edelsteine wieder gesammelt sind um den verworfenen Eckstein des Tempels, den auch ich von mir gestoßen!« Nach diesen Worten brach er in Wehklage aus und wollte durch die Büsche hinweg eilen, aber ich faßte ihn am Mantel mit den Worten: »erst sage mir von allem Mitgetheilten, was ist Wahrheit?« – Ihn aber durchzuckte diese Frage mit schrecklicher Erinnerung, er zitterte, blickte mich an und erwiederte: »Wie du fragest, so fragte Pilatus den, der gesprochen, ich bin in die Welt gekommen, der Wahrheit zum Zeugniß, wer aus der Wahrheit ist, der höret meine Stimme. – Weh mir! ich war nicht aus der Wahrheit, aber ich hörte doch ihre Stimme, sie sprach zu mir, der sie fortstieß auf den Leidensweg: »ich gehe, und du sollst gehen, bis ich komme« – das geschah nach der Frage, was ist die Wahrheit? und so irre ich der Wahrheit zum Zeugniß über die Erde bis zum Tage, da sie wiederkehrt.« – Nach diesen Worten riß er sich von mir los und floh so eilend durch die Büsche hinweg, daß ich ein Kreuz hinter ihm schlug. Möge ihn der Segen erreichen!« – Weiter sprach Jakob von Guise zu mir, ich möge keine Sorge wegen den Kleinodien haben, es könne sich ja gar leicht bald etwas mit mir ändern, ich soll nur streben, mich der Wirkung der linken Seite zu entziehen und der rechten hinzugeben, ich möge bedenken, daß mir gesagt sey, der Siegelring Salomonis werde einst mit diesen Spangen zusammen kommen, und dann komme Alles darauf an, das Rechte zu wünschen. Das Kloster Lilienthal solle ich aus Dankbarkeit gegen Gott den armen Fräulein stiften; eine stäte Fürbitte sey mir bei solchem Beruf sehr zu wünschen. – Ich versprach ihm, nach seinem Rathe zu thun, kniete nieder, empfieng seinen Segen und er verließ mich, nachdem er mir die Schrift über den Ursprung der Kleinodien überreicht hatte, die ich hier meinem Tagebuch beifüge.

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